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Gerhard Trabert

Zelte für Obdachlose am Schloss Bellevue

Gerhard Trabert: Zelte für Obdachlose am Schloss Bellevue
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Natürlich hat er keine Chance bei der Wahl zum Bundespräsidenten. Im Interview mit Kontext wird aber deutlich, wie und warum der Arzt Gerhard Trabert seine Kandidatur als Möglichkeit nutzt, das Thema Armut aus der Tabuzone eines reichen Landes zu holen.

Herr Trabert, was würden Sie als erstes tun im schönen Dienstsitz in Berlin, der ein Schloss ist?

Ich würde mit meinem Arztmobil vorfahren und Platz schaffen für Menschen, die wohnungslos sind, und viele andere, die am Rande der Gesellschaft stehen. Um deutlich zu machen, dass ich als Bundespräsident nicht nur über Armut und damit über sie, sondern auch mit ihnen reden möchte. Und ich würde mich umgehend mit NGOs austauschen, die sich für Geflüchtete einsetzen, um ganz klare Akzente zu setzen ...

... die Sie beim Amtsinhaber vermissen?

Jedenfalls hat ein Bundespräsident alle Möglichkeiten, gesellschaftliche Fehlentwicklungen zu thematisieren. Da sehe ich ganz klare Defizite beim Amtsinhaber. Ich war im Mittelmeer, wir haben Menschen aus dem Wasser gezogen in der sicheren Gewissheit, dass wir viele andere nicht retten konnten. Es ist mir sehr wichtig zu betonen, dass Flucht ein Menschenrecht ist, Flucht vor Bürgerkrieg, vor Hunger, vor Dürre, vor Armut. Wir sind ein so reiches Land und dürfen uns nicht dahinter verstecken, dass es keine gesamteuropäische Lösung gibt. Wir müssen Menschen aufnehmen, menschenrechtskonform versorgen und dann hier in Deutschland beurteilen, ob ihr Asylantrag zu Recht gestellt ist oder nicht. Ich würde mir als Bundespräsident die Freiheit herausnehmen, weiterhin mit einer zivilen Seenotrettungsorganisation im Mittelmeer Menschen auf der Flucht zu retten, und ich würde die Rolle von Frontex problematisieren als einer quasi paramilitärischen, fragwürdig legitimierten Einheit, die für Pushbacks und Menschenrechtsverletzungen verantwortlich ist und die Abschottung Europas brutal realisiert. Ich würde weiterhin versuchen, das Thema Armut in den Mittelpunkt gesellschaftspolitischer Debatten zu rücken.

Gerhard Trabert ist in Mainz geboren und früh von Eindrücken in dem Waisenhaus geprägt, in dem sein Vater als Erzieher arbeitet. Er studiert Medizin, wird Allgemein- und Notfallmediziner, sammelt Erfahrungen im Ausland, auch in den USA oder Indien und vor allem als Medical-Streetworker. Seit 1994 bietet er gemeinsam mit KollegInnen im "Arztmobil" kostenlose medizinische Versorgung an. Seit 2013 arbeiten in den Räumlichkeiten der Stadt Mainz eingerichteten "Ambulanz ohne Grenzen" ÄrztInnen, KrankenpflegerInnen und SozialarbeiterInnen für Menschen ohne Wohnung und/oder Versicherungsschutz. Der 65-Jährige ist Professor für Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie an der Hochschule Rhein-Main und von der Linken als parteiloser Kandidat nominiert zur Wahl des Bundespräsidenten.  (jhw)

Wie könnte das gehen in einem Land, das diese Debatte nicht oder nur sehr am Rande gewohnt ist?

Zum Beispiel mit Zahlen und Fakten und praktischem Handeln. Mein Motto lautet: Mehr soziale Gerechtigkeit wagen, in Anlehnung an Willy Brandts Aussage: Mehr Demokratie wagen. Und zugleich in Abgrenzung zum Slogan der Ampelkoalition, der "Mehr Fortschritt wagen" heißt. Es gibt so viele Erkenntnisse zu den sozialen Ungerechtigkeiten in Deutschland. Das Robert-Koch-Institut, das jetzt in aller Munde ist, forscht schon lange zu den Auswirkungen von Armut. Vor Vollendung des 65. Lebensjahres sterben 13 Prozent der Frauen und 27 Prozent der Männer aus der niedrigsten Einkommensgruppe, in der höchsten Einkommensgruppe sind es acht Prozent der Frauen und 14 Prozent der Männer. Wenn man das reichste mit dem ärmsten Viertel vergleicht, sterben arme Frauen 4,4 und arme Männer 8,6 Jahre früher. Ich hoffe, dass durch meine Kandidatur und die Hinweise auf diese gravierenden Auswirkungen von Armut im gesellschaftlichen und besonders politischen Diskurs das Thema soziale Ungleichheit mehr Beachtung und Relevanz findet. Ich wäre als Bundespräsident jedenfalls Anwalt sozial benachteiligter Menschen.

Sie haben früher als Leistungssportler aber auch mal zu denen gehört, für die die Kategorie "schneller, höher, weiter" ganz wichtig ist. Übertragen auf das Soziale und Gesellschaftliche, kann sie im Extremfall Gräben aufreißen zwischen den Erfolgreichen und den weniger Erfolgreichen. Was haben Sie gelernt damals über unsere Gesellschaft?

Das ist eine sehr spannende Frage. Ich war Leichtathlet, die 400 Meter waren meine Hauptdisziplin, da sind Schnelligkeit und Ausdauer von großer Bedeutung. Ich war Vize-Europameister bei den Junioren, und da gehört der Leistungsgedanke natürlich dazu. Aber wir, die 400-Meter-Läufer, waren alle miteinander sehr solidarisch, weil wir wussten, dass wir nach dem Rennen alle etwa gleich erschöpft sein werden. Da gab es diese absolute Verbundenheit im Leiden. Schon damals habe ich angefangen, diesen Leistungsgedanken differenzierter zu betrachten. Es stimmt wirklich, dass Gewinnen nicht alles ist, dass es viel wichtiger ist, aufzustehen und zu kämpfen, beharrlich zu bleiben. Sogar dann, wenn es keine Erfolgsaussicht gibt.

Wie bei der Bundestagswahl als Kandidat der Linken im Wahlkreis Mainz.

Das stimmt einerseits, denn ich habe es nicht in den Bundestag geschafft. Aber es stimmt auch nicht, denn ich habe so viel persönliches und politisches Feedback erfahren, so viel Anerkennung für die Thematisierung sozialer Ungleichheit. Ich erlebe es immer häufiger bei meinen Fahrten mit dem Arztmobil, dass wildfremde Bürger zu mir kommen und 20 Euro oder 50 Euro für unsere Arbeit spenden. Es ist ein Erfolg, wenn ein Bewusstsein, eine Sensibilität bei den Bürgern entsteht, dass und warum es Anderen im reichen Deutschland viel schlechter geht als ihnen.

Die bisher größte Aufmerksamkeit haben Sie mit Ihrer Rede zum Jahresauftakt der Linken erfahren ...

... weil das Zitat aus dem Tagebuch des Jungen, der in Bergen-Belsen starb, und die Parallelen, auf die ich hinweisen wollte, völlig aus dem Zusammenhang gerissen und falsch ausgelegt wurden. Und weil sich die Schlagzeilen verselbstständigt haben. Ich habe niemals die Ermordung von sechs Millionen Juden, von Sinti und Roma, von Menschen mit Behinderungen, von Homosexuellen, auch von Wohnungslosen verglichen mit der Situation Ausgegrenzter in der heutigen Zeit. Sondern ich habe vom Wegschauen geredet und davon, wie es zum Nationalsozialismus gekommen ist: nicht durch einen Putsch, sondern aus einer Demokratie heraus. Wie gefährdet Demokratien heute sind, sehen wir in den USA, in Polen oder Ungarn. Und was passieren kann, wenn sich Menschen ausgegrenzt und nicht mehr respektvoll behandelt fühlen, dass sie resignieren und oft dadurch empfänglicher werden für totalitäre Forderungen. Wir müssen ausgegrenzte und stigmatisierte Menschen für die Demokratie zurückgewinnen. Und das bedeutet, dass wir nie wieder wegschauen dürfen, wenn Menschen Unrecht geschieht. Und dies im In- und im Ausland!

Als Arzt fahren Sie zu den Patienten, wenn oder weil die nicht zu Ihnen kommen. Wie könnte aufsuchende Politik aussehen?

Das schönste Erlebnis im Bundestagswahlkampf war, dass Wohnsitzlose mir sagten, dass sie das erste Mal gewählt haben, also ihr Mitbestimmungsrecht wahrgenommen haben. Einige vermittelten mir dann, dass sie mehrere Kreuze für mich auf dem Wahlzettel eintrugen. Politiker haben in so schwierigen Zeiten wie in der Gegenwart auch eine Holschuld, nicht nur, aber eben gerade gegenüber Ausgegrenzten. Da komme ich nochmals zum Dienstsitz und zum Miteinanderreden. Warum nicht im Park im Winter, wenn es kalt ist, ein paar Zelte aufstellen und zudem auch Zimmer im Schloss Bellevue für obdachlose Menschen zur Verfügung stellen? Die, die diese Geste nicht nötig haben, würden vielleicht von Symbolpolitik reden, aber die Frierenden würden sie verstehen.

Haben Sie eine Erklärung dafür, dass sich so viele in der Mitte der Gesellschaft nicht öffnen und nicht stark machen für die Anliegen von Ausgegrenzten?

Erst einmal gebe ich Ihnen völlig recht in der Zustandsbeschreibung. Viele tun es nicht vielleicht aus Angst, sich konkret mit sozialen Abwärtsspiralen zu befassen. Wo bleibt der Aufschrei, wenn der Hartz-IV-Satz um drei Euro erhöht und damit de facto gekürzt wird? Das ist doch ein Skandal.

Könnte es helfen, wenn es analog zu den amtlichen Armutsberichten von Bund und Ländern eine ausführliche Berichterstattung über den Reichtum in Deutschland gäbe?

Es stimmt, dass wir sehr viel über Armut wissen und sich in jedem Armutsbericht nur ein paar wenige Seiten mit dem Reichtum in der Republik befassen. Dieser Reichtum, der sich immer stärker vergrößert und damit zum Auseinanderdriften der Menschen in diesem Land beiträgt. Darüber zu reden hat überhaupt nichts mit einer Neiddiskussion zu tun, wie uns das die Neoliberalen immer vorwerfen. Ganz im Gegenteil. Es muss darüber geredet werden, dass die zwei reichsten Haushalte im Jahre 2021 in Deutschland so viel Vermögen besitzen wie 50 Prozent der Bevölkerung. Natürlich müssen wir Vermögen, Erbschaften und höhere Einkommen auch höher besteuern. Viele von Ausgrenzung Betroffene haben resigniert und längst nicht mehr die Kraft, für ihre Anliegen zu kämpfen. Da sind wir sehr schnell auch beim Gesundheitssystem. Ich fahre mit dem Arztmobil durch die Stadt und übernehme Aufgaben in der Grundversorgung, die eigentlich die des Staates wären. Ich bin ein Anhänger der Bürgerversicherung, wir müssen das duale System beenden, die Trennung in privat und gesetzlich. Außerdem müssen wir die gesundheitliche Ungleichbehandlung noch stärker skandalisieren. Es kann doch nicht sein, dass es für gesetzlich Versicherte ab dem 18.Lebensjahr keinen Kassenzuschuss mehr gibt für die Anschaffung einer Brille bei einer nachgewiesenen Sehminderung.

Werden Sie am 13. Februar mit dem Arztmobil zur Bundesversammlung fahren?

Das ist eine hervorragende Idee. Auf jeden Fall habe ich vor, Frank-Walter Steinmeier einmal mit dem Arztmobil zu besuchen. Ich hoffe sehr, dass es dazu kommt.

Was machen Sie nach der Wahl?

Projekte gibt es reichlich. Ich lehre wieder an der Hochschule, ich fahre mit dem Arztmobil weiterhin durch meine Heimatstadt, wir wollen mit einer Ärzte-Gruppe nach Afghanistan und die Gesundheitsversorgung dort unterstützen. Und ich habe ein ganz besonderes Projekt: Ich wollte meinen vier Kindern immer ein Baumhaus bauen, bin aber nie dazu gekommen – aber jetzt werde ich dies für meine Enkelkinder tun.


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