KONTEXT:Wochenzeitung
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Vorhang auf!

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Eine Gruppe von Menschen wird von Corona besonders hart getroffen. Nicht, weil sie besonders gefährdet ist, sondern weil das Virus droht, sie in den Ruin zu treiben. Es sind die freien Kulturschaffenden, die keine Bühne mehr haben. Wir bieten ihnen jeden Tag eine virtuelle. In Folge 13 unserer Serie geht der "Vorhang auf" für die Stimmkünstlerin Mechthild Hettich.

Wenn Mechthild Hettich momentan in der Frühlingsonne spazieren geht, versucht sie die Leute anzulächeln. Weil derzeit so viele Menschen so geknickt herumlaufen würden und man ihnen an den Augen den Gedanken ablesen könne: "Oje, hoffentlich hat keiner gesehen, dass ich da jetzt nur 1,47 Meter Abstand gehalten habe." So ein Lächeln, sagt Mechthild Hettich, stecke zwar auch an, aber nicht mit einem Virus.

Solange Corona die Welt in Atem hält und die Bühnen, Ausstellungen und Konzertsäle im Land geschlossen sind, gibt es jeden Tag eine neue Folge des Kontext-Vorhangs. Alle Folgen der vergangenen Woche sind hier zu finden.

Die 57-Jährige ist Sängerin und Gesangslehrerin. "Dadamusik – Singen mit Seele" steht auf ihrer Homepage. Ihre Stimme ist ihr liebstes Instrument, weil sie die immer dabei hat. Und weil sie das Singen zwar liebt, aber noch nie gut gewesen sei im Nachsingen, hat sie sich verlagert auf die Stimmkunst. Den freien Ausdruck mit dem eigenen "Körperinstrument" Klangteppiche zu erzeugen und Geschichten zu erzählen. Mit einem Ton fängt sie an, dann improvisiert sie, wie bei der Performance "White Chilli Chok", die sie uns gesendet hat. "Das ist wie eine Sprache mit Lauten, die aus dem, Moment kommt. Da, wo es mich juckt und kitzelt, da reise ich mit meiner Stimme hin", sagt sie. Da klingt ein grauer Herbstmorgen auch schonmal wie "die letzten, gelben Blätter der Quitte vor dem dunklen Himmel", schrieb der Weser-Kurier in Bremen einmal in einem Portrait.

Ungewöhnlich ist ihre Kunst. Und fast ein wenig psychologisch. Vielen Menschen sei das Singen heutzutage ausgetrieben worden, sagt Hettich, was schade sei. "Du kannst nicht singen", ein oft gehörter und gesagter Satz, der dadurch auch nicht besser würde. Denn: "Jeder kann singen" – man braucht nur den Mut, nicht eine vorgegebene Norm erfüllen zu wollen und die eigene Stimme klingen zu lassen. "Zu merken, da ist Kraft dahinter, die aus einem selbst herauskommt, verändert das eigene Standing und das Selbstbewusstsein", sagt sie. Wer sich partout nicht traut, einfach mal loszuschmettern, dem empfiehlt sie zu saugen – denn ein Staubsauger sei ein super Begleitinstrument.

In normalen Zeiten macht die Stimmkünstlerin aus Stuttgart jeden Tag Musik mit echten Menschen. Ihren Stimmunterricht, den sie seit mehr als 20 Jahren gibt, kann sie trotz Corona weiterühren, "Einzelunterricht geht ja noch", sagt sie. Zusätzlich nimmt sie Audios auf für ihre SchülerInnen. Momentan versucht sie, sich nicht nur mit den neuesten Corona-News zu befassen, sie spielt viel Klavier, weil sie mehr Zeit hat. Mit Kolleginnen entwickelt sie ein neues Programm weiter. Und wenn sie doch mal der Corona-Blues einholt, dann beginnt sie zu summen, das helfe. "Denn wenn der Körper schwingt, erlebe ich mich ganz anders."

Web: www.mechthild-hettich.de

Virtuelle Bühne bei Kontext

Weil Corona den Kulturschaffenden ihre Bühnen nimmt, wollen wir als Medium eine virtuelle bieten. Wenn wir es schaffen, wechseln wir täglich die Stücke, damit möglichst viele ihren Auftritt bekommen. Wer mitmachen will, möge sich bitte unter vorhangauf@kontextwochenzeitung.de melden. Den Auftakttext zum Projekt gibt es hier nachzulesen. Spenden bitte direkt an die KünstlerInnen.

Folge 12: Vorhang auf für Ute Woracek!

 

Sonntag, 5. April 2020

Ursprünglich hatte Ute Woracek für unsere Reihe "Vorhang auf!" ein Video zur Restaurierung eines riesigen Holzschnitts von Lukas Cranach dem Jüngeren in Freiberg im Erzgebirge angeboten. Sie hat es angefertigt für eine Ausstellung im dortigen Bergbaumuseum, die nun vorzeitig abgebrochen wurde. Doch dann hatte sie eine bessere Idee: Die Videokünstlerin suchte einen ihrer ersten Filme heraus, mehr als zwanzig Jahren alt, und überarbeitete noch einmal den Ton. Er gehört zu ihrer Serie "Odyssee einer Hausfrau, Filme zur Hygiene".

Mit Atemschutzmaske steht die Hausfrau hinter einem alten Tisch, zieht Gummihandschuhe über, nimmt eine Politur und sprüht sie auf die Platte. Das Pochen eines Pulsschlags erhöht die Spannung. Droht Gefahr? Was wird passieren? Nichts. Sie wischt über die Tischplatte. Doch dann gleitet das Geschehen ein wenig aus der alltäglichen Routine hinaus, während eine englische Automatenstimme wiederholt: "Die von Ihnen gewählte Nummer wurde geändert. Die neue Nummer ist" und eine Menschenmenge johlt und applaudiert wie bei einem Sportereignis. Am Ende ertönt nach drei Gongschlägen die Ankündigungsmusik einer Nachrichtensendung. Dann bricht das Video ab. Die Atemschutzmaske behält sie an.

Woracek spielt mit der Unklarheit und den Doppelbödigkeiten der aktuellen Situation. Eigentlich trägt die Hausfrau die Atemschutzmaske nur, um sich vor den Ausdünstungen des Reinigungsmittels zu schützen. Nachrichten im Fernsehen gibt es jeden Tag, es ist alles ganz normal. Oder? Was Generationen von Hausfrauen auf die Palme gebracht hat, nämlich zur Hausarbeit verdammt zu sein, ist im Moment auf einmal Alltag für alle, Männer wie Frauen. Manche fangen an zu putzen, weil ihnen nichts Besseres einfällt. Oder weil sie das lange nicht mehr getan haben. Oder doch wegen der Hygiene?

Ute Woracek ist mit einem Halbtagsjob an der Stuttgarter Kunstakademie finanziell abgesichert. So kam auch ihre Arbeit für Freiberg zustande, denn sie arbeitet im Fachbereich Restaurierung. Die Restauratoren der Stuttgarter Akademie haben das verloren geglaubte Porträt des Reformators Johannes Hus in einjähriger Arbeit wiederhergestellt. Aber natürlich kann auch sie nicht umhin, die Veränderungen im Alltag aufgrund der Corona-Krise zur Kenntnis zu nehmen, zu denen ihr Video, nur leicht verändert, einen passenden Kommentar abgibt. Die Odyssee ist noch nicht zu Ende.

Web: www.uteworacek.de

Folge 11: Vorhang auf für Jörg Buchmann!

 

Samstag, 4. April 2020

Bei David Bowie strandet Major Tom irgendwo in den Weiten des Alls, nachdem ihn sein Raumschiff im Stich lässt, mehr als 100.000 Meilen von der irdischen Heimat entfernt. Was mag der Kunstfigur widerfahren sein, ganz allein in einem endlosen Kosmos? Vor acht Jahren, "in einer sehr schmerzvollen Phase", hat sich Jörg Buchmann ein Szenario ausgemalt: Was, wenn nur die Technologie zugrunde ging, aber der Niedergeschlagene den Absturz überstanden hat? Was wenn er aufgestanden ist und zu Fuß weiterging? 

Nach dieser Idee hat Buchmann die Website "Walking Major Tom" benannt, auf der er seine Alben anbietet. "Das Liederschreiben", sagt er, "ist für mich wie Tagebuchführen." Meistens setzt er sich Abends mit der Gitarre hin, lässt seinen Assoziationen zum Erlebten freien Lauf und wenn ihm ein Stück gefällt, lässt er die Aufnahme mitlaufen – anfangs auf einem Walkman, heute auf dem Smartphone. "Echte Low-fi-Musik", sagt er. Was dann ein paar Tage später immer noch gut klingt, landet vielleicht auf einem Album. Die zugehärigen Cover gestaltet Buchmann selbst und jedes einzelne ist ein Unikat: Mit Malerei, Collagen, Zeichnungen und Polaroid-Fotographie. 

"Es fällt mir total schwer, mich auf ein Medium festzulegen", erzählt der Künstler, der auch an Installationen arbeitet, Videos schneidet und Performances anbietet. Beim Musizieren singt er meist in erfundenen Sprachen – vielleicht weil feste Formen seine Sache nicht sind. Eher das  Vieldeutige, aus dem Unbewussten Entstandene, das die Gedanken weniger in Bahnen lenkt, als sie anzuregen und dann sich selbst zu überlassen. 

Nach diesem Prinzip ist auch das Stück "Corona World" enstanden, das Buchmann für Kontext bereitstellt: Ein kurzes Video mit einem meditativen Song, untermalt mit eigenen Bildern und alles aus einer Hand. Die Corona-Krise bedeutet, wie für so viele Kulturschaffende, auch für den 48-Jährigen einen "Einnahmetotalausfall". Besonders dass er gerade keine Workshops mehr geben kann, trifft ihn hart. Doch seiner Musik merkt man keinen Schwermut an. Sie klingt ein bisschen nach Weltraum – und danach, dass es irgendwie weitergeht. 

Spenden an den Küstler gerne via Paypall über skipperjoerg@yahoo.com

Folge 10: Vorhang auf für Sebastian Polmans!


Freitag, 3. April 2020

"Die Tulpe lädt zum Riechen ein", weiß Sebastian Polmans und dieser Lebensweisheit hat er nicht nur ein Gedicht, sondern ein ganzes Kinderbuch gewidmet – illustriert mit eigenen Kugelschreiber-Zeichnungen, "auf feinem Künstlerpapier gedruckt", wie der Bübül Verlag betont, und inklusive Bastelbogen. In seinen gezeichneten Gedichten geht es um Gewitter, die Liebe zur Natur und die Freundschaft, auch zu Tieren und Pflanzen. Und nach einer ausgiebigen "Riesenriecherei" am Blumenduft, dichtet Polmans, geht er mit neuen Farben heim und malt sich im Traum einen Garten damit.

Für Kontext hat der 37-Jährige nicht nur sein Tulpengedicht vertont, sondern auch zur Gitarre gegriffen und zwei Lieder aufgenommen, die so viel Lebensfreude und zärtlich gebliebene Zuversicht ausstrahlen, dass das Ausmaß an guter Laune schon beinah etwas deplatziert wirkt in Corona-Zeiten. "Natürlich bekomme ich mit, dass die Situation für viele dramatisch ist", kommentiert Polmans, der sich selbst sogar als "etwas hypersensibel" einschätzt und sich lieber mit Sebastian anreden lässt. "Aber den Optimismus und das liebevolle Miteinander müssen wir uns beibehalten."

Er lebt, zusammen mit rund 16.000 Einwohnern, in der Gemeinde Niederkrüchten, ein paar Kilometer westlich von Mönchengladbach, in einem Haus mit großem Garten und, natürlich, direkt am Waldrand. 2011 ist sein Debütroman "Junge" beim Suhrkamp-Verlag erschienen, seine Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet – unter anderem mit dem Bayern-2-Wortspiele-Preis und der BUND-Distel für Natur-, Umwelt- und Tierschutz. Manchmal kombiniert er seine Kunst mit pädagogischen Konzepten. Beispielsweise Lesungen in Kindergärten mit einer nächtlichen Glühwürmchenwanderung, "um zu zeigen, was in der Natur so alles vor sich geht".

Jetzt müssen die Kindergärten, wie so viele Einrichtungen, erst einmal geschlossen bleiben, und "da kommt gerade nicht so viel Verdienst rein", sagt Polmans. Wichtiger ist ihm aber: "Ich habe nicht den Eindruck, von irgendjemandem vergessen worden zu sein und zu tun, gibt es immer genug." Beispielsweise malt er gerade an einem Porträt seiner Familie, verewigt den Garten einer Bekannten auf Leinwand und "außerdem ist ja gerade Pflanzzeit" – also gibt es auch im eigenen Garten genug zu tun. Und so singt die Frohnatur auf der digitalen Bühne:

Wo immer du bist,
Sei dein Herz voll mit Licht,

Sei weit wie ein Meer
Und stark wie ein Bär
 

Bücher können beim Bübül Verlag bestellt werden oder beim Autor per Mail: sebastianpolmans--nospam@yahoo.de

Folge 9: Vorhang auf für Jonathan Delazer!

 

Donnerstag, 2. April 2020

Unbeweglich sitzt Jonathan Delazer im Sessel. Man könnte das Video für ein Standbild halten, wie sie auf YouTube häufig zu finden sind, wenn es zur Musik keine bewegten Bilder gibt. Erst wenn man auf Vollbild umschaltet und sehr genau hinsieht, bemerkt man, dass sich der Plattenspieler dreht und sich der Brustkorb des Musikers fast unmerklich hebt und senkt. Delazers Film scheint wie ein Kommentar zur aktuellen Lage: Alle Auftritte sind abgesagt, Musiker sitzen zu Haus.

Die derzeitige Situation habe ihn "einige Gigs gekostet", sagt er. Von einer größeren Tour im Mai mit 12 bis 13 Konzerten wird mit Sicherheit nicht alles stattfinden, wenn überhaupt. "Die Verluste sind leider da", bedauert er aber langweilig wird ihm trotzdem nicht. "Es gibt viel zu tun", stellt der Musiker fest: "komponieren, Bücher lesen, soziale Kontakte über verschiedene Medien." Musik gibt es freilich einstweilen nur aus dem Lautsprecher.

Jonathan Delazer ist 2013 zum Musikstudium nach Stuttgart gekommen. Er wäre auch anderswohin gegangen. Aus dem Südtirol stammend, war "jede größere Stadt für mich wie New York". In New York ist er tatsächlich nach dem Studienabschluss als Jazzschlagzeuger gewesen und hat dort mit Größen der improvisierten Musik gespielt. Zuvor war er bereits Gründungsmitglied des Stuttgarter Kollektivs für aktuelle Musik (SKAM) und danach mit einem Erasmus-Stipendium in Riga, um nochmal ganz woanders hin zu kommen.

Die Schallplatte, die er in dem Video hört, ist seine eigene. "Uno duo" heißt das Projekt, weil er nämlich mit sich selbst im Duo spielt, Schlagzeug und Klarinette, und zwar nicht im Overdub-Verfahren, sondern alles auf einmal, live. Das Stück ist nicht notiert, aber auch nicht improvisiert. "Ich brauche das nicht aufzuschreiben", erklärt er, "Ich weiß ja, was ich spielen will, und ich habe ein ziemlich gutes Gedächtnis, ich kann mir das merken."

Die Komposition, die so gut passt auf die momentane Situation, entstand allerdings früher, als er einmal in einem Café saß – in Italien, als die Welt auch dort noch in normalen Bahnen verlief. "Die hochinteressanten Vorgänge zwischen dem Eintreten und Verlassen des Lokals sind zahlreich und musikalisch verwertbar: begrüßen, hinsetzen, warten, hören, bestellen, beobachten, Macchiato entgegennehmen, Tasse heben, nippen, Tasse senken, wiederholen, vielleicht zuckern, austrinken, wirken lassen, bezahlen, verabschieden." Der erste Teil des Titels "chiattoß.fizeau.galopp" versteht sich als Verballhornung von (Latte mac)chiato. Der zweite bezieht sich auf den Physiker Hippolyte Fizeau, der 1845 als erster die Sonne fotografierte. Dieses Bild ziert das Cover von Delazers Schallplatte (über dem Plattenspieler), die man unter jonathan.delazer--nospam@hotmail.com erwerben kann.  

Spenden an den Musiker gerne via Paypall über unoduomusic@gmail.com.

Folge 8: Vorhang auf für Michaela Tröscher!

 

Mittwoch, 1. April 2020

Auf die Idee mit der Rettungsdecke ist Michaela Tröscher alias "The Icelandic Pianist" nicht erst durch die Initiative der Vielen gekommen, die das goldglitzernde Utensil aus dem Erste-Hilfe-Kasten als Symbol für den Schutz der Kultur gegen Angriffe von rechts verwenden. Die Künstlerin aus Titisee-Neustadt möchte damit auch nicht auf die existenzielle Gefährdung von KünstlerInnen durch Auftritts- und Ausstellungsverbote hinweisen. Die Dinge haben bei ihr einen langsameren Rhythmus. Erstmals 2012 wickelte sie sich in die goldene Folie, nachdem sie von Donaueschingen auf den Säntis gewandert war; dann wieder im darauf folgenden Jahr in Vancouver, nach einer Reise im Containerschiff von Bremerhaven nach New York und weiter über Land bis zur kanadischen Westküste. Das Gold steht für innere Werte.

"Framti∂in er björt" lautet der isländische Titel, zu Deutsch "Die Zukunft erstrahlt" oder auf Englisch "Future is Bright". Michaela Tröscher hat keineswegs die Hoffnung aufgegeben, auch wenn sie momentan, wie sie sagt, "komplett ausgebremst" ist und ihre Rücklagen auch bei sparsamster Lebensweise nicht mehr weit reichen, so dass sie nur darauf hoffen kann, dass wenigstens eine im Sommer angesetzte Ausstellung stattfindet. Doch sie sieht auch das Positive, die Hilfsbereitschaft, die Chance, dass sich durch die momentane Krise manches ändern könnte, denn eines erscheint ihr, leider, unabweisbar: dass die Menschen sich erst durch Krisen bewegen lassen, ihr Verhalten zu ändern.

Das Video, das die Künstlerin zeigt, wie sie sich unter der Rettungsdecke hindurch bewegt, gehört zu einer Skulptur, die um die Jahreswende im Kunstverein Freiburg ausgestellt war. "Zeit spielt dabei eine große Rolle", erklärt sie. Sind Skulpturen nicht immer auf Dauer angelegt? Nein, diese Arbeit ist in einem Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren entstanden. Sie bezieht sich auf die Auswanderung ihres Großonkels nach New York 1914 und auf die isländische Emigration zur selben Zeit, wie sie in zwei Romanen des Autors Bö∂var Gu∂mundsson beschrieben ist, die Tröscher derzeit auszugsweise ins Deutsche übersetzt. In diesem Zusammenhang hat sie ihr Lebensthema gefunden, sagt die Künstlerin, die nach einem Kunststudium in Saarbrücken, einem mehrjährigen Island-Aufenthalt und einem Stipendium der Kunststiftung in Stuttgart an den Ort ihrer Herkunft zurückgekehrt ist.

Der Text zum Video der isländischen Pianistin lautet auf Deutsch:

Die Zukunft erstrahlt
und ich laufe in den Wald und rede mit einem Hirschen

Er bittet auf ihn aufzusteigen und auf ihm zu reiten
damit er mich dann in den Ozean wirft

Es ist nötig zu tauchen
nun sollte ich sprechen

Ich spreche zum Himmel
und fange an meine Finger zu bewegen

Der Körper ist süß
und das Wasser gibt mir Füße

Ich werde nun zu einem Strom
und fließe in einen Traum

Ich träume von Frauen
die niemals sterben

Singen so wunderschöne Töne
dass alle kommen

und betören bis zum Fieber

 

Folge 7: Vorhang auf für Elena Seeger!

 

Mittwoch, 1. April 2020

Elena Seeger ist eine Mehrfachbegabung. Geboren 1988 in Hausen im Killertal, zu Burladingen gehörig, hat sie Klavier-, Posaunen- und Gesangsunterricht genommen, an der Stuttgarter Akademie Kunst und danach noch Anglistik studiert. Aber momentan ist sie mehr als Liedermacherin unterwegs. So leicht und unbeschwert sie dabei daherkommt, so sehr steckt in ihren provokativen Texten, auf Hochdeutsch oder Schwäbisch, doch auch Stoff zum Nachdenken. Wie beim Lied vom Fremdgehen: "Und eigentlich ist sie doch bestimmt nett. Und sicherlich auch ganz schön gut im Bett. Und eigentlich so wundervoll adrett. Und eigentlich …" Wird sich da nicht manch einer im Publikum ertappt fühlen?

Aber nochmal von vorn, in ihren eigenen Worten: "Elena Seeger lebt, musiziert, malt, gärtnert, kocht und arbeitet in Stuttgart. Warum das Killertal zwar kaum Kriminelle, dafür aber hervorragende Musiker ausspuckt, bleibt ein Rätsel." Killertal heißt der Oberlauf der Starzel bis Hechingen, die kurz oberhalb von Hausen, aber nicht in Burladingen entspringt. "Hausen gehört zu Burladingen dazu", klärt Elena Seeger dieses etwas verworrene Zugehörigkeitsproblem auf, "die meisten Hausener fühlen sich aber eher den Killertaldörfern zugehörig würde ich sagen (von welchen die Hälfte auch zu Burladingen gehört)." Ihre Absichten beschreibt sie so: "Dinge anders betrachten, Normen in Frage stellen – schön verpackt in ein quietschgelbes Universum voll Selbst- und Fremdironie."

"Mmmh.. ich rieche Mus, Apfel oder Quitte", singt die Fliege, nicht genau quietschgelb, aber collagiert aus großen Augen in kraftvollem Pink, mit Flügeln, die zwischen Türkis und Violett changieren, "und ein bisschen Kirsch, ich setz mich gleich in die Mitte, eine Fliege mag das" – und sie setzt sich auf den mittleren der drei mit Kreide an die Tafel gezeichneten Töpfe. "Und da bist du ich seh dich tausendfach gespiegelt in Facetten, die Gitarre in der Hand und dein Geruch ist mir bekannt." So beginnt die Hymne an den Verflossenen. "Jeder Mensch geht auf eine andere Art mit Trennungen um", schreibt die Sängerin dazu, "und manch einer stellt sich vor, er wäre eine Stubenfliege", die nämlich in die Wohnung ihres Ex fliegt, um ihm noch einmal nahe zu sein. Bis ihr dann auch die unangenehmeren Szenen wieder einfallen und das schöne Trugbild zerbröselt.

"Das ist alles selbstgemacht", sagt die Künstlerin, "von der Musik bis über die Aufnahme und der Film und die Bearbeitung auch. War ein größeres Projekt." Sie ist momentan "komplett ohne Einkommen (abgesehen von den virtuellen Hutspenden bei den LiveStream Konzerten, die leider bei weitem nicht ausreichen)." Die Livestream-Konzerte finden sich im Terminkalender auf ihrer Homepage www.elenaseeger.de. Das nächste findet am heutigen Mittwoch, den 1. April (kein Aprilscherz!) um 20.15 Uhr statt und ist über Facebook zu empfangen, ein weiteres folgt hier am Sonntag, 5. April um 19 Uhr.


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