Manchmal hat man den Eindruck, in den Medienhäusern herrsche Dauerdepression. Foto: Joachim E. Röttgers

Manchmal hat man den Eindruck, in den Medienhäusern herrsche Dauerdepression. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 431
Medien

Hallo Leser, noch da?

Von Rainer Stephan
Datum: 03.07.2019
Youtuber Rezo, der Karl Kraus der Moderne, hat die alten Medien in die Sinnkrise gestürzt. Dabei versuchen die schon lange, ihrem drohenden Untergang durch geschmeidige Anpassung zu entgehen. Keine gute Idee, meint unser Autor.

Nicht dass sie es wirklich wissen wollten. Aber dieses Mal mussten sie es wissen. Denn bei den Rezo-Faktenchecks der gedruckten oder gesendeten, also der alten Medien ging es, genau genommen, auch um sie selbst. Tendenz bei allen, außer bei der fast masochistisch standhaften FAZ: Der herzerfrischende CDU-Aufklärer hat in vielem recht, nur argumentiert er manchmal ein bisschen zu undifferenziert und oberflächlich. Mit anderen Worten: Sympathischer Junge, dieser Rezo – aber doch gut, dass es uns gibt, die seriöse Presse, die das alles noch ein bisschen besser weiß.

Zeit für den Faktencheck der Faktenchecks? Geschenkt. Stattdessen eine nachträgliche Solidaritätsadresse an Annegret Kramp-Karrenbauer. Nicht dafür, dass sie im ersten Schreck nach "Regeln" für ungedruckte politische Äußerungen rief. Aber sehr wohl dafür, dass sie sich nicht vorstellen konnte, dass siebzig Zeitungsredaktionen zwei Tage vor einer Wahl so einen Aufruf wie "Die Zerstörung der CDU" gedruckt hätten. Das nämlich können wir uns auch nicht vorstellen. Kein einziges Medium der Alten Welt hätte das gedruckt oder gesendet. Nicht zwei Tage, nicht zwei Monate vor der Wahl. Sondern prinzipiell nicht.

Wundert sich da noch einer darüber, dass Menschen unter 60 sich nicht nur von den Volksparteien abwenden, sondern auch von den Zeitungen und vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen?

Bodenhaftung verloren

Ausflug nach Schaffhausen. Nicht wegen des Rheinfalls (der brodelt eh im Nachbarort Neuhausen), sondern wegen des Historikers Johannes Müller, der dort vor fast 250 Jahren zum ersten Mal das Phänomen "öffentliche Meinung" beschrieb – als "Volksstimme, deren Laut und Nachdruck der Schrecken der Despoten, das Gesetz bürgerlicher Vorsteher, ein wirksamer Trost für Unrechtleidende, und bey fallender politischer Freyheit für ganz Europa die letzte große Hoffnung wird."

Und es kam ja noch besser: Schließlich wurde sie sogar artikuliert, die öffentliche Meinung, als veröffentlichte Meinung, mit anderen Worten, als freie Presse. Aber: Wer im Zusammenhang mit Meinung von "veröffentlicht" redet, meint eben nicht einfach öffentlich zugänglich. Veröffentlicht klingt nach verlautbart, ja fast nach verordnet, von wem auch immer.

Volkes Stimme Ende 2018, erfasst in der Langzeitstudie "Medienvertrauen" der Uni Mainz: "Die Medien haben den Kontakt zu Menschen wie mir verloren", erklärten 27 Prozent der Deutschen (im Jahr davor waren es erst 18 Prozent), und 43 Prozent (Vorjahr 36) fanden, "dass die Medien die gesellschaftlichen Zustände ganz anders darstellen, als es die Bürger im eigenen Umfeld wahrnehmen."

Vertrauenstendenz insgesamt: fallend. Und Hoffnung? Hat wenigstens Michael Angele, Co-Chefredakteur des "Freitag", noch einmal in Schaffhausen gefunden und uns, in seinem Buch "Der letzte Zeitungsleser", ans Herz gelegt. Die Hoffnung hieß: "Der Narziss. Schaffhausens größte Zeitung." In Wahrheit war’s natürlich Schaffhausens kleinste Zeitung, auf Schreibmaschine geschrieben, und auf der Rückseite präsentierte sich der Verleger und einzige Autor: "Entdecken Sie Mich! Den großen Epiker, den engagierten Revolutionär, den packenden Reporter, den fesselnden Erzähler!" Eben darin, so Angele, "steckt schon etwas von den großen Verheißungen des Zeitungslesens."

Doch der Narziss ist tot.

Oder so: Der Schaffhauser Narziss ist tot, aber der Narziss als solcher samt seinen großen Verheißungen ist wieder geboren, mit blauen Haaren vielleicht oder anders coolem Youtuber-Outfit. Seine Schreibmaschine ist die Webcam und/oder die digitale Tastatur. Überhaupt sind die sozialen Medien nicht die Nachfolger der Druckerpresse, sondern der Schreibmaschine! Nicht digital oder analog macht den Unterschied, sondern Kollektiv oder Individuum; nicht obwohl, sondern weil er als Individuum wahrgenommen wird, schafft ein einziger neuer Narziss, was die großen alten Medien mit all ihrem Personal und Kapital so gut wie nie hingekriegt haben: Er versetzt die CDU in helle Panik – und die alten Medien in eine Kurzzeit-Hysterie, die sich bald zur Dauer-Depression entwickeln könnte.

Alles ok also, oder (aus der Alte-Welt-Perspektive) alles verloren?

Aus dem Spiegel-Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1966: "In der repräsentativen Demokratie steht die Presse (…) zwischen dem Volk und seinen gewählten Vertretern in Parlament und Regierung. Sie fasst die in der Gesellschaft und ihren Gruppen unaufhörlich sich neu bildenden Meinungen und Forderungen kritisch zusammen, stellt sie zur Erörterung und trägt sie an die politisch handelnden Staatsorgane heran, die auf diese Weise ihre Entscheidungen (…) am Maßstab der im Volk tatsächlich vertretenen Auffassungen messen können."

Konsens statt Kante

Wahnsinn! Die Presse soll echt von unten nach oben agieren, die Meinungen und Forderungen der Menschen artikulieren und sie den Regierenden zwecks Maßstabbildung hinter die Ohren schreiben? Wäre das so, wie heftig, bunt und lebendig müsste es in der Presselandschaft zugehen. Stattdessen: Zunehmend kultivierte Gedämpftheit, zunehmende Konsenspflege.

Aber woran bitte liegt das? An den Verlegern? Also daran, dass Zeitungsverlage in der Regel kapitalistische Unternehmen sind, die erstens Gewinne erwirtschaften wollen, zweitens auf Anzeigenkunden angewiesen sind, drittens wegen der Konkurrenz aus dem Internet und (sofern das nicht aufs Gleiche hinausläuft) wegen der rapid fortschreitenden Entalphabetisierung gegen ihren Niedergang kämpfen – und deswegen den Druck auf ihr journalistisches Personal verschärfen?

Antwort: Ja.

Aber nicht nur. In seinem glänzend recherchierten Buch "Mainstream" zitiert der Leipziger Medienwissenschaftler Uwe Krüger den heutigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier. Der murrte 2014 ausgerechnet auf einer Medienpreis-Gala: "Wenn ich durch den Pressespiegel meines Hauses blättere, habe ich das Gefühl: Der Meinungskorridor war schon mal breiter." Und: "Der Konformitätsdruck in den Köpfen der Journalisten scheint mir ziemlich hoch."

Das Problem pflanzt sich fort. Begegnet man ihnen persönlich, erscheinen zumindest die jungen Akteure der alten Medien nicht weniger cool und selbstbewusst als ihre Kolleginnen und Kollegen, die sich über die neuen Kanäle artikulieren. Innerhalb der Redaktionen aber sieht es erschreckend anders aus. Wo man hinschaut, nichts als Sachzwänge und Denkzwänge. Weil auch Papierzeitungen längst digital hergestellt werden, sind Setzer, Drucker, Layouter und Korrektoren aus dem Produktionsprozess geflogen. Den erledigt jetzt das schreibende Personal, und weil auch an dem streng herumgespart wird, erledigt es ihn nicht nebenbei, sondern umgekehrt: Nachdenken, Recherchieren und Schreiben sind zu bloßen Nebentätigkeiten geworden. Schindet einer doch einmal ein paar Stunden (de facto: Überstunden) dafür heraus, hütet er sich, mit seinem – seinem – Denken und Schreiben anzuecken. Er ahnt, oder er fürchtet zumindest: Die Kollektive, also die Redaktionen, die Peergroups und natürlich die Chefetagen lesen schon mit, bevor die erste Zeile formuliert ist.

Kein Vergnügen

"Alle einigen sich auf eine Interpretation, und der, der ihr nicht folgt, ist entweder ein Radikaler oder ein Verrückter." Sagt nicht irgendein Radikaler oder Verrückter, sondern Klaus-Dieter Frankenberger von der FAZ.

Wer immerfort am Konsens klebt, höhlt ihn aus.

Hallo Leser, noch da? Ja? Danke, es gibt sie also noch, die guten alten Zeitungsleser! Das Problem ist: Leser werden entweder selbst Teil des Mainstreams, eben durchs Lesen. Oder aber, sie erwarten trotz aller Gewöhnung mehr, wollen überrascht werden, wollen, dass auch mal Kante gezeigt wird, dass Ausbrüche stattfinden aus dem braven Konsens. Nützt ihnen aber nichts. Denn sie dienen, ob sie wollen oder nicht, dem Mainstream auch noch als Legitimation. Leserfreundlich schreiben!, heißt die Devise – und es ist eine miserable Devise. Denn sie nimmt die Leser gerade nicht ernst, traut ihnen nichts zu, keine eigenen Denkprozesse, kein Urteilsvermögen und darum in Wahrheit auch: kein Vergnügen!

Das zaghafte Kleben am Mainstream wird die alten Medien nicht retten. Retten könnten sie Autoren, die sich dem Anpassungsdruck der eigenen Redaktionen widersetzen. An wen erinnern wir uns, wenn wir an große deutsche Publizisten denken? An Maximilian Harden, der sich im Untertanenklima des deutschen Kaiserreichs nicht scheute, den Monarchen persönlich in die Schranken zu fordern. An Karl Kraus – als die tonangebenden Geistesgrößen 1914 unisono den Krieg begrüßten, überzog er sie unnachgiebig mit seinen Wut- und Intelligenztiraden.

Weil die großen Zeitungen das nicht ertrugen, gründeten Harden wie Kraus kurzerhand eigene Blätter, "Die Zukunft" und "Die Fackel", die sie praktisch im Einmannbetrieb gestalteten. Sie, und nicht die heutigen Leitmedien, sind die Vorgänger der kritischen Blogger und Youtuber.

Last but not least: Tucholsky.

Der große Querdenker Kurt Tucholsky schrieb und kämpfte und wütete und spottete nicht nur in der explizit linken "Weltbühne", sondern auch in höchst etablierten Zeitungen wie dem "Berliner Tageblatt" und der "Vossischen Zeitung".

Na also: Es geht doch. Zumindest theoretisch.


Rainer Stephan, 71, war Redakteur im Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung" und Streiflicht-Autor. Er schrieb mehrere Bücher über Italien und Frankreich.


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6 Kommentare verfügbar

  • Claus Blumstengel
    am 07.07.2019
    "Unsere Leser erwarten Erklärung und Orientierung", schrieb vor einiger Zeit der Chefredakteur einer ostdeutschen Regionalzeitung in einer Rundmail an die Redaktionen. Er hat natürlich unrecht. Die Leser erwarten wie vor 100 Jahren nicht "Erklärung und Information", sprich Propaganda, sondern Information, sachlich, objektiv, neutral. Und strickte Trennung von Information und Meinung. Aber das sollen, dürfen und wollen die meisten Journalisten nicht mehr. Die Herausgeber drücken "meinungsstarke Artikel", "Nachrichten mit Haltung" und wie das heute noch genannt wird knallhart durch. Und koste es den Untergang der jeweiligen Blätter.
  • Marla M.
    am 05.07.2019
    Und noch was ihr Abschreiberlinge!
    Ist euch schon aufgefallen, dass ihr nahezu ausschließlich die Worte und die Sicht Eurer Herrn verbreitet?

    Bei welchen Wirtschaftseliten wird von Euch massivst das ArbeitsplatzHorrorSpiel mitgespielt?
    Und wo schweigt ihr stille, wenn auch enorme Arbeitsplätze ausgelagert, abgebaut oder umstrukturiert werden?
    Ja fangt mal bei Euch an!
    Waren Euch die Setzer, die Drucker, die Korrektoren, die Kollegen so wenig wert?

    Sorry, ihr seid Teil des Problems und nicht die Lösung.... wart ihr schon immer!
  • Marla M.
    am 05.07.2019
    #Assange fällt mir ein und das Unempörte der Medien!
    Weil er kein Journalist ist und weil Journalist nur jmd ist, der 'Beruf's'ausbildung' hat, incl "kleine, abgeschlossene Priesterklasse privilegierte Bürger" (Greenwald) ist?

    Ein bisschen erinnert mich der Umgang der Presse mit Assange an Stuttgart: wie die etablierten 'Priester' schwiegen als die Räume der Widerstandspresse durchsucht wurden!

    Die Ähnlichkeiten sind auch sonst verblüffend: Wikileaks hat nicht den hohen Priester Vorauswahl erlaubt, sondern die "Mündigkeit" der Bürger gestärkt!
    Hatte nicht auch die K21 Presse 'uns' Zugang ermöglicht, was unsere S21 Befürworter Presse höchstens homöopathisch zuließ?

    Müsste man nicht durchdringend:
    "Hallo Meinungsfreiheit, Hallo Presse, Hallo Presse-Freiheit noch da?"
    fragen?
    Oder um mit Rezo zu sprechen: Zerstörung der Medien!

    Und müsste man den Pressepriestern nicht dringend den Spiegel vorhalten und sagen : "Nein, ihr seid nicht die Schönsten im ganzen Land!"
    Die Presse steht und stand immer für die Gegenöffentlichkeit, also das was Herrschenden rumposaunten! Die AgoraÖffentlichkeit musste immer schon mit viel Aufwand, ihre Erkenntnisse gegen die Goliathe anwinden!

    PS: meine Beobachtung: die 'Presse, die Medien' haben sich ihren Bürger, ihren Leser, ihre Zuschauer selbst zusammengebastelt und kleiden ihn bei Eigenbedarf so an, wie sie ihn brauchen!
    Und immer wenn ihre "heile Puppenwelt" nicht stille weiter vor sich hinsieht, sondern aufpoppt, werden sie sauer! Reagieren wie CDU, SPD auf Rezo!
    Und sie sind ebenfalls absolut beratungsresistent und kritikunfähig, incl "Besitzstandswahrend".

    Und was mich richtig ärgert: auch sie leben den Sozialismus, den PresseSozialismus! Ihre Privilegien, ihre Vorteile, ihre Blätter werden per Erlass von der Allgemeinheit bezahlt! (Einfach mal durchrechnen, wenn alle öffentlichen Stellen alle Druckererzeugnisse nicht mehr bezahlten, was wäre dann?)
    Und nein, es sind nicht nur die Öffentlich Rechtlichen, gemeint!

    Und wie stille die hohen Priester doch waren als die Enteignung der Postausträger zugunsten der VerlegerMillionäre nahezu still und einfach vonstatten ging!

    Hallo Journalisten, noch da?
  • Rene Lesniakowski
    am 04.07.2019
    ... der Kommentar Kurtenackers ist durchströmt von massiven persönlichen Kontext. Da der Verfasser beim Zitieren der Abstimmungen hier weitesgehend verzerrt um ein gewisses Bild der Deutungshoheit gegenüber der Linken aufrecht zu erhalten.

    Den primären Kontext - nämlich, dass von den regierenden Parteien hier 0 Stimmen für die jeweiligen Anträge erlassen wurden übergeht der Verfasser wissentlich, in dem ein "argumentum ad hominem" gegen Ramelow ausgesprochen wird - gefolgt von unsachlichen Äußerungen und sprichwörtlichem "Stammtisch Gerede".

    Dass der Verfasser den eigentlichen Ursprung seines Missmutes nicht in der Entscheidungsfindung in der regierenden Politikwelt sucht, sondern augenscheinlich fehlindoktrinierte Meinungs"presets" losschleudert, zeigt auf, dass die hier vorherrschende "Politisierung" nur in einer Filterblase existiert.

    Die Hinweise auf "Insel-Politisierung" sind nicht zu übersehen.
    • Peter Kurtenacker
      am 04.07.2019
      Brovo, auf welcher Parteischule war der Mann?
      Wer so geschwollene Sätze schreibt und dann noch unterschwellig mich ins Rechte Lager schieben will hat irgendetwas überhaupt nicht verstanden.
      Na ja, ich finde mich damit ab: Der nächste politische Kampf ist AfD gegen Grüne.
      Selbst die CDU bringt sich ins Abseits. irgendwie kapiere ich es nicht. Vor allen die Zombies der SPD (Gabriel und Co) machen einen sprachlos. Oskar La. scheint auch am verzweifeln zu sein. Immerhin hat er verstanden das etwas schief läuft.
  • Peter Kurtenacker
    am 03.07.2019
    Ihr seid wie alle Heuchler, wenn es unangenehm wird berichtet ihr nicht.
    Schaut Euch diese Abstimmung an:
    https://www.bundestag.de/parlament/plenum/abstimmung/abstimmung?id=612

    Herr Ramelow von den Linken sorgt sich wieder einmal um seine wenigen Braunkohle-Kumpels. Die im Osten da gewesene Alternativen sind weitestgehend kaputt gemacht wurden.
    Und bei S21 regiert auch nur noch die Dummheit bei den Linken. Wir brauchen dringend eine neue Politik, aber die kann es auch mit den Altkommunisten nicht geben. Also wer von den Linken Lösung erwartet pennt immer noch.
    Hier sieht man dann wie viel Linke und Grüne alleine erreichen könnten:
    https://www.bundestag.de/parlament/plenum/abstimmung/abstimmung?id=613

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