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Fördermittel für Kultur

"Den freien Theatern geht es schlechter"

Fördermittel für Kultur: "Den freien Theatern geht es schlechter"
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 Fotos: Jens Volle 

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Datum:

Ob Corona oder nicht – die meisten freien Theater arbeiten immer am Rande der Existenz. Wer sich auf so etwas einlässt, muss also ein Fuchs im Fördermittelauftreiben sein. Das ist nicht einfach in diesem Land, erzählt Philipp Falser, Intendant des freien Kunstdruck Centraltheaters in Esslingen.

Herr Falser, nach langer Pause konnten Sie ab Mitte Juni endlich wieder spielen. Wie lief's auf der Bühne?

Gut. Wir waren unheimlich froh und hatten auch daraufhin gearbeitet, dass wir direkt in der ersten Woche, wo es kurzfristig erlaubt wurde, sofort spielen konnten. Wir haben immer weiter geprobt, wir haben neue Inszenierungen entwickelt bis zur Generalprobe. Und dann gesagt: Mal sehen, wann die Uraufführung stattfindet. Das ist natürlich alles ein sehr, sehr großer Aufwand. Ich sage ehrlich: Es wäre leichter gewesen, jetzt nicht zu spielen.

Warum?

Die Vorstellungen verbessern nicht den Haushalt hier im Theater. Im Gegenteil. Alles, was ich im Juni eingespielt habe, geht mir von der Überbrückungshilfe 3 weg. Das heißt, im Juni zu spielen, war um der Menschen und um der Kunst willen. Finanziell brachte das Null.

Junge Kunst in Esslingen

Das Kunstdruck Centraltheater (CT) wurde 2017 gegründet. Mit 16.000 Euro Startkapital haben Philipp Falser und Julia Rohn das damals seit langem leerstehende ehemalige Kino Central wieder belebt. In dem denkmalgeschützen Haus gehen jährlich 60 eigene Vorstellungen und 50 Gastspiele über die Bühne. Es gibt Festivals, Diskussionsveranstaltungen, Kooperationen mit regionalen Vereinen. Das CT arbeitet inklusiv und will besonders der jungen, freien Kunst und Kultur Raum geben.  (gvl)

Wie haben Sie bis jetzt die Pandemie überlebt?

Überlebt habe ich durch geschicktes Anschaffen von Förderungen, aber auch durch Aufbrauchen von Rücklagen. Und ich arbeite ja auch im Training, im Unterricht für Schauspieler, für Sprecher, bilde Führungskräfte im rhetorischen Bereich aus. Das lief alles weiter. Online, aber es lief.

Welche Fördertöpfe gibt es denn?

Es gibt normale Projektfördertöpfe, das heißt, wir haben für diesen Zeitraum natürlich Projekte geplant und die beantragt. Das sind Fördermittel von der Kommune, von Stiftungen und das sind Fördermittel vom LAFT, dem Landesverband freier Theater.

Das hört sich nach vielen Möglichkeiten an. Und dazu noch Coronahilfen. Da dürfte es den Theatern ja jetzt gut gehen, oder?

Das darf man nicht so über einen Kamm scheren. Ich habe die öffentlichen Theater, natürlich geht’s denen gut. Ich kenne Bühnen, denen geht es besser als vorher. Wenn ich sonst nur drei, vier Prozent durch Eintrittseinnahmen einspiele, geht’s mir natürlich besser, wenn ich jetzt durch die Kurzarbeit mehr spare. Den freien Einrichtungen, den freien Theatern geht es sehr wohl schlechter, auch wenn es da Unterschiede gibt. Wir spielen in normalen Jahren bis zu 40 Prozent selbst ein. Das heißt, wenn ich keine Vorstellungen habe, habe ich automatisch einen 40 Prozent kleineren Haushalt. Abgesehen davon, dass mir die Projektfördermittel auch noch wegbrechen, weil es ganz schwer zu begründen ist, warum Projektfördermittel ausgezahlt werden sollen, wenn keine Vorstellungen stattfanden. Das heißt: Uns geht es definitiv schlechter und man kann sagen, der Einbruch unseres Etats liegt bei 20, 25 Prozent. Das ist enorm, wenn man sonst auch schon an der Unterschwelle arbeitet.

Was heißt Unterschwelle? Was verdient der Intendant des Centraltheaters?

Der hat hier einen Midijob (Arbeitsverhältnis mit Verdienst von mehr als 450 und weniger als 1300 Euro, d. Red.). Wir haben hier zwei Midijobstellen, zwei Bundesfreiwillige und dann haben wir nur noch freie Mitarbeiterinnen.

Wie passend waren eigentlich die Coronagelder?

Die Förderung gerade im ersten Lockdown war sehr schnell und unkompliziert. Ich glaube allerdings, die Förderung wurde nicht für die Kultur gestrickt, sondern man hat eben einige Löcher gesehen, und alle sollten ein bisschen was kriegen. Aber das wird der Sache nicht gerecht. Man hat in Deutschland immer noch das Prinzip: Es gibt die professionelle Kunst und Kultur, und es gibt die sogenannte Breitenkultur. Der LAFT zum Beispiel, also der Landesverband der freien Theater, hat die Aufgabe, Landesmittel zu verteilen. Mit dem bin ich immer wieder im Streit, weil der sagt: Was Sie hier machen, entspricht nicht den Kriterien professioneller Kultur. Ich frage dann immer: Was sind denn die Kriterien für professionelle Kultur? Aber der LAFT kriegt es nicht hin, mir die aufzuschlüsseln. Scheinbar hat jeder dort eigene Kriterien, und die werden nicht veröffentlich. Das ist ein großes Problem. Weil ich dazwischen liege. Mir ist es egal, ob die Schauspieler eine professionelle Ausbildung haben oder nicht. Die sollen was zu erzählen haben und die handwerkliche Fähigkeiten mitbringen. Manche stehen zum ersten Mal auf der Bühne, andere machen seit 30 Jahren nichts anderes, aber das ist mir egal. Der LAFT jedoch sagt: Sie machen nicht professionelle Kunst, Sie machen Breitenkultur.

Das heißt dann was?

Der LAFT sagt, wenden Sie sich an den Landesverband der Amateurtheater. Und der sagt: Sie sind doch kein Amateurtheater. Was ja stimmt. Das ist schon absurd. Warum man es nicht hinkriegt, das aufzubrechen, ist mir unklar. Vor allem beim LAFT sind die Verteilungsmechanismen total intransparent.

Woher bekommen Sie dann Geld?

Na ja, immer wieder klappt es dann beim LAFT. Wenn ich mal zufälligerweise nachweisen kann, dass alle professionell sind, dann passt es, und in einem anderen Projekt waren alle zufällig unter 28, dann ist es ein Jugendprojekt, dann war es halt ein Amateurtheaterprojekt. Da gehe ich pragmatisch dran und sage, na gut, wenn ihr euch nicht bewegt, wir finden schon Möglichkeiten.

Und wegen der Pandemie gibt es aktuell noch sehr viele zusätzliche Kulturförderprogramme.

Ja, es gibt ganz viele tolle Fördermöglichkeiten. Aber es gibt einen Haken: Gefördert werden immer neue Produktionen, die ich neu entwickle für dieses Förderprogramm. Aber ich habe aktuell doch ein ganz anderes Problem. Ich habe genügend Produktionen. Die sind alle fertig. Die müssen jetzt aufgeführt werden. Doch leider lohnt es sich gar nicht, die jetzt aufzuführen. Ich habe in dem Stück "Der Vorname" einen Schauspieler vom Deutschen Theater in Hermannstadt, also Rumänien, eine Schauspielerin aus Berlin, eine aus Hamburg und zwei aus der Region. Ich muss die ja hierher bringen und das lohnt sich nicht mehr. Warum kann ich nicht für so ein Projekt Förderung beantragen? Die Förderung geht immer in die Zukunft, das ist ein Grundsatzprinzip, und das kommt gerade jetzt total an die Grenzen. Dann gab es ganz viele Fördermöglichkeiten auch über das Bundesprogramm "Neustart Kultur", die waren toll, aber wenn man mit den Kulturschaffenden im Theater spricht, dann haben die auch oft gesagt: Na ja, ist ja alles schön, aber ihr fördert, dass wir Dinge streamen. Das ist aber nicht unsere Kompetenz, und deshalb sollten wir es lieber sein lassen, denn das wird nur peinlich.

Aber das ist doch ein toller Zugang: Es ist günstig und es können auch Menschen von weiter weg Theater erleben.

Nee, weil alles, was Live-Kultur und was Sprechtheater ausmacht, online nicht gegeben ist. Das erste ist: Ich gehe in einen gemeinsamen Raum und erlebe mit anderen Menschen ein Stück, das dort interaktiv entsteht. Punkt Nummer zwei: Ich gehe in ein Theaterstück, weiß grob, um was es geht, aber sobald ich drin bin, bin ich der Sache ausgeliefert. Ich werde mit einer Sache eineinhalb Stunden lang konfrontiert, das führt oft zu ganz besonderen Erkenntnissen. Dass jemand sagt: Huch, das war ja doch toll. Und was passiert im Streaming? Klicke ich weiter, klicke ich weg, klick mich mal rein – also, das ist ja nicht mehr das, was Theater ausmacht.

Ein eigenes Theater

Philipp Falser, 27 Jahre alt, studierte an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart Sprechkunst und Sprecherziehung. Neben seiner Tätigkeit als Intendant arbeitet er als Sprecher, Regisseur und Sprech- und Kommunikationstrainer. Er ist einer der Sprecher des Esslinger Netzwerks Kultur, eines Zusammenschlusses freier und kommunaler Kulturinstitutionen der 95.000-Einwohner-Stadt.  (gvl)

Was fehlt Ihnen, um freie Kunst ausüben zu können?

Unabhängig von der Lage – hier in der Kommune fehlt leider von Seiten des Gemeinderats der eindeutige Wunsch und die Überzeugung, Kunst und Kultur generell zu fördern. Das hört sich absurd an, aber teilweise gibt es schon sehr bedenkliche Äußerungen im Gemeinderat in Esslingen. Äußerungen wie: Wir sollten die Dauerförderung generell überdenken und zu einjährigen Projektförderungen übergehen. Das hieße, dass jede Kultureinrichtung einmal im Jahr vortanzt und sagt: Bitte, können wir auch im nächsten Jahr noch Geld haben?

Wer fordert das?

Das hat ein Abgeordneter der CDU hier gefordert im Kulturausschuss. Sie glauben gar nicht, wie oft ich erkläre, warum ein Theater kein Startup ist, dem ich zwei Jahre Anschubfinanzierung geben kann, und dann läuft der Laden von alleine. Da fehlt manchen im Kulturausschuss einfach das grundsätzliche Wissen, weshalb Kunst und Kultur dauerhaft unterstützt werden muss. Und dann wird immer argumentiert mit der Freiwilligkeitsleistung einer Kommune. Das ist immer das Totschlagargument.

Wie viel bekommt das Centraltheater von der Stadt Esslingen?

Wir kriegen eine Dauerförderung, 31.000 Euro pro Jahr, die aber gar keine Dauerförderung ist, sondern auf zwei Jahre befristet. Eigentlich ist das gar nicht vorgesehen. Eigentlich gibt es die Konzeptionsförderung, wo man sagt, ein neues Konzept wird erst mal anschubfinanziert, und dann guckt man, wie läuft's. Und anschließend gibt's eine Dauerförderung, und die läuft bis auf Widerruf. Mit uns hat man jetzt die auf zwei Jahre befristete Dauerförderung eingeführt.

Die Pandemiemaßnahmen waren und sind noch teuer. Was erwarten Sie für die Kultur bei den nächsten kommunalen Haushaltsdebatten?

Ich habe immer gesagt, für die Kultur wird’s schwer, wenn Corona längst vergessen ist. Die Debatten beginnen jetzt, spätestens nach der Bundestagswahl. Dann wird es Einsparungen geben, und die werden auch an der Kultur nicht vorbeigehen. In Esslingen befürchte ich, dass man eine Einrichtung schlachtet, bei der man hofft, da bleibt es am leisesten in der Stadt. Das wird nicht die Württembergische Landesbühne sein, da gab es schon mal eine riesige Unterschriftenaktion, daran erinnern sich noch alle. Das ist vielleicht eine städtische Einrichtung, die den Menschen gar nicht so sehr im Bewusstsein ist. Da gibt es auch schon konkrete Vorschläge.

Welche denn?

Egal welche Einrichtung es treffen wird, wir werden das als Netzwerk Kultur bekämpfen. Esslingen braucht alle bestehenden Kultureinrichtungen. Auch wenn ich befürchte, dass es in dieser Stadt gelingen könnte, eine Einrichtung ohne großen Gegenwind zu schlachten.

Irgendwo muss das Geld ja herkommen, das jetzt ausgegeben wird. Warum nicht bei der Kultur sparen?

Sicher, ich kann im Kulturbereich sparen. Das ist eine Freiwilligkeitsleistung und immer durchsetzbar. Allerdings kann ich nur wenig sparen und richte damit extrem viel Schaden an. Was passiert denn langfristig? Wir sprechen immer von Spaltung der Gesellschaft, von Entzweiung, von Blasen – und es ist meine Überzeugung, dass wir die Menschen durch Kunst und Kultur zusammenbringen, dort Gesprächsangebote schaffen und dann dieser Entzweiung, dieser Blasenbildung entgegenwirken.


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