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Wohin läuft er denn?

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"Kretschmann, läuft!" lautet das Motto der Sommerwanderung des grünen Regierungschefs. Wohin?, fragen sich allerdings immer mehr Menschen nicht nur in seiner Partei. Mit der Ankündigung, sich bei einer Wahlniederlage aus der Politik zurückzuziehen, hat der 67-Jährige eine Debatte angestoßen, die schwer wieder einzufangen ist. Genauso wie die Kakofonie in Baden-Württembergs Flüchtlingspolitik.

Einen Wachtraum träumen die beiden Teams, die sich die Touren des Regierungschefs und seines schwarzen Herausforderers Guido Wolf ausgedacht haben, gerade gemeinsam: dass die Termine im aufwändigen Programm überbucht sind. Es ist der Traum davon, dass die Menschen sich dicht drängeln, wenn der eine gerade in der Gluthitze im Norden des Landes und dann im Süden läuft, wenn er redet, besichtigt, Urkunden überreicht oder diskutiert, sei es über Obrigheim, Müllgestank oder Mountainbiken. Und wenn der andere im orange-gestylten Groß-Bus "in einer Tour für Baden-Württemberg unterwegs" ist, inklusive Ladies Lunches, Firmenbesuchen, Picknick, Gottesdienst und einer Wanderung in der Abenddämmerung. Mit Wahlkampf hat das alles nichts zu tun.

Denn "Wandern bedeutet: Gehen in der Landschaft als Selbstzweck", beschreibt Kretschmann seine Passion selber. Und beichtet, dass er dabei keine schwierigen Gespräche mag, "schon gar nicht über Politik." Jetzt muss er reden, zehn Tage lang. Im Rucksack hat er nicht nur den schönen Amtsbonus, sondern auch reichlich Fragezeichen. Der einzige grüne Regierungschef der Welt steht unter besonderer Beobachtung - der auf Ausrutscher lauernden Opposition sowieso. Aber auch seiner Anhängerschaft, angesichts der vielen eingesammelten grünen Positionen – von TTIP bis Giga-Liner, von Nahverkehrsabgabe bis Wahlrechtsreform. Und natürlich auch vieler Parteimitglieder, die wissen wollen, wohin die Reise (noch) geht. Die Befürchtung hat sich eingeschlichen, dass in dem eigenwilligen Sympathieträger doch der 08/15-Politiker die Oberhand gewinnen könnte, der am Ende vor allem eines will: wiedergewählt werden, um fast jeden Preis.

Wenig standfest nach der Bundestagswahl

Schon bei der Bundestagswahl vor zwei Jahren hatte er gezeigt, dass für ihn im Ernstfall der Zweck die Mittel heiligt. "Das haben ihm viele nicht vergessen", erinnert ein Parteiratsmitglied an die unsäglichen, von CDU, CSU, FDP und zahlreichen Medien immer neu entfachten Debatten über Steuerreform und Veggie-Day. Man müsse auch mal hoffen dürfen, dass Ehrlichkeit belohnt wird, hatte der Ministerpräsident noch kurz vor dem Wahltag auf einer rot-grünen Bund-Länder-Konferenz in Berlin tapfer die Stellung gehalten. Beim Thema "Ein Wochentag ohne Fleisch" brachte er sogar die Lacher auf seine Seite, mit dem Hinweis auf den katholischen Speiseplan in seiner Kindheit. Wenige Tage nach dem miesen Neun-Prozent-Ergebnis war alles anders: Kretschmann lief wenig standfest über zum Chor derer, die schon immer gewusst haben wollten, dass die Wählerschaft keine grüne Bevormundung will.

Viele eherne grüne Überzeugungen stoßen sich im Raum mit Forderungen und Wünschen, die an den Regierungschef tagtäglich herangetragen werden. Manche ehrlich, aus der Bürgerschaft, ohne Kalkül, andere mit weitreichenden Hintergedanken. Seit Wochen drängen CDU und FDP den MP, weitere drei Balkan-Staaten zu sicheren Herkunftsländern zu erklären. Parteifreunde vom alten Fundi-Flügel befürchten, dass er am Ende abermals überläuft. Erst recht seit Boris Palmer, der Ego-Shooter aus dem Tübinger Rathaus, der ganzen Partei ein flüchtlingspolitisches Umerziehungsprogramm anempfohlen hat. Samt der haarsträubenden Idee einer Teilung des Grundrechts auf Asyl in zwei verschiedene Verfahren, um Sinti, Roma und andere Armutsflüchtlinge aus der Republik Kosovo, aus Albanien oder Montenegro, genauso wie Serben, Bosnier und Mazedonier schneller wieder loszuwerden.

Helle Aufregung an der Basis. Im Netz wird dem Tübinger OB, der sich in Sachen Flüchtlingsunterbringung bisher nicht mit Ruhm bekleckert hat, eine Woche Familienurlaub in Mitrovica empfohlen, "wo serbische Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten am Ibar stehen". Eine Studentin erinnert daran, dass in der ehemaligen jugoslawischen Teilrepublik noch immer UNO-Truppen für Sicherheit sorgen müssen. Da von einem sicheren Herkunftsland zu reden, sei "herzlos und geschichtsvergessen".

Beides ist Kretschmann nicht. Aber er läuft Gefahr, anhaltend in die Defensive zu geraten und ausgerechnet sieben Monate vor dem Urnengang vor allem tatsächliche oder vermeintliche Versäumnisse und Fehler erklären zu müssen, nicht nur in der Flüchtlingspolitik. "Auf der Halbhöhe", berichtet einer aus einem grün-geführten Ministerium über den Beraterstab des Regierungschefs, "fällt jede Entscheidung nur noch unter dem Aspekt: Bringt sie Stimmen oder nicht?" Dazu zähle zuvorderst die Drohung mit dem Rückzug aufs Altenteil, die als "strategischer Bringer" bewertet werde.

Dabei transportiert der gezielt im "Spiegel" platzierte Satz eines unstrittig mit: Allein aufs Mandat hat der Abgeordnete mit der größten landespolitischen Erfahrung aller im Parlament keine Lust mehr. Obwohl er mit Sicherheit in seinem Wahlkreis ein historisch herausragendes Ergebnis einfahren wird. Ist der Gründungsgrüne in Wahrheit doch amtsmüde? Der 67-Jährige, der sogar bei Tropentemperaturen mehr oder weniger freiwillig steile Steige nimmt? "Es ist doch klar, dass er im Fall einer Niederlage bei der Landtagswahl nicht mehr den Oppositionsführer gibt", sagt Uli Sckerl, parlamentarischer Geschäftsführer der Landtagsfraktion, im Duktus des Theaterdirektors. "Es ist selbstverständlich, dass er dann keine kleinen Anfragen mehr stellt", gibt Umweltminister Franz Untersteller Einblick in den grauen Parlamentarier-Alltag.

Elegant geht anders

Also wird die interessierte Wählerschaft im und um Nürtingen gut daran tun, Zweitkandidatin Ingrid Grischtschenko in den Blick zu nehmen. Denn: Wer Kretschmann wählt, bekommt bei einer Niederlage der Landesregierung Grischtschenko. Die Geografin ist Fraktionsvorsitzende im Regionalparlament und alles andere als ein unbeschriebenes Blatt auf den Fildern. Sie würde sogar mithelfen, den auch im nächsten Landtag riesigen Männerüberhang abzuschwächen. Aber der elegante Abgang eines Vollblutpolitikers sieht anders aus. Was erst recht gilt, wenn er vielleicht sogar das Direktmandat gewinnt. Oder wenn seine Grünen einen Sensationserfolg erringen und die Koalition nur deshalb nicht fortgesetzt werden kann, weil die SPD über Gebühr schwächelt.

Gilt der Satz "Wenn ich die Wahl verliere, höre ich mit der Politik auf" dann immer noch? Wäre der Gedanke abwegig, der Partei, die dann unverschuldet zurück muss auf die harten Bänke der Opposition, durch die unvermeidlichen Turbulenzen zu helfen? Willy Brandt blieb seiner Fraktion nach dem Rücktritt als Kanzler noch fast 20 Jahre lang bis hoch in die Siebziger im Bundestag erhalten; auch Helmut Schmidt und Helmut Kohl warfen ihre Mandate nicht einfach weg. So viele Fragen, die nach deutlich komplexeren Antworten verlangen als sie Boris Palmer bietet. Kretschmann rede nicht drumherum, sagt der Sohn des Remstal-Rebellen, sondern spreche das aus, was jeder wissen sollte: "Wenn er nicht wiedergewählt wird, geht er eben in den Ruhestand."

Diese Ankündigung ist auch deshalb gefährlich, weil sie nicht zu der geplanten, komplett auf den Ministerpräsidenten ausgerichteten Wahlkampfstrategie passen will. Eine Kultfigur kennt kein Zaudern und keinen Zwiespalt, keine Wenn-Dann-Botschaften, keine Ermattung und keine unziemliche Drohung ans Publikum. Eine Kultfigur verkörpert, wie der Duden so schön erläutert, "Lebensgefühl, Wünsche und Ab- und Ansichten" für eine bestimmte Gruppe. Und diese Gruppe soll nach den Vorstellungen der Grünen dank Kretschmann so groß werden wie irgendwie möglich.

Guido Wolf, der sich in der Flüchtlingspolitik konsequent an die Hardliner der Union heranrobbt, hat die Alterskarte ohnehin schon gezogen: Viele jugendliche Bilder des bald 54-Jährigen schwirren plötzlich durchs Netz. Auf seiner Tour immer dabei ist eine Truppe von JU-Claqueuren, farblich nicht zu unterscheiden von den Fans niederländischer Eisschnellläufer. Springers "Welt" versucht, den CDU-Spitzenkandidaten gar zur Mode-Ikone hochzuschreiben: "Auf seiner Sommerreise überrascht Wolf als Prenzlauer-Berg-Schwabe, stilbewusst mit dunklen Clarks-Desert-Boots, hochgekrempelten Jeans und weißem Hemd, die Brille erlaubt Assoziationen zum Dobrindt-Hipstertum der Union." Mit kühlerem Kopf und ohne Realsatire hatte die CDU-Europaabgeordnete Inge Gräßle ihre Unterstützung für Wolf im Mitgliederentscheid 2014 vor allem mit den fast 14 Jahren Altersunterschied erklärt und den "sicheren Perspektiven in unsicheren Zeiten", die ihre Partei der Wählerschaft mit Wolf biete.

Wenn er wollte, könnte der Ministerpräsident locker kontern mit US-Usancen. Hillary Clinton will – dann 69 – im nächsten Jahr Nachfolgerin von Barack Obama werden. Ihre Parteifreunde Joe Biden (72) und der linke Bernie Sanders (73) erwägen eine interne Gegenkandidatur. Der Satz der Sätze stammt allerdings von einem Republikaner. "Ich werde die Jugend und Unerfahrenheit meines Kontrahenten nicht politisch ausnutzen", versprach Ronald Reagan 1984 zum Auftakt einer TV-Redeschlacht mit seinem damaligen Herausforderer. Nach seiner zweiten Vereidigung als Präsident zog der Ex-Mime eine Parallele zwischen seinen beiden Leben: Als Politiker Amtsmüdigkeit zu zeigen, sei ähnlich gefährlich wie einen Sheriff ohne Revolver zu spielen. Diese Rolle habe er einmal in einer Fernsehproduktion übernommen, "und nach 27 Minuten war ich tot."


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14 Kommentare verfügbar

  • invinoveritas
    am 20.08.2015
    Antworten
    Hans GuckindieLuft

    Gratuliere! Sie sind der vorerst letzte in einer langen Reihe brillanter Köpfe, die sich mühsam an meinem nickname abarbeiten.

    Nebenbei: Latein nicht zu "können", ist nicht vorwerfbar, aber dann sollte man auch die veritas nicht "in Urbis et Orbis" verorten wollen, weil da…
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