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Neue-Musik-Festival Eclat

Die Zukunft kommen hören

Neue-Musik-Festival Eclat: Die Zukunft kommen hören
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Es gehört zu den wichtigsten Festivals für zeitgenössische Musik: das Stuttgarter Eclat. Ab dem 4. Februar bespielt es wieder fünf Tage lang das Theaterhaus – obwohl die Stadt ihren Zuschuss um ein Fünftel gekürzt hat. Intendantin Christine Fischer erklärt, wie sie damit umgeht und warum Neue Musik für jede:n gut ist.

Frau Fischer, die Stadt Stuttgart hat ihren Zuschuss für Eclat um 20 Prozent gekürzt. Ist das Festival dadurch in seiner Existenz bedroht?

In Krisenzeiten sind Festivals besonders bedroht, weil die Stadt die Basisarbeit der Kultureinrichtungen schonen möchte und stattdessen die Festivals, die noch dazu kommen, zur Disposition stellt. Ich kämpfe dann immer wie eine Löwin, denn für uns ist Eclat die Basis unserer Arbeit.

Ist Eclat ganz von städtischer Förderung abhängig? 

Das Land fördert auch, früher zur Hälfte, in der Zwischenzeit konnte die Stadt ihren Anteil steigern. Vom Land gibt es aber mehr Sondermittel, etwa aus dem Innovationsfonds Kunst oder über die Baden-Württemberg-Stiftung.

Eclat-Finanzierung

Das Festival für Neue Musik bekommt in diesem Jahr von der Stadt 177.600 Euro, im Jahr davor waren es 220.000 Euro. Der Verein Musik der Jahrhunderte (mdj), der Eclat veranstaltet, muss mit 422.000 Euro auskommen, was sechs Prozent weniger sind als 2025. Die Förderung vom Land ist mit jeweils 410.000 Euro für 2025 und 2026 gleich geblieben. (lee)

Was bedeutet aber jetzt diese Kürzung?

Die städtische Kürzung – 20 Prozent beim Festival, 6 Prozent bei Musik der Jahrhunderte – bedeutet real eine Kürzung um 10 Prozent, also mehr als bei den anderen Institutionen. Ich finde es vollkommen in Ordnung, dass auch die Kultur ihren Teil zur Haushaltskonsolidierung beiträgt. Ich hätte es nicht richtig gefunden, wenn im Sozialbereich oder im Schulbau gekürzt wird und die Kultur macht munter weiter. Aber per politischem Beschluss zu sagen, euer Programm kann mehr Kürzung vertragen, das finde ich nicht in Ordnung. Das Festival ist unsere Basisarbeit. Es ist nicht wie bei einem Theater, das jeden Tag Programm macht und dann noch ein Festival dazu. Neue Musik geht nicht jeden Tag. Es gibt keine laufende Saison.

Neben dem Festival gibt es nur noch einige wenige Konzerte im Lauf des Jahres.

Genau. Das große Publikum kommt einmal im Jahr zum Eclat-Festival und möchte wissen, was es Neues gibt in der Musik. Daher wollen auch Komponist:innen am liebsten da auftreten, und auch für die Neuen Vocalsolisten ist es eine wichtige Plattform, die Basis ihrer Arbeit. Letztlich unterstützen sich das Festival und das Ensemble dadurch auch gegenseitig. Wenn ich nach meinem Beruf gefragt werde, antworte ich normalerweise: Musikproduzentin. Die allermeisten Projekte von Eclat entstehen bei uns, unter unserem Dach. Nicht nur mit den eigenen Ensembles, sondern auch mit Gästen, indem wir uns gemeinsam überlegen: Womit wollt Ihr Euch einbringen? Bei "Future Forest" hat mich zum Beispiel die Komponistin angesprochen, sie würde das gern mit dem Ensemble Recherche machen. Die Produzenten sind aber wir. 

Wie zeigen sich die Kürzungen im diesjährigen Eclat-Festival?

Es sind immer noch fünf Tage und 16 Veranstaltungen. Trotzdem habe ich Vollbremsungen gemacht, als sich die Kürzungen im Sommer abgezeichnet haben: ein Musiktheaterprojekt auf die lange Bank geschoben und dafür ein Projekt reingenommen, das wir schon in Berlin produziert und aufgeführt haben. Ein anderes Projekt musste ich komplett absagen und ins nächste Jahr schieben. Es ist trotzdem ein hoch interessantes Festival, und ich konnte aus dem Haushalt 2025 viel vorfinanzieren: Kompositionsaufträge, Proben, Rückstellungen für dieses Jahr. Fünf Festivaltage werde ich 2027 aber wohl nicht halten können.

Viele Menschen hören Musik, um sich bei schönen, einprägsamen, bekannten Melodien wohlzufühlen. Wozu braucht es die sperrige Neue Musik?

Heutige Kommunikationswelten werden von Algorithmen konfiguriert. In der Bubble bekommst du keine Gegenargumente mehr. Dafür haben wir etwas anzubieten: Die Musik, die wir vorstellen, kann keine Vorerfahrung abrufen. Wir lassen die Menschen etwa über Komponist:innengespräche am Entstehungsprozess teilnehmen. Sich mit Fremdem beschäftigen; mit nicht erfüllten Erwartungen umzugehen; akzeptieren, dass Sachen manchmal anders laufen, als man sie sich vorgestellt hat; Schönheit auch in Dingen entdecken, die man nicht erwartet – auch wenn man sich vielleicht nicht zurücklehnen kann: All das kann man in der Neuen Musik erfahren. 

Christine Fischer ist seit 1985 Geschäftsführerin des Vereins Musik der Jahrhunderte (mdj), der das Festival Eclat, damals Tage für Neue Musik Stuttgart, veranstaltet und das siebenköpfige Ensemble der Neuen Vocalsolisten managt. Den Verein zur Förderung zeitgenössischer Musik hat der damalige Stiftskantor Manfred Schreier gegründet, seit 1997 nennt sich das Festival Eclat. Zwei Konzerte veranstaltet immer der SWR mit seinem Symphonieorchester und seinem Chor, dem SWR Vokalensemble. Die künstlerische Leitung hatte bis 2014 der SWR-Redakteur Hans-Peter Jahn, seitdem Christine Fischer.  (dh)

Hat Ihnen Neue Musik schon immer gefallen?

Sobald ich sie kennengelernt habe. Im Leistungskurs Musik war der Komponist György Ligeti Sternchenthema. Und im Landesjugendchor haben wir sein "Lux Aeterna" gesungen. Das hat mich viel mehr interessiert als die mir bereits bekannte Musik vom Blatt zu singen. Das ist eine besondere ästhetische Erfahrung, die brauchen wir in unserem Leben.

Neue Musik in Stuttgart hat so einige Auf und Ab erlebt. Vor 10 bis 15 Jahren haben Sie ausgehend vom bundesweiten Netzwerk Neue Musik mit Festivals wie "Zukunftsmusik" und "Spurensuche" ganz neue Zuhörerschaften im Umland erreicht.

Wir führen das unter unserem Dach fort. Nächstes Jahr gibt es bei Eclat ein Projekt mit sieben Komponist:innen von der Stuttgarter Musikhochschule, die mit sieben verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen arbeiten: aus der Industrie, aus Pflegeberufen, mit der Stadtgärtnerei … Wir machen das, weil wir nicht nur die Hochkultur in ihrer Abgehobenheit bestätigen möchten. Zentral ist, dass die Menschen Einblick in die künstlerischen Prozesse bekommen, dass ein Werk im Dialog mit ihnen entsteht. Unsere Aufgabe ist ja auch, Interesse für Neue Musik zu wecken, das Publikum zu vergrößern und alle gesellschaftlichen Bereiche anzusprechen. Wir machen gerade ein Musikprojekt für Menschen in Grundsicherung. Sie haben jede Woche Workshops, entdecken Klänge in ihrem Umfeld und fangen an, damit kreativ zu arbeiten. Es ist ein kulturelles, ästhetisches, kein therapeutisches Angebot. Am Ende steht eine Art Verwandlung des Raums, in dem sie sich befinden. In den ersten zwei Workshops waren zehn und zwölf Leute da, die so begeistert waren, dass sie jetzt auch zum Eclat-Festival kommen.

In Ihrem kämpferischen Epilog zum diesjährigen Eclat-Programm schreiben Sie, Sie wollen "nicht nur für Menschen, sondern zusammen mit Menschen gestalten".

Tatsächlich sehe ich das auch als eine politische Aufgabe an, weil wir zivilgesellschaftlich etwas tun müssen, um unsere Welt zu retten. Wir dürfen nicht zulassen, dass einige mächtige Männer die Welt unter sich aufteilen. Wir alle, die Zivilgesellschaften der ganzen Welt, müssen uns aktivieren. 

Können wir versuchen, das auf das diesjährige Eclat-Festival runterzubrechen?

Es gibt in dem Festival auch reine, abstrakte Musik. Auch die ästhetische Erfahrung ist essenziell für unser Selbstbewusstsein. Ich stelle nicht die Forderung nach einem Gesellschaftsbezug. Den muss ich als Kulturvermittlerin herstellen.

Aber viele Komponist:innen wollen ja nicht mehr den Elfenbeinturm.

Das beste Beispiel ist "Balkan Affairs", bestehend aus einer Videoinstallation, die während des gesamten Festivals im Foyer zu sehen sein wird, und einem Konzert am Samstagabend. Dieses Projekt haben wir vor vier Jahren mit der Biennale Zagreb initiiert, die auch die Kontakte zu den Komponist:innen hergestellt hat. 

Wir hier haben damals zurückgeblickt auf dreißig Jahre Wiedervereinigung, Jugoslawien ist etwa zur selben Zeit auseinandergebrochen. Wir haben sieben junge Komponist:innen aus allen Ländern Ex-Jugoslawiens gefragt: Wollt Ihr euch mit der Vergangenheit Eurer Familien auseinandersetzen? Sie waren selbst während der Balkan-Kriege noch jung oder noch nicht geboren und kennen die Ereignisse nur aus Erzählungen. Sie haben Interviews mit ihren Landsleuten gemacht und sie nach den Auswirkungen gefragt, was sehr unterschiedlich beantwortet wurde. In Kroatien wollte kein einziger Mensch vor die Kamera, weil das Land so gespalten ist zwischen einem faschistoiden Teil und denjenigen, die die Demokratie erhalten wollen. Der Untertitel von "Balkan Affairs" lautet: "Die fragile Kunst des Zusammenlebens". Es ist ein dokumentarisches Projekt, aber wir erleben diese Konflikte in einer ästhetischen Transformation, die ungemein breit ausfällt, von popmusikalischen bis zu fast sakral wirkenden Werken. 

Interessant wäre natürlich, Menschen aus diesen Ländern zu erreichen, die hier leben. 

Ja, das haben wir vor. Wir wollen auch Menschen von hier interviewen, es gibt ja eine große Diaspora hier. Der Dokumentarfilmer Mladen Ivanović, der den Komponist:innen bei der Recherche geholfen hat, kommt Ende der Woche nach Stuttgart. Dann machen wir noch einen Film, der auf dem Festival gezeigt wird.

Und andere Programmpunkte?

"Future Forest" hat natürlich etwas mit dem Klimawandel zu tun. "Hear It Coming" geht aus von einer musikalischen Fragestellung. Ein Lautsprechersystem schwebt über den Köpfen der Zuhörer, die sich durch den Raum bewegen, und dadurch nimmt man die Klänge ganz anders wahr. Für den Komponisten hat das den Aspekt, dass er den sicheren Ort des Sitzens im Konzertsaal in Frage stellt: Man muss sich selbst zu den Klängen, aber auch zu den anderen Menschen in Beziehung setzen. Der Titel geht zurück auf ein Zitat von David Bowie: Die Zukunft gehört denen, die sie kommen hören. Oder die "Nachtmusik" von Hans Thomalla: Das ist eigentlich reine Musik, trotzdem bringt er seine dunklen Klänge in Zusammenhang mit unserem Lebensgefühl.

Wie nah Neue Musik der Politik kommen kann, zeigt das Beispiel Ihrer ehemaligen Mitarbeiterin Maria Kalesnikava, die jetzt nach jahrelanger Haft in Belarus wieder auf freiem Fuß ist.

Sie hat damals in Minsk ein Kulturzentrum geleitet. Sie war immer zwei Wochen hier, zwei Wochen dort. Ihr Chef, der das Kulturzentrum finanziert hat, war der Präsidentschaftskandidat Wiktar Babaryka, ein Banker. Präsident Alexander Lukaschenko hat alle seine Konkurrenten ins Gefängnis gesteckt, auch ihn. Maria hat dann Swetlana Tichanowskaja unterstützt, die anstelle ihres Mannes, der ebenfalls inhaftiert wurde, gegen Lukaschenko kandidiert hat. Maria hat eine enorme Ausstrahlung und weiß mit den Medien umzugehen. Nach der Niederschlagung der Demokratiebewegung hat sie sich geweigert, ins Exil zu gehen. Und jetzt ist sie nicht durch europäische Diplomatie frei, sondern ausgerechnet durch Donald Trump, der kein Problem hat, mit anderen Autokraten zu reden. Nun muss sie eine neue Realität erleben, in der die Welt vor allem von Autokraten und deren Methoden beherrscht wird. Bei unserem ersten Treffen nach ihrer Freilassung in Berlin war das erste, was sie gesagt hat: Wann ist Eclat? Ich will kommen. Wie kann ich mich einbringen? 


Das Eclat-Festival findet statt von Mittwoch, 4. Februar bis Sonntag, 8. Februar – hier das Programm. Am morgigen Donnerstag, 29. Januar um 17 Uhr gibt Christine Fischer im Hospitalhof eine Einführung unter dem Titel: "Spielarten neuer Musik. Konzert-Inszenierungen, Nachtmusiken und Rave".

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