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Forstwirtschaft

Waldarbeit ist Klimaarbeit

Forstwirtschaft: Waldarbeit ist Klimaarbeit
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Der Wald ist krank und soll doch zukünftig mehr als Holz liefern: sauberes Wasser und Erholungsraum etwa, und er soll außerdem als Kohlenstoff-Fresser weiterentwickelt werden. Für diesen komplexen Umbau braucht es ausgebildete Forstwirte. Und die sind rar.

Der Waldzustandsbericht 2020 war unmissverständlich formuliert: Nach drei heißen Sommern geht es dem Wald im Land schlecht. Fast die Hälfte der Bestände ist deutlich geschädigt. Mit den ohnehin schwächelnden Fichten haben Borkenkäfer leichtes Spiel. Aber auch die bislang stabil erscheinenden Rotbuchen – eine der Hauptbaumarten in Baden-Württemberg – waren im Sommer 2020 vielerorts in bemitleidenswertem Zustand. Der Waldzustandsbericht zieht daraus das Fazit: Angesichts des Klimawandels soll der Wald in Zukunft nicht nur Holz liefern, sondern noch stärker Kohlendioxid speichern und als Erholungsraum dienen – nicht nur in Lockdown-Zeiten. Ein "Waldumbau" soll den Wald stabilisieren, Laubmischwälder könnten mittel- und langfristig viele Fichtenforste ersetzen.

Für diesen Umbau, der Jahrzehnte dauern wird, braucht es Personal. Und zwar nicht nur FörsterInnen mit Weitblick, sondern auch die Menschen an der Motorsäge und der Pflanzhacke. Genau da herrscht jedoch ein Engpass. Der Landesbetrieb ForstBW sucht derzeit ForstwirtInnen für rund ein Dutzend seiner Forstbezirke. Der Beruf ist körperlich fordernd und nicht allzu üppig bezahlt, hinzu kommt die Konkurrenz aus privaten Forstunternehmen und Kommunen, die ebenfalls nach MitarbeiterInnen für die Waldarbeit suchen.

Die Antwort heißt bislang: Ausbildung. Aktuell bildet ForstBW an 35 über das Land verteilten Ausbildungsstätten pro Jahrgang 100 junge ForstwirtInnen aus. In den Bildungszentren in Gengenbach (Kreis Offenburg) und Königsbronn (Kreis Heidenheim) absolvieren die Azubis ihren Berufsschulunterricht. Allerdings läuft die Finanzierung dieser Berufsausbildung nach bisherigem Modell Ende 2021 aus. Danach soll ForstBW damit beginnen, die Ausbildungsplätze zu reduzieren, bis ab 2026 nur noch so viele Forstwirte ausgebildet werden, wie der Landesforstbetrieb benötigt. Angenommen werden hier 40 pro Jahr. Mehrere Millionen Euro jährlich sollen so für den Landeshaushalt eingespart werden – freilich mit der Folge, dass sich der Fachkräftemangel im Wald noch verschärfen könnte.

Die Alternative wäre, so ist es auch im "Gesetz zur Umsetzung der Neuorganisation der Forstverwaltung Baden-Württemberg" vorgesehen, dass "Dritte", also Kommunen, private Waldbesitzer oder Forstunternehmen, die bislang selbst ausgebildete Forstwirte beschäftigen, künftig für die Ausbildung mitbezahlen. Gespräche in diese Richtung gibt es bereits, aber noch kein Ergebnis, denn ein Konzept, wie die Ausbildung in diesem Falle neu geregelt werden könnte, fehlt bislang. Und noch existieren keine Zahlen, was die Ausbildung einen städtischen Forstbetrieb oder einen Unternehmer kosten würde. Intern wird jedoch mit Kosten von 40.000 Euro pro Jahr und Lehrling gerechnet.

Bayern hat die Ausbildung erst ab-, dann ausgebaut

In der Tübinger ForstBW-Zentrale sieht man wenig Sparpotenzial am Personal. Mittelfristig bleibe der Bedarf von 100 Auszubildenden pro Jahr bestehen, sagt Sprecherin Britta Bauer. Wie viele der bislang flächendeckend vorgehaltenen Ausbildungsstätten beim Festhalten an den Reduzierungsplänen geschlossen werden müssten, ist dagegen unklar. Dafür liege bislang keine Konzeption vor, sodass auch "keine seriöse Zahl" genannt werden könne, so Bauer.

Markus Wick, Forstwirtschaftsmeister am Forstlichen Bildungszentrum Königsbronn und als Vertreter des Personalrats im ForstBW-Aufsichtsrat vertreten, befürchtet, der Forstwirtberuf werde "regional aussterben", wenn sich ForstBW als Ausbildungsbetrieb aus der Fläche zurückzieht. Viele angehende ForstwirtInnen kommen nach zehn Schuljahren in die Ausbildung und sind oft noch zu jung, um für die Lehre in eine andere Region zu ziehen. Dadurch könne der Beruf regional deutlich unattraktiver werden. "Uns werden die ausgebildeten Fachkräfte an der Basis wegbrechen", sagt Wick. "Wer soll denn in Zukunft den Aufbau und die Pflege klimastabiler Wälder bewerkstelligen, wenn nicht unsere Forstwirtinnen und Forstwirte?"

Wick verweist auf eine Entwicklung in Bayern. Dort habe man mit der Gründung der Bayerischen Staatsforsten (BaySF) 2005 einen großen Teil der bestehenden Ausbildungsstätten geschlossen und die Ausbildung auf den Eigenbedarf von 30 Azubis pro Jahr reduziert. Mittlerweile, das bestätigt BaySF-Sprecher Jan-Paul Schmidt, bilden die Staatsforsten jährlich wieder rund 65 ForstwirtInnen aus, die Zahl der Ausbildungsstätten wurde nahezu verdoppelt. Rund die Hälfte der jungen Waldarbeitenden erhalte ein Übernahmeangebot der BaySF.

Der Hilferuf aus der Forstwirtschaft ist in der Landespolitik nicht gänzlich verhallt. Die baden-württembergischen Grünen haben den Weiterbestand des bisherigen Ausbildungsmodells in ihr Wahlprogramm aufgenommen. "Die Zukunft des Waldes hängt auch von gut aus- und weitergebildeten Menschen ab, die den Waldumbau voranbringen", heißt es da. Das Land solle daher "auch über 2021 hinaus 100 Ausbildungsplätze für ForstwirtInnen finanzieren".

"Wir brauchen mehr ForstwirtInnen, nicht weniger"

Maßgeblich dafür eingesetzt hat sich Reinhold Pix, Grünen-Landtagsabgeordneter aus Freiburg und forstpolitischer Sprecher seiner Fraktion. "Wir brauchen mehr ForstwirtInnen, nicht weniger", sagt Pix. In der Vergangenheit seien mehr und mehr klassische Försteraufgaben auf die ForstwirtInnen übertragen worden. Daher wachse auch der Bedarf an Fachkräften. Nur für den Eigenbedarf auszubilden, sei nicht im gesellschaftlichen Interesse, so Pix.

Über die Forstwirtausbildung wurde am 15. Mai 2019 im Landtag lebhaft debattiert. Damals beriet man über das Gesetz zur Neuorganisation der Forstverwaltung. Die SPD-Fraktion lehnte das Gesetz ab unter anderem wegen des Plans, die Ausbildungsplätze von 100 auf 40 zu reduzieren. CDU und Grüne verwiesen auf einen geschlossenen "Ausbildungspakt", den der einstige Innenminister und forstpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Reinhold Gall, wiederum als "faulen Kompromiss" bezeichnete, weil er das Abschmelzen der Ausbildungskapazitäten lediglich um ein Jahr verschoben habe. Ursprünglich war demnach geplant gewesen, noch früher mit dem Streichen der Lehrstellen zu beginnen. Minister Peter Hauk (CDU) versprach in der Debatte, alle Waldbesitzer würden sich an dem Pakt beteiligen, sodass es langfristig "gute Ausbildungsverhältnisse" geben werde. Einen Änderungsantrag der SPD im Gesetz, Ausbildungsplätze "mindestens im bisherigen Umfang" vorzusehen, wurde im Landtag abgelehnt.

Die CDU hat dem Wald in ihrem Wahlprogramm zwar ebenfalls einen längeren Absatz eingeräumt, einschließlich seiner Bedeutung für Klimaschutz und Artenvielfalt. Das Thema Mitarbeitende wird dagegen mit dem Satz "Wir werden die unteren Forstbehörden bedarfsorientiert personell aufstocken" abgehandelt. Patrick Rapp, studierter Förster und forstpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, betont allerdings auf Anfrage, seine Partei werde sich nach der Wahl dafür einsetzen, dass "ein Ausbildungsangebot im bisherigen Umfang bestehen bleibt". Allerdings müssten sich die Arbeitgeber auch an den Kosten beteiligen und "einen gewissen Obulus leisten".

Im SPD-Wahlprogramm kommt Wald nur im Hinblick auf den Ausbau der Windenergienutzung in den Staatswäldern vor. Reinhold Gall erwartet jedoch, dass seine Partei an Taten gemessen werde "und nicht an Absichtserklärungen". Immerhin seien es Grüne und CDU gewesen, die die Ausbildung in bisheriger Form abschaffen wollten. Auf den Druck der SPD hin sei dies dagegen aufgeschoben worden, sagt Gall.

ForstBW fürchtet Fluktuation

Gall nimmt an, dass zukünftig ein Mangel an Fachpersonal herrschen werde. Dass etwa Kommunen und Landkreise in die Bresche springen und künftig selber ausbilden, zumal Arbeitgeber in anderen Branchen für die Ausbildung ihrer Mitarbeitenden zahlen müssen. Zu befürchten sei jedoch eine verschärfte Personalkrise, die "auf dem Rücken der im Forst Beschäftigten ausgetragen" werde. "Für uns ist völlig klar, dass die Rettung unserer Wälder nur mit gut ausgebildetem Personal gelingen kann."

"Die Notwendigkeit, Ausbildung in der Fläche zu haben, ist unbestritten", sagt Patrick Rapp. Der CDU-Politiker kann sich zwei Varianten vorstellen: eine Lösung, nach der sich Kommunen und Unternehmen an der Ausbildung beteiligen, aber auch die Fortführung des gewohnten Modells, nicht zuletzt auch mit Blick auf die Klimarelevanz der Waldarbeit, so Rapp.

Bei dem im Januar 2020 gegründeten Landesbetrieb ForstBW heißt es, im Sinne der Daseinsvorsorge wäre es sinnvoll, "ForstBW mit der Ausbildung für die Allgemeinheit zu beauftragen und dafür Haushaltsmittel zu übertragen". Schon jetzt geht man in der ForstBW-Zentrale davon aus, dass man auch in Zukunft "über den Eigenbedarf hinaus" ausbilden müsse, um einer Unterversorgung mit Fachkräften durch Fluktuation vorzubeugen. Die erhofften Einsparungen für den Landeshaushalt würden dadurch freilich geringer ausfallen.


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