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Jung und nicht naiv

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Während die Zeitungsverleger kuriose Kampagnen erfinden, um ihre Geschäfte zu retten, zeigt Tilo Jung, wie Journalismus auch gehen kann. Und rät den Alten der Branche, doch mal in den Spiegel zu schauen.

Der Medienkongress der Landesregierung neigt sich dem Ende zu, die grüne  Staatsministerin Theresa Schopper bilanziert "großes Kino" und die Anwesenheit der "Crème de la Crème" in den Stuttgarter Wagenhallen (Kontext berichtete). Draußen ist es schon dunkel, die verbliebenen Gäste holen sich noch ein Glas Rotwein, während der Journalist Tilo Jung bereits den Computer aufgeklappt hat und schreibt. Vorher hat er mit Clemens Bratzler (SWR) noch über Follower & Formate diskutiert. Vor der Heimreise bleibt noch Zeit für einen kleinen Plausch. 

 

Herr Jung, was empfehlen Sie den Alten, die auch hier besseren Zeiten nachgetrauert haben?

Guckt in den Spiegel.

Das muss nicht tröstlich sein.

Aber realistisch. Dann sehen sie erstmal alte Menschen, die womöglich aus der Zeit gefallen sind. Sie sollten sich eingestehen, dass sie nicht mehr alles mitbekommen, was sie vielleicht früher mitbekommen haben. Die Welt entwickelt sich eben weiter.

Ein bisschen mehr Mitleid mit uns Alten möchte schon sein.

Es hilft aber nichts. Es hilft auch nichts, jetzt darüber zu klagen, dass die einen nicht mehr drucken, die anderen nicht mehr finanzieren, die dritten das Gedruckte nicht mehr lesen, die vierten alles gratis haben wollen. Das ist so sinnlos, wie wenn ich Leute beschimpfe, die AfD gewählt haben. Es wäre sinnvoller, sich an die eigene Nase zu fassen und zu überlegen, warum man selber nicht gewählt wird. Altes Sprichwort: Wer mit dem Finger auf  jemanden zeigt, auf den zeigen drei zurück.

Keiner vom Hof

Tilo Jung, 34, gebürtiger Mecklenburger, hat 2013 mit seiner Interviewsendung "jung & naiv – Politik für Desinteressierte" angefangen. Seine Zuschauer sind zwischen 18 und 35 Jahre alt und gehen in die Hunderttausende. Er habe keine politische Agenda, sagt er über sich selbst, er wisse nur, wie es nicht laufen sollte, und dass er keiner "vom Hof", kein staatstragender Journalist sei. Seit 2015 gibt es von ihm auch den Podcast "Aufwachen", in dem er die politische Berichterstattung analysiert. Mit Vorliebe ARD und ZDF. (jof)

Ein Vorgang in der Bundespressekonferenz erscheint Jung symptomatisch: 2015 klagt die AfD Kanzlerin Merkel als Schlepperin an und präsentiert einen Zehnpunkteplan. In den folgenden Monaten merkt er, dass sieben oder acht Punkte der AfD von der Regierung Merkel umgesetzt werden. Die Regierung habe das in der Hoffnung gemacht, die Leute ruhig zu stellen. Das Gegenteil sei eingetreten.

Der Spruch mit den drei Fingern könnte von meiner Mutter stammen.

Kluge Frau, jedenfalls klüger als alle diejenigen, die glauben, das Internet sei an allem schuld. Warum gehen die Jungen denn ins Netz? Weil es böse ist? Sie gehen ins Netz, weil es leichter zugänglich, leichter verständlich und authentischer ist. Und warum stellen die Verleger ihr Zeug ins Internet, wenn es so böse ist?

Weil sie sonst den Totengräber bestellen können. Sagen sie.

In Österreich gibt es ein schönes Gegenbeispiel: die Wochenzeitschrift "Falter". Die verschenkt nichts. Auf ihrer Homepage kündigen sie zwar auch ihre Kracher an, lesen kann man sie aber nur in der gedruckten Ausgabe. Wenn man da konsequent ist und die Türe zulässt, gewöhnen sich die Leute daran und zahlen irgendwann auch dafür.

Inzwischen sind die Verlage Meister darin, die ausgefuchstesten Paywalls hochzuziehen.

Mit mäßigem Erfolg. Relevante Nachrichten finde ich überall. Wenn ich sie über den "Spiegel" nicht kriege, gehe ich halt zum "Stern", der mir sagt, was im "Spiegel" gestanden hat.

Das werbefinanzierte Pressemodell scheint an sein Ende zu kommen.

Ja, und es beschleunigt sich durch Google, Facebook und Youtube. Dorthin wandern die Zielgruppen der Werbung und damit auch die Werbebudgets. Das wäre nur politisch zu beeinflussen, wenn man sagen würde: Na, dann besteuern wir die mal schön und finanzieren die alten Modelle quer, die uns so wichtig sind.

Sie selbst sagen: Kritischer Journalismus und Werbung vertragen sich nicht.

Ein Werbefuzzi will immer ein angenehmes Umfeld. Wer schaltet gern Reklame, wenn es um IS-Terror oder den NSU geht? Kritischer Journalismus ist per se werbeunfreundlich.

Quote wäre aber schon nicht schlecht.

Niemand will ein Produkt anbieten, das kein Mensch interessiert. Aber in der heutigen Zeit noch mit der Kategorie Quote anzutreten, ist abenteuerlich. Insbesondere beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Warum kaufen die sündhaft teure Sportrechte ein?

Wegen der Grundversorgung ihres Publikums. Sagen sie.

Quatsch. Weil sie damit ihre Quote am Jahresende noch einigermaßen halten. Sonst würde rauskommen, dass noch viel weniger junge Leute ARD und ZDF gucken. Viel gescheiter wär’s, sie würden das Geld, das sie in Sportrechte stecken, in neue Sendungen investieren. Warum läuft denn jetzt kein neues Format im "Zweiten" in der Zeit, in der es früher die Championsleague gebracht hat?  

Stimmt. Da müsste Geld übrig sein.

Aber hallo. Mit diesem Geld könnte man wahrscheinlich mindestens zehn Sendungen produzieren. Mit jungen Leuten, für junge Leute, und mit dem Mut zum Risiko, etwas schiefgehen zu lassen. Daraus habe ich selbst am meisten gelernt. Ich bezeichne mich nicht von ungefähr als freien Chefredakteur.

Das ZDF hat Jung im vergangenen Jahr gebeten, eine Pilotsendung zu entwickeln. "Meine Sache, mit Unterhaltung", sagt er, "kein Kabarett, kein heute-show-Kram". Zuerst hätten sie ihn hoch gelobt, danach abgelehnt. Die Alten im Sender seien es gewesen, die es gefährlich gefunden hätten, wenn er erfolgreich gewesen wäre. Heute würden mehr Junge seinen Kram kennen als das "heute journal", erzählt der 34-Jährige.

In alten Hierarchien ist Schieflaufen und Scheitern nicht vorgesehen.

Ich weiß. Erst kommt der Redaktionsleiter, dann der Abteilungsleiter, dann der Chefredakteur, und wehe, zwischendrin scheitert einer. Dann ist er gleich angeschlagen und das Projekt gefährdet. Es ist typisch deutsch zu glauben, alles müsste auf Anhieb klappen und perfekt sein. Ich habe einige Zeit in den USA gelebt und dort gelernt, erstmal zu machen und dann zu schauen, ob’s funktioniert. Wäre ich in Deutschland geblieben, hätte ich wahrscheinlich zuerst meine Oma gefragt, ob das Video okay ist, und darauf keine ehrliche Antwort bekommen. Stattdessen habe ich es einer breiten Öffentlichkeit präsentiert, die mich hätte teeren und federn können. 

Hat sie nicht getan. Inzwischen kriegen Sie fast jeden von der Berliner Bühne.

Aber nicht wegen der Perfektion, sondern wegen der Zeit, die ich habe. Sahra Wagenknecht hat mir erzählt, dass ein ZDF-Team eineinhalb Stunden gebraucht habe, bis es ein 15-Sekunden-Statement im Kasten hatte. Bei mir kriegt sie eineinhalb Stunden, ungeschnitten, und Fragen gestellt, die auf der Augenhöhe von jungen Leuten liegen. Ein Danke für die Zusammenarbeit, wie im Politikbetrieb üblich, gibt es bei mir nicht.

Immer wieder erfrischend sind Jungs Fragen an die Regierungssprecher in Berlin. Etwa wenn wieder militärische Einsätze bevorstehen. Während die Altvorderen fragen, wann’s los geht und wieviel Soldaten ausgesandt werden, will Jung wissen: Warum gehen wir, wie kommt man hin, was ist das Ziel, was ist das Exitszenario? Inzwischen sei es ein Running Gag, dass Regierungssprecher Seibert darauf keine Antworten habe.

Eingangs haben wir gefragt, was Sie den Alten empfehlen? Was raten Sie den Jungen?

Guckt euch an, was euch selbst fehlt und behebt den Mangel. Seid eure eigene Zielgruppe. 


Die kursiven Passagen basieren auf einem Gespräch, das Peter Unfried und Harald Welzer mit Jung für "tazFuturZwei" (6/2018) geführt haben.

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11 Kommentare verfügbar

  • Peter Nowak
    am 02.12.2019
    Antworten
    Thilo Jung reicht sich auch in den Kreis derjenigen ein, die mit ihrer Betonung des Generationskonflikts mit den berüchtigten "alten, weißen Männern", die Frauen werden auch hier gerne unterschlagen, auch die erkämpften Rechte verschrotten wollen, die einmal erkämpft wurden. Das wird auch die…
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