Veronica (Viola Davis) hält Zepter und Vesperdosen in der Hand. Fotos: Twentieth Century Fox

Veronica (Viola Davis) hält Zepter und Vesperdosen in der Hand. Fotos: Twentieth Century Fox

Ausgabe 401
Kultur

Vier gegen Chicago

Von Rupert Koppold
Datum: 05.12.2018
Steve McQueens "Widows" ist ein ebenso komplexer wie spannender Film, in dem vier Frauen zur Emanzipation gezwungen werden. Was hier heißt: Wenn sie nicht untergehen wollen, müssen sie einen Raubzug durchführen. Das ist Selbstermächtigung auf die harte Art, meint unser Kritiker, im vielleicht besten Thriller des Jahres.

In dem gut gemeinten, aber allzu nostalgisch-betulichen Drama "The Help" (2011) spielt Viola Davis eine unterdrückte schwarze Bedienstete in den rassistischen Südstaaten der 1960er Jahre. In dem exzellenten Thriller "Widows", der im Chicago der Gegenwart angesiedelt ist, spielt Davis nun Veronica, eine selbstbewusste Frau um die fünfzig, die in einem großen, modernen Apartment lebt und es gewohnt ist, dem Personal Anweisungen zu erteilen. Auch in ihrer Ehe mit Harry (Liam Neeson) scheint alles zum Besten, schon zu Beginn des Films liegen die beiden in leidenschaftlicher Umarmung im Bett. Eine irritierende, weil seltene Szene. "Man sieht im Kino keine Paare über vierzig, die sich so küssen", sagt dazu Viola Davis, und setzt hinzu: "Man sieht auf keinen Fall ,interracial' Paare, die so küssen."

So hätte Veronica also das geschafft, was früher noch unmöglich wirkte, nämlich die Grenzen von Ethnie, Klasse, Kultur und Geschlecht hinter sich zu lassen? Aber dieser Film heißt "Widows", Witwen, und in die Kussszenen eingeschnitten sind schon rasante Bilder von einem Raubüberfall, der im Kugelhagel der Polizei und mit einer Explosion endet. Den Berufsverbrecher Harry hat es erwischt, genauso wie seine drei Kumpel. Das alte Leben der wohlstandsgewohnten und -verwöhnten Veronica ist nun vorbei. Denn sie hat nicht nur ihren Mann verloren, es bricht mit dessen Tod auch ihr materielles Fundament zusammen. Ihr Gehalt als Lehrerin hätte für so ein Luxusleben nie ausgereicht, es wurde finanziert von Harrys Coups. Der aber hinterlässt ihr kein Vermögen, sondern Millionenschulden beim schwarzen Gangster Jamal Manning (Brian Tyree Henry), der seinen Wahlkampf um den Posten des Bezirksbürgermeisters in der South Side finanzieren muss. Einen Monat lässt er Veronica Zeit, um das Geld aufzutreiben.

Gegenspieler der Wittwen: Männer.
Gegenspieler der Wittwen: Männer.

"Du bist jetzt ein Nichts!", so nachdrücklich wird Veronica, die von der "Arbeit" Harrys nichts wusste oder nichts wissen wollte, auf ihren neuen Status hingewiesen. Sie will sich nicht damit abfinden, besser: kann sich nicht damit abfinden. Denn Jamals rechte Hand, der extrem brutale Jatemme (Daniel Kaluuya), hat schon ihre letzten Vertrauten exekutiert und droht ihr mit sadistischer Freude ein gleiches Schicksal an. So versucht Veronica einen Plan umzusetzen, den sie in den Papieren ihres Mannes gefunden hat. Dafür braucht sie "Personal", und so rekrutiert sie zwei weitere Frauen, die bei Harrys Taten zu Witwen geworden sind: die Latina-Mutter Linda (Michelle Rodriguez), die ihren kleinen Laden zu verlieren droht, und die polnischstämmige Alice (Elizabeth Debicki), die von ihrer Mutter an Männer verschachert wird. Später wird noch die taffe schwarze Friseurin Belle (Cynthia Erivo) angeworben, die bei der Waffenbeschaffung ganz sachlich sagt, sie brauche keine, sie habe immer ihre eigene Waffe dabei.

Bis in die Nebenrollen grandios besetzt

Der schwarze britische Regisseur Steve McQueen, der mit Werken wie "Hunger" (2008) und "Shame" (2011) bekannt wurde und mit "12 Years a Slave" (2013) ein insistierend intensives Drama über die rassistische (und nie wirklich aufgearbeitete) Vergangenheit der USA gedreht hat, inszeniert nun also einen harten und spannenden Genrefilm fürs große Publikum. Noch genauer: Er stellt mit "Widows", für den die "Gone Girl"-Autorin Gillian Flynn das Drehbuch schrieb, ein so genanntes Heist Movie vor, eine Spielart des Thrillers, in der – wie im Klassiker "Der Clou" oder in der "Oceans"-Serie – von der Vorbereitung und Durchführung eines Raubes erzählt wird. McQueen nimmt das Genre dabei nicht nur als Vehikel für politische Botschaften, er nimmt es an und er nimmt es ernst. So ernst, dass dieser bis in die Nebenrollen grandios besetzte Film weit über Hollywood-Routine hinausgeht und zum vielleicht besten Thriller des Jahres wird.

Diese Geschichte, in der die Vorbereitungen zu Veronicas Coup parallel zu einem Wahlkampf geschildert werden (und dann ineinander übergehen), wird in ihrer Durchdringung unterschiedlicher Szenen und Milieus auch zu einem Großstadtporträt, das ein wenig an Tom Wolfes Roman "Fegefeuer der Eitelkeiten" erinnert. Einmal fährt der irischstämmige Bewerber Jack Mulligan (Colin Farrell) in einer Limousine von einem öffentlichen Auftritt zu seinem Privathaus zurück, und während der Zuschauer den Dialog im Fond des Wagens hört, sieht er auch, wie sich draußen die Szenerie verändert – von der müllverdreckten Armut in den gediegen-aufgeräumten Reichtum hinein. Mulligan ist Spross einer Politdynastie, aber ihn kotzt alles an, er ist ein Zyniker, der genau weiß, dass es nur um Machterhalt geht und nicht darum, die Verhältnisse zu ändern. Seinem zornigen alten Vater (Robert Duvall), der ihn immer noch gängeln will, erklärt er kühl, er warte nur noch auf dessen Tod.

Auch die Zusammenarbeit der vier Frauen läuft nicht reibungslos, die Unterschiede der bisherigen Existenzen ist zu groß und nicht so einfach zu überwinden. Dass die wortkarge Veronica wie selbstverständlich die Führerschaft beansprucht, wird in Frage gestellt. Sie habe ja keine Ahnung, wie es sei, pünktlich zur Arbeit kommen zu müssen und vorher einen Babysitter aufzutreiben, sagt Linda. Und auch die modeldünne Alice, die von Veronica für dumm gehalten und sogar geohrfeigt wird, wehrt sich. Sie hat lange genug getan, was Männer von ihr wollten, jetzt will sie sich nicht auch noch einer Frau beugen. Die Kluft wird nie ganz überwunden, aber es kommt zu Annäherungen, zu einer zögerlichen Solidarität, zu einem Erkennen, dass sie gerade alle an ihrer Emanzipation arbeiten.

Steve McQueen lässt aber nicht einfach Frauen plakativ in Männerrollen posieren, wie das etwa der Western "Bad Girls" (1994) tut. Er schildert eine aus der Not geborene und erzwungene Emanzipation, eine Selbstermächtigung auf die harte Art. Da kann es schon passieren, dass eine von Trauer überwältigte Witwe kurz aus der Rolle fällt und hemmungslos losheult. Und danach weiter an jenem Plan mitwirkt, dessen Gelingen ihr ein würdiges Weiterleben ermöglichen und dessen Scheitern den endgültigen Untergang bedeuten würde. Man könnte noch viel schreiben über diesen komplexen, konzentrierten und nervenaufreibenden Film, der auch noch mit einer besonderen Wendung überrascht. Aber es geht ja nicht, es wäre zu viel. Nur auf eines sollte man noch hinweisen: "Widows" hat auch Humor. Als etwa Alice beauftragt wird, drei Pistolen zu besorgen, fühlt sie sich überfordert: "Woher soll ich die Waffen kriegen?" Und Veronica gibt ihr zu verstehen, dass es da keine Probleme gebe: "Das ist Amerika!"


Steve McQueens "Widows – tödliche Witwen" ist ab Donnerstag, 6. Dezember, in den deutschen Kinos zu sehen. Welche Spielstätte den Film in Ihrer Nähe zeigt, sehen Sie hier.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210
KONTEXT per E-Mail:  

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail. Datenschutz-Hinweis

Letzte Kommentare:









Ausgabe 401 / Vernetzt gegen rechts / Erhard Korn / vor 4 Tagen 6 Stunden
Gute Initiative von Joe Bauer!







Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!