Qualitätspresse spielt in Baden-Württembergs Medienzukunft anscheinend keine Rolle. Fotos: Joachim E. Röttgers

Qualitätspresse spielt in Baden-Württembergs Medienzukunft anscheinend keine Rolle. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 371
Politik

Land macht irgendwas mit Medien

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 09.05.2018
Der Runde Tisch zur Medienzukunft Baden-Württemberg hätte eine wegweisende Bestandsaufnahme werden können. Stattdessen behandelt das Staatsministerium die Wege, auf denen Qualitätsjournalismus sein Ziel erreichen soll, beklagenswert schwammig.

"Wir navigieren Sie sicher durch den digitalen Wandel", wirbt die Berliner Beratungsagentur "Goldmedia Strategy Consulting", und damit, sich im Zuge langjähriger Tätigkeit "in bestimmten Märkten eine besondere Expertise erarbeitet" zu haben. Einen Eindruck, was sie darunter vertsteht, bietet nun ein im Auftrag des Staatsministeriums angefertigter sogenannter Sachstandsbericht. Auf 64 Seiten wird darin die Medienlandschaft zwischen Main und Bodensee beschrieben: Der Radio-Markt ist "gesamt stabil". Der TV-Markt ist im Umbruch, weil sich "unter 30-Jährige in Scharen" vom herkömmlichen Fernsehkonsum verabschieden. Die Zeitungslandschaft ist "geprägt durch ihre vergleichsweise hohe Dichte".

Ausdrücklich Berücksichtigung finden sollte der Aspekt "journalistische Qualität", wie im Auftrag formuliert ist: "Das Staatsministerium Baden-Württemberg beabsichtigt, einen Runden Tisch 'Medienzukunft Baden-Württemberg' unter Einbezug von Verlegern, Medienhäusern, Medienschaffenden und Verbänden einzurichten." Und der wiederum soll "insbesondere geeignete Unterstützungsmaßnahmen identifizieren, die zum Erhalt der Vielfalt, zur Anpassung der Angebote an neue digitale Herausforderungen sowie zur Förderung der journalistischen Qualität beitragen".

Verantwortlich für Baden-Württembergs Medienzukunft: Regierungssprecher Rudi Hoogvliet.
Verantwortlich für Baden-Württembergs Medienzukunft: Regierungssprecher Rudi Hoogvliet.

Tatsächlich kommt letztere aber nicht vor in diesem Sachstandsbericht. Ebenso wenig wie die Sicherung von Arbeitsplätzen, von Vielfalt und Unabhängigkeit der Berichterstattung, Themen wie Staatsferne oder die Frage, wie Konkurrenz das Geschäft in Redaktionen und im Netz seriös beleben könnte. Deshalb ist der Auftrag glatt verfehlt. Was im Staatsministerium aber niemanden stört und zugleich weitreichende Auswirkungen hat. Denn das Papier ist gedacht als Grundlage des weiteren Vorgehens unter Federführung von Regierungssprecher Rudi Hoogvliet. Am Ende stehen wird immerhin eine Fortschreibung des Landesmediengesetzes.

Die Länder haben keine Zuständigkeiten im klassischen Presserecht, dafür aber für die öffentlich-rechtlichen Sender und deren Angebot. Sie entscheiden über die Zulassung und führen die Aufsicht bei privaten Rundfunkveranstaltern. Private TV-Anbieter produzieren, Stand Februar 2018, zwei Dutzend Programme, von Baden TV über die Regio-TV-Angebote oder BWeins bis hin zum kleinen Internet-TV-Projekt fluegel.tv.

Canapées und Kesselblick

Hoogvliet, der 58-jährige PR-Profi, ist einer der längstjährigen Weggefährten des Ministerpräsidenten und einflussreicher Leiter der Abteilung II, zuständig für politische Themenplanung, Reden des Ministerpräsidenten, Landesmarketing, Veranstaltungen oder Online-Kommunikation. Seit 2016 auch für Medienpolitik, Medienrecht und Rundfunkwesen und damit für den Runden Tisch zur Medienzukunft. Der erste von insgesamt sechs Runden Tischen hat bereits stattgefunden, er war in Wahrheit eher eine Frontalveranstaltung zur Präsentation der Goldmedia-Weisheiten, mit Jazz, Canapés und Talkesselblick. Noch vor der Sommerpause sollen die anderen fünf folgen.

"Meinungsfreiheit und die Freiheit der Medien sind für die Demokratie von unschätzbarem Wert", sagte der gebürtige Niederländer Hoogvliet vor den geladenen Gästen zum Auftakt im April. Nur zwei Tage später tragen PraktikerInnen zum Auftakt der fünften Verhandlungsrunde im Tarifkonflikt für Redakteure an Tageszeitungen das "Manifest der jungen Journalistinnen und Journalisten" vor. Natürlich nicht im Staatsministerium. Dabei hätte es sich ebenso um einen Sachstandsbericht gehandelt, allerdings einen der anderen Art, deutlich weniger technokratisch, lebensnah und erfüllt vom eigenen Tun: "Wir machen Überstunden, Spät- und Wochenenddienste und schicken Artikel mal eben von unterwegs rein. Wir feilen in unserer Freizeit an Konzeptideen und Kamera-Skills und gehen am Wochenende auf Weiterbildungsseminare. Die Anforderungen steigen, die Gehälter nicht." Und direkt an die Arbeitgebervertreter gerichtet: "Nehmen Sie unseren Idealismus nicht für selbstverständlich (...) Wir ersuchen Sie, nicht länger den Journalismus kaputtzusparen."

Die reiche Medienlandschaft "wollen wir in ihrer Vielfalt erhalten und stärken", hatten Grüne und CDU im Koalitionsvertrag von 2016 versprochen. Das las sich nicht schlecht in Zeiten von Lügenpresse-Vorwürfen und anhaltenden Versuchen, das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem in Misskredit zu bringen. Hoogvliet selber rühmt die "die gute Ausgangslage, auf die das Land zu Recht stolz sein kann". Und weiter: "Wir sollten es uns aber nicht nehmen lassen, über weitere Verbesserungen nachzudenken, denn unsere Medienvielfalt ist ein wertvolles Gut, das wir erhalten und stärken wollen."

Schwammiger Medienbegriff

Gute Ausgangslage? Die "Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten" mussten binnen Jahresfrist von 2016 auf 2017 ein Auflagenminus von 4,3 Prozent hinnehmen, die Ulmer Südwestpresse von 4,6 und der Mannheimer Morgen sogar von fünf Prozent. Nurmehr die Hälfte der Menschen im Alter von über 14 Jahren in Deutschland wird von gedruckten Tageszeitungen erreicht. Dass es im Land etwas mehr sind (54,6 Prozent) als im Durchschnitt, ist ein schwacher Trost.

Der soll den Journalismus retten?
Der soll den Journalismus retten?

Viel Stoff für eine Bestandsaufnahme mit Realismus, Tiefgang und Prinzipien. Doch im Sachstandsbericht von Goldmedia bleibt der Umgang mit dem Begriff Medien noch unschärfer als die Aussagen zur Medienlandschaft. Durch das Papier zieht sich ein beklagenswert schwammiges Wirrwarr, unpräzise wird allzu vieles in einem einzigen Topf verrührt. Fast hundert Mal geht es an unterschiedlichsten Stellen um "Markt" und "Märkte", kein einziges Mal um Demokratie und die Rolle der Medien darin. Was soll man auch erwarten? "Medien, Entertainment, Telekommunikation, Sport und Handel sind unsere Kernmärkte", teilt Goldmedia auf seiner Homepage mit. Durchs Netz verbreiten sich so simple wie oberflächliche Kernbotschaften des Unternehmensgründers Klaus Goldhammer, wie "Live-Streaming wird Mainstream", "WhatsApp wird zum neuen Nachrichtenkanal" oder "Roboterjournalismus und Storytelling prägen die Zukunft der Medienbranche".

Wohin die Reise gehen soll, ganz ohne Leitplanken zu Inhalten und Qualität, offenbart das – übrigens frauenfreie – Autorenteam im Kapitel "Datenjournalismus und Künstliche Intelligenz". Darin wird abgehandelt, wie "Menschen in der Regel nur vor- oder nachgelagerte Aufgaben zufallen, beispielsweise die Erfassung der zu verwertenden Daten oder die Sichtung und Kontrolle der erstellten Inhalte". Gerühmt werden die "Vorteile", die auf Algorithmen basierende "standardisierte Nachrichten und Berichte" mit sich bringen, "für die bei der Erstellung keine Kreativität erforderlich ist", die sich aber "massenhaft und in Echtzeit vollautomatisiert produzieren lassen". Naiv, wer hier nur an Sportergebnisse oder Wetterberichte denkt. Die Strategieberater des Staatsministeriums haben vielmehr "anspruchslose, repetitive Aufgaben" im Visier, "wie sie standardweise im Informationsjournalismus vorkommen". Eine Kontext-Anfrage zur näheren Erläuterung dieser beiden Formulierungen lief ins Leere.

Da ist das Netz deutlich auskunftsfreudiger. Im Auftrag des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) hat Goldmedia schon vor zwei Jahren die Studie "Trends im Data-driven Content" vorgelegt. Darin fällt im Zusammenhang mit der Frage, wie Redaktionen vermeiden können, dass sie relevante Nachrichten übersehen, jede Hemmung: "Data-driven" könnte die "aktuelle Polizeiliste aller Verhaftungen nach Kautionshöhe oder bestimmten Schlagwörtern (Musiker, Produzent, Künstler, Namen, etc.)" ausgewertet werden. Und der Sachstandsbericht wiederum macht klar, warum: "Gerade das in der Zeitungslandschaft von Baden-Württemberg übliche Mantelmodell der redaktionellen Organisation könnte von diesem Trend profitieren. Maschinell erstellte, informationsjournalistische Inhalte würden erst zentral organisiert (...) und nach der automatisierten Erstellung auf die jeweiligen regionalen Redaktionsbüros verteilt (...) Dieser Prozess könnte wiederum Personalressourcen freisetzen, um inhaltlich anspruchsvollere, lokale Inhalte zu produzieren."

Beim Ministerpräsidenten muss der Content noch rascheln

Selbst der Konsum solcher Inhalte wird entmenschlicht, dank Alexa und Siri und der vielen anderen Personal Voice Assistants (PVA), die noch auf den Markt kommen sollen. Denn es sei, so der Bericht, "denkbar (und wünschenswert), dass lokale Redaktionen komplementär zu ihrer Printausgabe auch eine PVA-Skill herausbringen, die mithilfe von automatisierter Texterkennung, etwa auf Wunsch die Printnachrichten aus der Region vorliest, lokale Empfehlungen zu Restaurants und Events vorschlägt, den Nutzer mit geolokalen Wetter- und Verkehrsinformationen versorgt oder selbst Leserbriefe oder persönliche Annoncen aus der lokalen Printausgabe vorliest". Mehrere Versuche laufen bereits, zum Beispiel mit der "Stuttgarter Zeitung" und der "Schwäbischen Post". Nicht mehr die journalistische Themenauswahl durch eine Redaktion und ihre Fachleute steht im Vordergrund, sondern Alexa reagiert individuell auf die Frage "Was sind meine Nachrichten?"

Ein Sachstandsbericht wie dieser hätte seine Berechtigung als einer von mehreren. Verspricht doch der zuständige Referatsleiter im Staatsministerium und frühere Stuttgarter Grünen-Kreisvorsitzende Philipp Franke, dass für die anstehenden Thementische "etwa 80 Einrichtungen, Verbände, Unternehmen oder Personen" eingeladen sind, um "die einzelnen Themen aus verschiedenen Blickrichtungen zu erörtern". Auf der Beteiligungsplattform darf sich bis 25. Mai, 17 Uhr, das Fußvolk zu Wort melden, womöglich sogar Mitmenschen, die ob der Vorgehensweise und der Schwerpunkte Bauchgrimmen befällt. "Bitte erklären Sie, was mit dem Begriff 'Vielfalt' genau gemeint ist und wieso die Landesregierung diese stärken möchte", schreibt ein Kommentator "'Regional-TV, Hörfunk, Presse, Social-Media und Future Lounge' – nach unserer Auffassung fehlt bei dieser Aufzählung die Kategorie Online-Medien", monierte beispielsweise bereits die Redaktion der Baden-Badener "goodnews4". Die seien durch keinen Gattungsbegriff abgedeckt.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann 2017 beim Kongress des Deutschen Zeitungsverlegerbands.
Ministerpräsident Winfried Kretschmann 2017 beim Kongress des Deutschen Zeitungsverlegerbands.

Genauso wenig wie das wirkliche Leben. Denn noch werfen die JournalistInnen in ihrem Manifest die Frage an die Verlegerschaft "Sie wollen keine unkritischen Content-Lieferanten, oder?" auf, in der Hoffnung auf ein "Natürlich nicht". Noch verspricht der Ministerpräsident, wie am Wochenende beim Grünen-Parteitag in Leinfelden-Echterdingen, eine Politik, die sich "an Tatsachen orientiert", die "ohne Effekthascherei arbeitet, sondern solide Dinge auf den Weg bringt". An den Runden Tischen gäbe es da ein breites Betätigungsfeld.

Allerdings geht sogar Winfried Kretschmann nicht mit der gebotenen Ernsthaftigkeit zur Sache. Beim Kongress des Zeitungsverlegerbands im vergangenen Jahr in Stuttgart trug er ein Grußwort aus seiner Redenschreiberabteilung vor, das einerseits die Herausforderungen grundsätzlicher kaum schildern könnte: "Es steht nicht weniger als unser demokratischer Verfassungsstaat auf dem Spiel, weil ich ehrlich gesagt nicht weiß, wie Demokratie noch funktionieren soll, wenn es nicht gelingt, die Idee der Zeitung auf das Internet zu übertragen." Andererseits zeichnet er ein Bild von sich aus längst vergangenen Tagen: "Ein gutes Frühstück ohne Zeitungsrascheln und Kaffeeduft ist für mich nicht vorstellbar", fabulierte der vielbeschäftigte Regierungschef, so "muss für mich der Tag beginnen". In Wirklichkeit raschelt es wohl ziemlich selten bei dem Grünen. Denn bei den allwöchentlichen Regierungspressekonferenzen, auf denen JournalistInnen – eine baden-württembergische Besonderheit – alles fragen können, was sie wollen, wird er bei tagesaktuellen Themen regelmäßig auf dem falschen Fuß erwischt.

 

Viel Schwammiges zum Thema Medien bietet nicht nur der vom Staatsministerium beauftragte Sachstandsbericht. Dies bot auch die diesjährige Internet-Konferenz Re:publica, die vom 2. bis 4. Mai in Berlin stattfand. Kontext-Autor Wilhelm Reschl war da, sah viele Big Player und Prominente, während es bei den wirklich interessanten Themen, etwa dem Umgang mit Fake News, dem Besucher eher bange werden konnte. Seinen Bericht "Medienzukunft 4.0" gibt es hier zu lesen.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210
KONTEXT per E-Mail:  

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail. Datenschutz-Hinweis

Letzte Kommentare:





Ausgabe 371 / "Sieg Heil" mit Smiley / Mark Hansen / vor 2 Tagen 9 Stunden
Enttäuschend? Wohl doch eher: bezeichnend.











Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!