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Baerbock-Bashing

Die Kirsche auf dem Scheiterhaufen

Baerbock-Bashing: Die Kirsche auf dem Scheiterhaufen
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Dass sich Annalena Baerbock derzeit nicht sonderlich clever anstellt – Schwamm drüber. Aber was jetzt an Hexenjagd läuft, auch von Frauen, die sich als Feministinnen bezeichnen, empört unsere Kolumnistin.

Wann hat das eigentlich angefangen? Dass man Feministin sein kann, während man sich zur linken Hand des Würgegriffs männlicher Herrschaft macht? Wann ging das los, dass Feministinnen sich für ganz besonders reflektiert hielten, wenn sie so viel reflektierten, dass sie vor lauter Reflexion am Ende selbst das Spiegelbild des Patriachats wurden? Ein Beispiel für diesen feministischen Antifeminismus liefert die aktuelle, medial absurd-hochgejazzte Debatte um die grüne Hexe für das Amt der Bundeskanzlerin, Annalena Baerbock. Die hat dem armen, supersüßen Til Schweiger der Grünen, Robert Habeck, nämlich die Kandidatur vor der Nase weggeschnappt, die Böse. Dieses Narrativ liegt den vielen Medienberichten, die sich an der Hexenjagd auf die 40-jährige Grüne beteiligen, entweder explizit oder implizit zugrunde.

Und als Kirsche auf dem Scheiterhaufen gerieren sich enttäuschte Feministinnen als Kämpferinnen für Frauenrechte, während sie sich vors Trojanische Pferd der Antifeministen spannen lasen, das mittlerweile nicht nur rechts- und bürgerlich-konservative Medien wie die "Bild"-Zeitung, das "Handelsblatt" oder die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" reiten, sondern auch bei der "Süddeutschen Zeitung" und der "Zeit" seinen Kopf ins Fenster steckt: Bereits Anfang Juni schaltete die von Daimler, VW, BMW, Siemens, Bosch und Audi hauptfinanzierte "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" (INSM) eine Anzeigenkampagne in allen genannten Medien, in der Annalena Baerbock als Moses (wtf?) verkleidet mit Gebotstafeln abgebildet wurde (Kontext berichtete). Überschrift: "Wir brauchen keine Staatsreligion". Auf den Gebotstafeln populistisch verdrehte "Gebote" der Grünen. Darunter ein Kästchen, in dem steht: "Die Verbote der Grünen lähmen unser Land." Wow. Wie verzweifelt muss man sein, um solche propagandistischen Tiefschläge austeilen zu müssen?

Die Hexe muss ertränkt werden

Dass der Industrie die Klimalobby auf den Zeiger geht, ist bekannt. Ebenso, dass sich Baerbock mit all den selten dummen Fehlern um Lebenslauf, nicht gemeldete Sonderzahlungen, Copy-and-paste-Buch, einem shady Promotionsstipendium und einem offensichtlich lappenhaften Supportteam selbst mehrere unnötige Beine gestellt hat. Dass sie aber als Kanzlerkandidatin in einer derart aggressiven Kampagne so brutal von wirtschaftskonservativer Seite nach amerikanischem Vorbild mit Negative Campaining diffamiert wird, hat einen anderen Grund. The struggle is nämlich real: Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte fühlen sich mächtige Männer mächtiger Männer-Konzerne von einer Frau in einer Partei bedroht, die sich Feminismus als Weg in eine gerechtere Gesellschaft zumindest ins Parteiprogramm geschrieben hat.

Mit Baerbock verbinden sich Triggerthemen wie Feminismus und Klimapolitik zur unheiligsten aller Allianzen für wirtschaftsliberale, konservative Vetterleswirtschaften. Sie muss mit allen noch so schmutzigen Mitteln bekämpft werden, weil sie die männlichen Systeme Politik und Wirtschaft in Frage stellt. Sie ist die Hexe mit dem grünen Besen, die ertränkt werden muss, bevor sie noch mehr Jugendliche auf dumme Ideen bringt. Außerdem ist nach 16 Jahren Merkel einfach auch mal gut mit dem Frauen-Experiment. Und als würden solche Gedanken nicht eh schon weitverbreitet in Gesellschaft und der unsäglichen Diskussion über Baerbock mitschwingen, fragt sich Hella Kaiser, die in den 1980er Jahren sieben Jahre lang die feministische Frauenseite des Tagesspiegels verantwortete, in ihrem Text "Die Grünen, Annalena und ich", wie es sein konnte, dass man Baerbock "gegenüber Robert Habeck, der so viel Wissen und politische Regierungserfahrung vorzuweisen hatte, den Vortritt gab?" Nur um sich gleich im nächsten Satz darüber zu empören, dass ihn sich Baerbock ja eh einfach nur genommen hätte, "weil sie nun mal eine Frau ist und die Grünen diesen Anspruch in ihren Statuten festgeschrieben haben". Leck mich fett: Wenn nicht mal eine altfeministische Altgrüne damit klarkommt, dass sich eine Frau nimmt, was ihr per Parteisatzung zusteht, dann braucht man kein Patriarchat mehr, um Frauen von Machtpositionen fern zu halten. Dann machen das Frauen ganz einfach selbst.

Jetzt mal Butter bei die vegane Fischstäbchen

"Den Vortritt gab?" Hallo? Jetzt mal Butter bei die vegane Fischstäbchen: Es war von Anfang an klar, dass für die Kandidatur nur der Parteivorstand in Frage kommt, also die Doppelspitze Habeck/Baerbock. Baerbock traute sich das Amt zur offensichtlichen Überraschung Habecks zu und sicherte sich aufgrund des Parteigrundsatzes, der Frauen das Erstzugriffsrecht auf wichtige Positionen gibt, den Vortritt damit selbst. So what? Habeck wusste um den Grundsatz. Sein Rückzug ist keiner persönlichen Chuzpe geschuldet, sondern der Umsetzung einer innerparteilichen Übereinkunft, die mit überwältigender Mehrheit auf dem Parteitag der Grünen bestätigt wurde. Dass sich Habeck jetzt als Gentleman inszeniert, der einer Frau den Vortritt ließ, aber dennoch hoch emotional über den "schmerzhaftesten Tag in meiner politischen Laufbahn" in diversen Interviews vor sich hin leidet, bedeutet nur eines: Habeck hält sich für so bockstark, dass er in Baerbock schlichtweg nie eine ernsthafte Konkurrenz sah. Es kam anders.

Und Journalistinnen wie Silke Mertins rudern zurück. Baerbocks Kandidatur sei "zu früh gekommen", sie sei "zu jung, zu unerfahren und politisch zu unreif", weiß die Feministin und ehemalige Auslandredakteurin der "Financial Times Deutschland" in ihrem Beitrag "Es ist vorbei, Baerbock!". "Ein gefundenes Fressen für jene, die Frauen ohnehin weniger zutrauen." Mit ihrer Selbstüberschätzung hätte Baerbock dem Feminismus "einen Bärendienst erwiesen". Als gäbe es irgendwo eine Stellenbeschreibung für den Job im Kanzleramt. Als wäre "Erfahrung" ein Garant für gute Politik (Grüße an Gerhard Schröder) und Qualifikation der Grund, warum es so wenig Frauen in Spitzenpositionen gibt.

Der Riesengag ist doch, dass es eigentlich völlig egal ist, wer’s macht von den Grünen. Es spielt am Ende keine Rolle, wer irgendwo mehr Erfahrung oder Qualifikationen hat, und ob eine Grüne oder irgendwelche CDU- oder SPD-Typen wieder Kanzler werden. Denn an der großen Schraube wollen sie alle nicht drehen. Egal ob Schwarz-Grün unter Armin Laschet oder Grün-Schwarz unter Baerbock: Die politischen Perspektiven im Land sind ernüchternd, wenn selbst einstige Hippies Deutschland in ihrem Wahlprogramm "ihr Industrieland" nennen und Kapitalismus als Dreh- und Angelpunkt gesellschaftlicher Miseren akzeptiert haben.

Mit Baerbock wird der Kapitalismus nur grüner. Ohne Baerbock bleibt er halt gleich scheiße. Sich nicht aktiv an ihrer Dekonstruktion und Delegitimierung zu beteiligen, wäre immerhin ein solidarischer Akt einer Frau gegenüber, die stellvertretend für Millionen Mädchen und Frauen keine Angst hat, in einer Männerdomäne nach Macht zu greifen – auch und gerade weil sie von der ganzen Nation als Projektionsfläche eines gesellschaftlichen Antifeminismus missbraucht wird.


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9 Kommentare verfügbar

  • Gaston
    vor 1 Woche
    Antworten
    Der Artikel ist mal wieder zum Brüllen. Furor statt Humor eben. Jetz dürfen nicht mal mehr gestandene Feministinnen frei ihre Meinung äußern. Im Kampf um die absolute Macht plädiert die Autorin für feministischen Kadavergehorsam. Hat bei Wehrmacht und ganz besonders bei der SS hervorragend…
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