KONTEXT:Wochenzeitung
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Kaninchen starren auf Schlangen

Kaninchen starren auf Schlangen
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Vor Kurzem haben wir einen Text veröffentlicht, der Diskussionsangebot sein sollte, eine Zustandsbeschreibung der Diskurse und Gedanken innerhalb der Gesellschaft und auch innerhalb der Kontext-Redaktion. Offenbar haben wir einen Nerv getroffen. Die Resonanz war groß, wir haben viele Zuschriften bekommen, lobende und ablehnende, natürlich war von "Rumgeschwurbel" unsererseits die Rede, von Verharmlosung rechter Tendenzen innerhalb der sogenannten "Spaziergänge". Davon, dass Kontext nun "endlich aufwache", der ein oder andere wähnte uns fälschlicherweise schon auf Seiten von Wodarg et al. Andere wiederum konnten sich wiederfinden in unserer Argumentation, in unseren Fragen und Zweifeln.

In der Kommentarspalte unter dem Text jedenfalls ist ein Austausch von Standpunkten und Argumenten entstanden, manche davon sehr klug, andere eher gruselig. Insgesamt aber genau das, was wir uns häufiger wünschen würden: eine lebendige, lesenswerte und respektvolle Diskussion unter unseren Texten, die den Horizont aller Beteiligten erweitert und das Hirn anregt. Auch unseres.

Denn manche Fragen lassen sich nicht einfach beantworten. Beispielsweise auch: Wie umgehen mit den SpaziergängerInnen? Harte Kante? Verständnis für die, die noch nicht verloren und nur politik- oder pandemieverdrossen sind? Ist es überhaupt zielführend, sich dauernd mit diesen Lautstarken, aber Wenigen zu befassen?

In welchem Zustand diese Spaziergänge sind, zeigen gleich zwei Beispiele vor unserer Haustür. Ostfilderns Oberbürgermeister Christof Bolay hatte sie untersagen lassen und dazu eine polizeiliche Allgemeinverfügung veröffentlicht, in der in bestem Amtsdeutsch vom "Hilfsmittel der körperlichen Gewalt oder Waffengebrauch" (Schlagstöcke, Pfefferspray) gegen renitente SpaziergängerInnen die Rede war. Die Social-Media-Blase drehte den Satz zum "Schießbefehl" um, es folgten, mittlerweile beinahe selbstverständlich, Morddrohungen gegen den OB. Kann sein, dass die Drohungen nicht von den Spazierenden Ostfilderns stammen, sondern aus interessierten Kreisen, die die Hysterie im Netz am Kochen halten wollen. Vielleicht auch nicht. Wer weiß das schon, nach Waffenfunden bei radikalen Maßnahmen-Gegnern, die Mordpläne gegen Sachsens Ministerpräsident Kretschmer geschmiedet hatten, nach einem Tankstellenmord wegen einer Maske.

Dreißig Kilometer entfernt, in Reutlingen, wurde am Wochenende ebenfalls spaziert. Eine Gruppe junger Fridays hatte die Gegendemo besucht und traf im Anschluss auf dem Reutlinger Marktplatz nochmal auf den Spaziergang. Die Fridays erzählen, plötzlich sei eine Gruppe von vier oder fünf Männern ausgeschert, habe eines ihrer Plakate zerstört ("Respect Existence or expect Resistance") und einen jungen Mann, minderjährig, geschubst, bis der zu Boden fiel, um ihn dort mehrfach zu treten. Die Fridays haben später Anzeige erstattet, der Schock wird noch verdaut. Viel schlimmer aber ist: "Kein einziger von den Spaziergängern ist stehen geblieben oder hat was gesagt", erzählt einer aus der Gruppe. Gekümmert habe sich letztlich ein unbeteiligter Passant.

Bei alledem bleibt dennoch immer wieder die große Frage: "Wie kommen wir in der Corona-Krise davon weg, wie das Kaninchen auf die Schlange zu starren?" Fragt Armin Biermann von der Caritas Stuttgart. Er möchte solidarische Bewegungen miteinander verknüpfen, gemeinsam mit vielen für eine gerechte Corona-Politik und eine menschlichere Post-Pandemie-Zeit kämpfen. Denn wann, wenn nicht jetzt, ist dazu die Gelegenheit? Termine: Freitag, 11. Februar um 18 Uhr auf dem Rathausplatz Esslingen und Dienstag, 15. Februar um 18 Uhr auf dem Stuttgarter Marktplatz.


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5 Kommentare verfügbar

  • Nik
    am 12.02.2022
    Antworten
    es ist beinahe krieg in europa und in kontext kommt gar nichts dazu. wo bleiben kritische stimmen zur nato, zum vorgehen der amerikanischen politik bei nordstream 2 etc. ?
    wo bleibt das aufstehen unserer gesellschaft?
    die gewalt eines krieges ist eine ganz andere dimension. bitte richtet euer…
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