1. Kontext-Pressefestival im ehemaligen Güterbahnhof, heute Stuttgarter Kulturinsel. Foto: Joachim E. Röttgers, Karikatur: Oliver Stenzel, Montage: Kontext

Ausgabe 371
Editorial

Wir wollen nicht nur Krimis lesen

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 09.05.2018
So verrückt wie bezeichnend: Wenn Wolfgang Schorlau durch Deutschland reist und liest, wollen die Menschen immer eines hören – Griechenland. Ein Kriminalschriftsteller soll ihnen erklären, wie das war mit Schäubles Troika und den Hilfspaketen und wem die wirklich geholfen haben. Der Stuttgarter Bestsellerautor sagt, das hänge mit den Leitmedien zusammen, denen die Leute immer weniger glaubten. Wollen wir aber nur noch Krimis lesen, sieben Tage lang? Beim 1. Kontext-Pressefestival am kommenden Samstag, 12. Mai, ist Zeit darüber zu diskutieren. Mit echten JournalistInnen von der taz, von "Correctiv", von "Der Anstalt" und von Kontext.

In einem langen Interview hat Dietrich Krauß vor geraumer Zeit erzählt, was sie in "Der Anstalt" so machen und warum sie damit erfolgreich sind. Das Feld für die Gegenöffentlichkeit, für die Satire, werde immer breiter, befand der frühere SWR-Journalist, seitdem das Meinungsspektrum in den Leitmedien "mitunter so schmal geworden ist". Und er zählte den NSU, die Rente, das Giftgas in Syrien und eben Griechenland auf, die Reaktionen des Publikums folgendermaßen beschreibend: "Hoppla, sagt es, so wie in 'Der Anstalt' habe ich das noch gar nicht gelesen oder gehört".

Der Kollege Krauß wird am Samstag mit Katrin Gottschalk von der taz, mit Oliver Schröm von "Correctiv" und Susanne Stiefel von Kontext darüber diskutieren, was gegen die Misere zu tun ist. Wagen wir mal die Prognose, dass ihnen Moderator Stefan Siller nicht die Krimi- bzw. Satirelösung empfehlen, sondern danach fragen wird, was Journalismus heute leisten muss. Wir sind gespannt, welche Nägel die KollegInnen, und das hoffentlich diskussionsfreudige Publikum rein hauen werden. Die Überschrift über dem Podium ("Auslaufmodell Verlegerpresse – Chancen für Alternativen") lässt auf jeden Fall Raum für schlaue Ideen.

Morgens Zeitung gelesen. Geweint.

Kleiner Tipp: Sie können sich schon mal Anregungen beim Kollegen Christian Marquart holen. Der frühere StZ- und FAZ-Redakteur hat seinen Essay mit dem Titel "Morgens Zeitung gelesen. Geweint." versehen und damit das Hauptwerk für unseren Medienschwerpunkt geschaffen: Passend zum Pressefestival bilden Medienthemen den Schwerpunkt. Das muss auch zum siebten Geburtstag so sein, schließlich stand Medienkritik von Anfang an auf unserer Fahne. Der Aufklärung wegen.

Genug des Werbeblocks in eigener Sache. Ein Tusch auch auf die alternativen Medien aus dem Land, auf die "Seemoz" aus Konstanz, die "Beobachter News" aus Rudersberg, "Blix" aus Aulendorf, "Zeitenspiegel" aus Endersbach, das Freie Radio aus Stuttgart, auf den Verlag Klöpfer & Meyer aus Tübingen, der uns die Lesungen von Daniela Engist und Anton Hunger schenkt, und den Schmetterling Verlag aus Stuttgart. Sie alle sind da. Und natürlich auch die AnStifter, deren Häuptling Peter Grohmann die Festrede hält. Wenn jetzt noch das Wetter mit- und die Traumtruppe Merry Judge zum Tanz aufspielt, wird daraus ein guter Tag. Hier gibt's das ganze Programm.

Presse im Umbruch

Print geht, digital kommt. Die meisten Verleger haben das zu spät bemerkt. Statt zu investieren, sparen sie den Journalismus kaputt. Aber es gibt auch positive Beispiele.

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1 Kommentar verfügbar

  • Jue.So Jürgen Sojka
    am 24.10.2018
    "Morgens Zeitung gelesen. Geweint." – Was ja nicht gleich bedeutend ist mit weinerlich zu sein.

    Nun, in den 50er Jahren war das Geld noch knapp, um der Presse in großem Umfang zu Umsatz zu verhelfen. Angesagt war der öffentlich rechtliche Rundfunk, der ohne Bilder – Hörfunk!
    Samstags die StZ-Ausgabe, in der auf dem Titel-Blatt die Karikatur von uns 3 Buben schon sehnsüchtig erwartet war – dargestellt die Zusammenfassung des bedeutungsvollsten Themas / Themenkomplexes der vergangenen Tage.
    Für uns drei Anlass zum Gedankenaustausch – Kommunikation und im Dialog bleiben.

    Verschlafen, was jetzt nicht auf die Zeitumstellung Sommer/Winter -und wieder zurück- zu verstehen ist, sondern auf die Entwicklungen, die sich grundsätzlich früh ankündigen.
    In den 50er/60er Jahren noch überwiegend darum bemüht "A rechts Gschäft zu haben", damit beschäftigt, der vielzähligen Kinderschar die (Über-)Lebensgrundlagen zu erarbeiten.
    Mit dem Aufstieg vom Tagelöhner, über den Arbeiter, zum Technischen Leiter im Neckarhafen wurde der "Pressespiegel" erweitert. Nun mit der täglichen druckfrischen Ausgabe und erweitert mit dem Kauf von Magazinen – selbstverständlich auch den Fernsehapparat zur "Staatsbürgerlichen Bildung" gekauft.

    Also StZ und StN als Leitmedium, noch dicke Auflagen, für die sich entwickelnde Medienkompetenz in Verwendung gehabt. Und… [b][1][/b]

    Medienkompetenz galt es auch in der Schulzeit sich zu erarbeiten – Fach: AG Medien genannt und benotet.

    [b][1][/b] 02.10.2018 SWR»International 11. MEDIENFORUM MIGRATION http://up.picr.de/34155003id.pdf
    60 Jahre Bundesrepublik Deutschland – 60 Jahre Einwanderungsland
    07.10.2018 Kampfansage – Austritt aus röm.-kath. Kirche + Wir leben in einer postfaktischen Zeit http://up.picr.de/34154987wb.pdf
    14.10.2018 Die Deutschen Jammerlappen http://up.picr.de/34154975wq.pdf

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