Marie Kondo. Ihre Serie dürfte es, ihrer eigenen Maxime folgend, gar nicht geben. Filmstills: Netflix

Marie Kondo. Ihre Serie dürfte es, ihrer eigenen Maxime folgend, gar nicht geben. Filmstills: Netflix

Ausgabe 410
Kultur

Dreißig Bücher sind genug!

Von Rupert Koppold
Datum: 06.02.2019
Eine Netflix-Serie begleitet die japanische Ordnungsberaterin Marie Kondo beim Aufräumen amerikanischer Wohnungen. Alles, was keine Freude mehr macht, muss weg! Doch "oh my god!", Überraschung: Der Influencerin Kondo zuzugucken, ist nicht die reine Freude.

Familie Friend ist in Not! Sie wohnt in einem kalifornischen Vorstadthaus und droht, im eigenen Hab und Gut zu ersticken. Wenn jetzt nicht sofort Hilfe kommt, dann ist es mit dem eh schon sehr angegriffenen Leben der Friends vorbei. Und es rückt an, nein, nicht die siebte Aufräum-Kavallerie, sondern nur eine kleine, zierliche Japanerin namens Marie Kondo. Aber was ist das schon an der Haustür für eine Freude! Ein Herzen und Umarmen, eine sich überschlagende Hi-und-Hello-und-I'm-so-happy-Orgie, eine Euphorie hoch drei, so als wäre eine gute Fee erschienen, die nun alles, alles Falsche beseitigen wird, so dass endlich das gute und ewige Leben ausbrechen kann. Und das wird es ja auch: Am Ende der ersten Folge von "Tidying up with Marie Kondo", einer seit Januar auf Netflix laufenden Serie (Englisch mit Untertiteln), hat die Titelheldin der Familie Friend nicht nur gezeigt, wie man eine Wohnung aufräumt, nein, sie hat auch deren Seelenhaushalt entrümpelt. "So wollen wir für den Rest unseres Lebens leben", sagt der glückliche Mister Friend.

Die 1984 in Tokio geborene "Ordnungsberaterin" Marie Kondo hat mehrere Bücher geschrieben, der deutsche Titel ihres 2011 erschienenen Erstlings fasst zusammen, worum es dabei geht: "Magic Cleaning – Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert". Aus der profanen Brauch-ich-dieses-T-Shirt-noch-oder-schmeiß-ich-es-weg-Überlegung wird im Kondo-Kosmos nämlich eine existenzielle Entscheidung, die sich in einem religiös überhöhten Ritual ausdrückt. Frau Kondo entsorgt nicht einfach – wobei dieses Verb bei ihr sehr angebracht ist –, sie weist ihre Klienten vielmehr an, sich vor dem Wegwerfen bei jedem einzelnen Stück für geleistete Dienste zu bedanken. Und vor dem Aufräumen begrüßt sie jedes Haus, sucht sich dafür in balletteusenhafter Kreiselbewegung den richtigen "spot", kniet sich in betender Haltung hin und schließt andächtig die Augen.

Ob Marie Kondo sich solche Dankes-und-Begrüßungs-Übungen aus Naturreligionen, aus dem Shintoismus oder aus dem Zen-Buddhismus geborgt hat, ist letztlich egal: Es wirkt einfach positiver als christliche Askese und klösterliche Bitterkeit, es wirkt wunderbar exotisch und auch super achtsam. Auf ihrer Homepage gibt sie zudem einen chinesisch inspirierten Rat zum Jahres- und Unterwäsche-Wechsel: "Nach der Feng-Shui-Lehre setzt die Unterwäsche, die man sich für den Neujahrstag aussucht, den Ton für das ganze Jahr. Seitdem ich das herausgefunden habe, habe ich das Jahr immer damit begonnen, brandneue, weiße Unterwäsche zu tragen. Weiß symbolisiert Neubeginn ..." Weiß ist auch irgendwie keusch, es passt also sehr gut zu dieser püppchenhaften Frau, die sich mit Mitte dreißig noch wie ein Mädchen stylt, sehr brav in Faltenröckchen herumtrippelt, sehr klein und ordentlich auf großen Sofas sitzt und dabei im Dauermodus lächelt, recht kindlich und niemals kokett.

So banal wie das Wechseln des Wassers in den Vasen

Ihre Aufräumerei, die sie in jeder Netflix-Folge bei wechselnder Mittelschichts-Kundschaft in ermüdender Gleichförmigkeit durchexerziert, bezeichnet sie als "Konmari-Methode". Was sich hinter dem Komplexität andeutenden Begriff verbirgt, sind fünf banale Grundsätze:
Alles auf einmal in kurzer Zeit und perfekt aufräumen.
Alle Dinge zum Aufräumen auf einem Haufen sammeln.
Sich fragen: Macht es mich glücklich, wenn ich diesen Gegenstand in die Hand nehme?
Jeder Gegenstand, den man behält, bekommt seinen Platz.
Alle Dinge müssen richtig verstaut werden.

So, liebe Leserinnen und Leser, die Sie der Selbstoptimierung zuneigen. Das war die kostenlose und sozusagen aufgeräumte Zusammenfassung der Konmari-Methode. Gehen Sie nun ans Werk. Werden Sie all das los, was bei Ihnen nicht mehr das macht, was Marie Kondo "to spark joy" nennt. Ihre Bibliothek? Dreißig Bücher sind genug, sagt Marie Kondo. Und diese Geschenke, mit denen Freunde ihre Wohnung vollstopfen wollen? Vorher einmal ausprobieren, höflichkeitshalber, aber wenn dabei nichts vor Freude sprüht: weg damit!

Bringen Sie nun auch Ordnung in Ihre Beziehung. Marie Kondo sagt: "To-do-Listen mit dem Partner teilen und diskutieren ist für Partner eine produktive Gewohnheit." Und sie verrät sogar etwas über ihre eigene Ehe: "Als wir geheiratet haben, haben mein Ehemann und ich jede Haushaltstätigkeit in einer gemeinsamen Kalkulationstabelle aufgelistet. Wenn ich eine Arbeit erledigt hatte, habe ich das mit Häkchen versehen, und wenn mein Partner das gemerkt hat, hat er mir eine einfache 'Thank you'-Notiz geschickt, und umgekehrt." Ja, man darf sich die Ehe der Marie Kondo wohl als sehr ordentlich vorstellen. Ihre Kindheit übrigens auch. Als ihre Eltern mal weg waren, hat sie laut einer Marie-Kondo-Reportage zwei Drittel ihrer Garderobe entsorgt. Mit fünfzehn war sie dann schon so obsessiv am Aufräumen, dass sie dabei sogar ohnmächtig wurde. Böse Stimmen behaupten deshalb: Marie Kondo habe eine Krankheit zum Beruf gemacht.

Heute sieht es bei Marie Kondo, wir zitieren wieder ihre Homepage, so aus: "Sobald die Kinder schlafen, wechsle ich das Wasser in den Vasen und bringe die Dinge im Haus wieder dahin, wo sie ihren Platz haben." Aber auch hier vergisst sie nicht: "Ich danke den Dingen für ihre harte Arbeit an diesem Tag." Doch selbst die Ordnungsberaterin fühlt sich manchmal sehr beansprucht, hat dafür aber eine inzwischen nicht mehr ganz überraschende Lösung: "Wenn ich ausgebrannt bin und mich entspannen muss, vergesse ich alles und wische den Boden." Es kann aber auch mal sein, dass Maire Kondo nicht vergessen will, und dann macht sie folgendes: "Wenn es nötig ist, meine Gedanken zu sortieren, nehme ich ein leeres Blatt und schreibe alles auf, was mir durch den Kopf geht." Klar, dass bei Marie Kondo für ein solches Unterfangen ein Blatt genügt.

OMG, it's overwhelming!
OMG, it's overwhelming!

Doch zurück zur Netflix-Serie, in der Marie Kondo weiter fröhlich "I'm so happy" oder "I love you" piepst (ihre anderen Wörter sind japanisch und werden von einer Assistentin übersetzt), lächelnd in volle Räume hineinhüpft und deren Bewohner dazu anhält, die übrig gebliebenen Dinge in Schubladen und Schachteln zu verstauen und auch, wenn möglich, ganz klein zu falten. So dass selbst Hemden und Blusen sich nicht übereinanderstapeln, sondern nebeneinander stehen! Und ja, der japanische Minimalismus wirkt schon putzig in amerikanischen Wohnung, vor allem der Kontrast zwischen den Menschen, also zwischen zentnerschweren Brocken in all ihrer Hilflosigkeit und einem federleichten Vögelchen wie Marie Kondo, die für alle Probleme der Welt eine einzige (Schrumpf-)Lösung anbietet.

Die schmale Influencerin mit dem breiten Appeal kommt aus einer Kultur, die sich insgesamt in kleineren Räumen und auch mit kleineren Dingen eingerichtet hat als die europäisch-amerikanische. (Irritierend allerdings der mächtige schwarze SUV, mit dem sie sich vorfahren lässt.) Der Absatz ihres ersten Buches ging in Japan dann steil nach oben, als 2011 die Erdbeben-, Tsunami- und Fukushima-Katastrophe das Land ins Chaos stürzte. Der Soziologe Tatsuao Inamasu hat in der Zeitschrift "brandeins" den japanischen Minimalismus dann auch nicht nur mit Platzmangel erklärt: "Wir leben alle mit dem Bewusstsein, dass unser Hab und Gut von einer Minute auf die nächste zerstört werden kann." Hingewiesen wird in "brandeins" auch auf Hideko Yamashita, die ebenfalls im Jahr 2011 einen erfolgreichen Aufräum-Ratgeber herausbrachte, der das so genannte Danshari-Prinzip propagiert und sich manchmal extrem auswirkt: "Selbst in Adressbüchern und Facebook-Profilen wird das Prinzip des Danshari angewandt, um die echten Freunde von den falschen zu trennen." Und da sind wir dann wieder bei Marie Kondo und der auffälligen visuellen Abwesenheit ihres Mannes. Hat sie den nur zusammengefaltet oder, nach Dank für geleistete Dienste, schon entsorgt?


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