Im Ränkeschmieden eine Eins: Queen Annes Beraterin Lady Sarah Churchill (Rachel Weisz). Fotos: Twentieth Century Fox

Ausgabe 408
Kultur

Adel in Käfighaltung

Von Rupert Koppold
Datum: 23.01.2019
In seinem extrem unterhaltsamen Kostümfilm "The Favourite" erzählt Yorgos Lanthimos von saftigen Intrigen am Hof von Queen Anne. Eine Dreiecksgeschichte mit weiblicher Besetzung, die sich um Aufstieg, Macht und Sex dreht.

Verdammt eng ist es in dieser Kutsche! Und mit welch unangenehmen Mitreisenden die so milchig-sanft wirkende Abigail (Emma Stone) sich den Platz teilen muss! Mit einem dreist-feisten Lümmel zum Beispiel, der sie lüstern angrinst und dabei, ohne das zu verbergen, masturbiert. Endlich ist der englische Königshof in Sichtweite, an dem Abigail sich um eine Anstellung bemühen will. Die Kutsche hält, die junge Frau wird beim Aussteigen von hinten gestoßen und platscht in den Schlamm: Abigail ist ganz unten angekommen. Aber ihr Blick ist nach oben gerichtet, und nun ist hinter ihrem Liebreiz auch noch etwas anderes zu spüren: ein ungeheurer Wille, sich zu behaupten, komme, was da wolle.

Es kommt viel in dieser brillanten Tragikomödie von Yorgos Lanthimos ("The Lobster"), die sich nun, im frühen 18. Jahrhundert, an den Hof von Queen Anne (Olivia Colman) und deren oberster Ratgeberin Lady Sarah Churchill (Rachel Weisz) begibt und die royalen Säle, Kammern und Korridore nur noch selten verlassen wird. Da draußen mögen die Untertanen darben, da draußen mag ein Krieg gegen Frankreich toben, doch der Mittelpunkt der Welt, jedenfalls für die drei weiblichen Hauptfiguren, ist hier drinnen. Die launische und gichtgeplagte Königin weiß nicht mal, ob der Krieg noch andauert, sie überlässt die Amtsgeschäfte ihrer taffen Lady Sarah. Die wiederum beherrscht politische Machtspiele ausgezeichnet – im Ränkeschmieden eine Eins! –, aber letztlich geht es ihr um die eigene Stellung am Hof. Und die ist bald gefährdet durch eine Rivalin namens Abigail.

"Mit fünfzehn hat mein Vater mich beim Kartenspiel verloren!", sagt Abigail, die zunächst als Küchenmagd eingesetzt und gemobbt wird. Aber sie sagt auch: "Ich bin eine Lady, selbst wenn ich nicht in dieser Position bin!" So versucht sie, sich zurück in die Gesellschaft zu intrigieren, überschreitet zielgerichtet ihre Kompetenzen, wird dafür ausgeprügelt, gewinnt aber die Gunst von Queen Anne und schließlich auch das Vertrauen von Lady Sarah. Bis sie von dieser wahren Machtausüberin, übrigens eine Vorfahrin des späteren Premierministers Winston Churchill, als große Einschmeichlerin erkannt wird und der Kampf um die königliche Favoritenstellung entbrennt. Und weil die mit dem Armeeführer Lord Marlborough verheiratete Lady Sarah nicht nur Ratgeberin von Queen Anne ist, sondern auch deren Liebhaberin, wird dieser Kampf auch körperlich und im Bett ausgetragen. "Ich mag es", so erklärt die Königin, "wenn sie ihre Zunge in mich reinsteckt!" Oder auch mal, im königlichen Imperativ: "Fuck me!"

Solch derb-direkte Sätze sind im boomenden Genre der britischen Adelsfilme, auch wenn sich einiges geändert hat, immer noch die Ausnahme. Aber von Yorgos Lanthimos, der sich mit genrevermischenden Werken wie "The Lobster" oder "The Killing of a sacred Deer" einen Namen gemacht hat, war auch keine bieder-ehrfürchtige Historienbearbeitung zu erwarten. Selbst wenn er diesmal auf mythisch grundierte oder groteske Ideen verzichtet und sich, mal mehr, mal weniger, auf die tatsächlichen Ereignisse einlässt, lässt er sich in diese doch nie einbinden, wird also nie systemimmanent. Während etwa Josie Rourke sich in ihrem zur Zeit in den Kinos laufenden und ein gutes Jahrhundert früher spielenden "Mary Stuart"-Film pathetisch und parteiisch mit der Erbfolge beschäftigt – also quasi innerbetrieblich argumentiert und damit die Monarchie als Institution letztlich legitimiert –, bleibt Lanthimos auf Distanz und schaut von außen zu.

Dialoge, scharf geführt wie Duelle

Paradoxerweise führt das nicht nur zu sehr komisch-satirischen Szenen, der Regisseur kommt seinen Personen manchmal auch sehr nahe. Die kranke und letztlich depressive Königin etwa, die ihre Lakaien in Lose-Lose-Situationen zwingt, ist mehr als eine ignorante und fresssüchtige Clownsfigur. Selbst hinter ihrem Spleen, in ihren Gemächern Karnickel herumhoppeln zu lassen, die ihr alle namentlich bekannt sind, verbirgt sich Tragisches: "Ich habe siebzehn Kinder verloren!" Auch die herrisch mit Reitpeitsche herumstolzierende Lady Sarah ("Lasst uns irgendwas schießen!") hat noch eine andere Seite, es könnte sein, dass sie nicht nur ein Manipulationsmonster ist, sondern ihre Königin tatsächlich liebt. Nur bei Abigail, vom Zuschauer zunächst zur Identifikationsfigur erkoren, scheint neben ihrem unbedingten Aufstiegswunsch kaum noch Platz für andere Gefühle zu sein.

Anders als der schon erwähnte "Mary Stuart"-Film, in dem der Versuch von Frauensolidarität an der bösen Männerwelt scheitert, zeichnet "The Favourite" seine Protagonistinnen nicht als Opfer. Der Film erweist ihnen vielmehr die Ehre, sie als eigenständige Akteurinnen zu schildern, die egoistische Interessen verfolgen und sich unter Männern nicht nur behaupten, sondern mit diesen umgehen wie mit Spielfiguren. Er habe versucht, so der Regisseur, Frauen als "so komplex, so wunderbar und so schrecklich" zu zeigen, wie sie seien. Eben so "wie andere Menschen". Ob ihr Mann den Krieg überleben wird, ist für Lady Sarah weniger wichtig als der Erfolg ihrer Machtpläne.

Auch für Abigail ist ein Mann nur nötig, um sich hochzuheiraten. "Wollen Sie mich verführen oder vergewaltigen?", fragt sie einen Galan. "Ich bin ein Gentleman!", antwortet der empört. "Dann also vergewaltigen", sagt Abigail. Doch, sie weiß schon, in welcher Welt sie lebt. Aber sie erhebt sich über deren Regeln, indem sie diese kokett verspottet. Überhaupt möchte man aus diesem extrem unterhaltsamen Film seitenlang scharfe und zugespitzte Dialoge zitieren, die wie Duelle geführt werden.

"The Favourite" ist natürlich nicht ohne Vorbilder, und es sind nur die besten. Die Schauspielerin Rachel Weisz, so exzellent wie ihre Mitstreiterinnen Emma Stone und Olivia Colman, nennt einen Hollywood-Klassiker aus dem Theater- und Showmilieu: Lanthimos' Film sei, so Weisz, eine "lustigere und vom Sex angetriebene" Version von "Alles über Eva" (1950), in dem ein von Bette Davis gespielter Star von einer jungen Rivalin verdrängt wird. Im Genre des Kostümfilms fällt einem Stanley Kubricks prächtig-böse Aufsteigerstory "Barry Lyndon" (1975) ein (die Szenen bei Kerzenlicht!). Oder Peter Greenaways kühn zwischen Realismus und Stilisierung balancierender "Kontrakt des Zeichners" (1982). Aber Lanthimos, der wie Kubrick und Greenaway auch sehr bewusst Musikstücke einsetzt – hier solche von Bach, Händel und Schubert bis hin zu Messiaen und Elton John – ist kein Kopist, er macht aus seinem Stoff etwas ganz Eigenes.

Seine Monarchie-Geschichte spielt sich zwar vorschriftsmäßig ab in luxuriösem Dekor, sie führt prächtige Gewänder vor, sie feiert geradezu ein Festival extravaganter Perücken. Aber "The Favourite" nimmt all dies fast immer von unten auf und mit extremem Weitwinkelobjektiv. Die Räume werden dabei aber nicht größer, sondern, weil auch die Decken ins Bild rücken, eher enger. Das hat etwas Bedrückendes und Lastendes, dieser Königshof sperrt seine Bewohner ein, überspitzt ausgedrückt ist hier zu sehen: Adel in Käfighaltung. Nein, niemand kommt hier raus, und schon gar nicht unbeschädigt. Zu den sparsam, aber effektiv eingesetzten Anachronismen gehört ein nicht besonders lautes, aber irritierendes Geräusch, das keiner Quelle zuzuordnen ist. Es klingt modern, es klingt mechanisch, es klingt nach einem Apparat, der unerbittlich auf Zerstörung aus ist. Und dieses Geräusch ist eine Art Pendant zum letzten Blick einer Frau, die alles für sich getan hat. Zu einem langen, langen Blick ins Leere.

 

Yorgos Lanthimos' "The Favourite – Intrigen und Irrsinn" ist ab Donnerstag, 23. Januar, in den deutschen Kinos zu sehen. Welche Spielstätte den Film in Ihrer Nähe zeigt, sehen Sie hier.


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