Romeo, oh, Romeo: Schöne Augen hat er ja. Screenshot: YouTube, Global Wildlife Conservation

Ausgabe 408
Medien

Romeos Rettung

Von Minh Schredle
Datum: 23.01.2019
Nach der Relotius-Affäre waren sich alle in der Branche einig: rührselige Geschichten herbeischreiben, nur weil sie sich gut lesen, das geht gar nicht. Mehr Recherche muss her! Mehr Bemühen um Wahrhaftigkeit! Ausgerechnet das Liebesleben des womöglich einsamsten Froschs der Welt torpediert nun die guten Vorsätze.

Ein Kaminfeuer prasselt beharrlich, Rosenblütenblätter bedecken den Boden eines bolivianischen Aquariums und im goldwarmen Kerzenlicht entflammt in den Augen des kleinen Wasserfroschs, erstmals seit zehn Jahren, eine Regung, von der er schon lange vergessen hatte, dass er sie zu empfinden im Stande ist: feurige Leidenschaft. Romeo hat endlich seine Julia gefunden! Und für ihre Art, die Sehuencas-Frösche, deren Aussterben bereits besiegelt schien, keimt neue Hoffnung auf – wie die Triebe einer Pflanze, die sich von Geröll verschüttet und verloren geglaubt, zum Lichte durchkämpfen und schließlich im berührenden Violett der Abendsonne in voller Pracht erblühen. Und während sich die zwei für einander auserkorenen Turteltäubchen, am Valentinstag zusammengeführt, noch vorsichtig, aber sichtlich zugeneigt beschnuppern, ertönt im Hintergrund Marvin Gayes "Let's get it on" …

Moment mal. Klingt das nicht alles ein bisschen zu romantisch? "Der einsamste Frosch der Welt hat bald Sex", vermeldet beispielsweise "Spektrum der Wissenschaft". Aber, in geringfügig anderer Wortwahl, auch die "FAZ", "Galileo", "Spiegel Online", CNN, die "New York Times", und noch etliche andere, kurz um: die halbe Medienwelt mit Rang und Namen oder ohne. Romeo sei der "womöglich letzte seiner Art", berichten diverse Medien. Doch für den armen Frosch, der seit zehn Jahren einsam und allein im Aquarium eines Naturkundemuseums saß, zog ein Forschertrupp los in den bolivianischen Regenwald, um nach einem Weibchen zu suchen. Ein paar Kuppelfreudige haben dem Wasserfrosch sogar ein Profil auf der Dating-Seite "Match" angelegt. "Ich bin buchstäblich der letzte meiner Art", wird ihm dort in den Mund gelegt. Sogar ein Video gibt es, um auf die Dringlichkeit zu verweisen. 

Nun kann man einem kleinen Frosch, der seit zehn Jahren unfreiwillig in sexueller Enthaltsamkeit lebt, vielleicht nachsehen, dass er hier ein bisschen übertreibt, um seine Chancen aufzubessern. Und auf der Website der "Global Wildlife Conservation", treibende Kraft hinter der Partnersuche, wird die Zahl der verbleibenden Individuen der Art noch heute mit einer eins angegeben. Nur fanden die Forscher auf ihrer Expedition nicht nur ein Weibchen, das sie Julia tauften, sondern gleich fünf Sehuencas-Frösche – und darunter, wie ein kleines bisschen Recherche zu Tage fördert, auch drei Männchen.

Das macht stutzig. Ein Blick auf die Rote Liste: Dort wird die Art als "gefährdet" geführt und ist damit "bedroht". Das allerdings trifft aktuell auf 29 Prozent aller Amphibien überhaupt zu (und wird durch den Klimawandel immer schlimmer). Bis zu "ausgestorben" folgen allerdings noch die dramatischeren Gefährdungsgrade "stark gefährdet", "vom Aussterben bedroht", "regional ausgestorben" und "in der Natur ausgestorben". Zwar wurden offenbar seit etwa einer Dekade keine Exemplare mehr in freier Wildbahn gesichtet. Es gab aber anscheinend auch keine vergleichbaren Bemühungen, welche zu finden, wie die aktuelle und spendenfinanzierte Suche. 

Nachdem "Spiegel"-Reporter Claas Relotius erst vor wenigen Wochen als Betrüger entlarvt worden ist, war in aufgebrachten Artikeln und nachdenklichen Kommentaren zu lesen, die Branche solle weniger darauf fixiert sein, rührselige Geschichte herbeizuschreiben. Dieser Vorsatz scheint ebenso schnell wieder aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden zu sein wie das Interesse an Ribérys goldenem Steak.


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1 Kommentar verfügbar

  • Philippe Ressing
    am 25.01.2019
    Es geht um den Medien-Hype, den reißerischten Titel, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit um jeden Preis. So wird man von den Algorithmen der Suchmaschinen nach oben gesetzt und dann entsprechend oft angeklickt. Und das freut die Online-Werbekunden, die dann vermehrt Banner- und andere Werbung auf den Online-Seiten schalten. Das erhöht wiederum den Druck auf die klassischen Printmedien, das zu toppen. Dieses System beherrscht unsere Medienlandschaft anno 4.0.... Dafür arbeiten Journalisten, die ihr Handwerkszeug irgendwo im Keller vergessen haben, oder nie richtig gelernt haben. Sie arbeiten in Billigredaktionen, oft ohne Tarifschutz. Der Hype ist ihr publizistischer Ritterschlag - der Klick bestimmt das Bewußtsein. Insofern haben wir die Medien und die Journalisten, die wir verdienen. Alles nicht so neu?! Billy Wilder drehte anno 1951 "Reporter des Satans", der den Mechanismus der Sensationspresse beschreibt,satirisch folgt "Schtonk" derselben Story. Unterschied zu heute: Diese Praktiken beherrschen den gesamten Medienmarkt, der durch die Mechanismen der Digitalisierung völlig degeneriert ist.....BLÖD ist überall!

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