Hat Ihnen Neue Musik schon immer gefallen?
Sobald ich sie kennengelernt habe. Im Leistungskurs Musik war der Komponist György Ligeti Sternchenthema. Und im Landesjugendchor haben wir sein "Lux Aeterna" gesungen. Das hat mich viel mehr interessiert als die mir bereits bekannte Musik vom Blatt zu singen. Das ist eine besondere ästhetische Erfahrung, die brauchen wir in unserem Leben.
Neue Musik in Stuttgart hat so einige Auf und Ab erlebt. Vor 10 bis 15 Jahren haben Sie ausgehend vom bundesweiten Netzwerk Neue Musik mit Festivals wie "Zukunftsmusik" und "Spurensuche" ganz neue Zuhörerschaften im Umland erreicht.
Wir führen das unter unserem Dach fort. Nächstes Jahr gibt es bei Eclat ein Projekt mit sieben Komponist:innen von der Stuttgarter Musikhochschule, die mit sieben verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen arbeiten: aus der Industrie, aus Pflegeberufen, mit der Stadtgärtnerei … Wir machen das, weil wir nicht nur die Hochkultur in ihrer Abgehobenheit bestätigen möchten. Zentral ist, dass die Menschen Einblick in die künstlerischen Prozesse bekommen, dass ein Werk im Dialog mit ihnen entsteht. Unsere Aufgabe ist ja auch, Interesse für Neue Musik zu wecken, das Publikum zu vergrößern und alle gesellschaftlichen Bereiche anzusprechen. Wir machen gerade ein Musikprojekt für Menschen in Grundsicherung. Sie haben jede Woche Workshops, entdecken Klänge in ihrem Umfeld und fangen an, damit kreativ zu arbeiten. Es ist ein kulturelles, ästhetisches, kein therapeutisches Angebot. Am Ende steht eine Art Verwandlung des Raums, in dem sie sich befinden. In den ersten zwei Workshops waren zehn und zwölf Leute da, die so begeistert waren, dass sie jetzt auch zum Eclat-Festival kommen.
In Ihrem kämpferischen Epilog zum diesjährigen Eclat-Programm schreiben Sie, Sie wollen "nicht nur für Menschen, sondern zusammen mit Menschen gestalten".
Tatsächlich sehe ich das auch als eine politische Aufgabe an, weil wir zivilgesellschaftlich etwas tun müssen, um unsere Welt zu retten. Wir dürfen nicht zulassen, dass einige mächtige Männer die Welt unter sich aufteilen. Wir alle, die Zivilgesellschaften der ganzen Welt, müssen uns aktivieren.
Können wir versuchen, das auf das diesjährige Eclat-Festival runterzubrechen?
Es gibt in dem Festival auch reine, abstrakte Musik. Auch die ästhetische Erfahrung ist essenziell für unser Selbstbewusstsein. Ich stelle nicht die Forderung nach einem Gesellschaftsbezug. Den muss ich als Kulturvermittlerin herstellen.
Aber viele Komponist:innen wollen ja nicht mehr den Elfenbeinturm.
Das beste Beispiel ist "Balkan Affairs", bestehend aus einer Videoinstallation, die während des gesamten Festivals im Foyer zu sehen sein wird, und einem Konzert am Samstagabend. Dieses Projekt haben wir vor vier Jahren mit der Biennale Zagreb initiiert, die auch die Kontakte zu den Komponist:innen hergestellt hat.
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