Endlich der ersehnte Anruf: Joe (Jonathan Pryce) bekommt den Literaturnobelpreis. Seine Frau Joan (Glenn Close) ist daran nicht ganz unbeteiligt. Fotos: SquareOne Entertainment/Graeme Hunter

Endlich der ersehnte Anruf: Joe (Jonathan Pryce) bekommt den Literaturnobelpreis. Seine Frau Joan (Glenn Close) ist daran nicht ganz unbeteiligt. Fotos: SquareOne Entertainment/Graeme Hunter

Ausgabe 405
Kultur

Das Stockholm-Syndrom

Von Rupert Koppold
Datum: 02.01.2019
In dem Film „Die Frau des Nobelpreisträgers“ wird das Geheimnis einer Ehe enthüllt, in der es bei einer Reise nach Schweden heftig zu kriseln beginnt. In der Titelrolle glänzt Glenn Close.

In einem großen Haus an der US-Ostküste, also da, wo Kultur und Wohlstand wohnen, streicht der Schriftsteller Joe Castleman (Jonathan Pryce) nervös in seinem Schlafzimmer umher. Er hofft auf einen Anruf, er hält das Warten nicht mehr aus, er drängt, um sich abzulenken, seine nachsichtig lächelnde Frau Joan (Glenn Close) zu einem Quickie. Dann ist es soweit, das Telefon klingelt, die Nobelstiftung ist dran und erklärt mit gravitätischen Worten, es werde nun für ihn, den Preisgewinner Joe Castleman, wohl etwas anstrengend. Und nun hüpft Joe, ein älterer Herr mit Bart, wie ein ausgelassenes Kind auf dem Ehebett herum, auch Joan macht schließlich mit, und ein glücklicheres Paar kann man sich kaum vorstellen. "Ich habe den Nobelpreis gewonnen!", schreit Joe. Aber in diesem "Ich" steckt eine Sprengkraft, an welche diese Geschichte nun eine gefährlich vor sich hin glimmende Lunte legt.

Dieser Film spielt im Jahr 1992, also in jenen alten Zeiten, in denen tatsächlich noch ein Literaturnobelpreis vergeben wurde. Aktuell wurde die Auszeichnung für den "Weltmeister im Schreiben", wie Hemingway den Preis mal spöttisch bezeichnete, nach einem Skandal ausgesetzt. Die Stockholmer Akademie hat sich selber diskreditiert durch die Machenschaften ihres Mitglieds Katarina Frostenson und vor allem durch die ihres Ehegatten Jean-Claude Arnault, der wegen Vergewaltigung angeklagt und verurteilt wurde. In Björn Runges "Die Frau des Nobelpreisträgers" aber wirkt die Akademie noch wie eine Institution, die nicht nur von ihrer Wichtigkeit, sondern auch von ihrer Würde überzeugt ist. Diese Adaption eines Romans von Meg Wolitzer hat nämlich einen anderen Fokus: Sie geht der Frage nach, ob Joe Castleman ein würdiger Preisträger ist.

Eigentlich hat sie die Lorbeeren verdient.
Eigentlich hat sie die Lorbeeren verdient.

Dabei hätte alles so schön sein können! Ein paar Tage in einem winterlich-romantischen Stockholm, in einer luxuriösen Hotelsuite, in weihnachtlich dekorierten Sälen – und dabei immer umschmeichelt und umsorgt von großzügigen Gastgebern. Auch Joan, diese intelligente und schlagfertige Frau mit der energischen Kurzhaarfrisur, ist immer für Joe da, stellt sich in seinen Dienst, passt auf, dass er seine Pillen nimmt oder mahnt auch mal: "Putz dir deine Zähne, du riechst!" Doch, doch, kleine Spitzen gegen ihren euphorietrunkenen Mann erlaubt sich Joan hie und da. Und wer das minimalistisch-disziplinierte und doch bewegte Mienenspiel der großartigen Glenn Close beobachtet, der spürt, dass sie wohl nicht ganz zufrieden ist mit ihrer Rolle als fürsorgliche Dienerin.

Was an eigenen Ambitionen von Joan jahrzehntelang unterdrückt wurde, das droht nun aufzubrechen. Auf ihre Ehe mit Joe trifft nämlich nicht nur der Satz zu, dass hinter jedem erfolgreichen Mann eine starke Frau stehe, die ihm den Rücken freihält oder auch ein bisschen inspiriert, nein, es wird in einigen Rückblenden klar, dass Joe Castleman – Vorsicht! Spoiler! – ohne seine Frau gar nichts wäre. In den fünfziger Jahren beginnt er als verheirateter Uni-Dozent eine Affäre mit seiner Studentin Joan (gespielt von Annie Stark, Tochter von Glenn Close!), heiratet sie und lässt seine literarischen Versuche von ihr lektorieren. Bis er einsieht, dass sie das Literaturtalent ist, nicht er. Immerhin hört man beim ersten Erfolg dieser Frau-schreibt-unter-seinem-Namen-Partnerschaft noch den Joan miteinschließenden Satz: "Wir werden veröffentlicht!" Jetzt aber erklärt der eitel-selbstgefällige Joe öffentlich: "Meine Frau schreibt nicht, Gott sei Dank!"

So spielt dieses Stück nun, wenn schon nicht ganz in Ingmar-Bergman-Land, so doch in Ingmar Bergmans Land. Szenen einer Ehe. Rückblicke auf eine Liebe, die vielleicht nur eine Zweckgemeinschaft war. Der charmante, aber auch abgefeimte Journalist Nathaniel Bone (Christian Slater), der eine Biografie über Joe Castleman schreiben will und ihn ohne dessen Einwilligung nach Stockholm begleitet, ahnt dies alles, ahnt auch, dass es in dieser Ehe knirscht und jetzt der Zeitpunkt günstig wäre, Joan zu einem Geständnis zu überreden. Es könnte bei ihr nun tatsächlich alles in Hass umschlagen – und Glenn Close wieder jene Seiten einer Frau zeigen, die in Filmen wie "Eine verhängnisvolle Affäre" (1987) oder "Gefährliche Liebschaften" (1988) den Männern so eine Heidenangst einjagten. Etwas ist passiert mit ihr, sie wird nie mehr so sein, wie sie es so viele Jahre war. Aber sie sagt zu Nathaniel auch: "Beschreiben Sie mich nicht als Opfer, ich bin interessanter als das."

Mann von gestern: Joe bei kläglich scheiternden Flirtversuchen.
Mann von gestern: Joe bei Flirtversuchen.

Für die Feministin Meg Wolitzer, die auch am Drehbuch mitschrieb, ist Joan ein exemplarischer Fall. Der Originaltitel des Films heißt denn auch "The Wife", er beansprucht also eine Gültigkeit, die über den ein Einzelschicksal suggerierenden deutschen Titel "Die Frau des Nobelpreisträgers" hinausgeht. Warum Joan sich beinahe widerstandslos in ihre Rolle gefügt hat, wird mit den patriarchalisch geprägten Zeiten erklärt. Frauen könnten in dieser von Männern beherrschten Literatur nie nach oben kommen, erklärt eine ältere und resignierte Autorin (Elizabeth McGovern in einem schönen Kurzauftritt) der jungen Joan. Insgesamt weist die Statistik beim Literaturnobelpreis derzeit 12,4 Prozent Frauen aus, wobei sich die Quote seit dem Jahr, in dem dieser Film spielt, erheblich erhöht hat. Joe Castleman ist also ein Mann von gestern, und dies sogar im Film: Seine schamlos routinierten und von Joan beobachteten Flirtversuche mit einer ihm zugeteilten Assistentin scheitern kläglich, die junge Frau erkennt in ihm das, was inzwischen als "alter weißer Mann" zu großen Unehren gekommen ist.

P.S.: Im Jahr 1963 wurde schon mal ein Film über einen amerikanischen Literaturnobelpreisträger gedreht. Paul Newman spielt in Mark Robsons Kalter-Krieg-Thriller "Der Preis" diesen Autor, Säufer und Weiberhelden, dem die Stockholmer Akademie ebenfalls eine Assistentin (Elke Sommer) zuteilt. Die soll ihn bis zur Verleihung nüchtern halten. Natürlich kommt es so, wie es damals im Kino kommen musste.

 

Björn Runges "Die Frau des Nobelpreisträgers" ist ab Donnerstag, 3. Januar, in den deutschen Kinos zu sehen. Welche Spielstätte den Film in Ihrer Nähe zeigt, sehen Sie hier.


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