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Die ganze Bäckerei, bitte

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Wohin am Tag der Arbeit? Zur Auswahl stehen in Stuttgart die DGB-Demo oder der "Revolutionäre 1. Mai" oder gleich das Waldheim Gaisburg, wo es einen Kuba-Stand mit Cocktails geben wird. Eine kleine Orientierungshilfe.

"Heraus zum 1. Mai", lautet die Parole, die alljährlich von den Vertretern und Sympathisanten der Arbeiterklasse herausgegeben wird. Sie meinen damit nicht den Biergarten, zumindest nicht in erster Linie, auch wenn gutes Wetter vorausgesagt ist. Sie haben die Straße im Sinn, auf welche der Unmut über die Verhältnisse getragen wird, um denen da oben zu zeigen, was unten laut gedacht wird.

In diesem Jahr ist Europa dran. "Jetzt aber richtig!", verlangt der DGB, der am 1. Mai immer der organisatorische Gesamtarbeiter ist. Und "richtig" heiße, Europa sozialer zu machen, damit nicht immer mehr Menschen erleben müssen, wie die "Interessen der Märkte" oft Vorrang haben. So weit der offizielle Aufruf des DGB. Sein Stuttgarter Statthalter Philipp Vollrath sagt dann noch, es müsse "klare Kante" gezogen werden, gegen Rechts und gegen "alle, die unser Land und Europa spalten wollen".

Vollrath müht sich auch als Moderator auf dem Marktplatz, um 11 Uhr, in der Landeshauptstadt, zu dem sich ein Demonstrationszug bewegen wird, der sich um 10 Uhr auf dem Marienplatz aufstellt. In aller Regel umfasst er etwa 4000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, darunter mehrheitlich Gewerkschaftsangehörige, Linke mit Parteichef Bernd Riexinger, Sozialdemokraten und ein paar Grüne, kämpferische Kurden, die gerne PKK-Plakate mit sich tragen (worauf die Polizei besonders aufpasst), und womöglich ein paar junge Menschen vom Freitag für die Zukunft, weil der DGB, wie man hört, Sympathien für sie hege. Wenn sich dann alle auf dem Marktplatz versammelt haben, die Reden gehalten sind, und das leibliche Wohl Meldung macht, spielt die Band Hawelka Blues, Pop und Psychedelic. Die Musiker sorgten dafür, versprechen die "Stuttgarter ZeitungsNachrichten", dass "die Party nicht zu kurz kommt". Wer sich dafür entscheiden sollte, könnte ein Plakat mit sich tragen, das sich zur internationalen Solidarität bekennt.

Wie jedes Jahr, seit 2004, gibt es die Radau-Variante zum DGB-Event: den "Revolutionären 1. Mai". Der Verfassungsschutz und die "Stuttgarter Nachrichten" würden wohl sagen, dass hier lauter gewaltbereite Linksextremisten zugange sind. Aufgerufen wird von der "Revolutionären Aktion Stuttgart" (RAS), "Zusammen Kämpfen Stuttgart", der "Freien ArbeiterInnen Union Stuttgart" (FAU), und dem "Libertären Bündnis Ludwigsburg". Sie bilden auch 2019 den "antikapitalistischen Block", der eine klare Botschaft hat: "Für die Revolution – alles andere ist Quark". Besonders interessant dabei sind die freien ArbeiterInnen, die für eine 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich kämpfen und im Block bei den schwarz-roten Fahnen anzutreffen sind. Die libertären Ludwigsburger, die als Anarchisten "die ganze Bäckerei für alle" wollen, sind am Büchertisch des Lilo-Hermann-Zentrums zu finden. Wer es noch genauer wissen will, schaue unter dem Link www.erstermai.tk nach.

Ihr Umzug, meist um die tausend Köpfe stark, ist immer sehr laut und bunt. Diesmal lautet die Losung: "Der Kapitalismus hat keine Zukunft: Protest. Widerstand. Revolution!" Wenn diese Demo um 11.30 Uhr am Karlsplatz beginnt, sind Pyrotechnik, Farbbeutel, Rauchtöpfe quasi wieder Pflicht, weil sich, wie sie sagen, die revolutionäre Linke "nicht weg ducken" oder dem bürgerlichen Lager "anbiedern" darf. Auf der anderen Seite stehen dann Hundertschaften von Polizisten, die gerne mit Schlagstöcken und Pfefferspray hantieren, woraus Verletzungen entstehen (können), die eine "revolutionäre Perspektive" noch notwendiger erscheinen lassen. Unter diesen Vorzeichen ist es im Übrigen erstaunlich, dass die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) nicht dabei ist. Die Weltmeisterin im Plakatieren marschiert im bürgerlichen Block mit, weil ihr Anarchismus wie Spitzgras ist. Wer sich für die Revolution entscheiden sollte, dem wird empfohlen, die Telefonnummer der Roten Hilfe (0152 05372805) bei sich zu tragen. Sie hilft, wenn es "Stress mit den Cops" gibt.

Gemeinsam ist allen, dass anschließend gefeiert wird. Getrennt, versteht sich. Während der DGB auf dem Marktplatz Party macht, die MLPD sich in ihr Arbeiterbildungszentrum nach Untertürkheim zurückzieht, wird der größte Teil des antikapitalistischen Blocks im Lilo-Hermann-Zentrum ein "internationalistisches Straßenfest" begehen, der kleinere im selbstverwalteten Stadteilzentrum Gasparitsch ein Zuhause finden. Dort gibt es Kurzvorträge, ein Quiz und einen Stadtteilspaziergang und zum abendlichen Ausklang Live-Musik mit dem "Dynamischen Duo" aus Schwäbisch Gmünd. Für alle Lager offen ist das Waldheim Gaisburg, das unter anderem einen Kuba-Stand mit Cocktails anbietet. Von dort hat man einen wunderbaren Blick auf den Kessel.

PS: Sollte sich im Laufe des 1. Mai 2019 etwas Gravierendes ändern, werden wir Wort und Bild aktualisieren. Sonst bleibt alles beim alten.


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3 Kommentare verfügbar

  • Liselotte Herrmann
    am 03.05.2019
    Antworten
    Bericht über den antikapitalistischen Block auf der DGB-Demo und der revolutionären Demo: https://de.indymedia.org/node/32202
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