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Trump und Medien

Nichts als die Wahrheit

Trump und Medien: Nichts als die Wahrheit
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Seriöser Journalismus stößt an seine Grenzen, wenn Populismus immer radikaler wird. Zahlreiche US-Medien ziehen daraus Konsequenzen und kämpfen gegen das Krebsgeschwür aus Schwindeln, Verdrehen und Beleidigen – in einer Wortwahl, die hierzulande als schwerer Verstoß empfunden würde. Noch.

Seit Jahrzehnten hat Hanns-Joachim Friedrichs den Status einer Ikone inne, nicht nur in den Medienstudiengängen aller Art. Interessierte KonsumentInnen kennen ebenfalls den legendär gewordenen Ausspruch des langjährigen "Tagesthemen"-Moderators, wie wichtig "Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten" für einen wie ihn sei. Allerdings handelte sein Bekenntnis vom Umgang mit Katastrophen, und sein Prinzip hieß: "Cool bleiben, ohne kalt zu sein, denn nur so schaffst du es, dass die Zuschauer dir vertrauen, dich zu einem Familienmitglied machen, dich jeden Abend einschalten und dir zuhören".

Dieser so wichtige Zusammenhang fällt also oft unter den Tisch – selbst in Redaktionen und erst recht bei ZeitgenossInnen, die überall den Versuch von Medien wittern, sie zu missionieren und zu manipulieren. Politisches Eunuchentum hatte Friedrich nie gemeint. Vielmehr ging es aus seiner Sicht darum, "to inform and to enlighten", mithin "zu informieren und zu erhellen, also aufzuklären".

An Jake Tapper hätte er seine Freude. Der gebürtige New Yorker ist eine der CNN-Koryphäen mit Mega-Einschaltquoten zur Primetime. Am vergangenen Sonntag hat er seinem Landsmann Donald Trump die Leviten gelesen, binnen knapp 24 Stunden wurden die gut vier Minuten von mehr als fünf Millionen SeherInnen weltweit geklickt. Entscheidende Passagen, direkt an den irrlichternden Corona-Patienten mit seinen über drei Millionen Followern gerichtet, sind inzwischen in verschiedene Sprachen übersetzt worden: "Krank und isoliert, Herr Präsident, sind Sie ein Symbol für Ihr eigenes Versagen geworden. Versagen in Rücksichtslosigkeit, Unwissenheit, Arroganz." KollegInnen outen sich als große Fans. Er sei nie stolzer gewesen, schreibt einer, der Tapper seit Jugendtagen kennt.

JournalistInnen schließen sich zusammen

Der emotionale Ausbruch des 51-jährigen linken Liberalen ist nur die Spitze des Eisbergs. Denn spätestens seit Trump vor fünf Jahren Serge Kovaleski, den renommierten Enthüllungsjournalisten nachäffte, bringt er immer mehr MedienvertreterInnen gegen sich und seine Partei auf, mitunter sogar beim früheren Leib- und Magensender "Fox".

Nicht weniger als 350 Zeitungen und Zeitschriften von der Ost- bis zur Westküste, von "The Atlantic" bis zu "Vanity Fair", haben eine in der Mediengeschichte einmalige Allianz geschlossen. Der "Boston Globe" startete in Anlehnung an eine Kriegserklärung Trumps an die US-Presse die Kampagne "Wir sind nicht der Feind des Volkes. Wir sind das Volk". Flaggschiffe im Kampf um Demokratie und Transparenz sind die renommiertesten Blätter des Kontinents. "Es klang wie ein verspäteter Aprilscherz oder 'Fake News', bevor der Begriff erfunden wurde, als Jeff Bezos als Privatmann die 'Washington Post' für 250 Millionen Dollar kaufte", so die bloggenden Medien-Analytiker eines Hamburger Thinktanks über das stolze Blatt, das einst die Watergate-Affäre aufdeckte und damit für den Sturz von US-Präsident Richard Nixon sorgte. "Die Werte müssen sich nicht ändern", habe Bezos der besorgten Belegschaft mitgeteilt, die ums Niveau des Blattes fürchtete.

Mussten sie dann aber doch, nur anders, als der neue Besitzer dachte. Seit drei Jahren erscheint die Post gedruckt wie digital mit einem Zitat des Eigentümers auf der Titelseite: "Democracy dies in Darkness." Und auch die "New York Times" positioniert sich eindeutig und tagtäglich gegen Trump, gewann phasenweise mehr als tausend Digital-AbonnentInnen am Tag. Seit 2017 erzielt die Zeitung alljährlich Verkaufsrekorde. In diesen Tagen besonders oft geklickt wird die immer größer werdende bebilderte Aufstellung der mit Covid-19 infizierten Personen in der direkten Umgebung des Präsidenten, nicht ohne Verweis darauf, dass dort fortgesetzt gegen für alle anderen im District of Columbia geltenden Quarantäne- und Isolationsregeln verstoßen wird. In Deutschland wird noch rumgedruckst, ausgerechnet auch, weil der öffentlich-rechtliche Rundfunk in der Regel eindeutige Positionierung in der politischen Berichterstattung oder in Live-Gesprächen scheut.

Dreistigkeiten benennen, nicht relativieren

NBC, ABC, CBS und am vehementesten CNN, alles Sender, die keineswegs ohne Fehl und Tadel sind, legen, um solche Tatsachen zu stützen, eine bemerkenswerte Akribie an den Tag, wollen möglichst viele der haltlosen Behauptungen Trumps und seiner Umgebung widerlegen. Kritik wird mit aller Schärfe formuliert, Empörung über die zahllosen Anstößigkeiten aus dem Weißen Haus wird nicht verhehlt, ist sogar ablesbar an Mimik und Vokabular – für deutsche Verhältnisse unvorstellbar. Wenn Trump im ersten TV-Duell versucht, Joe Biden zu erniedrigen, gibt es nachher kein Sowohl-als-auch oder den relativierenden Hinweis, der Herausforderer habe den Präsidenten ja schließlich sogar einen Clown genannt, sondern ein unmissverständliches "tried to humiliate".

Keine ausgleichende Gerechtigkeit also, die nur ungerecht wäre, keine zwei Waagschalen, die irgendwie mehr oder weniger halbe-halbe mit Lob und Tadel gefüllt werden, stattdessen die gesenkte Hellebarde. In etlichen Nachbetrachtungen hiesiger Medien hingegen war die Tonart eher (zu) vorsichtig in Moll. Selbst die "Süddeutsche" zog sich nach dem unsäglichen Auftritt im ersten TV-Duell vergleichsweise verlegen aus der Affäre mit "Teils Faustkampf, teils Theaterstück" und mit dem pseudo-salomonischen Urteil, hinsichtlich ihrer theatralischen Leistung hätten "beide ihre Sache ordentlich gemacht". Dabei konnte jeder halbwegs Urteilsfähige erkennen, dass der egomanische Wüterich Trump seinen Gegner in puncto Dreistigkeiten und üblen Untergriffen um Längen hinter sich gelassen hatte. Diese Realität zu beschreiben, stellt nicht die Äußerung einer persönlichen Meinung dar, sondern handelt von einer Tatsache.

Wie unüblich das ist in der deutschen Medienwelt, zeigt sich exemplarisch am insgesamt reichlich verklemmten Umgang mit der AfD. Wer wirklich beschreiben will, wie sich deren Abgeordnete in den Parlamenten aufführen, wie Räpple, Baum, Wolle, Rottmann und Merz den Stuttgarter Landtag für unsägliche Auftritte nutzen, muss zu Begriffen greifen, vor allem zu Verben, an die NutzerInnen klassischer Medien nicht gewöhnt sind. AfDler rufen nämlich nicht dazwischen, sie kreischen, sich über ihren Tisch werfend (Claudia Wolle), sie kritisieren nicht, sie diffamieren. Und gar keine Option ist, darüber journalistisch zu schweigen nach der Melodie "Wir springen nicht über jedes Stöckchen". Nur informierte Bürger können die Demokratie verteidigen, in der Familie, im Freundeskreis und am Arbeitsplatz.

Solche Kollegialität wäre hierzulande undenkbar

Selbst dort, wo der Umgang zwischen den Medienschaffenden hierzulande noch so kollegial ist, bleibt unvorstellbar, dass deutsche Verlage und Sendeanstalten wie in den USA die eigenen kommerziellen Interessen hintanstellen, um Informationen mit jenen zu teilen, die Trumps Stab von Pressekonferenzen, Terminen oder Reisen ausschließt. Aktuell sind mehrere KorrespondentInnen an Covid 19 erkrankt. KollegInnen helfen mit, deren Redaktionen zu versorgen.

Besondere Pressekonferenzen

In Deutschland haben sich politische JournalistInnen nach Ende des Zweiten Weltkriegs Organisationsformen und Regeln geben, die den Umgang untereinander und jene zwischen Medien und Politik mitbestimmen. Einer interessierten Öffentlichkeit ist dabei seit Jahrzehnten die Bundespressekonferenz bekannt, die ihrerseits PolitikerInnen vor der berühmten blauen Wand empfängt und nicht – wie im Weißen Haus, im Elysee oder vor Downing Street 10, wo die JournalistInnen eingeladen werden – umgekehrt. Baden-Württembergs Landespressekonferenz ist zurecht stolz auf die deutschlandweite Spezialität, dass alle, die kommen – Ministerpräsidenten, MinisterInnen, Partei-, Verbands- oder Gewerkschaftsspitzen – sich zuerst einmal Fragen aller Art und zu jedem Thema stellen müssen, bevor sie die eigene, vorbereitete Botschaft abspulen können. Noch jeder Ministerpräsident wollte diese Tradition abgeschafft wissen. Winfried Kretschmann sprach von einer "Hölzchen-Stöckchen-Runde", weil er nicht über jedes springen mochte. Inziwschen hat er sich, wie alle seine Vorgänger, in sein Schicksal gefügt. Jeden Dienstag heißt es deshalb nach der Kabinettssitzung: JournalistInnen fragen, der Regierungschef muss antworten. (jhw)

Alle US-Medien, die sich die Verteidigung "der Wahrheit, nichts als der Wahrheit" (Tapper) vorgenommen haben – dass das hehre Ziel keineswegs immer erreicht wird, versteht sich von selbst –, setzen in der jetzigen höchst kritischen Lage des Landes auf die argumentative Stärkung der Millionen von NutzerInnen: Mindestens einmal pro Stunde rufen die bekanntesten ModeratorInnen oder White-House-ReporterInnen dazu auf, wählen zu gehen. Ebenso oft gibt es kompakte Infos zu den Corona-Gefahren, nie die Zahl von inzwischen mehr als 210.000 Toten im Land vergessend, dazu Hunderte Interviews täglich, Live-Ticker, Dossiers, mit Fotos und Zeitabläufen. Äußerungen werden akribisch abgeglichen, Quellen abgewogen und aufgelistet, Worte auf die Goldwaage gelegt, Parallelen gezogen, etwa zur Amtszeit von Ronald Reagan. Nach dem Attentat von 1981 oder der Krebserkrankung vier Jahre später waren verlässliche ärztliche Bulletins eine Selbstverständlichkeit.

Der heutige mächtigste Mann der westlichen Welt hingegen degradiert die ihn behandelnden Ärzte zu Hampelmännern im Wahlkampf. Als Sean Conley, der Chef des Medizinerteams, es endgültig übertreibt mit dem Schönreden von Trumps Gesundheitszustand, stellt CNN nicht mehr den Doktortitel in den Vordergrund, sondern den militärischen Rang und dass Trump sein Oberbefehlshaber ist – ohne jede Scheu in den Analysen der Vorgänge, etwa um die Entlassung aus dem Hospital, Lügen Lügen zu nennen. 

Das hätte Hanns-Joachim Friedrichs besonders gefallen. Ein Satz von ihm im Frühherbst 1987 in den ARD-"Tagesthemen", als Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Uwe Barschel die Schlagzeilen bestimmte, hat auch ein Stück Journalismus-Geschichte geschrieben: "Seit heute wissen wir's: Barschel hat gelogen." Später erzählte er nicht nur dem journalistischen Nachwuchs gern, wie diese Formulierung zunächst viele verschreckte, ihm aber schon anderntags haufenweise Gratulationen bescherte. Vor allem ließ er seinen Stolz darauf erkennen, dass er diesen Satz gerade nicht mit Distanz, sondern "mit viel Emphase" gesagt habe. NachahmerInnen gesucht anno 2020.


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2 Kommentare verfügbar

  • Karl Heinz Siber
    vor 2 Wochen
    Antworten
    Wie schön für die korrupten und konzernabhängigen "Koryphäen" der großen Sender CNN und MSNBC wie Jake Tapper, dass sie sich im heroischen Abwehrkampf gegen Trump mal so richtig als Vorkämpfer und Verteidiger de Demokratie profilieren können. Das ist wohlfeil und bringt ihnen Beifall aus aller Welt…
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