Verkörpert von Rosa Salazar plus Animationskraft: Alita, Heldin des aufgepimpten Computerspiel- und Teenie-Love-Filmchens. Fotos: 20th Century Fox

Verkörpert von Rosa Salazar plus Animationskraft: Alita, Heldin des aufgepimpten Computerspiel- und Teenie-Love-Filmchens. Fotos: 20th Century Fox

Ausgabe 411
Kultur

So große Augen!

Von Rupert Koppold
Datum: 13.02.2019
Der Produzent James Cameron und sein Regisseur Robert Rodriguez haben viel Geld in ihre SciFi-Manga-Verfilmung "Alita: Battle Angel" gesteckt. Die Story ihres Action-Krachers um einen kampfstarken Teenie-Cyborg aber lässt zu wünschen übrig, meint unser Kritiker.

Wer hat bloß dieses Teil auf dem Schrottplatz entsorgt? Diesen künstlichen Mädchenkopf, aus dem abgerissene Drähte, Schläuche und Metall herausquellen? Doc Ido (Christoph Waltz), der mit Mantel, Hut und Aktentasche aussieht wie ein Bewohner des frühen Zwanzigsten Jahrhunderts, nimmt das Fundstück mit in sein Labor, das ebenfalls recht angestaubt wirkt, in dem aber modernste Technik steckt. Wir befinden uns nämlich im Jahr 2563 in der Stadt Iron City, die dreihundert Jahre nach dem Großen Krieg ziemlich angemackt, zugerümpelt und "voll" aussieht, so als quetschten sich hier viele Zeiten, Kulturen, Ethnien und Stile zusammen. Und über dieser Metropole, in der Menschen, Roboter und Cyborgs herumwuseln, schwebt die geheimnisvolle Stadt Zalem, deren noch geheimnisvollerer Herrscher immer wieder in die Geschicke der Bewohner von Iron City eingreift.

Aber zurück ins Labor, in dem sich herausstellt, dass das Sammlerstück noch lebt, sich aber an nichts mehr erinnern kann. "Ich kenn' noch nicht mal meinen Namen", sagt der Kopf, dem der ein wenig an Pinocchios "Vater" Gepetto erinnernde Doc nun einen künstlichen Körper bastelt und das Gesamtprodukt dann Alita nennt. Eben so wie seine ermordete Tochter oder wie die Heldin jener japanischen Manga-Serie aus dem späten 20. Jahrhundert, deren Verfilmungsrechte sich schon vor zwei Dekaden der "Titanic"-Regisseur James Cameron gesichert hat. Deren Blockbuster-Umsetzung er aber nun, weil er selber an den Fortsetzungen seines "Avatar"-Abenteuers arbeitet, seinem Kumpel Robert Rodriguez ("From Dusk till Dawn") überlassen hat. Der konnte mit einem Budget von 150 bis 200 Millionen Dollar in die Vollen gehen, also ein 3-D-Spektakel-Kino in der Liga der Marvel- und DC-Superheldenfilme inszenieren.

Alita entpuppt sich ja auch als Superheldin, allerdings als eine aus fernöstlicher Tradition. Anders als Superman, Batman oder Wonder Woman sieht sie mit ihren synthetischen Gliedmaßen eben nicht ganz humanoid aus. Und dann diese riesigen Augen im porenlos glatten Gesicht! In einem gezeichneten Manga wirkt das eher niedlich, in diesem Film jedoch wie ein bizarrer Verfremdungseffekt, wie ein stetiger Hinweis darauf, dass Alita kein Mensch ist und auch darauf, dass die Schauspielerin Rosa Salazar ihr nur ein bisschen von ihrem echten Körper und Kopf leiht, der Rest aber vom Computer und vom Motion-Cap-Verfahren künstlich generiert wird. Kurz gesagt: Es fällt schwer, diese Heldin als Identifikationsangebot zu akzeptieren, auch wenn sie zunächst als Teenie im Ringelpulli herumläuft, sich in den gut aussehenden Motorradbuben Hugo (Keean Johnson) verknallt oder einen kleinen Hund vor einem Stahlungetüm rettet.

Gelangweilt? Unterfordert ist Christoph Waltz auf alle Fälle.
Gelangweilt? Unterfordert ist Christoph Waltz auf alle Fälle.

In Japan, in dem schon in den Fünfziger Jahren der Roboterjunge "Astro Boy" zum Helden wurde, hat ein Cyborg wie Alita wohl bessere Chancen, sich in die humanoide Welt und ihre Erzählungen einzupassen. Die Verschmelzung zwischen Mensch und Maschine wird dort weniger als Schrecken denn als Chance zur Selbstoptimierung gesehen. Die Möglichkeiten in Sachen Gender jedoch, wie sie etwa eine Feministin wie Donna Haraway sieht, werden auch in Japan nicht genutzt. Cyborgs müssten nach Haraway eigentlich kein bestimmtes Geschlecht haben, sind in der Populär-Kultur aber trotzdem männlich oder weiblich. Wobei auffällt, dass es im japanischen Cyborg-Genre sehr viele Heldinnen gibt, und dies auch in komplexeren Zukunftsvisionen wie etwa den "Ghost in the Shell"-Mangas und Animes. Im Vergleich dazu fällt die Geschichte von "Alita", so wie sie in Rodriguez' Film vorgestellt wird, freilich sehr schlicht aus.

Köpfe rollen – gut choreografiert und blutleer

Und gleichzeitig wirkt sie überladen mit flachen Figuren und angedeuteten Motiven, die nicht ausgeführt werden oder blind enden. Die schmale, kleine Alita entdeckt nun ihre großen Kampfqualitäten, sie ist ein von Unbekannten entworfener Elite-Cyborg und, so der Zusatztitel, ein "Battle Angel", der die bösen Kollegen, bevor sie dem nachts als Kopfgeldjäger arbeitenden Doc gefährlich werden können, buchstäblich auseinandernimmt. Sie mischt auch mal alleine eine komplette Kneipe namens "Kansas" auf, in der sie dann wieder auf einen superbösen Koloss trifft, den sie schon mal besiegt hat, der nun aber höhnisch im wahrscheinlich schon witzigsten Satz des sich ansonsten sehr ernst nehmenden Films verkündet: "Ich hatte ein kleines Upgrade!" Dass der Kerl dann – Achtung: Hunde-Spoiler! – Alitas vierbeinigen kleinen Freund zertritt, wird ihm natürlich nicht gut bekommen.

Die extensiven Action-Sequenzen werden auch von manchen Kritikern gelobt, die mit dem Film sonst nicht viel anfangen können. Nun, die – köpferollend gewalttätigen, aber in jedem Sinn blutleeren Kämpfe mit anderen Cyborgs, die über Sägen oder Sensen als Extremitäten verfügen, sind sicher gut choreografiert, genauso wie die rasanten Manöver beim so genannten Motorball-Sport (eine Art aufgepimptes Rollerball, das man sich gut als Computerspiel vorstellen kann), bei dem sich Alita zum Champion aufschwingen will. Aber sooo gut sind sie nun auch wieder nicht, dass man dafür den Rest des Films, in dem hochkarätige Schauspieler wie Waltz, Jennifer Connelly oder Mahershala Ali sehr unterfordert werden, klaglos in Kauf nähme. Im Vergleich etwa zu Luc Bessons spritzig-fröhlicher SF- und Fantasy-Saga "Valerian" (2017), ebenfalls einer mit sehr jungen Helden besetzten Comic-Adaption, wirkt "Alita" jedenfalls bieder, pathetisch und öde.

"Kann ein Mensch einen Cyborg lieben?" Die Frage Alitas löst sich, bevor sie diskutiert und zum Problem werden kann, in schmachtender Teenie-Love auf. In einem Kuss mit Hugo, und in einem Versprechen der nun mit einem silbern schimmernden und sehr druckempfindlichen Superkörper ausgestatteten Alita, dass sie für diesen jungen Mann ihr Leben gäbe. Und tatsächlich, sie zeigt ihrem Geliebten das, was dem Film so sehr fehlt, sie holt also ihr Herz heraus und hält es Hugo hin! Was sonst noch passieren wird in dieser dramaturgisch wirren Story, das will der Regisseur noch gar nicht klären, das schiebt er in einem abrupt-rabiaten Schluss einer Fortsetzung zu. Ob es nach diesem verkorksten Film eine solche geben wird, das allerdings scheint fraglich.


Robert Rodriguez' "Alita: Battle Angel" ist ab Donnerstag, 14. Februar in den deutschen Kinos zu sehen. Welche Spielstätte den Film in Ihrer Nähe zeigt, sehen Sie
hier.


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