Spielt einen der größten Saukerle der Geschichte: Christian Bale als Vize-Präsident Dick Cheney. Fotos: Universum Film

Spielt einen der größten Saukerle der Geschichte: Christian Bale als Vize-Präsident Dick Cheney. Fotos: Universum Film

Ausgabe 412
Kultur

Die Drecksack-Konstante

Von Rupert Koppold
Datum: 20.02.2019
Für das satirisch angehauchte und sehr böse Porträt „Vice – Der zweite Mann“ hat sich der Schauspieler Christian Bale buchstäblich in die Rolle des früheren US-Vizepräsidenten Dick Cheney hineingefressen. Eine gespenstische Anverwandlung.

Im Jahr 1963 in Wyoming fährt der Hilfsarbeiter Dick Cheney (Christian Bale) nach einer Schlägerei schwer besoffen durch die Nacht, fällt bei einer Polizeikontrolle aus der Fahrertür, wird danach von seiner Ehefrau Lynne (Amy Adams) wieder mal aus dem Knast geholt und von ihr schließlich vor die Wahl gestellt: Entweder er hört auf mit den Alkoholexzessen, oder sie wird ihn verlassen. Und Cheney entscheidet sich falsch. Er verspricht der um die eigene Karriere besorgten Lynne, sich von nun an im Griff zu haben. Dabei wünscht man sich so sehr, er hätte weitergetrunken! Dann wäre vielleicht nicht ihm, aber doch der Welt einiges erspart geblieben. Denn kurz vor diesen Szenen hat Adam McKays "Vice" schon vorausgeblickt in jene Zeit, in welcher der Titel des Films und der seines Helden zur Deckung gebracht sind. Genauer: Dick Cheney, entsprungen einer Establishment-Familie, ein abgebrochenes Yale-Studium, ein Mann, der sich steil nach unten gesoffen hat. Er wäre beinahe in der Gosse gelandet, ist in den ersten Bildern zu sehen als US-Vizepräsident, der die Nachricht vom 9/11-Terroranschlag sofort als Chance begreift, die Macht an sich zu reißen.

Der Vize mit dem Chef: Sam Rockwell (rechts) spielt George W. Bush.

Wie? Er musste die Macht nach einigen verwirrenden Stunden doch wieder an George W. Bush (Sam Rockwell) abgeben? Das stimmt, auch in diesem Film bleibt Cheney weiter der Vize – aber nur formell. Tatsächlich hat er seine Leute schon an den wichtigsten Stellen im Weißen Haus installiert, tatsächlich geschieht hier nichts mehr ohne sein Wissen, tatsächlich ist er es, der die Strippen zieht und dem unbedarften Chef Entscheidungen einflüstert, die dieser willig absegnen wird. Klimavernichtung, Krieg gegen den Terror, Afghanistan, Irak, Guantanamo oder Waterboarding: Dick Cheney lässt nichts aus, um zu einem der größten Saukerle der Historie zu werden. Aber er agiert dabei als unauffälliger Mann im Hintergrund, der sich den Anschein eines ruhigen, spröden und rationalen Buchhalters gibt. Wenn er etwa, angesprochen auf die Genfer Konvention, von "Auslegungssache" spricht, dann hört sich das an, als könne man darüber genauso diskutieren wie über die Ausweitung einer Fußgängerzone.

Der Regisseur Adam McKay, der in "The Big Short" (2015) eine wahre Geschichte aus der Zeit der Immobilienkrise auf spritzige Weise nacherzählt hat, springt in "Vice" mit seinem Helden durch die Dekaden. Vor und zurück. Im Jahr 1968 etwa geht Mr. Cheney nach Washington, knüpft als Praktikant Kontakte zum überbordend jovialen Donald Rumsfeld (Steve Carrell) und will von dem mal wissen: "Woran glauben wir?" Da lacht ihm der hemdsärmelige Zyniker Rumsfeld ins Gesicht, so als könne er nicht fassen, dass da jemand nach dem Zusammenhang von Politik und persönlicher Überzeugung oder gar nach einer Moral fragt. "Oh, shit!", so lautet seine Antwort. Und Dick Cheney zieht sich wieder zurück in sein ihm zugewiesenes Kämmerlein und macht sich fleißig daran, ganz viel Scheiß in Politik umzusetzen.

Weicht nie von seiner Seite: Cheneys Frau Lynne (Amy Adams).

Nein, dieser Film hat keinen Respekt vor seinem Helden, dessen Politkarriere schon während der Nixon-Präsidentschaft begann. Er bringt ihn dem Publikum auch nie so nahe, wie das etwa Shakespeare mit seinen Polit-Monstern Richard III. oder Macbeth getan hat. In einem seiner brillanten satirischen Einschübe lässt der Regisseur das Karriere-Paar Dick und Lynne im Ehebett tatsächlich mal in Shakespeare-Dialogen parlieren, was den beiden aber keine Größe verleiht, sondern in die Groteske führt. (Nebenbei gesagt: Die Sequenz ist auch ein Schuss gegen die Serie "House of Cards", die ihren Helden zwar als mörderischen Intriganten schildert, sich gleichzeitig aber an dessen Taten berauscht.) Oder zeigt Cheney nicht doch mal eine menschlich-private Seite, als eine seiner Töchter sich als lesbisch outet und er deshalb auf Angriffe gegen die Ehe von Homosexuellen verzichtet? Nun, als die andere Schwester eine eigene Politkarriere startet, gerät auch diese Haltung ins Wanken.

Dass "Vice" eine Identifikation mit Dick Cheney unmöglich macht, hat aber nicht nur mit der Inszenierung zu tun, sondern auch mit Christian Bale. Der hat sich in jedem Sinn in diese Rolle hineingefressen, seine im Normalzustand markanten Züge lösen sich auf, seine schlanke, fast hagere Figur wird hier, so als würde sich die zunehmende Fülle der Macht in der des Fleisches ausdrücken, zu einem plumpschweren Körper, der sich manchmal gegen seine Benutzung wehrt. Was Bale hier gelingt, ist gespenstische Anverwandlung: Er will ganz in Cheney aufgehen und sich selbst zum Verschwinden bringen. Anders als in vielen Darstellungen prominenter Personen lugt hier kein Rest eines Schauspielers mehr hervor, der fragen würde: Bin ich gut?

Angekommen im Washingtoner Machtzirkel.

Das Fachblatt "Variety" hat Bale für seine Leitung gelobt, so wie andere auch, aber bemängelt, dass dieser Film nicht zeige, was Cheney antreibe. Das stimmt, der Film zeigt vor allem, was Cheney angestellt hat. Der Mann selbst bleibt ein Rätsel. Aber man muss dies nicht als Schwäche des Films sehen. Eine psychologische Deutung wäre in diesem Fall vielleicht zur Entschuldigung geworden, ziemlich sicher aber zur beruhigenden Erklärung für einen nicht auslotbaren und irritierend dunklen Abgrund. Wie Cheney, der für die anderen immer wieder Köder auslegt – die Angler-Metapher zieht sich durch den ganzen Film hindurch – etwa mit sich selber umgeht, das erfährt man in jenen Szenen, in denen ihn wieder mal ein Herzinfarkt ereilt. Mitten in seinen bieder-gleichförmig intonierten Sätzen – als Redner war Cheney nicht öffentlichkeitstauglich – hält er kurz inne und sagt routiniert, bevor er umkippt: "Ich glaube, ich muss jetzt ins Krankenhaus."

Aber jetzt haben mal die Demokraten gewonnen, jetzt hat Cheney ausgespielt, jetzt wird er wieder Manager beim Ölkonzern Halliburton und im Abspann heißt es... Moment! Bei diesem Fake-Abspann klingelt nämlich das Telefon, George W. Bush ist dran, ein Vizepräsident wird gesucht und Cheney wird gebraucht als eine Art Bindeglied – sozusagen die Drecksack-Konstante – zwischen den alten Republikaner-Reaktionären und den neuen. Und so geht es eben weiter mit dieser Geschichte, in der ab und zu ein Kurt genannter Normalbürger (Jesse Plemmons) auftaucht, der Cheneys Politik ausbaden muss. Es ist ein unterhaltsamer, ein lustiger, ein böser Film. Und ein bisschen deprimierend ist er auch. Weil sich hinter seiner hämisch-höhnischen Angriffslust die Ohnmacht versteckt. Man kann über all dies nur lachen, beizukommen ist so etwas wie Cheney, und damit ist eben nicht nur der Mann gemeint, sondern das ganze System, leider nicht. Der Mann übrigens, für den Cheney den Boden bereitet hat und der seine Sauereien nicht mal mehr verbergen will, wird hier nicht genannt. Aber präsent ist er im Film und im Kopf des Zuschauers natürlich schon.

Adam McKays "Vice – Der zweite Mann" ist ab Donnerstag, 21. Februar in den deutschen Kinos zu sehen. Welche Spielstätte den Film in Ihrer Nähe zeigt, sehen Sie hier.


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