Polizeigewerkschafter Rainer Wendt in Fahrt. Fotos: Jens Volle

Polizeigewerkschafter Rainer Wendt in Fahrt. Fotos: Jens Volle

Ausgabe 429
Politik

Who the fuck is Werte-Union

Von Anna Hunger
Datum: 19.06.2019
Atomkraft ja bitte, Migranten raus, solange sie sich nicht so gut benehmen wie die Deutschen im Urlaub, Europa zur Festung und Merkel muss weg: Das ist die Werte-Union. Am vergangenen Samstag traf sie sich zur Vollversammlung in Filderstadt. Viele waren nicht da.

Meine Güte. Da könnte man meinen, man hätte es mit wichtigen Leuten zu tun. "Werte-Union – Mitsch kann sich Maaßen als Innenminister vorstellen". "Werte-Union fordert Urwahl, Kampfansage an Kramp-Karrenbauer?", "CDU-Konservative wollen Friedrich Merz als Merkels Nachfolger", "Die konservative Werte-Union hat CDU und CSU zu einer klaren Abgrenzung nach links und zur Lösung der drängenden Probleme der Bürger aufgefordert." Das vermelden diverse Medien in der vergangenen Zeit, zuletzt auch die dpa am vergangenen Wochenende.

Nicht so wichtig

Die Mini-Splittergruppe Werte-Union (WU) ist aber weder wichtig noch einflussreich. Nur ein kleiner Haufen (rund 2000 Mitglieder) innerhalb der Unions-Parteien, der ganz besonders laut schreit. Gegründet hat sich der "freiheitlich-konservative Aufbruch" 2017 in Schwetzingen bei Heidelberg, als Absage an Angela Merkels Flüchtlingspolitik. "Kontraste", das kritische Magazin der ARD, bezeichnete die WU kürzlich als Scharnier nach ganz rechts, als einen "rechtskonservativen Verein, der die CDU inhaltlich zur AfD öffnet", mit dem Ziel, "die CDU wieder wählbarer für Konservative und Patrioten zu machen".

Innerhalb der Union ist die Gruppe weder anerkannt noch besonders geschätzt, auf Nachfragen mag man sich nicht zu ihr äußern, auch nicht wer mit ihr sympathisiert und schon mal bei einer Veranstaltung war. Einer, der dort schon als Hauptredner auftrat, ist Manuel Hagel, Generalsekretär der CDU Baden-Württemberg. Er ist zu diesem Thema nicht zu sprechen. Sei’s drum.

Am Samstag traf sich die Werte-Union zur Vollversammlung in der Filharmonie in Filderstadt. Der Saal war bestenfalls luftig gefüllt, die Berliner Mitglieder zum Großteil nicht da, weil in der Hauptstadt Flüge ausgefallen waren. Und so sitzen etwa 100 Leute in den Reihen. Zwei Tage zuvor hatte Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl seinen Besuch abgesagt (er sei unter Druck gesetzt worden, behauptet WU-Chef Alexander Mitsch, "meine Damen und Herren, das ist doch kein Demokratieverständnis!"). Also sollte Hans-Georg Maaßen einspringen, der ehemalige Chef des Bundesverfassungsschutzes, den die Werte-Union aus der politischen Versenkung zurück auf die Bühne gehievt hat. Maaßen steckt allerdings auch am Berliner Flughafen fest, hat aber ersatzweise eine "Videobotschaft" angekündigt. Für die Neugierigen: Sie fällt grau aus (grauer Mann sagt graue Dinge vor grauem Hintergrund).

Um kurz nach elf startet die Veranstaltung, zunächst mit – Testimonials: Sylvia Pantel, Sprecherin des "Berliner Kreises", meinungsstark, was Geflüchtete, Abtreibung und Klimapolitik betrifft, und eine, die bei Facebook auch schon mal mausrutscht, schickt aus Berlin per Hochkant-Handy-Video ganz viele Grüße und so weiter. Alexander Mitsch hat am Tag zuvor noch mit Friedrich Merz telefoniert, der ebenfalls "herzliche Grüße" ausrichten lasse. Der telegene Jungstar der Union, Philipp Amthor, war zwar eingeladen, lässt sich aber entschuldigen und grüßt ganz klassisch per Mail: Es sei doch gut, dass man miteinander spreche und nicht übereinander und die CDU brauche ein starkes und konservatives Fundament. Jawoll.

WU rettet die Meinungsfreiheit

Dann: Power-Point-Folie Nummer vier, Polizeigewerkschafter Rainer Wendt trägt vor zum Thema  "Deutschland sicherer machen". Vor allem vor Flüchtlingen (Messerangriffe), Migranten (Auto-Corsi mit Schusswaffengebrauch) und weil das Wort so wunderbar über die Zunge rollt: vor "Nafris" (sehr viele davon an irgendeinem Bahnhof). Es wird in seinem Beitrag, wie so oft an diesem Tag, um "gefährliche Menschen, die nicht abgeschoben werden" gehen, um "rot-grünen Quatsch", um die "kriminelle Antifa", der läuft gut, da klatscht das Publikum. Und natürlich um – MEINUNGSFREIHEIT! Weil man in Deutschland bekanntermaßen seine Meinung nicht mehr sagen darf – dieses Thema ist der WU sogar eine ganz eigene Kampf-für-die-Meinungsfreiheit-Website im Netz wert. Der ganze Sermon kommt einem unheimlich bekannt vor.

Dazu gibt’s eine Runde Medienschelte: Der kritische "Kontraste"-Beitrag zur Nähe zwischen Werte-Union und AfD würde zeigen, wie "der ganze Rest journalistischer Professionalität in rot-grünem Regierungsdrama"... blablabla.

An dieser Stelle unterbrechen wir unseren Beitrag und senden Testbild. Weil wir lieber Farbe mögen anstatt schwarzbraun. Und weil man sich nach der AfD nicht auch noch von einem Haufen CDUler beleidigen lassen will, die ihre sowieso nicht mit übermäßiger Progressivität gesegnete Partei in die innerparteiliche Steinzeit zurückbeamen möchten. Wer so laut schreit, er dürfe seine Meinung nicht äußern, hat, das lehren die vergangenen Jahre, nichts Interessantes zur politischen Diskussion beizutragen, nur eine Menge Rassismen, von der die Gesellschaft wirklich genug hat.

Deshalb: #Boykott_Werteunion. Ignorieren wir mit Lust und Freude Pressemitteilungen dieser Gruppe. Deren Stellungnahmen und "Forderungen" im Posteingang kann man auch super ausdrucken und lustige Papierflieger draus falten, Interview- und Gesprächsangebote – hinein in den virtuellen Mülleimer! Apple-NutzerInnen sei empfohlen, den Ton anzuschalten, das Knrrrpss-Geräusch bei "Papierkorb entleeren" ist ganz herrlich.

Der Kontraste-Beitrag ist ein Musterbeispiel für einen guten, relevanten und sinnvollen Beitrag zu dieser Splittergruppe der CDU/CSU: Hintergrundrecherche, die einordnet, Beziehungen offenlegen, entlarvt. So geht’s. Alles andere ist überflüssig.

Testbild gibt es hier zum Runterladen.


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5 Kommentare verfügbar

  • Nico
    am 23.06.2019
    Sehr wohl gesprochen, Hr. Dr. Gscheidle.

    So sieht es hinter der dunkeln Seite "des Mondes" aus.
  • Max Eifler
    am 20.06.2019
    Die Crux am ironisierenden Text von "Dr. Gscheidle" zeigt sich an der unredlichen Tatsache, dass sich eine nicht unerhebliche Anzahl verbitterter Sozialdarwinisten, Reaktionäre, Kryptofaschisten und vermeindliche Christen in der sogenannten "Alternative" für D. ja tatsächlich schlagkräftig organisierten. Ja, ja, der alte Spannungsbogen: Unter ihren Steinen sitzend sieht man nicht was sie tun vs. lieber offen beobachten können und ggf. einschreiten. Im Osten ist zu sehen, dass die "akzeptierende Jugendarbeit" nicht funktionierte. Schlußgebrummel: Da sagt ein Typ auf der Straße in Görlitz anlässlich der OB-Wahlen in die Kamera, man solle den AfD-Kandidaten doch mal machen lassen und dann schauen was er kann. Der Interviewte sah von außen nicht mal wie ein sächsischer Hutbürger aus. Hm, so alt bin ich nicht, hört und fühlt sich aber insgesamt tendenziell stark nach den den Endjahren der Weimarer Republik an. Jetzt eben "4.0"; Weimar 4.0, nur ohne offen auftretende SA und ohne die glamourösen Seiten von Babylon Berlin.
  • Dr. Diethelm Gscheidle
    am 19.06.2019
    Sehr geehrte Damen und Herren,

    es freut mich sehr, dass es die "Werte Union" gibt! Nachdem die "Aktion Linkstrend stoppen" innerhalb der nur noch teil-redlichen CDU/CSU leider fast in der Versenkung verschwunden ist, freut es mich, dass es immer noch hochredliche Leute innerhalb der Union gibt, die diese wieder auf den rechten Weg zurückbringen wollen.

    Auch ich war als bekennender und praktizierender Christ bekanntlich jahrelang Anhänger und Wähler der Union. Leider haben sich in der Union mittlerweile etliche unredliche Tendenzen breit gemacht, z.B. Förderung unserer garstigen Jugend, Einsatz für die unredliche Frauenquote oder die Abschaffung der Wehrpflicht (welche die einzige Einrichtung war, die unserer verkommenen Jugend noch wichtige Werte wie Anstand, Moral, Keuschheit, Sauberkeit, Pünktlichkeit, Respekt und Ehre beibrachte!). Die redliche Werte-Union möchte diesen Kurs, der nicht zuletzt von unserem Bundeskanzler, Herrn Angela Merkel, mitgetragen wurde, wieder korrigieren. Darüberhinaus setzt sie sich für die umweltfreundliche Kernkraft, die Einführung redlicher Schuluniformen und die Weltkeuschheit ein - wie schön!

    Einzig die Haltung zu den Flüchtlingen ist bei der Werte-Union als nicht ganz so redlich zu kritisieren - offenbar hat die Werte-Union noch nicht verstanden, dass Flüchtlinge endlich dem faulen und von den garstigen Gewerkschaften verzogenen deutschen Arbeiter mal zeigen können, dass man auch zu viel genügsameren Löhnen arbeiten kann, ohne immer gleich krankzufeiern oder nach dem diabolischen Betriebsrat zu rufen! Ansonsten kann ich sagen: Würde die Werte-Union sich innerhalb der CDU durchsetzen, könnte ich diese Partei auch wieder wählen. Solange dies nicht so ist, bleibe ich selbstverständlich der Partei "Bündnis C - Christen für Deutschland") treu.

    Mit freundlichen Grüßen

    Dr. Diethelm Gscheidle
    (Verkehrswissenschaftler & Dipl.-Musikexperte)
    • Jue.So Jürgen Sojka
      am 29.06.2019
      @Dr. Diethelm Gscheidle,
      wer, wie wir in unserer Grundschulklasse, zum Lesen zwischen den Zeilen, das Lesen hinter dem Text, die Körpersprache, Gestik und Mimik, mit dem Tonfall der Stimme in Verbindung zu bringen verstanden hat – uns beständig darin übend, bis zur Meisterklasse -, die/der hat die _zuvor_ geführten Gespräche in Hinterzimmern erkannt. | :-))

      Nun ist das Bild über diesem Artikel " Polizeigewerkschafter Rainer Wendt in Fahrt. Fotos: Jens Volle" selbstredend: Internetseite Kritische Polizisten – Anzeige: Es besteht ein Problem mit dem Sicherheitszertifikat der Website. Laden dieser Website fortsetzen (nicht empfohlen). [1]
      General a.D. Reinhard Günzel zur Political Correctness https://www.youtube.com/watch?v=nzWXXqh8Nxk 6:35 Min.
      Der ehemalige Brigadegeneral Reinhard Günzel war bis zum 4. November 2003 Kommandeur der Spezialeinheit KSK. Dann entließ der damalige SPD-Bundesverteidigungsminister Peter Struck den berühmten Elitegeneral überraschend unehrenhaft. Grund: Günzel hatte in einem auf Bundeswehr-Briefpapier erstellten Schreiben die Rede des damaligen CDU-Politikers Martin Hohmann zum Tag der Deutschen Einheit gelobt.
      Welche Werte _in Union_ zugrunde gelegt sind, dass eröffnet die Internetseite des SWR aktuell BW
      28.06.2019, 19:57 Uhr Nach Scheitern einer Bundesländerinitiative | Land plant eigenes Konzept gegen verhaltensauffällige Asylbewerber https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/Nach-Scheitern-einer-Bundeslaenderinitiative-Land-plant-eigenes-Konzept-gegen-verhaltensauffaellige-Asylbewerber,bw-plant-eigenes-konzept-gegen-auffaellige-fluechtlinge-100.html
      … Kretschmann und die "Tunichtgute" …
      *** Jetzt sind die in den Bildern gezeigten besonders verhaltensauffällig – Tunichtgute eben! ***

      [1] Stuttgart 21 und… Amtspflicht-Verletzungsverfahren Fehlanzeige
    • Jue.So Jürgen Sojka
      am 17.08.2019
      @Dr. Diethelm Gscheidle, Ihre Freude über die Werte-Union dürfte sich hiermit sicher noch steigern lassen. | :-)
      „Atomkraft ja bitte, Migranten raus, solange…“ [2]
      Ein Werbeslogan, der sich 50 Jahre lang hielt, ging 2010 in "Rente" [3]

      Und, wann gehen sie in Rente, die Ewiggestrigen?
      Zitat aus Wallensteins Tod, 1. Akt, 4. Auftritt – Friedrich Schiller:
      » Das ganz Gemeine ists, das ewig Gestrige,
      Was immer war und immer wiederkehrt,
      Und morgen gilt, weils heute hat gegolten!
      Denn aus Gemeinem ist der Mensch gemacht,
      Und die Gewohnheit nennt er seine Amme. «

      Atomkraft ohne Risiko? Der Flüssigsalzreaktor | Harald Lesch https://www.youtube.com/watch?v=MmPrWr4pY10
      Thorium - Atomkraft ohne Risiko? (2016 arte NDR) https://archive.org/details/ThoriumAtomkraftOhneRisikoNdrArte2016 Video 1:32:27
      Dokumentarfilm https://programm.ard.de/TV/arte/thorium---atomkraft-ohne-risiko-/eid_28724493409463
      Thorium-Flüssigsalzreaktor: Nie gehört? Kein Wunder, seit 70 Jahren wird die Technologie von der Nuklearindustrie totgeschwiegen. Dabei könnte Thorium - kein Atommüll, kaum Risiko - die Energieproduktion komplett revolutionieren. Der Dokumentarfilm durchleuchtet, warum Kernkraft aus Thorium 1945 eine technologische Totgeburt war und warum es plötzlich doch der Brennstoff der Zukunft sein soll. … Der Dokumentarfilm begibt sich auf die Suche nach Alternativen zur klassischen Kernenergie.

      [2] Historische Entwicklung der Atomhypothese https://up.picr.de/36527294hw.pdf

      [3] Bauknecht: Weiß nicht mehr, was Frauen wünschen https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/bauknecht-weiss-nicht-mehr-was-frauen-wuenschen-1.641563-0
      Mit einem Bekanntheitsgrad von 96 Prozent schaffte es der Slogan des Schorndorfer Hausgeräteherstellers Bauknecht bis in den Olymp der Werbesprüche. Er geht jetzt trotzdem in Rente.

      Freundlichst
      Jürgen Sojka
      Bildungsbeauftragter des Kultusministerium B-W, seit 1965

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