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Leihmutterschaft

Bunker-Babys für Egoisten

Leihmutterschaft: Bunker-Babys für Egoisten
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In der Ukraine mieten sich wohlhabende Menschen aus aller Welt Frauen, die für sie Kinder austragen. Jetzt liegen die Babys bestellt und nicht abgeholt in Bunkern im Krieg und die ganze Welt hat Mitleid. Natürlich nicht mit den Leihmüttern.

Ganz schön unlustige Zeiten grade. Anyone interested in ein paar Der-Markt-regelt-Witze? Ok, hier: Die menschengemachte Klimakatastrophe brennt uns alle vom Planeten, aber es wird mehr für die Wirtschaft getan als für die Rettung der Menschheit, weil: Der Markt regelt. Hahahaha! Abermillionen Menschen weltweit leben in Armut, während Reiche selbst in Krisen immer reicher werden, weil: Der Markt regelt. Jiiiiiahahaha! Lohnarbeit wird härter besteuert als reich erben, weil: Der Markt regelt. Wiiiahaha! Frauenkörper können zum sexuellen Gebrauch für den Preis eines Döners gekauft werden, weil: Der Markt regelt. Muahahah! Okokokok, einer noch! In der Ukraine mieten sich wohlhabende Menschen aus aller Welt Frauen, die für sie Kinder austragen. Jetzt liegen die Bunker voll mit Neugeborenen, weil nur diejenigen sie abholen kommen, die mit einem Privatflugzeug ins Kriegsgebiet fliegen können. Aber ja: Der geniale Markt wird es schon regeln!

Uff, okay, eigentlich muss ich nur aus emotionaler Überforderung übersprungslachen, weil sich das beliebte wirtschaftsliberale Kapitalisten-Mantra einer unsichtbaren Hand, die das Wohlergehen der Gesellschaft zum Besten regelt, wenn man sie nur maximal ungestört machen lässt, in regelmäßigen Abständen selbst seiner Menschenfeindlichkeit überführt. Aktuell zu beobachten im Baby-Bunker der größten ukrainischen Leihmutterklinik "BioTexCom", die wieder mediale Aufmerksamkeit und gratis Werbung bekam, nachdem der Chef wegen Kinderhandels im Fokus stand und in der Klinik auch schon mal Embryonen von biologischen Eltern verwechselt und falsch verpflanzt wurden.

Schon vor dem Krieg galt die Klinik in der Ukraine als Leihmütter-Hotspot für gut situierten Menschen aus etwa Frankreich, Großbritannien, Deutschland oder Österreich und anderen Ländern, in denen kommerzielle Leihmutterschaft verboten ist, die sich hier für 40.000 bis 60.000 Euro ein Kind von einer fremden Frau austragen lassen. Während man in den USA bis zu 100.000 Dollar bezahlt, kriegt man Kinder von Leihmüttern in der Ukraine nämlich viel billiger. Weil der Markt regelt.

Die kleine Chantal möchte aus dem Bunker-Paradies abgeholt werden

Aber jetzt holen die vom liberalen Wirtschaftsgeist Angezwiebelten ihre bestellte Ware nicht ab, weil eben Krieg ist. Zu Beginn der Pandemie landete das Unternehmen schon mal in den Schlagzeilen, weil 70 Kinder nicht abgeholt werden konnten. Mit jedem Tag kommen jetzt wieder neue Kinder hinzu. Hunderte Frauen sind noch für BioTexCom schwanger und werden den Bunker der Leihmutterklinik in ein noch größeres Paketzentrum für bestellte und nicht abgeholte Menschenware verwandeln. Zahlreiche Medien haben Krankenschwestern der Klinik interviewt, besorgte Leihmutterbaby-Eltern aus dem Ausland in ihren Sorgen um "ihr Baby" begleitet und den Krieg als einzige Misere des Leihmutter-Business ausgemacht. Die armen Kinder! Die armen Eltern! Der blöde Krieg! Ja, schon. Keine Frage. Doch das Problem mit der Leihmutterschaft ist nicht der Krieg.

Durch das Brennglas des Krieges, wird Leihmutterschaft gegen Geld als das ersichtlich, was es nüchtern und auch ohne Krieg betrachtet ist: Kinderhandel und kapitalistische Ausbeutung weiblicher Geschlechtsorgane, derer sich die bedienen dürfen, die genügend Geld besitzen. Doch um die Leihmütter geht es in den herzschmerzenden Medienberichten meistens nicht, sondern nur um das Leid der Menschen, die bezahlen, und um die Ware in den Bäuchen der Frauen. Kaum ist zu lesen über schwangere Leihmütter, die das Kriegsgebiet nicht verlassen dürfen oder können, weil sie in Ländern, in denen kommerzielle Leihmutterschaft verboten ist, die rechtlichen Mütter der Kinder wären, für die sie keine Kohle sehen. Keine Interviews mit ukrainischen Leihmüttern, die nicht mit der emotionalen Abspaltung von Kind und eigenem Körper klarkommen, aber trotzdem dafür sorgen sollen, dass sich das Kind bestens entwickelt. Keine Geschichte über ein Gesellschaftssystem, das es reichen Menschen ermöglicht, Frauen in prekären Lebenssituationen sprichwörtlich zu entfremdeten Gebärmaschinen zu machen. Keine Story, die zeigt, dass kommerzielle Leihmutterschaft immer mit einem Freiheitsverständnis einhergeht, das das gefühlte Recht privilegierter Menschen auf ein eigenes Kind über die emotionale, körperliche und wirtschaftliche Ausbeutung von Frauen stellt und sklavenhafte Züge hat.

Eine geliehene Mutter hat 2,30 Euro Stundenlohn

Doch selbst unter Linken gibt es ebenso wie beim Thema Prostitution Leute, die die kommerzielle Benutzung von weiblichen Geschlechtsteilen für 'ne gute Sache halten, weil eine Frau auf trendigen Websites lachend zwischen einem glücklichen schwulen Pärchen sitzt, für das sie ein Kind gebären wird. Wow. Total liberal. Super-selbstbestimmter, freiheitlich-demokratischer Kinderhandel. Jetzt neu, auch in Israel: Dem Land, wo Singles und Homosexuelle ein Baby bei einer Leihmutter kaufen können, weil alle Menschen ein Recht darauf eingeräumt werden soll, dass Frauen ihnen Kinder zur Welt bringen, yay! Wie progressiv! Als ob Leihmutterschaft besser wird, weil endlich auch LGBTQ-Menschen Kinder kaufen können! Als hätte es irgendetwas Emanzipatives für Frauen, dass sich endlich auch ein schwules Pärchen seinen Kinderwunsch durch Gebärmutter-Miete erfüllen lassen darf. Als ob Homosexuelle und Hetero-Singles nicht genauso egoistisch wie Hetero-Pärchen sein könnten, die sich einbilden, dass es ihnen aus irgendeinem Grund zustehe, eigene, biologische Kinder zu haben – egal, um welchen Preis und auf wessen Kosten.

Nichts ist bejubelbar daran, wenn Frauen in der Ukraine, wenn's gut läuft, 15.000 Euro pro erfolgreicher Geburt bekommen und damit bei einem 274-Tage-Job von jeweils 24 Stunden einen lächerlichen Stundenlohn von 2,30 Euro haben, während die Leihmutterklinik fett absahnt mit der Ausbeutung der Frauen und Millionen scheffelt. On top kommen gesundheitliche Risiken, brutale Schmerzen und ein Kind, das irgendwann mal rausfindet, dass es von einer Frau geboren wurde, die es gar nicht haben wollte und es gegen Geld eingetauscht hat. Bestellen Leute ein Kind, es kommen aber Zwillinge raus, nimmt man eben nur eines. Kommt es mit Behinderung zur Welt, nimmt man es eben gar nicht. Sieht eine Leihmutter nicht gut genug aus in den Augen der Gebärmutter-MieterInnen, sucht man sich eben eine bessere im Katalog aus.

Das zementiert die Macht von Reichen über Arme

Alles für die persönliche Selbstverwirklichung von Menschen, die entweder nicht verstehen können, oder verstehen wollen, oder denen es komplett Banane ist, dass sie damit ein Wirtschaftssystem und Menschenbild reproduzieren, dass die Macht von Reichen über Arme ja fast schon naturrechtlich legitimiert und politisch wie hegemonial sichert. Denn wenn's erlaubt ist, ist es okay. Und weil der Markt regelt, können alle, die genügend Cash haben, ihre ganz persönliche Version von Freiheit in den Bäuchen von Frauen ausleben. Ohne jegliche Konsequenzen. Ohne sich an der Unfreiheit anderer mitschuldig zu machen. Weil ist ja vom Markt geregelt – auch wenn für diesen Freiheit nie die Freiheit aller ist.

Deshalb ist der geilste Der-Markt-regelt-Witz der hier: Was sind Leute, für die der Markt eben nicht regelt? Genau: sie sind selbst schuld, hahahahaha! Können sich in einer freien Welt ja wohl selbst frei entscheiden, ob sie Bock haben, neun Monate für andere Leute und 2,30 Euro Stundenlohn schwanger zu sein, hallo? Muss ja niemand Leihmutter werden. Muss ja niemand arm sein. Die Frauen können ja auch Kuchen essen, wenn sie kein Geld für Brot haben! Oder Nein sagen! Im besten Kapitalismus und Neoliberalismus aller Zeiten hat nämlich auch jede Frau die Freiheit, ihres eigenen Glückes Schmiedin zu sein. Und wenn sie sich nicht genügend angestrengt hat, um Chefärztin in der Leihmutter-Klinik zu werden, dann regelt der Markt sie eben dorthin, wo sie hingehört: ins Kindsbett.


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16 Kommentare verfügbar

  • Isabelle
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Mein Mann und ich haben sehr sehr lange probiert ein Kind zu bekommen…mehr als 6 Jahren, mehr als 4 Fehlgeburten, viel Trauer und Tränen!
    Wir haben versucht 3 Jahre zu adoptieren (bitte recherchieren sie mal wie Adoption in Deutschland/ Ausland läuft….es ist leider sehr ernüchternd: 1-2 Kinder…
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