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Migrationspolitik vor der Landtagswahl

Kein Signal der Menschlichkeit

Migrationspolitik vor der Landtagswahl: Kein Signal der Menschlichkeit
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Die baden-württembergische Landesregierung hatte sich einiges vorgenommen in der Flüchtlingspolitik, wollte human, pragmatisch und verantwortungsbewusst agieren. Am Ende reicht es nicht einmal dafür, etwa zwei Dutzend Jesiden zu ihren Familien zu holen – die CDU stellt sich quer.

Zu ihrem Abschied 2021 gab die frühere Staatsrätin für Bürgerbeteiligung und Zivilgesellschaft Gisela Erler der alten und neuen Koalition in Baden-Württemberg diese Prognose mit auf den Weg: "Die kommenden Jahre in Europa werden vor allem geprägt sein von einem immer stärkeren Druck auf die Politik gegenüber Flüchtlingen und Asylsuchenden." Auch warnte die Grüne, radikale Parteien würden das Thema besetzen und die Mitte vor sich her treiben. Und so werde “Flüchtlingsschutz zur Nische für vermeintliche Hyperidealisten”.

Die Worte sind verhallt. Selbst gegenwärtig, da laut Demoskopie Migration von 77 Prozent der Wähler:innen nicht mehr als wichtigstes Thema wahrgenommen wird, kann die CDU-Landtagsfraktion sich nicht dazu durchringen, einschlägige Passagen im Koalitionsvertrag doch noch umzusetzen und die in so vielen Wahlkampfreden gepriesene Bedeutung des christlichen Menschenbildes mit Leben zu füllen durch konkretes Engagement: Im aktuellen Fall für die Einreise von jesidischen Vätern, Söhnen und Brüdern.

Alle Einzelheiten sind seit Monaten geklärt. "Es handelt sich zum einen um wenige Ehemänner aufgenommener Frauen, die die Verfolgung und Massenerschießungen des sogenannten Islamischen Staates überlebt haben", weiß Florian Hassler (Grüne), der als Staatssekretär im baden-württembergischen Staatsministerium mehrfach vor Ort im Nordirak war. Zum anderen gehe es um Kinder von Frauen, die vor zehn Jahren entführt, versklavt und vergewaltigt wurden und erst vor Kurzem freikamen, aber – weil inzwischen volljährig geworden – nicht zu ihren Familien nach Deutschland dürfen.

Familienpapa Hagel gegen Familienzusammenführung

An den letzten Plenartagen im Stuttgarter Landtag vor dem Wahlsonntag am 8. März ließ die CDU-Fraktion auch noch die letzte Gelegenheit verstreichen zu zeigen, wie ernst es ihr ist, wenn sie im Wahlprogramm Baden-Württemberg zum "Familienland" erklärt und Familien als "Keimzellen der Gesellschaft" beschreibt. Denn die gäben Halt, Orientierung und Geborgenheit. Gerade Spitzenkandidat Manuel Hagel lässt keine Gelegenheit aus, auf sich als "Familienpapa" und seine drei Söhne zu sprechen zu kommen. Die Zusammenführung der Männer mit ihren Familien hat er trotzdem unterbunden, nachdem seine Fraktion im Europaausschuss des Landtags ursprünglich eine gemeinsame Initiative befürwortet hatte.

Verantwortungslos

Ein paar Positionen der Berliner Grünen zum Thema Geflüchtete, die eigentlich selbstverständlich sein sollten, bringen gerade die CDU-Landtagsfraktion im weit entfernten Baden-Württemberg auf die Palme. Der grüne Landesverband in der Bundeshauptstadt hat am Wochenende sein Programm für die Wahl zum Abgeordnetenhaus im Herbst verabschiedet. Er unterstützt das Gemeinsame Europäischen Asylsystem (GEAS) und wendet sich gegen eine weitere Aushöhlung des Geflüchtetenschutzes hierzulande. Stattdessen "setzen wir uns dafür ein, dass solidarische und menschenrechtsbasierte Ansätze in der europäischen Asyl- und Migrationspolitik wieder gestärkt werden", heißt es. Abgelegt wird zudem ein Bekenntnis "zu fairen und individuellen Asylverfahren, zum Schutz vor Abschiebung in unsichere Drittstaaten und zu einer menschenwürdigen Unterbringung". Die Berliner Grünen befürworten die Wiederaufnahme des Landesaufnahmeprogramms für Geflüchtete aus Syrien, dem Irak und Afghanistan und den Ausbau humanitärer Aufnahmeprogramme des Bundes. Berlin solle Menschen aus UN-Programmen aufnehmen, und "zudem möchten wir die Aufnahme von Personen, die von Klimakatastrophen oder humanitären Notlagen betroffen sind, neu einführen".

Das reichte, um nicht nur bei der Springer-Presse (BILD: "Grüne wollen 'Klima-Flüchtlinge' aufnehmen") einen Sturm zu entfachen. Der parlamentarische Geschäftsführer der CDU-Fraktion im Südwest-Landtag Andreas Deuschle klagt, die Berliner Grünen hätten "den Anschluss an die Realität vollkommen verloren". Und schlägt den Bogen zum hiesigen grünen Spitzenkandidaten Cem Özdemir: Der könne "hier im Land lange den Vernünftigen spielen – die Partei, der er als Bundesvorsitzender vorgestanden hat, handelt migrationspolitisch völlig verantwortungslos". Der Esslinger Deuschle ist 47 und hat gute Aussichten, die Folgen tatsächlich verantwortungsloser Versäumnisse mitzuerleben: Die Weltbank geht von 143 Millionen Menschen bis zum Jahr 2050 aus, die allein wegen der Erderwärmung ihre Heimat verlassen müssen, die Vereinten Nationen sogar von mehr als  200 Millionen. (jhw)

Adressat wäre Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) gewesen, der sein Plazet geben müsste. Aber Hagel und die CDU-Migrationspolitiker:innen drückten sich. Und das, obwohl der schwarze Spitzenkandidat sogar den persönlichen Kontakt zu der Jesidin Nadia Murad gesucht hatte, der Friedensnobelpreisträgerin, die 2015 auf persönliche Initiative von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) ins Land kam. Als Mitautorin in Manuel Hagels kürzlich erschienenem Sammelband "75 Jahre Baden-Württemberg" erzählt Murad eindringlich davon, wie die eingereisten jesidischen Frauen und Kinder sich an die Möglichkeit klammerten, "Teil der Gesellschaft zu werden und nicht nur an ihrem Rande zu leben".

In ihrem Koalitionsvertrag von 2021 wollten Grüne und Schwarze diese Hoffnung auf ein neues Leben in Sicherheit und Freiheit auch anderen eröffnen mit diesem Versprechen: "Die Koalitionspartner werden sich auf Bundesebene darum bemühen, die Genehmigung für ein weiteres Sonderkontingent für besonders schutzbedürftige Personen, insbesondere Frauen und Kinder, die Opfer traumatisierender Gewalt durch den IS geworden sind, zu erhalten." Ausdrücklich erwähnt werden der Familiennachzug, weil die Familie als Ort der Sicherheit und Vertrautheit entscheidend zu gelingender Integration beitrage, sowie die Notwendigkeit pragmatischer Regelungen für Minderjährige. Unterschrieben haben den Koalitionsvertrag auf Seiten der CDU unter anderen der damalige Parteichef Thomas Strobl und Manuel Hagel, damals noch Generalsekretär.

CDU-Ziel: "Zustand von vor 2015 wiederherstellen"

Aber alte Zusagen gelten nicht mehr, die Tonlage hat sich grundlegend geändert. Heute stellt Hagel in Aussicht – eine scharfe Kritik an Angela Merkel, ohne ihren Namen zu nennen -, "unser Land wieder in Ordnung zu bringen" und in der Flüchtlingspolitik "den Zustand von vor 2015 wieder herzustellen". Beim anstehenden Bundesparteitag seiner Partei am kommenden Wochenende in Stuttgart hätte er Gelegenheit, sein Vorhaben mit Merkel ("Wir schaffen das") direkt zu diskutieren, da die frühere Bundeskanzlerin ihre Anwesenheit angekündigt hat.

Im CDU-Wahlprogramm kommt der Begriff "Flüchtlinge" überhaupt nur einmal vor: im Zusammenhang mit Vertriebenen und Spätaussiedlern, für die ein neuer Beauftragter geschaffen werden soll, um "die Verständigungsarbeit mit den Herkunftsgebieten zu etablieren". Im Migrationskapitel heißt es einerseits, dass "wir Zuwanderung verlässlich ordnen, steuern und begrenzen". Nur wenige Sätze später aber bekennt sich die Partei zu "unserer humanitären und christlichen Verantwortung, Schutzbedürftigen in Not zu helfen". Eine Schnittmenge könnte unkompliziert hergestellt werden mittels der Geste, die Männer auszunehmen.

Der deutliche Rückgang bei den Asylanträgen würde die Möglichkeit jedenfalls eröffnen. Ein "Signal der Menschlichkeit" könnte die CDU senden, wie der Weinheimer SPD-Abgeordnete Sebastian Cuny im Landtag Anfang Februar an die Landesregierung appellierte. Nach den Zahlen des zuständigen Landesjustizministeriums sind im Laufe der fünfjährigen Legislaturperiode in Baden-Württemberg etwa so viele Asylanträge gestellt worden wie im einzigen Jahr 2015: rund 110.000. Seit 2023 ist die Tendenz stark sinkend, im Januar 2026 wurden weniger als 900 Anträge registriert. Mit Überlastung kann die Härte im Umgang mit den jesidischen Familien also nicht erklärt werden. Sogar jene 300 von IS-Kämpfern vergewaltigten Mütter, denen lokale Behörden im Nordirak ihre heranwachsenden Söhne wegnehmen wollen, könnten problemlos Aufnahme finden – wenn die CDU ihr Bekenntnis zu "unserer humanitären und christlichen Verantwortung" ernst nähme.

Informelle Entwicklungshilfe

Ende 2024 befasste sich eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin (DIW) mit Geldüberweisungen von Geflüchteten ins Ausland. Die Ergebnisse sind wenig geeignet, Argumentationen für restriktive Maßnahmen wie wie monatlichen Limits für Bargeldabhebungen oder Bezahlkarte zu stützen. So hätten im Jahr 2021 nur sieben Prozent der Geflüchteten und zwölf Prozent der Migrant:innen ohne Fluchthintergrund Geld ins Ausland überwiesen, schreiben die Autorinnen Adriana Cardozo Silva und Sabine Zinn. Sie plädieren dafür, die Rolle von Auslandsüberweisungen in der politischen und medialen Debatte neu zu bewerten: "Die Vorstellung, dass Geflüchtete, die auf Grundsicherung angewiesen sind, in großem Umfang Geld ins Ausland schicken könnten, entbehrt jeder empirischen Grundlage", so Zinn. "Mehr in den Fokus genommen werden sollte die Tatsache, dass Auslandsüberweisungen ein wichtiges Mittel informeller Entwicklungshilfe sind." (os)

Rechtsruck der Migrationspolitik trugen Grüne mit

Die Grünen im Land haben ihren Anteil an dem immer restriktiveren Kurs in Sachen Migration durch ihre für den linken Parteiflügel teils schwerverdaulichen Absprachen mit den Schwarzen. Entsprechend der im Koalitionsvertrag vereinbarten Hilfe vor Ort werden zwar humanitäre Projekte im Nordirak gefördert – zur Traumabehandlung, zur Unterstützung für Binnenvertriebene oder zur Sicherung der wirtschaftlichen Lebensgrundlage. Die Landesregierung hat aber auch viele Verschärfungen in der Migrationspolitik mitgetragen: vom Gemeinsamen Europäischen Asylsystem (GEAS) in Brüssel und den Asylverfahren an Außengrenzen bis hin zur Zustimmung im Bundesrat zu Bezahlkarte, zu neuen sogenannten sicheren Herkunftsländern oder sogar zu Leistungskürzungen.

Das Ja zur Bezahlkarte steht exemplarisch für den Schwenk. In einem Erlass gab Landesjustizministerin Marion Gentges (CDU) im Oktober 2024 vor, dass Asylbewerber:innen nur noch in zu genehmigenden Einzelfällen Bargeldabhebungen von über 50 Euro pro Monat erlaubt sind. Alle Erkenntnisse zum bürokratischen Aufwand waren damit beiseite gewischt und Forschungsergebnisse über die Unterstützung der Familien in der alten Heimat sogar in ihr Gegenteil verkehrt. Nicht mehr als Mitmenschlichkeit, sondern als Pullfaktor wurde eingeordnet, dass Geflüchtete Geld überweisen und auf diese Weise peinliche Lücken schließen, die reiche Ländern sich in der Entwicklungshilfe leisten.

Politisch genützt haben der Rechtsruck in Argumentation und Haltung sowie die Übernahme etlicher AfD-Positionen zuerst durch Union und FDP und in der Folge durch SPD und Grüne nichts: 2021 zogen die Rechtspopulist:innen mit fast zehn Prozent in den Landtag ein, mittlerweile haben sie sich bei Umfragen verdoppelt. "Je mehr die verunsicherte politische Mitte die Antiasylthematik selbst aufgreift, umso stärker wird meist die äußerste Rechte", hatte Gisela Erler 2021 vorhergesehen. Leider sollte die Staatsrätin a.D. recht behalten.

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