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Tafelläden in Zeiten der Pandemie

Die Schlangen werden immer länger

Tafelläden in Zeiten der Pandemie: Die Schlangen werden immer länger
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Während der Bund Milliardenpakete beschließt, um Unternehmen zu retten, gibt es eine überraschend große Bevölkerungsgruppe, über die seitens der Politik bislang kaum geredet wird. Arme Menschen.

Das Ende der Schlange ist dort, wo sich die Schlosserstraße und die untere Weißenburgstraße kreuzen. Vom Café Zimt und Zucker aus führt sie hinunter auf die Hauptstätter Straße, macht eine Kurve, vorbei am Schulverwaltungsamt der Stadt Stuttgart und geht dann noch drei Häuser weiter, um schließlich vor dem Eingang der Stuttgarter Tafel zu enden. Insgesamt sind das 150 Meter.

Ein neues Bild sind solche Schlangen inzwischen nicht mehr. Wegen der Hygienebestimmungen dürfen zurzeit nur zehn Kunden gleichzeitig im Laden sein. Der große Rest muss draußen stehen, mit 1,5 Metern Sicherheitsabstand versteht sich. Doch selbst mit Abstand sind 150 Meter Schlange nicht wenig, und es ist gerade einmal halb neun Uhr morgens. Der Laden öffnet erst in einer halben Stunde, dennoch stehen manche der Kunden bereits seit acht Uhr hier, da Wartezeiten von ein bis zwei Stunden durchaus normal geworden sind.

Seit Beginn der Corona-Pandemie vor über einem Jahr, ist diese Situation nicht nur nichts Neues, sondern auch kein Einzelfall mehr. Vor jedem Laden der Schwäbischen Tafel, in Stuttgart und Umgebung, reihen sich inzwischen die Menschen.

"Die Armut in Stuttgart wird sichtbar", betitelte die Stuttgarter Zeitung eine solche Szene. "Es stimmt schon, man sieht uns jetzt – aber nur die Hälfte.", meint Eva. Die braunhaarige Mittvierzigerin ist Künstlerin, hat Kinder und kann von ihrer Arbeit alleine nicht leben. Seit einigen Jahren kauft sie deshalb bereits bei der Tafel ein.

Was sie mit "nur die Hälfte" meint, bezieht sich auf eine der Hygienemaßnahmen. Um den Andrang pro Tag zu reduzieren, wurden die Kunden, alphabetisch geordnet, in zwei Gruppen geteilt und können nur noch jeden zweiten Tag einkaufen. Wer also in Stuttgart an einer Tafel vorbeikommt und eine Schlange sieht, muss diese Menge in Gedanken noch einmal verdoppeln um zu erahnen, wie viele Menschen dort vor Corona täglich eingekauft haben.

Unglücklich das Land, das keine Tafel hat

"Natürlich bin ich froh, hier einkaufen zu können." Das sagen alle. Egal ob in der Innenstadt oder einem der anderen sechs Tafelläden in Stuttgart. Egal ob ein älterer Herr oder eine junge Familie, mit oder ohne Migrationshintergrund. Und auch egal, was sie bemängeln, sei es das unbeständige Angebot oder wie jetzt die langen Wartezeiten. Froh darüber, dass es die Tafeln gibt, sind alle.

Das Konzept der Tafeln

Noch einwandfreie Lebensmittel, die weggeworfen werden würden, da sie nicht verkauft wurden oder weil ihr Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist, werden gesammelt und dann stark vergünstigt an Leute verkauft, die nur ein geringes Einkommen haben. Manche Tafelläden verteilen auch noch Non-Food-Artikel wie Kleidungsstücke und Ähnliches. In den Tafeln einkaufen darf grundsätzlich jeder, dessen Einkommen so gering ist, dass er oder sie finanzielle Hilfe vom Staat beantragen könnte, egal ob zum Beispiel in Form von Hartz IV oder einer Bonuscard. Mehr zum Konzept der Tafeln unter www.tafel.de. (bs)

Zwar muss in Deutschland auch so niemand verhungern, von Hartz IV kann man überleben, aber eben auch nicht mehr. Wer arm ist, kann sich die Preise im Supermarkt im Grunde nicht leisten.

"Wenn ich meinen Kindern ab und zu neuen Klamotten kaufen, oder eine Mitgliedschaft im Sportverein ermöglichen will, muss ich halt woanders sparen", erzählt ein älterer Mann, der in der Schlange vor der Stuttgarter Tafel steht. Er ist Familienvater und inzwischen in Frührente. Lange hatte er bei der Firma Stihl gearbeitet, bis seine Gesundheit irgendwann nicht mehr mitmachte. Seine Rente reicht für die Miete, alles darüber hinaus wird schwierig. Ohne das zusätzliche Einkommen seiner Frau hätten sie ein ernstes Problem, meint er.

In solchen Fällen scheinen die Tafeln zumindest ein wenig zu entlasten, denn die stark reduzierten Preise erlauben es, die dabei eingesparten kleineren Summen auch mal für anderes auszugeben.

Die Menschen, die dieses Angebot nutzen, haben meist ähnliche Geschichten. Viele Ältere, die aufgrund von Krankheit nicht bis zur Rente arbeiten konnten. Viele jüngere Menschen, meist mit Migrationshintergrund, oft auch Familien, die geringere Chancen auf einen gut bezahlten Arbeitsplatz haben. Menschen die ohne Arbeit sind. Und Menschen, die arbeiten, von ihrer Arbeit aber nicht leben können. Nur selten ist die prekäre Situation wirklich selbstverschuldet.

Die Tafeln unterstützen diese Menschen.

Hier und da kommt es beim Einkaufen zu schönen Begegnungen. Die Künstlerin Eva erzählt, wie man sich teilweise bereits mit Namen kennt und Freundlichkeiten austauscht. Auch zu den Mitarbeitern bildet sich mit der Zeit ein vertrauteres Verhältnis.

Eine Erfahrung, die Monika Borchwald nur unterschreiben kann. Sie ist langjährige Leiterin der Tafel Feuerbach. Vor dem Laden, der sich in der Hohnerstraße befindet, zeigt sich ein ähnliches Bild wie in der Stuttgarter Innenstadt. Nur etwas kleiner. Die Schlange hier führt über den Innenhof, einmal rund um das Gebäude herum. Sie ist gerade so lange, dass die Menschen noch nicht auf der Straße stehen müssen.

Die Tafel Feuerbach hat noch eine Besonderheit. Als Teil des Behindertenzentrums Stuttgart (BHZ) bietet sie, neben der Versorgung finanziell Schwacher, auch ein Arbeitsangebot für Menschen mit Behinderungen.

Die Stimmung hier ist ruhig. Inzwischen hat der Laden, der zu Beginn der Pandemie in den Lockdown gehen musste, wieder geöffnet. Ein wenig gestärkt durch zusätzliche Spenden unter anderem von FFP2-Masken. Ebenso sind die Kunden wieder da, von denen einige die Leiterin mit Frau Monika ansprechen. Auch hier kennt man sich inzwischen und hat Vertrauen aufgebaut. Doch was auf den ersten Blick nett und harmonisch wirkt, ist eigentlich Zeichen eines großen Problems. "Viele kommen aus ihrer Armut nicht mehr heraus", gibt Monika Borchwald zu bedenken "Ein paar der Familien, die hier einkaufen, kenne ich jetzt bereits seit 15 Jahren."

Unglücklich das Land, das Tafeln nötig hat

Auch Evas Meinung über die Tafeln ist mitnichten frei von Kritik. Trotz schöner Begegnungen ab und zu ist gerade das Einkaufen in den großen Tafeln nur selten ein Kaufvergnügen. "Regeln wie nicht drängeln, konnte man vor Corona oft vergessen. […] Natürlich will niemand hier den anderen Böses, aber wenn du Leute vorlässt, bekommst du einfach weniger." Nicht in der Masse, wie sie sagt, aber in der Auswahl, denn nachgefüllt werden kann nicht immer.

Gedrängelt wird seit Corona zwar nicht mehr, aber das lange Warten in der Schlange ist gleichermaßen anstrengend. Gerade dieses Warten auf der Straße, empfinden viele der Kunden zudem als ein "Stehen auf dem Präsentierteller", denn niemand zeigt gerne, dass er oder sie wenig Geld hat. Für viele, auch für Eva, ist das mit Scham verbunden. Und nicht nur die Wartezeit. Viele haben das Gefühl zweiter Klasse einzukaufen. Das hat aber nicht unbedingt etwas mit der Qualität der Lebensmittel zu tun, die oft noch gut ist.

"Nach dem EHEC-Ausbruch 2011 hatten die Tafeln auf einmal unglaublich viele frische Gurken und Tomaten. Kurz nach Fukushima gab es zum ersten Mal viel Fisch. Nach dem Dioxin-Skandal unglaublich viele Eier", erzählt Eva eine ihrer Anekdoten über die Tafeln. Nichts davon war verseucht. Aber es illustriert gut die Angewohnheiten der Leuten, die sich eine große Auswahl leisten können. Und Kunden der Tafeln erinnert es daran, dass es Ware ist, die andere nicht wollen. Es ist kein Müll, der in der Tafel angeboten wird. Das Problem sind nicht die Nahrungsmittel, sondern das klamme Budget, das einen zwingt, sie zu kaufen. "Manchmal will man einfach nur normal einkaufen", beendet Eva, die sonst sehr lebensfrohe Frau, das Gespräch.

Was in dem Ganzen ironisch anmutet ist, dass in der sozialen Marktwirtschaft ein Punkt erreicht wurde, der fast schon karikaturesk an Bilder aus der DDR oder anderen Ländern des einstigen Realsozialismus erinnert: Menschen mit wenig Geld stehen Stunden vor einem Geschäft Schlange, ohne zu wissen, für was genau sie eigentlich anstehen. Nur mit dem Unterschied, dass sich die Anstehenden während des Realsozialismus' dafür nicht schämen mussten, weil es den meisten Leuten so ging. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Und tatsächlich wird es. "Die Schlange vor den Tafeln wird immer länger", sagen sowohl Passanten, die daran vorbeigehen, als auch die Leitungen der Tafeln selbst. Und nicht nur sie berichten seit einigen Jahren von einem stetigen Anstieg der Kundschaft. Auch das Bundesministerium für Soziales und Arbeit verzeichnet immer mehr Leute, die so wenig Einkommen haben, dass sie bei der Tafel einkaufen dürften.

Im Moment sind es 1,6 Millionen Bedürftige, die regelmäßig bei den Tafeln in Deutschland einkaufen. Und das Bundesministerium erfasst fast 13 Millionen Menschen, welche arm oder armutsgefährdet sind: 6,9 Millionen, die bereits finanzielle Hilfe beziehen, plus 6 Millionen, die zumindest armutsgefährdet sind. Exakt sind diese Zahlen jedoch nicht, da viele Menschen aus Scham oder Angst vor langfristiger Abhängigkeit nicht zum Amt gehen, selbst wenn sie bedürftig sind.

Es gibt in Deutschland eine stetig wachsende Menge von Menschen, die arm ist und kaum Chancen hat, dieser Situation wieder zu entkommen. Die Tafeln helfen in dieser Situation, aber sie lösen nicht das Problem. Sie sind gut geeignet, um eine schwere Zeit zu überbrücken, aber diese Menschen bleiben großteils arm.

Die Politik scheint sich, zumindest was große Veränderungen betrifft, auf Armut lindernden Organisationen auszuruhen, anstatt wirksam etwas zu verändern. Bereits vor drei Jahren, beklagten der Paritätische Gesamtverband, die Nationale Armutskonferenz und Pro Asyl in einer gemeinsamen Erklärung: Die Tafeln mit ihren ehrenamtlichen Mitarbeitern müssten nun die Fehler in der Sozialpolitik ausbaden, die weit in der Vergangenheit gemacht worden seien. Denn was eine wunderbare Übergangslösung wäre, ist für viele zur Dauerlösung geworden.


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12 Kommentare verfügbar

  • D. Hartmann
    vor 2 Wochen
    Antworten
    Einigen der obigen Kommentatoren sei empfohlen, mal über Folgendes nachzudenken:

    Was spricht dagegen, einer Person, der nach X Jahren in sozialversicherungs- und steuerpflichtiger Beschäftigung in Deutschland die Stelle gekündigt wurde, auch nach 13 Monaten noch eine Unterstützung zum…
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