Bisher bloß im schwäbischen Karneval, pardon, Fasnet erprobt: Ministerpräsident Winfried Kretschmann und seine Gattin Gerlinde (rechts). Foto: Joachim E. Röttgers

Bisher bloß im schwäbischen Karneval, pardon, Fasnet erprobt: Ministerpräsident Winfried Kretschmann und seine Gattin Gerlinde (rechts). Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 345
Kultur

Der lustige Ritter Kretsch

Von Bernd Müllender
Datum: 08.11.2017
Der grüne Ministerpräsident wird gerittert. Im Januar bekommt er den 69. Aachener Orden wider den tierischen Ernst verliehen. Einige Handreichungen zum Saisonauftakt am 11.11. 11 Uhr 11.

Zugegeben, Karneval (Fasching, Fassnacht, Fasnet et al.) erschließt sich nicht jedem sofort. Erst recht nicht der rheinische Sitzungskarneval mit seinen Humbtata und den befehlsmäßig abgefeuerten Lachsalven. Mit Zoten, die sich als Witze tarnen, und Plattitüden, die Humor genannt werden. Der Aachener "Orden wider den tierischen Ernst" ist die Habilitation solchen Humorgewerbes. Jürgen Linden, Aachens früherer SPD-Oberbürgermeister, erklärte einmal: "Man muss einfach mal das Denken einstellen", dann gehe Karneval, dann gehe auch diese Veranstaltung. Linden war immer da, begeistert.

Winfried Kretschmann ist jetzt als karnevalsfähig eingestuft und zum Ordensritter 2018 auserkoren worden. Kretschmann sei, so der Aachener Karnevalsverein AKV, "schlagfertig in der Sprache und bedächtig in der Sache." Tusch. Na denn.

Winfried Kretschmann ist karnevalistisch kein Novize. Er weiß sich längst dekoriert mit dem Froschkuttelorden, mit der Stockacher Laufnarrenkappe, der goldenen Narrenschelle im Europa-Park Rust. Er hat seine Volksnähe mit allerlei launigen Kopfbedeckungen bewiesen, darunter die Freiburger Katzenschwanzmütze. Zuletzt wurde er in Haigerloch beim Narrentreffen der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte von Bräutelbuben der Bräutelgesellschaft auf einer Stange durch den Ort getragen. "Mir gefällt es", sagt der grüne Landesvater, "dass man in der Fasnacht und im Karneval Rituale übt und dabei in eine ganz eigene Welt eintritt, die an den restlichen Tagen des Jahres komplett außen vor bleibt". Aber wie das in diesem Rheinlande so gehe, da sei er doch etwas unsicher, hat er kürzlich gestanden.

Aachener Orden ist die Habilitation des Humorgewerbes

Wir wollen gern helfen. Mit dem doppellustigen Datum 11.11. beginnt an diesem Samstag die jecke Jahreszeit. Und damit sind es noch genau launige 11 Wochen bis zur Ordensverleihung. Zeit für eine Handreichung, was ihn erwartet bei den Aachener "Lackschuh-Karnevalisten", wie sich der Herrenbund AKV selbst nennt.

Der Schwabe aus Sigmaringen-Laiz mit ostpreußischem Migrationshintergrund (zeitweilig sehr unsicheres Herkunftsland) darf sich über plötzliche Tüsche nicht erschrecken. Er sollte Klatschmärsche spontan mitklatschen und Heimatlieder muss er nicht verstehen, aber dennoch mitreißend finden. Die große Aachener Hymne ist die von der erbärmlichen Sagengestalt Lennet Kann – Reim: "von Aachen der schönste Mann …" Kretschmann weiß schon, dass der Aachener Orden eine, wie er sagte, "bedeutende Auszeichnung" ist.

Das Prinzip der Ordenssitzung ist simpel: Man lade Prominente ein, früher waren es gerne hohe Unions-Politiker, biete ihnen eine Bühne für inszenierte Fröhlichkeit und sonne sich in ihrem Glanz. Das Aachener Festpublikum ist eine genügsame und reaktionäre Geldadel-Melange, aufgeschlossen selbst für die plattesten Witze. Gern geben sie die euphorischen Jubelprinzen, egal welches Niveau launige Politiker unterschreiten.

Der britische Militärstaatsanwalt James Arthur Dugdale war 1950 der erste Ordensritter. Er hatte einen Häftling zwei Tage eher entlassen, damit der Karneval feiern konnte. Seitdem hat Aachen schon viele politische Ritter überstanden, von Adenauer über Genscher bis Waigel und Söder. Guido Westerwelle selig war wegen des Namens (tataaa) als Surfboy verkleidet, Motto "Westerwellness". Friedrich Merz machte in der Bütt permanent Schleichwerbung für Air Berlin, die ARD-Macher luden nachher zum Krisengespräch. Die Airline selig, nunja, war zu der Zeit auch Sponsor der Veranstaltung. Und ihr Exchef Joachim Hunold mal Ritter, als grad kein Politiker greifbar war.

Höflichkeitstuschs bei Stoiber-Rede verhinderten Einschlafen

Edmund Stoiber war einer der anstrengendsten Ritter ever. Als "Humor-Mediziner" trug er ein "Humor-Gutachten" mit der "Heilmethode Humor" vor und dozierte über "akuten Humorverlust" im politischen Dasein. Mehrfach musste die Saalkapelle mit Höflichkeitstuschs das Publikum am Einschlafen hindern. "Edmund", sagt Edmund Stoiber mit geschauspielertem Bemühen, "ist ein Name ohne jede Ausstrahlung, ein Name ohne jede Erotik." Genial daran die unfreiwillig gestottert-verhaspelte Aussprache des Wortes Erotik. Es klang etwa Ore-Erro-äh-Er-Rottick. Unvergesslich.

Zur Ritterung muss man in den Narrenkäfig. Das ist eine Art Initiationsritus und Höhepunkt des "närrischen Staatsakts". Man sollte reimen können (oder reimen lassen von einem Thinktank, bei Kretschmann vielleicht in der baden-württembergischen Staatskanzlei). Aber keine Sorge: Es gibt kein Niveau, das noch zu unterschreiten wäre. Als es einmal um Kohl und den CDU-Spendensumpf ging, war das ein "Kohl-Lateralschaden" für die Partei. Der Schatz im Silbersee wurde gereimt auf Wolfgang Thier-See. So geht Karneval. Tusch. Lach. Hurra. Stoiber fiel zu Rüttgers Rüttgers-Club ein. Zu Müntefering: "Wenn der nicht aufpasst, muss er bald für sein Gesicht Hundesteuer bezahlen. Wuff!" Das mit dem Müntefering sei, berichtete Stoiber nachher, "sein liebster Gag" gewesen. "Da habe selbst ich lachen müssen." Wie man sieht, ist die Ordensverleihung so bieder, die Pointenwüste so trocken, dass Konfetti erröten würde und Luftschlangen vor Schreck erigieren.

Ritter Özdemir wurde wie ein Freak bestaunt

Jahrzehntelang war es so, dass keine Frau und schon gar niemand von der SPD gekürt wurde. Wenn nur das Wort "rot" fiel, wurde gepfiffen im Saal, es war eine Art politischer Reflex. Irgendwann löste grün das rot als politische Reizfarbe ab – bis 2013 Cem Özdemir Ritter wurde.

Das Saalpublikum bestaunte den Mann mühsam lächelnd wie vor hundert Jahren einen Freak im Zirkus. Viele von ihnen dürften noch nie im Leben Kontakt zu einem leibhaftigen Grünen gehabt haben. Schämm nannte man den Geehrten mit Vornamen, als ginge es um eine Kaschämm, also mittelrheinisch eine Kneipe. Und hinten wurde er Ötzdemir ausgesprochen, wie Ötzi, statt Ösdemir. Naja, Ausländer halt, aus dem Hintergrund. Der grüne Ritter erklärte im Narrenkäfig, bei der Beschneidungsdebatte zuletzt habe er sich fast schon als Krimineller gefühlt. Tusch. "Oder um es fußballerisch zu sagen: Mit hängender Spitze kann ich nicht mehr spielen." Tuschtuschtusch. Der Saal tobte.

Grüne können sich hervorragend anpassen. Eine Aachener Parteifreundin sagte später entsetzt, die Zote mit der hängenden Spitze habe sie "plump und grauenvoll" gefunden. Kopfschütteln: "Dass dieser tolle Mensch das nötig hat." Realo Kretschmann wird messerscharf erkennen, dass in Aachen kaum ein Niveau unterschritten werden kann.

Wichtig für einen Ordensritter ist der Kurzauftritt für das Volk vorher bei der kurzen "Open-Air-Sitzung", meist vor dem Rathaus. Inmitten marschierender Garden wird man dann mit viel Tschingderassabumm durch die Aachener Innenstadt geleitet. Durchgereimt heißt das: Auch

Kretschmann
kann
dann
und wann

fühlen, wie sich der grüne Marsch in der Institution anfühlt.

Gysi wird die Rede auf Kretschmann halten

Ein kleiner Tipp aus Aachen: In der eigenen Rede kommen kleine Spitzen gegen die Nachbarn Holland und Belgien immer gut. Gleiches gilt für Köln und Düsseldorf. Die arme Fußballlegende Alemannia sollte man kurz bedauern – fällt mit alemannischen Hintergrund bestimmt nicht schwer. Vielleicht geht auch was zu Martin Schulz und zu Würselen nebenan – das wird übrigens Würrseln gesprochen, ein Ort wie ein Verb. Als Benznarr muss Kretschmann wissen, dass Aachen, nicht Stuttgart, derzeit der Hotspot der Elektromobilität ist (Streetscooter Transporter, Kleinwagen E.go). Und: Karl den Großen lobend erwähnen! Den kriegslüsternen Sachsenschlächter verehrt das Aachener Establishment als großen Europäer. Hat halt mit dem Schwert den Kontinent geeint. Tataaa.

Gregor Gysi erhält den Orden wider den tierischen Ernst.

Kondition ist wichtig. Die Sitzung dauert an die vier Stunden, die eigene Rede ist erst nach frühestens drei Stunden an der Reihe. Also nicht zu viele Viertel vom Öcher Heuschreck Durchbruch trinken, aus dem Weinberg des AKV! Wichtig: Es heißt in Aachen Alaaf, nienieniemals Helau. Geschunkelt wird meist seitwärts (Lateralpolonaise). Genauso wichtig: die heimatstolzen Aachenerinnen und Aachener richtig ansprechen. Sie heißen Öcher, was unbedingt Öscher ausgesprochen werden muss. Sie kommen aus Oche, was aber eben nicht Osche gesprochen wird sondern Oche, und das nicht wie Maloche sondern wie Knoche. Keinesfalls verwechseln, wie es Vorjahresritter Gregor Gysi tat.

Ja, tatsächlich: Gysi. Erstmals war 2017 doch tatsächlich einer von diesen staatszersetzenden Kommunisten Ordensritter geworden. Gysi wird in Oche auch die Laudatio auf Winfried Kretschmann halten. Oche Alau und Helaaf!

 

Info:

Die Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst an den grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann findet am 27. Januar statt. Eine Zweistunden-Konserve (die größten Peinlichkeiten und Überlängen werden rausgeschnitten) sendet die ARD montags drauf, am 29. Januar. ZuschauerInnen unter 60 Jahren sind seit Jahren so gut wie nicht messbar.

Unser Autor, der Journalist Bernd Müllender, verfolgt das Ordensspektakel in seiner Heimatstadt seit vielen Jahren. Er ist Entstehungskarnevalist: Nach Auskunft seiner Mutter wurde er an einem 11.11. in Aachen gezeugt.


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