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Studiengebühren

Studium auf Sparflamme

Studiengebühren: Studium auf Sparflamme
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Unterricht über eine wacklige Konferenzschalte, keine Konzerte, kaum Jobs. Dennoch zahlen Studierende von außerhalb der EU unverändert hohe Gebühren an Baden-Württembergs Hochschulen – sonst droht Exmatrikulation.

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"Das ist meine 1. Demo", steht auf dem Schild, das der Polizist über der Schulter trägt: "für die Kunst". Kein echter Polizist, nur der Kopf einer Kaspertheater-Puppe, aber wie im echten Leben sind sie zu zweit. "Ich mag Kunst" steht auf dem Schild des zweiten Polizisten, "und auch Kultur". Nicht ganz 200 Studierende, vor allem von der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, sind zur Demo vor dem Stuttgarter Opernhaus gekommen, die unter dem Motto steht: "Rettet die Kultur – unsere Ausbildung und unsere Zukunft!" Darunter auch Studierende des Studiengangs Figurentheater mit fantasievollen Masken und Tierfiguren.

Ist denn die Ausbildung gefährdet? An sich nicht, eigentlich wird niemand von Amts wegen exmatrikuliert. Es sei denn, er oder sie käme aus einem Land außerhalb der EU und könnte die 1.500 Euro Studiengebühr pro Semester nicht mehr bezahlen, die in Baden-Württemberg exklusiv für Ausländer erhoben werden. Bei Zahlungsrückständen schickt das Immatrikulationsbüro im Regelfall umgehend einen Bescheid. Damit ist es dann mit dem Studium und vermutlich auch mit dem Aufenthalt in Deutschland vorbei und eine lang vorbereitete Lebensplanung zerstört.

Dayner Tafur hat sich zwischen zwei Verpflichtungen die Zeit genommen, zur Demo zu kommen, muss aber bald wieder weg. Er studiert Orchesterdirigieren im dritten Semester, gibt aber auch Unterricht und dirigiert bereits ein Laienorchester in Aalen. Er ist aus Peru nach Deutschland gekommen: zunächst für ein Jahr Freiwilligendienst in Berlin, wo er angefangen hat, Deutsch zu lernen; dann hat er sich an der Berufsfachschule für Musik in Dinkelsbühl auf das Studium vorbereitet und sich in Weimar und Stuttgart beworben. In Stuttgart mit Erfolg.

Die Studiengebühr von 1.500 Euro pro Semester hat Tafur bisher mit Hilfe eines Stipendiums bezahlen können. Dafür muss man sich jedes halbe Jahr neu bewerben. Sein letzter Antrag ist noch nicht bewilligt. Seine Lebenshaltungskosten bestreitet er durch Einnahmen als Musiklehrer und vor allem die Dirigententätigkeit in Aalen. Dort findet im Moment nichts statt. Auch das geplante Weihnachtskonzert fällt aus.

… und dann die Katastrophe obendrauf

"Diese Studiengebühren sind für uns eine besondere Bürde", sagt Regula Rapp, die Rektorin der Musikhochschule. Die Hochschule habe "enorme Anstrengungen unternommen", um für die betroffenen StudentInnen Stipendien zu finden. InterStip nennt sich das Stipendium, das auch Tafur erhält und deshalb jedes Semester neu beantragen muss, weil erst dann klar ist, wie viel Mittel zur Verfügung stehen. "Und dann obendrauf Corona, das war und ist für viele Studierende eine absolute Katastrophe", so Rapp weiter.

Im Corona-Sommer hat die Hochschule 80.000 Euro zusätzlich aufgetrieben, zur Hälfte von der Ernst von Siemens Musikstiftung, zur Hälfte von Privatleuten, Professoren oder Freunden der Musikhochschule, um den betroffenen Studierenden durch das Sommersemester zu helfen. Bisher hat niemand sein Studium abbrechen müssen. Aber kann das der Sinn einer Studiengebühr sein, dass Privatleute Studierende unterstützen und die Mittel dann überwiegend in den Landeshaushalt fließen? Das fragen sich auch diejenigen, die spenden, und manch einer, der ansonsten gerne einen Beitrag leisten würde, ist unter diesen Bedingungen nicht bereit dazu.

Immerhin, es gibt mittlerweile einen von der Ministerin ins Leben gerufenen Monitoring-Beirat zum Thema Studiengebühren, dem Rapp auch angehört. Ihr Vorschlag wäre, die Gebühr zunächst der Hochschule – und damit der Betreuung der internationalen Studierenden – zukommen zu lassen, damit die Hochschule wenigstens keine Bettelgänge antreten muss. "Die Musikhochschule ist so sehr auf internationale Studierende angewiesen", sagt Rapp, "um der Qualität willen und aus Gründen der Konkurrenz unter den Hochschulen." Auch die Studierenden zeigen sich solidarisch. Sie hätten angeboten, lieber jeder 200 Euro zu bezahlen, als die Betroffenen mit der höheren Gebühr allein zu lassen.

Auch das Studium funktioniert im Moment nur mit angezogener Handbremse. Ein Orchester dirigieren geht nicht, allenfalls wenige Musiker mit großem Abstand. Instrumentalunterricht kann zum Teil stattfinden, teilweise aber auch nur virtuell, per Konferenzschaltung. Die Klangqualität sei nicht gut, sagt die Kontrabassistin Johanna Ehlers, die als Vertreterin des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) der Musikhochschule die Demonstration organisiert hat. Manchmal kommt es bei der Übertragung zu Verzögerungen. Wer weiß, welche Anforderungen ein Musikhochschulstudium ans Hören stellt, reibt sich die Augen. Wie will man auf diese Weise herausragende Instrumentalsolisten ausbilden?

Wo es noch Jobs gibt, wird hart gekämpft

"Es gibt keine Planungssicherheit", kritisiert Mona Primke, die im neunten Semester Schulmusik und im Hauptfach Cello studiert. Sie arbeitet mit einem Kammerchor zusammen, der aber im Moment nicht einmal proben kann, denn es finden sich keine Räume, die groß genug sind. Auch für sie sind Auftritte eine wichtige Einnahmequelle. Doch ob die nächsten geplanten Konzerte im Dezember und Januar stattfinden werden, weiß sie nicht. "In der Hochschule passiert derzeit nichts", sagt Primke und meint damit weniger den Unterricht. "Es gibt keine Möglichkeit, sich zu vernetzen", klagt sie, keine Begegnungen, keinen Austausch. Das sei gerade für angehende MusikerInnen sehr wichtig.

Anita Olivieri Passeri ist bereits ein wenig in der Welt herumgekommen. Sie sei halb Schweizerin, halb Italienerin, sagt sie. Die vergangenen fünf Jahre hat sie in Israel verbracht, jetzt möchte sie ihren zweiten Master in Kammermusik machen. Ein zweiter Masterabschluss, das gilt normalerweise als Zweitstudium, für das ebenfalls eine Gebühr von 1.500 Euro fällig ist. Aber anscheinend sind Ausnahmen möglich: Sie bezahlt 600 Euro pro Semester, muss aber in zwei statt vier Semestern fertig sein. Ihr Instrument ist Querflöte. Auch ist sie auf Nebentätigkeiten angewiesen. Im Moment ist die Konkurrenz groß. "Jeder braucht Jobs", stellt sie fest. Ihre Familie unterstützt sie. Doch als fünftes Kind will sie nicht ständig den Eltern auf der Tasche liegen.

Aber nicht, um auf ihre persönliche Situation aufmerksam zu machen, meldet sich Olivieri Passeri auch als Rednerin zu Wort. Jedes Mal, wenn sie in diesem Jahr von Italien nach Israel, von Israel nach Deutschland geflogen ist, musste sie zwei Wochen in Quarantäne. Da hatte sie viel Zeit zum Nachdenken. "Covid 19 hat unser Leben entschleunigt", sagt sie. In Israel war sie mehrfach Solistin des Symphonieorchesters der Musikhochschule von Tel Aviv, dirigiert auch von Zubin Mehta, dem Ehrenpräsidenten der Hochschule. Seit acht Monaten hat sie nun keine Auftritte mehr.

Sie will dies aber nicht nur negativ sehen: Die Verlangsamung gebe einem Zeit, sich Gedanken zu machen, was wichtig ist. Gerade Kunst biete eine Möglichkeit zu diskutieren, worauf es in der Krise besonders ankomme, betont sie. Im Moment werde den Studierenden jedoch vermittelt: Das, was ihr macht, ist völlig unwichtig. Wie die Mitglieder der Bayerischen Akademie der Schönen Künste stört sie, dass Kunst und Kultur mit Unterhaltung und Freizeitvergnügen auf eine Stufe gestellt wird: "Es gibt nichts, mit dem ich als Künstlerin weniger einverstanden sein könnte."

AStA hält Ausländer-Gebühr für verfassungswidrig

860 Studierende hat aktuell die Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Davon stammen 40 Prozent aus anderen Ländern, innerhalb und außerhalb der EU. Nirgendwo ist der Anteil so hoch wie bei den Musikhochschulen, kaum irgendwo gibt es einen so regen internationalen Austausch – denn natürlich sind deutsche MusikerInnen ebenso in anderen Ländern unterwegs. Die 180 bis 200 Teilnehmer der Demonstration studieren überwiegend an der Stuttgarter Musikhochschule, wie auch am Begleitprogramm erkennbar wird: eine Sängerin mit Gitarrenbegleitung und eine Sambaschule aus der Schlagzeugklasse.

Doch das Thema beschäftigt auch Studierende anderer Hochschulen. "Es darf nicht sein, dass ganze Existenzen wegbrechen, ganze Studiengänge sinnlos werden", protestiert Lara Mienhardt aus Karlsruhe, "während sich Menschen fröhlich durch Straßen und Einkaufszentren zwängen." Es sei existenzgefährdend, wenn MusikhochschulstudentInnen keine Einkünfte aus Konzerten mehr hätten.

Andreas Bauer, Sprecher der Landesstudierendenvertretung, wirbt dafür, sich im AStA zu engagieren. Die Studierendenvertretung sei strikt gegen jegliche Studiengebühren. Die Gebühr für Nicht-EU-Ausländer sei herkunftsdiskriminierend und nach Auffassung des AStA auch verfassungswidrig. Selbst die Forderung, ein wenig Menschlichkeit zu zeigen und sie zumindest in der aktuellen Situation zeitweise auszusetzen, sei auf taube Ohren gestoßen, berichtet er.

"Was macht der Techniker auf der Bühne?", fragt Patrick Fischer. Auch für eine Demo mit Musik braucht es Veranstaltungstechniker. Und die demonstrieren seit Ende August bundesweit. "Alarmstufe rot" nennt sich das Bündnis der Veranstaltungswirtschaft, nach eigenen Angaben der sechstgrößte Wirtschaftszweig Deutschlands. Fischer empfiehlt, sich zusammenzuschließen. Musiker und Veranstalter säßen im selben Boot.

Johanna Ehlers hat die Aktion, die sie selbst angestoßen hat, fast ein wenig überrollt. Wichtig ist ihr, nicht mit Coronaleugnern in einen Topf geworfen zu werden. Sie befürwortet alle Abstandsregeln und Sicherheitsmaßnahmen. Aber genau dort, wo es ausgearbeitete Hygienekonzepte gebe, dürfe man Veranstaltungen nun nicht pauschal verbieten, fordert sie. Auf jeden Fall will sie auf die Lage der Studierenden aufmerksam machen. "Wenn wir schon keine Konzerte geben können, dann demonstrieren wir wenigstens."


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