Eli (John C. Reilly), offensichtlich der härtere der beiden Sisters-Brüder. Fotos: Wild Bunch Germany

Eli (John C. Reilly), offensichtlich der härtere der beiden Sisters-Brüder. Fotos: Wild Bunch Germany

Ausgabe 414
Kultur

Eine Geschichte der Gewalt

Von Rupert Koppold
Datum: 06.03.2019
In seinem Film "The Sisters Brothers" taucht der Regisseur Jacques Audiard zurück ins Dunkel der Historie Nordamerikas und inszeniert eine Geschichte um Söhne, Väter und den Gründungsmythos der USA. Ein exzellenter Western, der sich am Genre reiben will.

Die zeitliche Verortung: Oregon im Jahr 1851. Das erste Bild: die Totale einer Landschaft. Ein Western also? Ein Film, in den nun eine einsam heroische Figur hineinreiten müsste? Aber dieses weite Land liegt hier noch in der Nacht und wirkt ganz leer. Nur schemenhaft schälen sich die Konturen einer Hütte heraus, Rufe sind nun aus der Dämmerung heraus zu hören, die zur Kapitulation auffordern, und zu sehen sind jetzt Mündungsblitze und schließlich zwei Männer, die ins Innere der Behausung eindringen und ohne zu zögern auf alles schießen, was sich bewegt. "Wie viele haben wir getötet?", fragt der eine ganz sachlich, als sie sich draußen wieder treffen. "Ich weiß nicht, sechs oder sieben", antwortet der andere. Die Sisters Brothers sind ein eingespieltes Killer-Duo, sie haben wieder einmal einen Auftrag mit mörderischer Konsequenz durchgezogen.

Hinein ins Dunkel der Historie! Wie schon der kanadische Autor Patrick de Witt in seiner Romanvorlage taucht auch der französische Regisseur Jacques Audiard ("Der Geschmack von Rost und Knochen") zurück in die US-Geschichte, will ganz bewusst deren spätere Festschreibungen als (und in) Western-Geschichten unterlaufen und aus einer Perspektive erzählen, die sich nicht dem Genre und seinem klassischen Regelwerk unterwirft. Nein, das ist kein ganz neuer Ansatz, schon Sam Peckinpah ("The Wild Bunch", 1969) hat sich in seinen blutig-destruktiven Balladen vom edlen Helden verabschiedet, genauso wie Sergio Leone ("Für eine Handvoll Dollar", 1964) oder Sergio Corbucci ("Django", 1966) in ihren Italo-Western, deren zynische Kopfgeldjäger in Quentin Tarantinos Filmen "Django Unchained" (2012) oder "The Hateful Eight" (2015) eine Wiederauferstehung feiern. Man kann mit dem Western allerhand anstellen. Aber auch wenn man ihn gegen den Strich inszeniert – was fast zur neuen Norm geworden ist –, so kann man dem Genre wohl nicht ganz entkommen.

Die beiden Sisters, links, mit Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed), John Morris (Jake Gyllenhaal) und Regisseur Jacques Audiard.
Die beiden Sisters (John C. Reilly und Joaquin Phoenix) mit Hermann Warm (Riz Ahmed), John Morris (Jake Gyllenhaal) und Regisseur Jacques Audiard (v.l.).

Dennoch: In diesem in Spanien und Rumänien gedrehten (und in Venedig mit dem Silbernen Bären ausgezeichneten) Film wirken die bekannten Bilder und Motive ein bisschen anders, ein bisschen fremd. Statt eines vertrauten Show-Downs sind etwa wilde Schießereien in Scheunen oder im Gebüsch zu sehen. Oder es stellt sich ein von einer machtgierigen Person beherrschtes Städtchen nicht als One-Man-, sondern als One-Woman-Town heraus. Und im Vergleich zu den wortkargen Westernern der John-Wayne-Ära sind die Sisters-Brüder, zwei kantig-schwere Kerle mittleren Alters, schon beinahe geschwätzig. Mehr noch: Der ältere und nachdenkliche Eli (John C. Reilly) fängt sogar an, die eigene Profession in Frage zu stellen und am Auftraggeber, dem nur einmal kurz zu sehenden Commodore (Rutger Hauer), zu zweifeln. Der sei, was den neuen Fall betrifft, vielleicht gar kein Opfer, und dieser Hermann Warm (Riz Ahmed), den sie verfolgen und töten sollen, vielleicht gar kein Dieb. Sein aufbrausender Bruder Charlie (Joaquin Phoenix) aber will von so etwas nichts hören, er ist darauf aus, den Ruhm der Sisters-Brothers zu vermehren.

Zivilisationskritik per Körpersprache

So kabbeln sich die Brüder am Lagerfeuer oder traben diskutierend durch oft atemberaubend schöne, aber nie nur dekorative Landschaften. In dieser Wildnis kann einem eine giftige Spinne in den schlafoffenen Mund krabbeln oder ein Bär den Kopf eines Pferdes verwüsten. Jacques Audiard zeigt sich auch in diesem Film als ein Meister des physischen Kinos, dem zum Beispiel die Sprache der Körper mindestens so wichtig ist wie die der Worte. Und er hat dafür die richtigen Darsteller: Wenn etwa John C. Reilly als Eli in einem Laden ganz vorsichtig eine Zahnbürste in die Hand nimmt, dann spielt er das nicht – oder jedenfalls nicht nur – als komische Nummer, sondern auch als Teil eines Zivilisierungsprozesses. Und wenn Joaquin Phoenix als besoffener Charlie nachts aus einem Saloon taumelt und um sich ballert, dann spielt er das als Zivilisationsverweigerung.

Noch ein anderes Duo reitet durch diesen Film, und mit ihm eine schöne Utopie. Es sind der schon erwähnte Hermann Warm, ein Chemiker und schwärmerischer Instinkt-Sozialist mit sanften braunen Augen, und der Fährtendetektiv Morris (Jake Gyllenhaal), ein gebildeter Dandy, der die Veränderungen um ihn herum beobachtet – etwa die schnelle Verstädterung des Landes – und seinem Tagebuch anvertraut, der auch Thoreau liest und von Hermans Verfolger zu dessen Freund geworden ist. "Die Welt ist eine Abscheulichkeit", konstatiert dieser Hermann, der eine Formel für das effektive Schürfen von Gold gefunden hat, damit aber nicht selber reich werden, sondern eine brüderliche Gemeinschaft ohne Gier und Profitdenken gründen will. Aber hinter diesen beiden Freunden jagen die Sisters-Brüder her, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Vier aufeinandertreffen.

Jacques Audiard erzählt in diesem Film die Geschichte der USA als eine Geschichte der Gewalt, die sich immer und immer wieder fortsetzt. Deshalb ist dies auch ein Film über Männer, die geprägt, ja, die traumatisiert sind durch tyrannische Väter. Auch wenn diese schon lange tot sind, so prägen sie ihre Söhne weiter. Morris etwa hat versucht, sich durch die "Flucht" in den Westen dieser dunklen Instanz zu entziehen, und Charlie hat auf seine brachiale Weise etwas getan, um sich von ihr zu befreien. Aber ist ein Ausstieg aus diesem Teufelskreis der Gewalt wirklich möglich? Das Erstaunliche an diesem Film ist, ohne zu viel zu verraten, dass er seine Utopie tatsächlich eine Zeitlang realisiert. Ja, Männer können sich ändern, können weicher und zugänglicher werden, und dies sogar – und das ist vielleicht das wirklich Neue! – in einem Western. Allerdings droht hier in der Gestalt des Commodore noch immer die übergroße Figur des tyrannischen Vaters, die auch als Metapher für den Big-Business-Gründungsmythos der USA steht. Bevor diese Geschichte also aus dem Dunkel ins Hellere führen könnte, wird es noch viele Tote geben.


Jacques Audiards "The Sisters Brothers" ist ab Donnerstag, 7. März, in den deutschen Kinos zu sehen. Welche Spielstätte den Film in Ihrer Nähe zeigt, sehen Sie hier.


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