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Ausstellung des Württembergischem Kunstvereins

Die Vorhersagen der KünstlerInnen

Ausstellung des Württembergischem Kunstvereins: Die Vorhersagen der KünstlerInnen
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Achtzig Plakate hängen am Bauzaun um das Stuttgarter Kunstgebäude. Es ist die Mitgliederausstellung des Württembergischen Kunstvereins, die diesmal coronabedingt im Freien stattfindet.

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"Was soll das heißen?", fragt eine Frau, die sich das Plakat genau angesehen hat: "Dass wir uns gleich alle aufhängen können?" Ein Bündel von acht Schlingen hängt oder schwingt vor einer kreisrunden roten Fläche – ein Sonnenauf- oder -untergang vielleicht, das ist nicht zu entscheiden. Darunter scheinen zwei hohe Stühle nach innen zu kippen. Eines von achtzig Plakaten am Bauzaun rund um das Stuttgarter Kunstgebäude: eine neue Form der jährlichen Mitgliederausstellung.

"Ich arbeite an der Börse", reagiert die Frau auf den Hinweis, dass die Schlingen und die Stühle auf eine Seite der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" gemalt sind, auf der die Kurse von Fonds gelistet sind. "Man muss seine Anlagen verteilen." Ein Stück weiter liest sie auf einem anderen Plakat: "Ich hab mal ein Bier geholt. Wahrscheinlich die beste Idee des Tages!!!" Sie lacht sich scheckig. Das passe auf einen Bekannten von ihr, der jetzt schon zehn Bier intus habe. "Da ist für Jeden was dabei", meint sie. Und: "Ideen muss man haben."

Eine so lebendige Reaktion zeigt nicht JedeR. Die meisten gehen achtlos vorüber. Es gibt zu viele Plakate, die Stadt ist voll vor der Bundestagswahl. Künstlerplakate sind freilich etwas anders. Auch sie müssen wetterfest sein, wie die Wahlplakate. Aber eigentlich werben sie nicht. Sie wollen nicht die Meinungen beeinflussen. Oder doch?

Es gibt durchaus einige, die politisch Stellung beziehen. "Gentri-Fickt euch!" steht da vor einem Altbau in Berlin, über und über mit Graffiti besprüht. Es ist die Ecke Rigaer Straße/Liebigstraße im Stadtteil Friedrichshain, einer der Hotspots des Häuserkampfs. Das Plakat auf dem Plakat stammt von derselben Künstlerin, die diese Szene fotografiert hat. "MEHR ZU mieten", steht sinniger Weise auf einem dahinter geparkten Transporter: Für die Künstlerin verkörpert die Räumung der besetzten Häuser auch das Ende der Möglichkeit, nach Berlin zu ziehen, weil sie sich die Mieten hier nicht mehr leisten kann.

Zwei Damen beim Tanz ums Glück

Ein anderes Plakat zeigt zwei Kurven vor einer Linienzeichnung. Erkennbar sind auf den ersten Blick zwei ineinander gelegte Hände. Es handelt sich um die Oberkörperpartie zweier älterer Damen beim Tanz, eine Umzeichnung eines Motivs der Künstlerin Andrea Grützner. Die zwei Kurven, mit Quellenangabe, zeigen in neuerer Zeit in entgegengesetzte Richtung. Während auf der oberen, bezeichnet mit "Destatis 2018", also vom Statistischen Bundesamt, das Lebensalter von 65 auf 85+ gestiegen ist, hat die Lebenszufriedenheit älterer Frauen, nach dem Glücksatlas der Deutschen Post 2019, im selben Zeitraum abgenommen.

Die Botschaft von Plakaten soll sich auf einen Blick einprägen. Dies gilt auch für viele der Künstlerplakate. Auch sie wollen natürlich die Betrachter ansprechen. Doch nicht nur deshalb hängen sie am Bauzaun.

Der Württembergische Kunstverein ist, was die Infektionsgefahr angeht, wahrscheinlich einer der sichersten Orte der Stadt. Abstand halten ist normalerweise überhaupt kein Problem. Zudem haben die DirektorInnen Iris Dressler und Hans D. Christ alles getan, um verbleibende Restrisiken zu vermeiden. Der einzige Termin, bei dem es richtig voll wird, ist die Eröffnung der Mitgliederausstellung. Ungefähr die Hälfte der 2500 Mitglieder sind KünstlerInnen. Wenn nur jedeR Dritte teilnimmt und ein paar Bekannte mitbringt, platzt der Saal aus den Nähten. Wie zuletzt 2019.

Seit anderthalb Jahren lässt sich auf dem Gebiet der Kultur nichts mehr zuverlässig planen. Anfangs hieß es, die Zahl der Infektionen würde exponentiell steigen. Um zu vermeiden, dass die Krankenhäuser überlastet würden, kam es zu drastischen Einschränkungen. Der gesamte Kulturbetrieb ging in den Stand-by-Modus. Die anfänglichen Horrorszenarien haben sich indes nicht bewahrheitet.

Sicher ist also: Das staatliche Handeln ist auf Prognosen angewiesen. Wie viele Krankenhausplätze werden gebraucht, wie viele Wohnungen? Wie viele Straßen müssen gebaut, wie viele Schienenfahrzeuge bestellt werden? Wie fast von Anfang an haben Christ und Dressler ihre Mitgliederausstellung unter ein thematisches Stichwort gestellt. Und das lautet aus aktuellem Anlass "Prognose".

Viele KünstlerInnen haben sich tatsächlich zur Corona-Situation Gedanken gemacht. Manchmal explizit, in anderen Fällen lässt es sich nicht eindeutig sagen: Wenn zum Beispiel auf einem Plakat "Die Rettung" steht oder auf einem anderen die Schlagerzeile: "Und immer wieder geht die Sonne auf". Ein dunkelhäutiges Gesicht erhält durch eine weiße Mund-Nasen-Bedeckung eine neue "Covidentity". Ist es ernst gemeint oder bittere Ironie, wenn ein Plakat rät: "bei pandemie zu hause kochen, backen, essen"? Die aktuelle Gefühlslage bringt ein heruntergekommenes Wartehäuschen im ländlichen Raum auf den Punkt: Schutz suchen und abwarten.

Wenn die Wohnung zur Welt wird

Eines der Plakate bezieht sich zwar eindeutig, aber doch nur mittelbar auf die Pandemie. Verzeichnet sind die Aktienkurse börsennotierter Unternehmen von Airbus bis Zoom. Bei Lufthansa stürzt der Kurs im April 2020 steil ab. Bei Daimler dagegen steigt er kontinuierlich an, ähnlich bei Amazon, Microsoft, Netflix und Biontech, während bei Facebook und Zoom inzwischen der Zenith überschritten ist.

KünstlerInnen, heißt es, seien Seismographen, die gesellschaftliche Entwicklungen besonders früh und sensibel wahrnehmen. Einige beziehen sich jedoch eher auf ihre eigene Situation als Künstler. Was aussieht wie ein Geschenkpapier mit bunten Streifen, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als eine Sammlung von Zitaten zur Kunst, nach Stichworten, alphabetisch geordnet. "Über Musik kann man nur mit Bankdirektoren reden", meinte zum Beispiel der Komponist Jean Sibelius, "Künstler reden ja nur über Geld." Unter dem Stichwort "so nicht" findet sich die Aussage des Schriftstellers Oscar Wilde: "Kunst sollte nie versuchen, populär zu sein."

"Look out Lockdown", steht auf einem Plakat. Wörtlich übersetzt: Vorsicht Lockdown. Doch das Bild legt eine andere Lesart nahe. Ein Mann steht in einem Innenraum auf der Erdkugel und sieht aus dem Fenster. Er sieht hinaus (look out), die Welt hat sich in die Wohnung verlagert. "We did it wrong", behauptet ein anderes Plakat. Das kann sich auf die Corona-Maßnahmen beziehen, auf den Klimawandel und vieles Andere. Der simple Satz regt eher dazu an, nachzudenken, was wir nun falsch gemacht haben oder wie es sich anfühlt, wenn man einen Fehler begangen hat.

Mehrere KünstlerInnen haben das Thema Prognose wörtlich genommen. Besonders schön ein Plakat mit dreizehn mal sieben Handy-Fotos von Fernseh-Wetterberichten. Immer steht, rechts im Bild, eine Frau vor einer Wetterkarte oder einem Diagramm. Es erstaunt schon die Vielzahl und Vielfalt der Hintergrundgrafiken, von einer orangefarbenen Baden-Württemberg-Karte mit der Aufschrift "extreme Hitze & Unwettergefahr!" bis zu einem Windsack, der Sturm bis zu 100 km/h visualisieren soll. Fasziniert beobachtet der Künstler das wechselnde Verhältnis von Hintergrund und Kostüm der Sprecherin – und vergisst dabei, auf die Wettervorhersage zu achten.


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