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Zoff beim VfB

Präsident ohne Hausmacht

Zoff beim VfB: Präsident ohne Hausmacht
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Einmal mehr drohen interne Querelen den bescheidenen sportlichen Erfolg beim VfB Stuttgart zu gefährden. Präsident und Aufsichtsratschef Claus Vogt sollte entschieden durchgreifen.

Bereits vielmals hier und an anderer Stelle geschrieben stand die längst zur herrschenden Meinung beförderte Aussage, das ganze System Profifußball sei krank. Viel zu viel Kommerz, viel zu viel Kohle, viel zu sehr auf Kante genäht, viel zu wenig gesellschaftliches Engagement und Verantwortung, die doch so wichtig wäre, um die Menschen/Fans bei der Stange zu halten in Zeiten galoppierenden Irrsinns allerorten. Und als ob das alles mit dem Fußball im Allgemeinen und mit dem Leben unter Pandemiebedingungen im Besonderen nicht schlimm genug wäre, drängt sich einmal mehr der VfB Stuttgart auf, ins Zentrum dieser Kolumne zu rücken.

Denn auch bei Baden-Württembergs größtem Sportverein von 1893 e.V. zwickt und schmerzt es überall – und zwar leider nicht nur in den Körpern der Spieler des Fußball-Bundesligateams, von denen etliche sich langfristig mit Malaisen plagen, weswegen die verbliebenen, einsatzfähigen umso härter ums Überleben in der höchsten Spielklasse kämpfen und umso näher am Abgrund bzw. Abstieg entlangbalancieren. Wie wichtig wäre es da, dass alle Beteiligten in Verein und ausgegliederter Fußball-Aktiengesellschaft an einem Strang ziehen, sich gegenseitig unterstützen und eng zusammenarbeiten nach dem Motto "Gemeinsam sind wir stark". Und wie dumm ist es, dass augenscheinlich wieder mal das genaue Gegenteil passiert.

Wozu braucht es einen Sportvorstand?

Da ist nämlich nichts mit einem Strang. Da ist die AG mit CEO und Sportvorstand Thomas Hitzlsperger, der nach misslungenem Putschversuch seinen Abschied zum Vertragsende im Oktober 2022 bekanntgegeben hat und bis heute im Club eigentlich überhaupt nichts macht, außer seinem Aufsichtsratsvorsitzenden und Vereinspräsidenten Claus Vogt das Leben schwer. Vogt wiederum hat enorme Energie aufgewendet, um sich nicht von Hitzlspergers Hintenrum-Attacke zerstören zu lassen. Er hat darüber hinaus die Affäre um den Missbrauch von Mitgliederdaten federführend aufklären lassen und seither eher wenig spürbare Aktivitäten an den Tag gelegt. Eine Hausmacht als Gegengewicht zu Hitzlspergers vielköpfiger AG-Truppe hat er immer noch nicht aufgebaut. Intern steht der Präsident also auch zum Jahresende 2021 da wie Königin Elisabeth in Schillers Maria Stuart: wie "ein wehrlos Weib mit hohen Tugenden". Leider nützen ihm seine Tugenden nichts, wenn er sie nicht endlich mal wieder zeigt.

Zeigen könnte er sie zum Beispiel, indem er Thomas Hitzlsperger umgehend vor die Tür setzen lässt. Er macht ja ohnehin nix, der Hitz. Investorensuche? Neubesetzung des Sportvorstandes? Sonst irgendwas? Also, im Aufsichtsrat ein Machtwort sprechen, den Hitz zum nächst möglichen Zeitpunkt freistellen. Finanzvorstand Ignatzi interim den CEO machen lassen. Warum ist dieser Mann nicht längst jeden Tag von 7:30 bis 22:30 vor Ort und lernt auch den letzten Winkel auswendig?

Parallel sollte Vogt Sportdirektor Sven Mislintat den Posten des Sportvorstandes anbieten. Lieber Sven, du bist unsere Lebensversicherung. Wir lieben deinen Plan namens "jung und wild". Wir sind fest entschlossen, diesen Plan durchzuziehen. Mit dir durchzuziehen. Und deshalb bieten wir dir nicht nur ein Geld, sondern gleich fünf Geld dafür, dass du auch weiterhin den sportlichen Bereich machst. Verantwortlich machst. Und wenn du kein Vorstand sein willst, dann bleib halt Sportdirektor. Wozu brauchen wir überhaupt einen Sportvorstand über dem Sportdirektor? Braucht (außer vielleicht Aufsichtsrat Rainer Adrion, der angeblich zu wenig Eigengewächse im Profikader beklagt und einen alten Kumpel aus DFB-Zeiten als Sportvorstand installieren will) kein Mensch, kostet nur Geld und macht Kompetenzgerangel. Das sollte er sagen, der Präsident. So laut, dass es alle hören.

Weiterhin sollte er voller Tatendrang dafür sorgen, dass aus Köln Alexander Wehrle als neuer Vorstandsvorsitzender zum VfB kommt. Zurückkommt, denn der Alex war ja schon mal da. Dass er als Freund des Ehrenpräsidenten Erwin Staudt gilt, sollte kein Hinderungsgrund sein. In der Branche ist er höchst angesehen – und leise, leise flüstert es aus mancher Ecke, dass auch Sven Mislintat den Alex Wehrle durchaus schätzt und ihn als Vorgesetzten akzeptieren würde.

VfB unterstützen? Der Daimler-Boss baut lieber Autos

Zwei starke Aktionen – und es wäre Ruhe im Karton. Ruhe, die dringend nötig ist. Um sportlich zu überleben. Und um finanziell zu überleben. Neue Investoren müssen gefunden werden, eigentlich die Aufgabe eines CEO Hitzlsperger, in der Öffentlichkeit aber immer wieder dem Präsidenten Vogt ans Bein gebunden. Wer sollte auch Investor werden wollen beim VfB, wo niemand weiß, wer auf Hitzlsperger folgt. Wo auch niemand weiß, ob Mislintat noch lange bleibt. Und wenn die beiden weg sind, dann hat der VfB noch weniger Sportkompetenz und Branchenkontakte als zu Zeiten des unseligen Robin Dutt. Zeiten, die man eigentlich längst überwunden zu haben glaubte, die aber leider aktueller sind, als man denkt. Von den derzeitigen Vakanzen in Leipzig, wo sie nicht nur einen Sportdirektor, sondern auch einen Trainer suchen, wollen wir hier gar nicht erst anfangen.

Neben dem Verkauf weiterer Anteile an einen neuen, zweiten Investor muss möglicherweise auch der erste Investor bald verabschiedet werden. Oder hat der Daimler mit Peter Schymon einen Fußsoldaten der dritten Reihe als neuen Vertreter in den VfB-Aufsichtsrat entsandt, weil ihm die Beteiligung am Club so arg am Herzen liegt? Dass Boss Ola Källenius lieber Autos bauen mag als Fußballclubs finanziell zu unterstützen, das ist längst kein Geheimnis mehr. Dass er beim VfB aber lieber gestern als morgen raus will, der Stern auch vom Trikot verschwinden soll, das ist bislang nur ein unbestätigtes Gerücht. Das freilich glaubwürdiger widerlegt worden wäre, wenn ein Daimler-Mensch der allerersten Reihe als Nachfolger von Vorstand Wilfried "Palpatine" Porth entsandt worden wäre.

Genug zu tun also für einen Präsidenten und Aufsichtsratschef Vogt beim VfB. Und das mit der Hausmacht sollte er daneben auch nicht länger schleifen lassen. Was Grund zur Hoffnung gibt: Die Personalien Mislintat und Wehrle zu klären, ist beileibe kein Ding der Unmöglichkeit, weil beide das ja angeblich auch wollen und die internen Widerstände nicht unausräumbar sind. Schlimm wäre es, wenn es anders wäre.


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3 Kommentare verfügbar

  • Thomas Obermüller
    am 22.12.2021
    Antworten
    Hallo Herr Prechtl,
    "Er macht ja ohnehin nix, der Hitz. Investorensuche? Neubesetzung des Sportvorstandes?"
    Vielleicht tut sich da nichts, weil die Chefs beim VfB genauso wenig wissen, wer eigentlich für was zuständig ist, wie ich. Meiner Ansicht nach geht es bei der Investorensuche darum, Anteile…
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