Richterin Fiona Maye (Emma Thompson) befragt Adam Henry (Fionn Whitehead) im Krankenhaus. Fotos: Concorde Filmverleih

Ausgabe 387
Kultur

Zum Leben verurteilt

Von Rupert Koppold
Datum: 29.08.2018
In Richard Eyres Adaption des Ian McEwan-Romans "Kindeswohl" spielt Emma Thompson eine Familienrichterin, die entscheiden soll, ob ein Junge gegen seinen Willen eine Bluttransfusion bekommt. Exzellent!

Szenen einer Ehe: Es ist spät abends, die Londoner Familienrichterin Fiona Maye (Emma Thompson), eine Frau Mitte fünfzig, bereitet einen komplizierten Fall vor, ihr geduldiger Mann Jack (Stanley Tucci), ein Geschichtsprofessor, steht hinter ihr und fragt, ob sie mit ins Bett komme. Sie verneint routiniert, verweist auf ihre Arbeit, tippt weiter am Laptop und dreht sich nicht mal um. Sie müssten aber mal miteinander reden, sagt an einem anderen Tag der langsam und auf sanfte Weise resignierende Jack. Fiona aber hat auch diesmal keine Zeit und schließt sofort die Tür. Wieder ein paar Tage später, als sie erneut in ihrer Stör-mich-nicht-Haltung am Schreibtisch sitzt, lässt er sich jedoch nicht mehr abwimmeln, ignoriert auch ihre genervte "Was-ist-denn-jetzt-schon-wieder?"-Miene und sagt: "Ich glaube, ich möchte eine Affäre haben!"

Das schockiert Fiona dann doch ein bisschen, bringt sie aber nicht aus der Fassung. Als die Krise des kinderlosen Paares eskaliert, als Jack seine Ankündigung wahr gemacht und sie ihn deshalb aus der Wohnung verwiesen hat, ändert sich für sie scheinbar gar nicht so viel. Sie bleibt die selbstbewusste, kompetente und coole Frau, die nicht nur auf ihrem Richterstuhl, sondern auch noch im Büro von ihrem eifrigen Sekretär als "My Lady" angesprochen wird, sie bleibt die einschüchternd intelligente Juristin, die ihr hohes Amt ganz selbstverständlich akzeptiert, sich akribisch in komplexe Fälle einarbeitet und dann ohne Selbstzweifel Entscheidungen fällt. Auch Entscheidungen über Leben und Tod, so wie gerade im Fall eines siamesischen Zwillingspaars, dessen von Fiona angeordnete operative Trennung für ein Kind fatal ausgehen wird. Die Proteste auf der Straße nimmt sie in Kauf, es gehe hier "um das Gesetz, nicht um Moral".

Fionas neuer Fall wirkt da im Vergleich simpler, jedenfalls vom juristischen Standpunkt aus betrachtet. Der 17-jährige Adam (Fionn Whitehead), der an Leukämie erkrankt ist, verweigert als Zeuge Jehovas eine Bluttransfusion. Weil er aber minderjährig ist, kann Fiona diese medizinische Maßnahme gegen seinen Willen anordnen – und vertagt die Entscheidung überraschenderweise, um den im Hospital liegenden Adam selber zu befragen. Nein, sie überschreitet dabei nicht ihre Kompetenzen, aber doch eine Grenze, die sie sich selbst gesetzt hat. Fiona ist jetzt auf einem Terrain, auf dem sie sich nicht auskennt, sie ist unbewusst vorgestoßen ins Reich der Emotionen, in dem kühle Rationalität nicht immer weiterhilft. So hört sie dem intelligenten Adam zu, stimmt sogar ein Lied an, ein vertontes Gedicht von William Butler Yeats, in dem ein junger Mann es bereut, ein Angebot zur Liebe ausgeschlagen zu haben. Adam sieht Fiona mit leuchtenden Augen an. Und etwas bricht in ihr auf.

Wie nuanciert Emma Thompson dies spielt, wie ihre Fiona fast überwältigt wird von ihren Gefühlen (aber eben nur fast!) und sich dann doch wieder zusammenreißt, das ist große Kunst. Vor 25 Jahren war sie in James Ivorys Kazuo-Ishiguro-Verfilmung "Was vom Tage übrig blieb" als jüngere Frau zu sehen, deren Liebe zu einem etwas älteren Mann scheitert, weil der nicht aus seiner Haut kann und sich hinter Disziplin und Pflichtgefühl verschanzt. Jetzt, in dieser von Richard Eyre inszenierten Ian-McEwan-Adaption "Kindeswohl", droht sie selber in ihrer Rolle als Fiona in einem Gefühlspanzer zu ersticken. Immer wieder ist auf der Insel von dieser Verdrängung der irgendwie zu lauten, zu unkultivierten und dann, im Nicht-mehr-Verbergen-Können, fast schon obszönen Emotionen erzählt worden. Genauso wie von den sich daraus ergebenden Sprachlosigkeiten und Missverständnissen, zum Beispiel in Ian McEwans großem Werk "Vergebung" oder in dessen gerade erst fürs Kino adaptiertem Roman "Am Strand". "Very british", so ist man versucht zu konstatieren, auch wenn es sich vor allem um ein Syndrom respektive ein Drama der britischen Mittelschicht handelt.

Zurück zu Fiona: Sie hat sich wieder im Griff und verurteilt den jungen Adam zum Leben. Ihr Alltag könnte nun also störungsfrei weitergehen, eine gut ausbalancierte Existenz zwischen behutsamer Bauhaus-Moderne in der großen Wohnung und in Backsteinmauern eingelagerter Elite-Juristerei-Tradition. Alles wirkt wieder so geordnet wie ihre adrette Frisur, ihr wohl dosiertes Make-Up, ihre dezenten Perlen im Ohr und ihre eleganten, aber nie aufdringlichen Kleider. So klar, so übersichtlich, so abgegrenzt. Aber das Leben, so zeigt es nicht nur McEwan in seinen Werken wieder und immer wieder, ist ein großer Grenzverwischer. Es dringen, so wie in diesem ebenso spannenden wie subtilen Film, immer wieder Ambivalenzen ein, stören die Ordnung oder lassen sie zusammenbrechen.

Nein, die Geschichte mit Adam ist für Fiona noch nicht zu Ende. Überschwängliche Danksagungen, Liebegeständnisse, ein verrutschter Kuss. Mehr darf man nicht verraten. Hinzufügen aber muss man noch, dass es in diesem Film natürlich nicht nur um die persönliche Krise einer Frau geht, sondern auch um übergeordnete Themen, die hier quasi als Gerichtsdrama diskutiert werden. McEwan selbst hat über "Kindeswohl" gesagt: "Ein Roman, der sich den Luxus leistet, nicht urteilen zu müssen, könnte also Personen und Umstände neu erfinden und eine Auseinandersetzung von Liebe und Glaube erforschen, die Kluft zwischen weltlichen und religiösen Gegensätzen." Und doch ist das, was in dieser Erzählung am meisten bewegt, die Stunde der wahren Empfindung, sind dies die raren Momente, wenn ein Panzer Risse bekommt, sich etwas öffnet und warmes Licht herausströmt.

 

Info:

Richard Eyres "Kindeswohl" kommt am Donnerstag, den 30. August in die deutschen Kinos. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt,finden Sie hier.


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1 Kommentar verfügbar

  • Andromeda Müller
    am 30.08.2018
    Sehr geehrter Herr Koppold ,
    diese medizinisch-juristische Situation ist , entsprechend den religiösen Überzeugungen der Zeugen Jehovas , keine Seltenheit. Aus eigener Kenntnis daher folgende Kritik an dem "Film-Plott". Der 17 jährige ist wohl auch in GB nicht volljährig , also hat die Richterin sich mit den Eltern auseinanderzusetzen . Es ist also unrealistisch , daß sie sich ausschließlich
    mit dem 17jährigen auseinandersetzt. Es ist auch unrealistisch , daß sie sich überhaupt ins Krankenhaus begibt. Schließlich war ihr auch der angekündigte Seitensprung ihres Mannes egal. Warum also irgendein verückter Religionsangehöriger ?
    I.d.Regel würde sie von den behandelnden Ärzten angerufen werden , bzw. sich mit diesen über eine legale Weise und möglichen juristischen Kniff bei der "Zwangshilfe/-rettung",- gegen die religiösen Überzeugungen der sorgeberechtigten Eltern-, beraten. Auch ganz ohne die Eltern. So , daß das junge Leben gerettet und die Ärzte sich keiner Körperverletzung schuldig machen. Dies ist bereits mindestens einmal praktikabel und beispielhaft in D geschehen.
    Insofern ist dieses Thema nur für juristische Laien filmisch extra dramatisch aufgemacht worden.
    Das eine erfolgsorientierte Juristin/Richterin dann auch noch am Krankenbett diskutiert
    und Gespräche führt , wer`s für realistisch hält wird selig.... , und schluchzt .
    Ich kann diesem irrealen Plot, aus angeführten Gründen , nichts abgewinnen. Ich hoffe mein Kommentar wird nicht zensiert , wie beim letzten unsachlichen Film und Male mit den Grenzsoldaten.

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