Ausgabe 422
Gesellschaft

Die ganze Bäckerei, bitte

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 01.05.2019
Wohin am Tag der Arbeit? Zur Auswahl stehen in Stuttgart die DGB-Demo oder der "Revolutionäre 1. Mai" oder gleich das Waldheim Gaisburg, wo es einen Kuba-Stand mit Cocktails geben wird. Eine kleine Orientierungshilfe.

"Heraus zum 1. Mai", lautet die Parole, die alljährlich von den Vertretern und Sympathisanten der Arbeiterklasse herausgegeben wird. Sie meinen damit nicht den Biergarten, zumindest nicht in erster Linie, auch wenn gutes Wetter vorausgesagt ist. Sie haben die Straße im Sinn, auf welche der Unmut über die Verhältnisse getragen wird, um denen da oben zu zeigen, was unten laut gedacht wird.

In diesem Jahr ist Europa dran. "Jetzt aber richtig!", verlangt der DGB, der am 1. Mai immer der organisatorische Gesamtarbeiter ist. Und "richtig" heiße, Europa sozialer zu machen, damit nicht immer mehr Menschen erleben müssen, wie die "Interessen der Märkte" oft Vorrang haben. So weit der offizielle Aufruf des DGB. Sein Stuttgarter Statthalter Philipp Vollrath sagt dann noch, es müsse "klare Kante" gezogen werden, gegen Rechts und gegen "alle, die unser Land und Europa spalten wollen".

Vollrath müht sich auch als Moderator auf dem Marktplatz, um 11 Uhr, in der Landeshauptstadt, zu dem sich ein Demonstrationszug bewegen wird, der sich um 10 Uhr auf dem Marienplatz aufstellt. In aller Regel umfasst er etwa 4000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, darunter mehrheitlich Gewerkschaftsangehörige, Linke mit Parteichef Bernd Riexinger, Sozialdemokraten und ein paar Grüne, kämpferische Kurden, die gerne PKK-Plakate mit sich tragen (worauf die Polizei besonders aufpasst), und womöglich ein paar junge Menschen vom Freitag für die Zukunft, weil der DGB, wie man hört, Sympathien für sie hege. Wenn sich dann alle auf dem Marktplatz versammelt haben, die Reden gehalten sind, und das leibliche Wohl Meldung macht, spielt die Band Hawelka Blues, Pop und Psychedelic. Die Musiker sorgten dafür, versprechen die "Stuttgarter ZeitungsNachrichten", dass "die Party nicht zu kurz kommt". Wer sich dafür entscheiden sollte, könnte ein Plakat mit sich tragen, das sich zur internationalen Solidarität bekennt.

Wie jedes Jahr, seit 2004, gibt es die Radau-Variante zum DGB-Event: den "Revolutionären 1. Mai". Der Verfassungsschutz und die "Stuttgarter Nachrichten" würden wohl sagen, dass hier lauter gewaltbereite Linksextremisten zugange sind. Aufgerufen wird von der "Revolutionären Aktion Stuttgart" (RAS), "Zusammen Kämpfen Stuttgart", der "Freien ArbeiterInnen Union Stuttgart" (FAU), und dem "Libertären Bündnis Ludwigsburg". Sie bilden auch 2019 den "antikapitalistischen Block", der eine klare Botschaft hat: "Für die Revolution – alles andere ist Quark". Besonders interessant dabei sind die freien ArbeiterInnen, die für eine 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich kämpfen und im Block bei den schwarz-roten Fahnen anzutreffen sind. Die libertären Ludwigsburger, die als Anarchisten "die ganze Bäckerei für alle" wollen, sind am Büchertisch des Lilo-Hermann-Zentrums zu finden. Wer es noch genauer wissen will, schaue unter dem Link www.erstermai.tk nach.

Ihr Umzug, meist um die tausend Köpfe stark, ist immer sehr laut und bunt. Diesmal lautet die Losung: "Der Kapitalismus hat keine Zukunft: Protest. Widerstand. Revolution!" Wenn diese Demo um 11.30 Uhr am Karlsplatz beginnt, sind Pyrotechnik, Farbbeutel, Rauchtöpfe quasi wieder Pflicht, weil sich, wie sie sagen, die revolutionäre Linke "nicht weg ducken" oder dem bürgerlichen Lager "anbiedern" darf. Auf der anderen Seite stehen dann Hundertschaften von Polizisten, die gerne mit Schlagstöcken und Pfefferspray hantieren, woraus Verletzungen entstehen (können), die eine "revolutionäre Perspektive" noch notwendiger erscheinen lassen. Unter diesen Vorzeichen ist es im Übrigen erstaunlich, dass die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) nicht dabei ist. Die Weltmeisterin im Plakatieren marschiert im bürgerlichen Block mit, weil ihr Anarchismus wie Spitzgras ist. Wer sich für die Revolution entscheiden sollte, dem wird empfohlen, die Telefonnummer der Roten Hilfe (0152 05372805) bei sich zu tragen. Sie hilft, wenn es "Stress mit den Cops" gibt.

Gemeinsam ist allen, dass anschließend gefeiert wird. Getrennt, versteht sich. Während der DGB auf dem Marktplatz Party macht, die MLPD sich in ihr Arbeiterbildungszentrum nach Untertürkheim zurückzieht, wird der größte Teil des antikapitalistischen Blocks im Lilo-Hermann-Zentrum ein "internationalistisches Straßenfest" begehen, der kleinere im selbstverwalteten Stadteilzentrum Gasparitsch ein Zuhause finden. Dort gibt es Kurzvorträge, ein Quiz und einen Stadtteilspaziergang und zum abendlichen Ausklang Live-Musik mit dem "Dynamischen Duo" aus Schwäbisch Gmünd. Für alle Lager offen ist das Waldheim Gaisburg, das unter anderem einen Kuba-Stand mit Cocktails anbietet. Von dort hat man einen wunderbaren Blick auf den Kessel.

PS: Sollte sich im Laufe des 1. Mai 2019 etwas Gravierendes ändern, werden wir Wort und Bild aktualisieren. Sonst bleibt alles beim alten.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

3 Kommentare verfügbar

  • Liselotte Herrmann
    am 03.05.2019
    Bericht über den antikapitalistischen Block auf der DGB-Demo und der revolutionären Demo: https://de.indymedia.org/node/32202
  • Arbeitsgruppe Bewusstseinsindustrie Sektion Stuttgart
    am 01.05.2019
    Why don`t we look über den Tellerand?
    Es gibt sie noch, die guten Dinge.... Und da muss man/frau nicht erst ins "Brot und Butter", um sich revolutionäre Gefühle beim Anblick der gesättigten Stuttgarter Konsumgesellschaft zu holen.
    Da genügt eine kleine Verärgerung in einem Gewerkschaftsvorstand in Stuttgart und ratzfatz wird eine Alternative gefunden: Der Vorstand fährt am heurigen Mai nach Wien zur 1.Mai Demo. Eine gute Alternative.
    Wer noch etwas Geld dazu verdienen will, geht nach Bern oder Zürich und bekommt, sofern er eine Fahne schwenkt, auch noch ein gutes Honorar plus Mahlzeit für das Mitlaufen beim Zug.
    Wer nicht nur lakonisch vom Kessel hoch, sondern umgekehrt aus diesem über den Kesselrand etwas Neues hereinschaufeln möchte, hätte doch ein Alternatives zum 1. Mai-Programm besuchen können: Alle Strassen vom und zum Hauptbahnhof und alle großen Strassen in Stuttgart sind den verschiedenen Aktionsgruppen vorbehalten. Kein Feinstaub, nothing.
    Eröffnet wird der 1. Mai von einer Pariser Gruppe Gelbwesten, die eigens gespendete zwei Dutzend Diesel-Porsche und Daimlers zum Zerlegen und Abfackeln zur Verfügung gestellt erhalten. Moderator: Zetsche und Unternehmensgruppe zielgruppengerechte Unruhen.
    An der Krawall-Meile der Staatsgalerie entlang zeigen Anhänger von Maduro und der Opposition unter Anfeuerungsrufen der bürgerlichen Parteien am Haus des Landtags, wie nicht beliebte, aber gewählte Regierungen von einer bewaffneten Opposition beseitigt werden können. Moderator: Außenminister Maas, gesponsert von Armani.

    Aus Johannesburg ist eine Gruppe junger Studenten angereist, um uns über die Zeit nach Mandela und ihre korrupte schwarze Regierung zu erzählen.

    Als Nischen-Veranstaltung wird eine kommunistische Kiewer Abgeordnete geboten, die unter dem Titel: Hätte Putin nicht die Krim zurückgeholt ,wäre dort heute eine US-Kolonie, eine Lehrstunde in US-Sicherheitspolitik und Oligarchen-Pflege abhält. Moderation:

    Dazu gibt es es eine große Veranstaltung der Deutschen und Commerzbank über die "Unfähigkeit Deutscher Banken sich der Geldwäsche zu entziehen und eine UBS-Delegation aus der Schweiz mit dem Stand: "Die Schweiz als Geldwaschmaschine".

    Ex-Finanzminister Schäuble ist bereit, dem Volk Rede und Antwort zu stehen, warum das Cum-Ex-Gesetz so schlampig formuliert wurde und keine Fachleute heute zur Verfolgung der Straftäter zur Verfügung stehen. Veranstalter: Erfolgreiche Verjährung und Milliardengewinne.

    Auf dem Platz vor dem Rathaus sind über hundert Stände von Heckler & Koch aufgebaut, an alle, die am dem Krieg in Syrien beteiligten Gruppen in Syrien, Jemen, Libyien ihre jeweiligen Geldgeber offen legen und die sie unterstützenden NGOs und Deutschen Parteienstiftungen, ThinkTanks benennen.
    Das InKrit wirbt mit einer Sonderveranstaltung der "Kritischen Marxistischen Bücher": Von China lernen, heißt Marx übersetzen und lesen - zur gerade stattgefundenen Übersetzung ins Chinesische.

    Houellebecq liest im Drei-Farben-Haus aus seinem neuesten Werk Serotonin.

    Im Staatstheater ist eine Marathon-Sitzung mit je fünfminütigen Beiträgen aus allen Bereichen über die Anforderungen an einem Intendanten des Südwestrundfunks angesagt. Moderation: Sonneberg

    Auf dem Schloßplatz werden alle Sendungen der vergangenen Jahre aus "Neues aus der Anstalt" gezeigt und ad-hoc-Tests der Hypophyse Mannheim vorgenommen, welche das höchste Empörungspotential hat.

    Wir werden in Kontext über die einzelnen 1-Mai-Events berichten. Wir jedenfalls sind über dieses Programm begeistert. Eine Seniorengruppe von ver.di hat ihre spontane Mitarbeit zugesagt, da sie die jeweiligen Rundfahrten der Gewerkschaft zu den schönsten
    Krematorien Europas nebst einem Formular zur Sterbeversicherung leid ist.
  • Die Lerche
    am 01.05.2019
    Ein wunderbar lakonischer Artikel, der die (verknöchterten) Traditionen auf die Schippe nimmt, ohne ihre Protagonisten zu desavouieren.
    Wer lieber der Tradition „Tanz in den Mai“ frönen will, findet musikalische Anregungen dazu bei den AnStiftern:
    https://www.die-anstifter.de/2019/05/songwriting-tanz-in-den-mai/

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:















Ausgabe 450 / Wir schweigen nicht / Peter Bahn / vor 1 Tag 15 Stunden
Kann man auch per PayPal spenden?

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!