Ausgabe 406
Kultur

Der mit den Schlangen ringt

Von unserer Redaktion
Datum: 09.01.2019
Exklusiv in Kontext: das erste Foto vom S-21-Laokoon aus dem Atelier von Peter Lenk. Nur der Kopf fehlt, er bleibt noch geheim. Jetzt geht's um die Finanzierung. Ein Besuch beim Skandal-Bildhauer in Bodman, wo einem wieder mal das Lachen im Hals stecken bleibt.

Für Kontext steigt der Meister, inzwischen 71 Jahre alt, auf die Leiter. Er will den richtigen Blickwinkel festlegen für seine Skulptur, an der er seit einem Jahr arbeitet. Sie zeigt einen kämpfenden Laokoon. Auf dem Bild darf er aber nur ohne Kopf zu sehen sein, weil es noch streng geheim ist, wer hier mit den Schlangen ringt. So viel haben wir in Kontext schon enthüllt: Die Ungeheuer sind unschwer als ICE zu erkennen, und das Ganze soll ein Denkmal für Stuttgart 21 werden. Für den "irren Tunneltrip durch Gipskeuper und Mineralbäder", wie der Künstler sagt.

Lenk wäre nicht Lenk, wenn er nicht versuchen würde, bis zuletzt zu verbergen, was er genau im Schilde führt. Immerhin: Bei seiner Privatführung durch das Bodmaner Atelier lässt er erkennen, wer alles aufs Korn genommen wird. Diverse Ministerpräsidenten, sozialdemokratische Spitzenpolitiker, unerbittliches Justizpersonal, bohrende Unternehmer und weihrauchschwingende Pfarrer. Ihre Namen bittet der Bildhauer (noch) zu verschweigen; die Erfahrung hat ihn gelehrt, so lange wie möglich Identitäten nicht preiszugeben, um sich vor Klagen zu schützen. 

Man schaute sich's an und lachte sich scheckig, wenn es nicht so bitter wäre. Lenk nennt sein Werk, an dem er bereits seit einem Jahr hingebungsvoll arbeitet, nicht von ungefähr "S 21 - Das Denkmal. Die Chronik einer grotesken Entgleisung". Und wer seine Plastiken und Reliefs kennt, weiß, dass die verantwortlichen Figuren sauber modelliert und jederzeit identifizierbar sind, was zum Beispiel Martin Walser veranlasst hat, seinen Friseur in Überlingen zu wechseln. Auf dem Weg zum Barbier steht der "Bodensee-Reiter", der ihn in gekrümmter Haltung auf dem Pferd zeigt, mit Schlittschuhen an den Füssen, und da wollte der Großdichter nicht mehr dran vorbei gehen.

Nun ist das eher eine kleine Episode verletzter Eitelkeit. Der Personen-Zug auf dem irren Tunneltrip ist eine andere Kategorie. Natürlich wegen der politischen Dimension, aber auch wegen der schieren Größe. Neun Meter hoch ragt die Skulptur, so hoch, dass man von unten nur noch vermuten kann, wer ganz oben schwebt. Es könnte ein Oberstaatsanwalt sein.

Ein Wahrzeichen wie die "Imperia" in Konstanz

Und jetzt ist die Frage: Wo soll das Denkmal stehen? Verkehrsexperte Winfried Wolf und seine Freunde von der S-21-Front hätten es gerne auf dem Stuttgarter Schlossplatz, dort, wo seit zehn Jahren demonstriert wird. Am vergangenen Montag war es das 447. Mal. Wolf meint, es könnte ein Wahrzeichen werden wie die Lenksche "Imperia", die an der Konstanzer Hafeneinfahrt grüßt und inzwischen zu den bekanntesten Statuen Deutschlands zählt. Das habe doch "ausgesprochen positive Auswirkungen auf Wirtschaft und Tourismus", betont der Vetter von Justizminister Guido Wolf (CDU), wenn es zu einem "eindrucksvollen Kristallisationspunkt des öffentlichen Interesses" werde.

Die Stadtverwaltung, solchen Effekten sonst zugeneigt, reagiert eher kühl. Zum einen, sagt Rathaussprecher Sven Matis, sei die Kommune für den Schlossplatz nicht zuständig, weil Landesterrain, zum andern habe das Kulturamt "aktuell auch kein Geld", um neue Kunstwerke für den öffentlichen Raum anzuschaffen. Außerdem kenne seine Behörde die Arbeit nicht, da sich Herr Lenk beim Kulturamt nicht gemeldet und auch kein Angebot unterbreitet habe.

Über solche Ängstlichkeiten, womöglich vor trojanischen Pferden, freut sich der Anarcho vom Bodensee. Geld von der Stadt? Iwo. Er wünscht sich nur einen angemessenen Standort und ist begeistert, wenn er hört, dass sich Verkehrsminister Winfried Hermann einen Platz direkt vor dem Hauptbahnhof vorstellen kann. Das Geld beschaffen andere.

Winfried Wolf zum Beispiel. Dass er geübt ist im Spendensammeln, hat er zuletzt im September 2018 bewiesen, als er für eine Anzeige in der FAZ ("Stoppen Sie Stuttgart 21 jetzt") nicht nur 2800 Unterzeichner gefunden, sondern auch mehr als 50 000 Euro zusammen bekommen hat. Viele davon sind wieder dabei, vereint im Lenkschen Credo, den öffentlichen Raum nicht den Spießern zu überlassen. Unter ihnen Lenks Freund Jürgen Resch von der Deutschen Umwelthilfe, Vincent Klink von der Wielandshöhe, Christine Prayon von der "heute-show", der Regisseur Volker Lösch mit seinen S-21-Widerständlern Walter Sittler und Wolfgang Schorlau.

Sie werden wieder als Frontleute für eine Kampagne gebraucht, die diesmal mindestens 100 000 Euro erbringen soll, wobei die gesamten Kosten deutlich höher liegen. Dafür gibt es ein Denkmal beziehungsweise ein Mahnmal, das stets daran erinnern wird, wie unterirdisch Stuttgart 21 ist. Es werde, verspricht Lenk, in jedem Fall im Frühjahr 2020 fertig und aufgestellt – wo auch immer.


Info:

Auf der am heutigen Mittwoch freigeschalteten Websitewww.lenk-in-stuttgart.definden sich weitere Informationen zu der Spendenkampagne.


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6 Kommentare verfügbar

  • Bruno Neidhart
    am 14.01.2019
    Fraglich, ob dieses Werk eines schon das halbe Bodenseegebiet mit seinen regelmässig ziemlich unter der Gürtellinie aufgeladenen Abgüssen beglückenden (oder vermüllenden - je nach Sichtweise!) Figurenmachers eine Trostgabe für die Montagsmarschierer beinhalten soll. Beigefügt sei, dass sich die BW-Bevölkerung 2011 in einer demokratischen Art nicht vom Projekt abgewendet hat. Ein Schlüsselerlebnis. Ich selbst wünschte mir übrigens eine Kombination von "Durchgangsstrecke" und "Kopfbahnhof" bei größtmöglichem Belassen der Bonatz'schen frühen Moderne. War nicht zu vermitteln.

    Eigentlich gehört dieses am Überlingersee entstehende Monumental-Epos direkt in die kommende, gekelchte, unterirdische Schwäbische Bahnkathedrale gesetzt. Wobei ich nicht weiss, ob die Raumhöhe ausreichen wird. Es soll dort unten dereinst auch ohne Schlangenringer und Co. ziemlich eng zugehen - sagen Experten. Das mit "Experten" ist allerdings immer so eine Sache!
    • Rudolf Reinhardt
      am 14.01.2019
      Dass sich die BW-Bevölkerung nicht vom Projekt in einer demokratischen Art abgewendet hat ist doch wohl eher auf Versprechungen und bewußte Falschinformationen der Projektpartner gegründet (Kostendeckel gilt - damals ca. 4,5Mrd, Baumaßnahmen werden kaum sichtbar sein, es sind schon 2Mrd. ausgegeben und verplant usw usw).
      Bei der Brexit- Volksabstimmung wurde genau so gelogen und da geht es um noch viel mehr.
      BW-Abstimmung ein Schlüsselerlebnis im Sinne von Demokratie?!
  • Kornelia .
    am 12.01.2019
    Ein besseres Geschenk, bezahlt vom Fußvolk (war auch unter Adel so), die freiwillig (auch passend zu unserer Selbstoptimierungszeit) können sich die Herrschenden , insbesondere die "immer schon-S21-Gegner Grüne", wahrscheinlich gar nicht vorstellen!

    Passend zur IBA gibt es dann wenigstens ein Highlight in Schuttgart zu besichtigen!
    Mich würde nicht wundern, wenn Stadtmarketing schon am Konzept feilt!

    Hat Kunst, Kultur und Bildung überhaupt noch die 'Eier' , um irgendjemanden aufzuregen? Soweit ich weiß, hatte jeder Feudalhof seinen Kasper und einmal im Jahr seinen Karneval.... und gut war (und ist!)
    (Schon damals wußte man, wie wichtig so emotionale Wutstau Aderläße sind)

    Kabarett, politische Sendungen, Demos etc pp, also die wichtigen sparingPartner einer Demokratie sind doch nahezu wirkungslos geworden in diesem System21.
    S21 steht exemplarisch für eine Systemkrankheit! Die Protagonisten sind austauschbar (wurden sie ja auch schon laufend!)!
    Es geht und ging nie um Bahnhof, sondern um Krieg Reich gegen arm! Um die Reprivatisierung (nach der Feudalzeit) des Volkseigentums!

    Ich kann den Frust eines Pispers seht gut verstehen: wir sind in einer Kassandrischen Blase gefangen: niemand hört, sieht und will wissen! Bei einem gleichzeitigen hohen FormalBildungsgrad! Aufklärung ist zur FassadenPR geworden!

    Einen Lenk, der in Nacht und Nebel Aktion ein Denkmal (und damit eine 5min Erregung produzierte) errichtete, welches aber heute als Wahrzeichen vermarktet wird....
    der nun mit medialer Ansage kommen soll... welchen "Wert" hat so ein Lenk?
    • Peter Lenk
      am 12.01.2019
      Voll daneben:
      Karneval wurde von Klerus und Politik oft genug zensiert und verfolgt.
      1830 waren Karnevalszeitungen verboten, in denen Mißstände aufs Korn genommen wurden. Karnevalspräsident Heinrich von Wittgenstein, Franz Raveaux und der Büttenredner Gottfried Kunkel mußten fliehen oder wurden eingesperrt.
      Der Kölner Büttenredner Karl Küpper wurde von den Nazis wegen "Verächtlichmachung des Deutschen Grußes" zu lebenslangem Redeverbot verurteilt. Mit erhobenem Arm grüßte er nicht mit "Heil Hitler" sondern:
      "So hoch liegt bei uns der Dreck im Keller ! "
      Noch haben wir Demokratie und Kunstfreiheit. Die müssen wir nutzen.
      Wenn heute satirische Statuen zu Wahr-Zeichen werden, um so besser.
      Fritz Teufel: "Revolution muss Spass machen, sonst geht ja keiner hin!"
      Immerhin: Kornelias Wortschöpfung "Schuttgart" vedient einen Karnevalsorden, verliehen von Herrn Grube und seinen Buddelkameraden.
  • Kurt Adelsohn
    am 09.01.2019
    Wenn ausgerechnet Lenk mit einem Feigeblatt arbeitet, so hat das mit Sicherheit einen triftigen Grund. Welche Farbe hat es? Ist es Grün, Schwarz, Rot, oder Schwarz Rot Gold.
    Bei dem Propagandageschwätz der Politiker zu dem Thema S21 ist jede Farbe möglich. Ich tippe auf Grün. Die warnten als erste vor dem Trojanischen Pferd, bis sie umkippten, um den Schwachsinn mitzutragen. Das neuste Bahnhofskonzept hat es in sich. "Fertigbauen und dann erst die Sicherheit prüfen." Ab in die Klappsmühle mit den Herrschaften, würde ich vorschlagen.
  • Peter Meisel
    am 09.01.2019
    „S21 bleibt eine gigantische Fehlentscheidung“ ist die Erkenntnis 2019?
    Vor 25 Jahren haben die Verantwortlichen noch mit Sekt gefeiert:
    Ein Schwabenstreich mit Selbstüberlistung
    S21 Projektpartner: Juli 2007 OB Wolfgang Schuster, MP Günther Oettinger, Bundes Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee, Bahnchef Hartmut Mehdorn, Stuttgarter Regionaldirektor Bernd Steinacker unterzeichnen die Grundsatzvereinbarung über die Finanzierung des neuen
    Stuttgarter Tiefbahnhofs in Höhe von 2.8 Mrd. Euro. Das Foto dazu existiert!
    Projektidee wird begossen Manfred Rommel, Heinz Dürr, Erwin Teufel
    Heinz Otto Dürr: Ab 1991 war er DB Vorstandsvorsitzender und im Rahmen der ersten Stufe der Bahnreform wurden zum 1. Januar 1994 in Dürrs Amtszeit Bundes- und Reichsbahn in die Deutsche Bahn AG überführt. Nach der Privatisierung der beiden Bahnen) der Deutschen Bahn AG bis 1997. 2009: Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg
    „Finanzierungsvertrag Stuttgart 21 30. März 2009 Finanzierungsvertrag Stuttgart 21 30. März 2009 §2 VORBEMERKUNG (2) „Für die OB AG und die EIU ist es im Hinblick auf die Zukunft des Unternehmens von besonderem Interesse, dass für die OB AG und die EIU aus der Realisierung des Gesamtprojektes keine unkalkulierbaren Risiken entstehen und dass die Wirtschaftlichkeit dargestellt ist. Die Vertragsparteien stellen fest, dass die Wirtschaftlichkeit des Projekts durch die Wirtschaftlichkeitsrechnung der OB AG mit Preis- und Kostenstand 2004 sowie deren Ergänzungen im Rahmen der Modellrechnung, deren Zusammenfassung diesem Vertrag in Anlage 2.2 (vertraulich- nicht für Dritte) beiliegt, belegt wurde.“ Ha ha!
    Das kommt davon, wenn in BW an der Bildung gespart wird und die Gier blind macht. Die Ilias hat zur Zerstörung der Stadt Troja geführt, weil die Griechen ein hohles Geschenk den Trojaner angeboten haben und in Baden Württemberg gab es Landesweit eine Volksabstimmung für Bürger, die nicht betroffen waren! Ein Schwabenstreich mit Selbstüberlistung: Stuttgart 21 für 4.526 Mrd. Euro + X ?
    Das aktuelle Projektmagazin BEZUG Dezember 2018 Ausgabe 24 beschreibt auf Seite 18 die Überragende Architektur mit der ersten Kelchstütze von 28 Stück.
    Da passt eine Menge Champagner hinein! Laocoon lässt grüßen?

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