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20 Jahre "Altpapier"

Ironie und Gelassenheit

20 Jahre "Altpapier": Ironie und Gelassenheit
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Seit zwei Jahrzehnten wirft die Medienkolumne "Altpapier" einen kritischen Blick auf alles, was in Deutschland veröffentlicht wird. Unser Autor, der die Online-Kolumne mitbegründet hat, gratuliert und fragt sich, wie die Zukunft der Medienkritik aussehen kann.

Das Konzept war klar, aber es fehlte ein Name. "Altpapier" – es war Christoph Schultheis, der in einer redaktionellen Sitzung der Medienkolumne den Namen gab. Ich hatte ihn vor 20 Jahren von der "taz" zur "Netzeitung" geholt, der ersten reinen Internetzeitung hierzulande. Er sollte dort einen Medienteil produzieren. Ich selbst war damals fester Autor der "Berliner Zeitung" und durfte das Konzept der Medien-Redaktion entwerfen, aber nicht als Autor in Erscheinung treten. Das tat Christoph Schultheis.

Die Ironie und Gelassenheit, die der Name ausdrückt, prägte auch den Stil und Ton vieler seiner Kolumnen. Ohne ihn wäre das "Altpapier" nicht das geworden, was es heute ist. Schon damals beschäftigten ihn Fragen, die er später mit dem "Bildblog" (zusammen mit dem Medienjournalisten Stefan Niggemeier) anging. Zum Konzept des "Altpapiers" gehörte auch, dass einer meiner Freunde aus New York spätnachts Texte kuratierte, so dass das "Altpapier" morgens teilweise aktueller war als viele Zeitungen hierzulande. Jahre später machten das andere ebenso.

JournalistInnen beim Beobachten beobachten

Anfangs ging es bei "Altpapier" um den Service. Aber klar war immer auch, dass eine solche Kolumne es fachlich versierten AutorInnen erlauben würde, den Medienjournalismus zu bewerten. Und vermutlich würden andere Beobachter beobachten, wie vom "Altpapier" Beobachter beobachtet werden. Eine Spiegelung. Aber warum nicht Journalisten beobachten, die vorgeben, neben Politik, Justiz, Wirtschaft und Gesellschaft auch Medien und deren Journalisten zu kontrollieren?

Heute ist das "Altpapier" an guten Tagen interessanter, relevanter und vielschichtiger als die Medienseiten, deren Inhalte es verlinkt. Auch, weil Inhalte ja längst auch ungefiltert direkt von Journalisten und Medienleuten aus Publikationen, Sendern, Universitäten, Unternehmen, Behörden und von anderen Bloggern kommen. Je mehr Originalquellen verlinkt sind, umso hilfreicher ist es, weil Spin, Fehlinterpretationen, Ungenauigkeiten und Übertreibungen mancher AutorInnen deutlich werden. So schafft das "Altpapier" Zugang zu vielen Perspektiven und Transparenz.

So wie kürzlich, Ende Oktober, als die Otto-Brenner-Stiftung (OBS) eine Studie über die Finanzierung des Journalismus durch Google veröffentlichte. Verlage nahmen sechs- und siebenstellige Beträge wie selbstverständlich, ohne das je im Detail offenzulegen oder zu hinterfragen. Warum macht Google das? Entstehen Abhängigkeiten? Warum lehnten das manche ab?

Redaktionen hatten jahrelange versäumt, das eigenartige Mäzenatentum zu thematisieren. Warum haben "Spiegel", "FAZ" und andere bis heute nie ausführlich darüber berichtet, obwohl die aktuelle OBS-Studie nicht die erste Arbeit der beiden Autoren zum Thema war? Warum hat die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) – die kein Google-Geld nahm – erst jetzt über die Studie berichtet, obwohl das Thema jahrelang nahelag? Das "Altpapier" ermöglichte den Überblick und stellte eine entscheidende Frage: Warum tun sich gerade diejenigen, die das Geld nahmen, so schwer mit Transparenz und Unabhängigkeit? Lässt nicht bereits der Umstand, dass sie das Thema so hartnäckig meiden, mögliche Abhängigkeiten und Rücksichtnahmen befürchten?

Die "Netzeitung" ist längst eingestellt, die Kolumne aber lebt. Sie wechselte mehrfach den Besitzer und gehört heute dem MDR, den sie bisweilen auch kritisiert. Darin liegt eine weitere Stärke des "Altpapiers": Wenn der MDR unkritische Interviews mit einem angeblichen Corona-Experten oder mit führenden AfD-Politikern führt, dann ist das Thema im "Altpapier" und das ist gut so. Dafür wurde es gegründet. Zu den Stärken des "Altpapiers" zählen heute ebenfalls die wechselnden AutorInnen und ihre Fachkompetenz.

Ombudsleute? Man muss sie wollen!

Es ist gut, dass es ein wachsames Auge von außen gibt. Doch Fehlentwicklungen in Redaktionen können nicht allein von außen korrigiert werden, sie benötigen zudem Aufklärung von innen. Die "SZ" hat das vor 20 Jahren in der Affäre um den Interview-Fälscher Tom Kummer vorbildlich auf zwei ganzen Zeitungsseiten getan.

Chefredaktionen lassen durch eine Kommission aufklären oder entschuldigen sich, wenn der Druck zu groß wird. Das war so beim Fall Relotius und auch in anderen Fällen. Es bräuchte heute jedoch verstärkt sogenannte Ombudsleute, die wirklich unabhängig über interne Interessenskonflikte, Selbstzensur, Abhängigkeiten oder einseitige inhaltliche Darstellungen aufklärten. Die Fehler als solche benennen und grundsätzlich zwischen Publikum und Redaktion vermitteln. Viele Redaktionen lehnen das ab. Doch man kann nicht immer darauf vertrauen, dass im richtigen Augenblick eine renommierte Autorin wie Carolin Emcke von sich aus diese Aufgabe übernimmt und der Redaktion deutlich sagt, warum ein Text über den jüdischen Pianisten Igor Levit in mehrfacher Hinsicht grundfalsch war und eine Reaktion der Redaktion ebenso. Man kann freilich auch nie wissen, wie gut eine Ombudsperson ihre Aufgabe wahrnimmt. Gute Ombudsleute sind (geplante) Glücksfälle für eine Redaktion und die Öffentlichkeit.

Aber man muss das wollen. Vor mehr als zehn Jahren verhandelte ich mit dem damaligen Chefredakteur der "SZ", Hans Werner Kilz, über die Leitung der Leserbrief-Seite. Wir waren uns einig über neue Ansätze und Elemente, nicht aber über eine unabhängige Ombudsperson, die Arbeitsweise erklären und Fehler der "SZ" aufklären sollte. Die Redaktion lehne das ab, sagte Kilz. Damit waren die Verhandlungen beendet. Stefan Niggemeier versuchte Ähnliches zeitweise beim "Spiegel". Offenbar wurde es dort auch nicht gewünscht. Die "New York Times" hatte jahrelang Public editor (also Ombudsleute), um nach einem Fälscher-Skandal Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Die Kolumnen waren vorbildhaft, aber auch dort nicht von Dauer. Ist hierzulande heute die Zeit dafür reif?

BürgerInnen sollten wissen, wie Journalismus entsteht

Ombudsleute, die auf Einhaltung von festgelegten Standards achten, dürften keinem Chefredakteur unterstellt sein. Diese JournalistInnen sollten Medienjournalismus nicht ersetzen. Nötig ist vielmehr eine Ergänzung. Viele sprechen davon, BürgerInnen sollten wissen, wie Journalismus entsteht. Die Rede ist von der redaktionellen Gesellschaft. Da nun alle senden und empfangen, sollten alle journalistische Standards kennen. Leicht gesagt. Oft habe ich den Eindruck, dass sich nicht einmal ausgebildete JournalistInnen einig sind über diese Standards.

Es wäre die nächste Phase des Medienjournalismus, die den Blick hinter die Kulissen ermöglichte. In einer redaktionellen Gesellschaft wird wichtig bleiben, dass Experten Standards erklären und verteidigen. Warum gilt Objektivität nicht uneingeschränkt? Was bedeutet Unabhängigkeit in einem Umfeld, das immer abhängiger wird? Kann Transparenz wirklich Unabhängigkeit ersetzen?

Klar gehören auch Fragen der Finanzierung, der Aufsicht und der Inhalte zum Medienjournalismus. Für mich ist guter Medienjournalismus vor allem Journalismus, der über den Kern berichtet: also über Recherche und ihre Veröffentlichung. Wie unabhängig sind Autoren von denen, über die sie berichten? Wie transparent machen sie ihr Vorgehen? Wie ethisch gehen sie vor? Wie tief geht ihre Recherche? Wie verständlich, relevant und ausgewogen ist das Ergebnis? All das lässt sich immer nur am konkreten Beispiel erörtern. Es gibt keinen anderen glaubwürdigen Weg, um mit kritischen Lesern auf Augenhöhe zu kommunizieren, so dass sie sich ernst genommen fühlen. Der Blick hinter die Kulissen würde den Journalismus insgesamt besser machen.


Thomas Schuler lebt als freier Journalist in München. Er gründete mit Kollegen die gemeinnützige Lehrredaktion ProRecherche.org, die vor allem Recherche in Lokalredaktionen verbessern möchte. Im Sinne der Transparenz sei hier offengelegt, dass Schuler von der OBS-Stiftung mit einem Stipendium ausgezeichnet wurde und über die problematische Finanzierung durch Google und Facebook 2019 und 2020 mehrfach im Magazin "Wirtschaftsjournalist" kritisch berichtet hat.


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1 Kommentar verfügbar

  • Paul Parin
    vor 1 Woche
    Antworten
    Nach Tom Schulers Würdigung des 'Altpapiers' habe ich es aufgesucht.

    Auf einen der aktuellen Artikel möchte ich näher eingehen, weil dort das Anliegen des 'Altpapiers' - Fehlentwicklungen in Redaktionen medienkritisch aufzuklären und zu korrigieren - besonders dringlich erscheint.

    Das Thema: …
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