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Ein radikaler Gast

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Unter dem Motto "Europa der Heimatländer – AfD trifft FPÖ" trifft sich der AfD-Kreisverband Pforzheim/Enzkreis am 3. Mai zu einer Großveranstaltung im Congress Centrum Pforzheim. Als Starredner der öffentlichen Veranstaltung ist ein umtriebiger FPÖ-Hardliner angekündigt.

Johann Gudenus hat den aktuellen politischen Markenkern der FPÖ mitgeprägt. Der Wiener Politiker gilt in Österreich als Provokateur und rechter Hardliner, macht Stimmung gegen Muslime und Geflüchtete. Zuletzt sorgte er mit Spekulationen über den US-amerikanischen und jüdischen Investor ungarischer Herkunft George Soros für Empörung. Mit der Aussage, wonach "es stichhaltige Gerüchte gibt, dass Soros daran beteiligt ist, wenn es darum geht, gezielt Migrantenströme nach Europa zu unterstützen", hat Gudenus offen Theorien um eine jüdische Weltverschwörung bedient. Gudenus glaubt, Soros habe Nichtregierungsorganisationen (NGOs) finanziert, die "für die Massenmigration" nach Europa mitverantwortlich seien, weil diese nicht "zufällig in dem Ausmaß passiert" seien.

Für das kommende Wochenende hat die AfD ihn nach Pforzheim eingeladen. Auf einer Großveranstaltung im Congress Centrum Pforzheim (CCP) wird er eine Rede halten, unter anderem neben einer Vorsitzenden der AfD-Bundestagsfraktion, Alice Weidel, und Jörg Meuthen, dem Bundessprecher der AfD und Spitzenkandidat für die Europawahlen.

Der FPÖ-Nationalratsabgeordnete Gudenus (Jahrgang 1976) fungiert als geschäftsführender Klubobmann, also Fraktionschef seiner Partei im österreichischen Nationalrat und als geschäftsführender Landesparteiobmann von Wien. Gudenus, seit 2011 zugleich stellvertretender Bundesparteiobmann, gilt als ein enger Vertrauter des FPÖ-Bundesobmanns und Vizekanzlers Heinz-Christian Strache. Beide Politiker gehören der deutschnationalen Wiener "pennalen Burschenschaft Vandalia" als Mitglieder an. Der Couleurname von Gudenus lautet "Wotan" – nach dem obersten aller Germanengötter.

Sohn eines Holocaustleugners

Gudenus ist Sohn eines wegen Verharmlosung nationalsozialistischer Verbrechen verurteilten Politikers. Der damalige FPÖ-Bundesrat John Gudenus hatte 2005 am Vorabend der 60-Jahr-Feiern der Republik Österreich eine "physikalische und wissenschaftliche" Prüfung des Holocaust gefordert – im geistigen Gleichschritt mit Neonazis und Revisionisten, die wider besseres Wissen behaupten, der industriell betriebene Massenmord an Juden in deutschen Vernichtungslagern sei wissenschaftlich nicht erwiesen. Bei einem Besuch zum 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen sagte er angesichts von Fotos, die jungen Gefangenen sähen doch viel besser aus als er, Gudenus senior selbst.

Gudenus junior trat im Alter von 17 Jahren der FPÖ-Jugendorganisation "Ring Freiheitlicher Jugend" (RFJ) bei. Seine politische Karriere auf Landesebene startete der langjährige Wiener Obmann der RFJ im Juni 2003 – unter Protest des gemäßigten Flügels – mit der Wahl zum Bundesobmann. Kurzerhand verordnete Gudenus "vermehrte ideologische Schulung der Jugend" und versprach eine "bodenständige, kantige und völkische Politik".

Bei seiner Wortwahl war er nie zimperlich. So verwendete der damalige Nachwuchspolitiker angesichts des Ansteigens von Einbürgerungen in Österreich den NS-Terminus "Umvolkung" und orakelte über einen "Volksaustausch". Heute spricht Gudenus von einer "Ethnomorphose".

Bei seiner Wiederwahl als RFJ-Bundesvorsitzender 2004 sagte er in seiner Rede: "Der Islam ist nicht integrierbar, solche Leute haben sich eine Einbürgerung nicht verdient." Bei einer Sonnwendfeier im Jahr 2006 sprach er unverblümt von "unserer deutschen Heimat". In einem Interview mit der rechtsextremen österreichischen Monatszeitschrift "Die Aula" im April 2008 führte Gudenus, damals bereits Landtagsabgeordneter und Gemeinderat, aus: "Die wahren Verbrecher sind die Politiker, die es überhaupt erst so weit kommen haben lassen, daß wir so viele fremdartige, nicht integrierbare und vor allem sich ständig reproduzierende Ausländer hier haben". Für die "Aula" griff er auch mehrfach selbst zur Feder. Beiträge von Gudenus tragen Titel wie "Purer Haß der verblödeten Linken. Selbsternannte Moralapostel haben Hetzjagd auf Andersdenkende eröffnet!" (Januar 2012).

Hardliner der Österreichischen Rechten

Im Oktober 2008 verkündete Johann Gudenus im Wiener Gemeinderat, dass "der Faschismus von heute der Antifaschismus ist". Im Frühjahr 2009 trat er bei der "Aktionsgemeinschaft für eine freiheitliche Politik" (AFP) auf, der der österreichische Verfassungsschutz eine "ausgeprägte Affinität zum Nationalsozialismus" bescheinigt, 2010 war er Gast beim Wahlauftakt der rechtsextremen ungarischen Jobbik. Im gleichen Jahr kürte die neurechte Wochenzeitung "Junge Freiheit" Gudenus zur "Zukunftshoffnung" der FPÖ. 2013 führte er bei einer FPÖ-Wahlkampfveranstaltung aus: "Jetzt heißt es, 'Knüppel aus dem Sack!' für alle Asylbetrüger, Verbrecher, illegalen Ausländer, kriminellen Islamisten und linken Schreier." Jetzt, so Gudenus weiter, werde "aufgeräumt in unserem schönen Österreich".

2014 beklagte Gudenus in der rechtsextremen Monatszeitschrift "Zuerst" (Untertitel: "Deutsches Nachrichtenmagazin"), dass Russland am "Pranger" steht: "Seit Jahren hören wir in unserer gleichgeschalteten Medienlandschaft kaum ein objektives, kaum ein freundliches Wort." Gudenus weiter: "Die Mission ist klar: Rußland ist böse, Moskau bereitet den Krieg vor, und Wladimir Putin ist ohnehin ein blutrünstiger Diktator." Seinen Artikel beendete der FPÖ-Politiker mit der Aufforderung nach "Gerechtigkeit für Moskau": "Diese einseitige Verurteilung und Propaganda hat Rußland nicht verdient!" Ebenfalls 2014 kürte "Zuerst!" Gudenus zum politischen "Hoffnungsträger" in Österreich.

"Zuerst!" zählt zum Imperium "Lesen & Schenken Verlagsauslieferung und Versandgesellschaft mbH" des norddeutschen rechtsextremen Verlegers Dietmar Munier. Verbindungen von AfD-Politikern zu "Zuerst!" sind im "Gutachten zu tatsächlichen Anhaltspunkten für Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung in der AfD und ihren Teilorganisationen" des Bundesamtes für Verfassungsschutz aufgeführt.

Der bekennende Russland-Fan Gudenus absolvierte von 1995 bis 2003 Sommerkurse an der Lomonossow-Universität Moskau. Die Staatliche Universität Moskau ist die größte des Landes. 2005 besuchte er die Diplomatische Akademie in Moskau. Gemeinsam mit Strache war Gudenus in Russland, um dort eine Zusammenarbeit mit Putins Partei Einiges Russland zu verabreden. Als selbst berufener Wahlbeobachter auf der Krim erklärte er das Referendum über die Abspaltung der Halbinsel von der Ukraine für rechtens.

Vereint im Hass

Seine Russland-Begeisterung teilt Gudenus mit "Zuerst!"-Chefredakteur Manuel Ochsenreiter. Gegen diesen ermittelt die Staatsanwaltschaft Berlin seit Januar 2019 wegen des Verdachts der Anstiftung zu einer schweren Brandstiftung: Ochsenreiter hätte im Dienste Russlands stehend für Unruhe in der Westukraine gesorgt, in dem Landesteil also, der nach der Annexion der Krim und der Ostukraine noch unabhängig ist. Ochsenreiter soll polnische Rechtsextremisten beauftragt haben, in der ukrainischen Stadt Uschhorod am 4. Februar 2018 einen Brandanschlag auf eine ungarische Einrichtung verübt zu haben. Das Attentat sollte ukrainischen Neonazis in die Schuhe geschoben werden, um so die Spannungen zwischen den Ethnien in der Ukraine zu verschärfen. Als die Vorwürfe gegen Ochsenreiter öffentlich wurden, trat dieser von seinem Job als Mitarbeiter des AfD-Bundestagsabgeordneten Markus Frohnmaier (Wahlkreis Böblingen) zurück. Medienrecherchen zufolge soll Frohnmaier gezielt vom Kreml unterstützt worden sein, um russische Interessen im Bundestag zu fördern. Frohnmaier "wird ein unter absoluter Kontrolle stehender Abgeordneter sein", heißt es in einem Strategiepapier der Präsidialverwaltung von Putin vor der Bundestagswahl 2017.

2015 lamentierte Gudenus in einem Interview mit "Zuerst!" über "deformiertes Asylrecht": "Das alles wurde längst zu einem lukrativen Geschäft für alle Beteiligten. Mittlerweile hängt eine ganze Migrationsindustrie am staatlichen Steuergeldtropf, es werden Dolmetscher, Rechtsanwälte und zahlreiche Vereine subventioniert. Mit Migration läßt sich Geld verdienen, und die Grünen und Linken sehen in der wachsenden Migrantengemeinde nicht zuletzt das Wählerreservoir der Zukunft. Diese Geschäftemacherei wird nach außen hin als 'Humanität' und 'Mitmenschlichkeit' verkauft." 2017 schlug Gudenus vor, Sammelquartiere für Asylbewerber am Wiener Stadtrand einzurichten: "Massenmigration sollte man insofern einschränken, als man diesen Migranten zeigt, in Österreich ist es doch nicht so gemütlich, wie alle glauben."

AfD und FPÖ gehören dem im April in Italien maßgeblich vom dortigen Innenminister und Lega-Chef Matteo Salvini ins Leben gerufenen Wahlbündnis "Allianz der europäischen Völker und Nationen" (AEPN) an. Bei der Gründung war Meuthen für die AfD vor Ort. In dem Bündnis sollen sich nach der EU-Wahl "freiheitliche" Kräfte bündeln.

In einem Interview im April mit der rechtsextremen Wochenzeitung "Zur Zeit" führte Meuthen dazu aus, dass die AfD " großes Interesse" daran habe, im neuen Europaparlament gemeinsam mit der FPÖ in einer Fraktion zu sein. Beide eine, so Meuthen, "die Grundhaltung, dass wir die Migration strikt begrenzen wollen, dass wir die illegale Migration auch durch konsequente Abschiebungen bekämpfen wollen".


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3 Kommentare verfügbar

  • Rolf Steiner
    am 08.05.2019
    Antworten
    Ich beziehe mich sehr gern auf den Kabarettisten Böhmermann, der deutlich macht, was in des Braunauer "Führers Ostmark" schief läuft. Böhmermann thematisierte den Umgang Österreichs mit seiner Vergangenheit. In dem kürzlichen Interview in der ORF-Sendung "Kulturmontag" wurde Böhmermann zu Beginn mit…
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