Vollgas voll laut. Fotos: Joachim E. Röttgers

Vollgas voll laut. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 228
Gesellschaft

Das Dröhnen der Motoren

Von Jürgen Lessat
Datum: 12.08.2015
Im Weinflecken Schnait vor den Toren Stuttgarts geben Biker gern Vollgas. Zum Leidwesen der Anwohner, die seit Jahren gegen Motorradlärm auf kurvenreicher Strecke ankämpfen. Nun soll ein halbherziges Tempolimit versuchsweise für mehr Ruhe sorgen – während die Kradlawine deutschlandweit weiterrollt.

Oswald Meier kann sich schon lange nicht mehr freuen, wenn an Wochenenden die Sonne vom Himmel lacht. "Dann ist hier die Hölle los, da verstehen Sie ihr eigenes Wort nicht mehr", erzählt der 65-jährige Rentner, der seinen richtigen Namen nicht veröffentlicht sehen will. Mit dem schönen Wetter fallen sie ein in Schnait, einem Ortsteil von Weinstadt im Remstal, gut 15 Kilometer östlich von Stuttgart. Behelmte Gestalten auf ihren Feuerstühlen, häufig mit mehr als 100 Pferdestärken unter dem Allerwertesten. Oft allein, manchmal auch als "marodierendes Rudel", wie Meier die Karawanen von K-Rad-Fahrern bezeichnet, die an seinem Haus in der Weinstraße vorbeidröhnen. 270 Maschinen in dreieinhalb Stunden zählte das Ordnungsamt vergangenes Jahr an einem Maisonntag. "Der Verkehr hat massiv zugenommen, heute fährt hier noch viel mehr durch als früher", zürnt er.

Die kurvenreiche Strecke lockt jede Menge Motorradfahrer.
Die kurvenreiche Strecke lockt jede Menge Motorradfahrer.

Kaum einer der Biker kommt, um zu bleiben. Sondern um Gas zu geben auf der K 1865, die von der Gaststätte Lamm unten im Flecken in sieben Kehren steil hinauf in den Schurwald führt. "Die Streckenführung verleitet viele zum Rasen und lärmintensiven Ausdrehen der Gänge", sagt Meier. Auf Youtube hat einer der Fahrer die Abfahrt vom aussichtsreichen Höhenzug hinunter ins Tal dokumentiert. Der Clip zeigt, wie beim Beschleunigen aus den Kurven der Drehzahlmesser am roten Bereich kratzt, wie Mensch und Maschine mit über achtzig Sachen in den Ortskern rasen. Ein großes Schild der Verkehrswacht, das am Straßenrand ein schlafendes Baby und ein unmissverständliches "Pssst. Rücksichtsnahme" zeigt, bleibt unbeachtet. "Die strecke macht sooo bock", freut sich ein Kommentator mit leichter Rechtschreibschwäche.

Die Anwohner fordern eine Verkehrsberuhigung

Viele der rund 250 Anwohner dagegen sind mit ihren Nerven längst am Ende. "Das war nicht mehr auszuhalten", begründet Meier, warum sich Lärmgeplagte im Jahr 2002 in der "Interessengemeinschaft gegen Lärm und Raserei" zusammenschlossen. Seither fordern sie, im wahrsten Sinne des Wortes, Verkehrsberuhigung. Eine, die das Leben im Geburtsort des Chorleiters Friedrich Silcher wieder erträglich macht. "Die Rechtslage gibt verkehrsbeschränkende Maßnahmen nicht her", bekamen sie jahrelang zu hören. Auch von Weinstadts Oberbürgermeister Jürgen Oswald, der selbst "sehr gut nachvollziehen kann, dass der Lärm der Motorräder insbesondere in der Sommersaison für die Anwohner der Schnaiter Weinstraße nicht angenehm ist".

Man habe zusammen mit allen Verantwortlichen schon vor Jahren alle rechtlichen Möglichkeiten intensiv geprüft, erinnert das Stadtoberhaupt. Doch Anträge der Kommune auf Tempo 30 wurden vom zuständigen Regierungspräsidium Stuttgart immer abgeschmettert. Während Windräder oder Gewerbebetriebe strikten Lärmschutzvorgaben unterliegen, gestehen Gesetzgeber und Behörden dem Verkehr, insbesondere den motorisierten Zweirädern, offenbar mehr Freiheiten zu.

Denn Behörden können die Benutzung bestimmter Straßen oder Straßenstrecken beschränken oder verbieten, wie Paragraf 45 der Straßenverkehrsordnung (StVO) regelt. Etwa "aus Gründen der Sicherheit oder Ordnung", wenn es immer wieder an der gleichen Stelle kracht. Einschreiten dürfen sie auch "zum Schutz der Wohnbevölkerung vor Lärm und Abgasen". "Wir handhaben dies sehr restriktiv", sagt Klaus Trautmann, Leiter des Verkehrsreferats im Stuttgarter Regierungspräsidium. Anders gesagt: Straßen sind aus Sicht der Behörden zuallererst für den Straßenverkehr da. Und nicht für Anwohner, die an ihnen wohnen.

Dabei lässt sich nicht einheitlich beantworten, wann Verkehr zu laut ist. Denn es existieren verschiedene Grenz-, Richt- und Orientierungswerte mit spezifischen Anwendungsbereichen. So nennt das Bundesimmissionsschutzgesetz 59 Dezibel (dB(A)) tagsüber und 49 Dezibel nachts als Grenzwert in reinen Wohngebieten. In Dorfgebieten liegt er tageszeitabhängig bei 64 und 54 dB(A). Allerdings gelten diese Werte nur beim Neubau von Straßen. An bestehenden Verkehrswegen darf Verkehrslärm deutlich höher sein, nämlich 60 dB(A) nachts und 70 dB(A) am Tag. Der Unterschied ist aus menschlicher Sicht beträchtlich: Eine Pegeländerung um 10 Dezibel entspricht etwa einer Verdopplung beziehungsweise Halbierung der subjektiv empfundenen Lautstärke.

Das Problem sind die lauten Ausnahmen

In der Praxis taugen die Grenzwerte nicht immer, beispielsweise wenn einzelne laute Vorbeifahrten durch LKW oder, wie in Schnait, durch Motorräder zum Problem werden. Ein Fahrverbot für diese Fahrzeugarten würde eine spürbare Entlastung für Anwohner bringen, auch wenn sich das nicht entsprechend in der Senkung des Mittelungspegels niederschlägt. Auch wirksame Geschwindigkeitsbeschränkungen vermindern die Geräusche der einzelnen Fahrzeuge bei Vorbeifahrt besonders stark. "Dies führt dazu, dass solche Geschwindigkeitsbeschränkungen von der betroffenen Bevölkerung positiver bewertet werden als dies im Rückgang des errechneten Lärmpegels zum Ausdruck kommt", heißt es auch unter Ziffer 3.3 der behördlichen Lärmschutz-Richtlinien.

Dieser Erkenntnis verschließt man sich inzwischen auch im Stuttgarter Regierungspräsidium nicht mehr. "Nach jahrelangen Gesprächen und Diskussionen", so Weinstadts Sprecher Jochen Beglau, stimmte die Behörde im vergangenen Jahr einem Verkehrsversuch zum Lärmschutz in Schnait zu. An Wochenenden und Feiertagen im Sommerhalbjahr gilt Tempo 40 innerorts sowie Tempo 70 jenseits des Ortschilds. Im Frühjahr stimmte das Verkehrsministerium einer Verlängerung des Pilotversuchs für die diesjährige Motorradsaison bis zum 31. Oktober zu. Das erste Testjahr hatte noch kein eindeutiges Ergebnis geliefert. Unabhängig davon hatten die Schnaiter mehr gefordert. "Woanders ist heute Tempo 30 gängig, um Verkehrslärm zu bekämpfen", betont Anwohner Meier.

Ganz legal: Lärmend Richtung Tal.
Ganz legal: Lärmend Richtung Tal.

Doch die meisten Motorräder lärmen legal. Der Grund: Die Maschinen sind in der Praxis deutlich lauter als ihnen das EU-Genehmigungsverfahren zugesteht. Zwar gelten ab 1. Januar 2016 für neue Motorräder verbesserte Messvorschriften zur Lärmbegrenzung. Doch auch diese sind noch immer viel zu weit vom praktischen Fahrbetrieb entfernt, wie ein Versuch des baden-württembergischen Verkehrsministeriums auf dem Flughafen Lahr im Mai ergab.

Wie laut die Motorräder in Schnait sind, veranschaulicht seit kurzem ein Messgerät. Ein Lärmdisplay, vom Landtagsabgeordneten Jochen Haußmann (FDP) von einer Bürgerinitiative im sächsischen Radebeul ausgeliehen, misst die Schallintensität bei Vorbeifahrten. "Mehr als 60 dBA? Bitte Gas weg!", fordert die Anzeigentafel, ähnlich wie bei Tempotafeln. "Es ist ein deutlicher Appel an die Vernunft der Motorradfahrer", so Oberbürgermeister Oswald bei Aufstellung der Anlage, um deren Betrieb sowie Datenauswertung sich die Anwohner kümmern.

Doch während in Schnait Hoffnung auf Ruhe aufkeimt, dröhnt es woanders weiter, wo Landschaft schön und die Kurven eng sind. In Mittelgebirgen und in den Alpen herrscht an schönen Tagen "eine Geräuschkulisse wie auf der Rennstrecke", so die Klagen von Bürgerinitiativen bundesweit. Doch nicht nur in Erholungsgebieten und Urlaubsregionen, auch in den Ballungsräumen leiden immer mehr Menschen unter den Easy Ridern. "Laute Motorräder sind der Schlafkiller Nummer eins im Revier", berichtete die Westdeutsche Allgemeine Zeitung kürzlich über Untersuchungen an der Autobahn A 45 in Dortmund.

100 Dezibel. Das entspricht der Lautstärke eines bis zum Anschlag aufgedrehten Ghettoblasters.
100 Dezibel. Das entspricht der Lautstärke eines bis zum Anschlag aufgedrehten Ghettoblasters.

Es hat mehrere Gründe, warum Biker immer mehr Menschen auf die Nerven gehen. Zum einen ist es die rasant wachsende Bestand motorisierter Zweiräder, der Ende 2014 mit 5 939 954 zugelassenen Fahrzeugen an der 6-Millionen-Grenze kratzte. Im vergangenen Jahr verzeichnete die deutsche Motorrad- und Rollerbranche mit 8,7 Prozent den höchsten Zulassungsaufschwung der letzten 17 Jahre. Allein die Zahl der Motorräder stieg in diesem Jahr laut Kraftfahrtbundesamt auf über 4,145 Millionen Maschinen. Mit 1,94 Krafträder pro 1000 Einwohner ist Bayern mit Abstand das Biker-Land Nummer Eins, gefolgt von 1,38 Bikes auf 1000 Hessen und 1,36 K-Räder in Baden-Württemberg. "Die Rahmenbedingungen dafür sind großartige neue Modelle, eine neue Lust auf Motorräder und Roller als urbane Mobilitätsgaranten und die stabile deutsche Wirtschaftspolitik", berichtet der Industrieverband Motorrad. Genervte Anwohner wie Oswald Meier sehen den Motorrad-Boom dagegen als Ausdruck einer Wohlstandsgesellschaft, in der individuelles Vergnügen mehr zählt als verantwortungsbewusstes Verhalten: "Wer nach Feierabend kurz mal hundert Kilometer Richtung Alpen runterreist, macht sich keine Gedanken über Anwohner oder Klimawandel."

Im Test zeigte sich, dass einzelne Motorräder bei einer praxisnahen Auslegung des Messverfahrens mehr als 10 dB(A) lauter waren als im gesetzlichen Verfahren. Insbesondere lärmintensives hochtouriges Beschleunigen und straßenübliche Geschwindigkeiten über 80 km/h werden in den EU-Messvorschriften nicht berücksichtigt, kritisiert Staatssekretärin Gisela Splett als Lärmschutzbeauftragte der Landesregierung. Für Anwohner beliebter Motorradstrecken ist das keine gute Nachricht: Auch vorschriftsmäßige neue Motorräder werden bei sportlicher Fahrweise auf Jahre hinaus massiv Lärm verursachen.

Zahlreiche schwarze Schafe

Zudem gibt es zahlreiche schwarze Schafe, die ihre Maschinen manipulieren. Zwischen März und Mitte Juli 2015 kontrollierte die "Kontrollgruppe Motorrad" der bayerischen Polizei in Oberbayern 1400 Biker. Dabei stellten die Beamten 308 Ordnungswidrigkeiten, 123 Verwarnungen und 18 Straftaten fest. Das entspreche einer Beanstandungsquote von knapp 30 Prozent, was "ein immens hoher Wert ist", so der verantwortliche Polizeiführer. Die meisten Verstöße betrafen Manipulationen an der Auspuffanlage. "Mindestens ein Drittel der Fahrer schraubt die Schalldämpfer von ihren Auspuffen, was ohrenbetäubenden Krach verursacht", sagt auch der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) und kritisiert, dass dieses illegale Imponiergehabe seit Jahren geduldet werde. "Wer erwischt wird, muss beim TÜV nur mit (zu diesem Anlass) eingeschraubtem Schalldämpfer vorfahren", fordert die Organisation, Motorräder mit entferntem Schalldämpfer aus dem Verkehr zu ziehen.

Eine Leserumfrage des BUND-Magazins zu Motorradlärm traf einen Nerv. In 160 Zuschriften schilderten Anwohner von Motorradstrecken und Wanderer in verlärmten Erholungsgebieten ihre Negativerlebnisse und verlangten Abhilfe. Motorradfahrer fühlten sich dagegen zu Unrecht angegriffen, verwiesen auf andere Lärmquellen. Auspuffhersteller und die Politik kritisierten die Fragestellung des BUND als zu einseitig und tendenziös. Die heftigen Reaktionen nötigte die Umweltschützer zu einer Klarstellung: "Der BUND und sein Arbeitskreis Motorradlärm kritisieren nicht die Gesamtheit oder auch nur die Mehrheit der Motorradfahrer, sondern will dazu beitragen, dass die "schwarzen Schafe" nicht weiter ihren - nachweislich besonders wahrnehmbaren und lästigen - Motorradlärm über Stadt und Land verbreiten."

In lärmgeplagten Weinort Schnait wollen die Behörden im Herbst entscheiden, ob künftig ein dauerhaftes Tempolimit gilt.

 

Weiterführende Links:

Arbeitskreis Motorradlärm im BUND

Bundesverband der Motorradfahrer


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