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2G oder 3G

Vertrauensfrage

2G oder 3G: Vertrauensfrage
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Nur geimpft oder genesen ins Stadion? Zu dieser Frage wird hierzulande gewohnt unangenehm miteinander umgegangen. Pickelhaubig, findet unser Autor.

Wie immer regen sich viel zu viele wieder viel zu arg auf. Als ginge es nicht um den Besuch eines Fußballspiels in einem Fußballstadion, also riesengroße Betonschüssel, oben offen, mit echter Luft drin – gehen Sie mal ins Weserstadion oder auch auf Sinsheims Höhen in diese Pre Zero Arena, da hackt es aber durchaus ordentlich, ich kann Ihnen sagen –, sondern als ginge es um den Besuch eines Disco-Darkrooms, in dem zu wummernden Bässen schwitzende Leiber sich lüstern reiben und wie einst der großartige Freddie Mercury hasenzähnig aneinander herumknabbern. Oder um die Umkleidekabine einer täglich trainierenden Profifußballmannschaft wie zum Beispiel der des VfB Stuttgart.

Aber natürlich gehen Sie nicht auf Sinsheims Höhen, schon klar, unter keinen Umständen, denn das ist ja das Team vom Dietmar Hopp, der uns als allererster den geilen Impfsaft angekündigt und dann doch nicht geliefert hat. Und der seine Milliarden statt in die Rettung der Menschheit jetzt in den Aufbau von Farmteams in Brasilien und Portugal investiert, was erlaube diese Hopp?! Da geht in der allgemeinen Aufgescheuchtheit glatt unter, dass der Dietmar doch mit seiner Kohle machen kann, was er will. Und wenn er irgendwo Akademien und Kaderschmieden aufbauen will, aus denen irgendwann neue Superbrasilianer für seine TSG Hoffenheim hervorgehen, dann darf er das doch bitteschön machen. Auch wenn die anderen ihm das neiden, weil sie selbst natürlich auch gerne Kaderschmieden hätten. Wenn aber nun einer käme und ihnen eine solche Kaderschmiede hinstellen und finanzieren täte – als ob sie das dann ablehnen würden! Als ob nicht jeder Verein in jeder Sportart seine eigene Oma spenden würde, um einen märchenhaft reichen Sponsor oder Mäzen zu bekommen. Ob das dann unfair ist gegenüber denen, die einen solchen Mäzen nicht haben? Natürlich ist es das! Aber der SC Freiburg hat auch keinen Mäzen namens Kühne und der FSV Mainz 05 hat auch keinen Investor namens Gazprom, und trotzdem spielen Freiburg und Mainz in der ersten Liga, und der Hamburger SV und Schalke 04 quälen sich bzw. dilettieren in der zweiten herum.

Solange es also rechtlich sauber zugeht mit den Kaderschmieden und Akademien und solange das Ganze nicht nur als Konstrukt zur weiteren Taschenfüllung der einschlägigen Beraternasen fungiert, sollten wir uns doch alle ein wenig abregen und lieber schauen, dass wir im deutschen Fußball die 50-plus-1-Regelung beibehalten und uns weniger auf möglichst starkes Wachstum, sondern vielmehr auf möglichst spannenden Wettbewerb konzentrieren. Übrigens ist das kein Widerspruch, einerseits Dietmar Hopp brasilianische Akademien finanzieren zu lassen und sich andererseits weiter 50 plus 1 und spannenden Wettbewerb hierzulande zu wünschen. Weil das Rad zurückdrehen – Leipzig, Hoffenheim, Wolfsburg und Leverkusen verbieten, der Hälfte aller misswirtschaftenden Clubs wie Schalke und dem HSV die Lizenz entziehen –, das wird nicht passieren. Aber den aktuellen Status beibehalten, das Rattenrennen der Scheichs und Oligarchen und Staatsfonds hier nicht mitmachen, das ist allemal möglich. Auch wenn einer irgendwo eine Akademie hinstellt.

Das geht auf keine Pferdehaut

Vor lauter Aufregung bin ich jetzt vom eigentlichen Thema abgekommen, was ja auch kein Wunder ist, wenn man liest, dass sogar der Tierschutzbund die weinende Fünfkämpferin Annika Schleu und ihre Trainerin verklagt, praktisch Strafanzeige, weil die das bockige Pferd bei Olympia gehauen haben. Nix dagegen, diesen Fünfkampf-Wettbewerb komplett zu verbieten, wo irgendwelche wildfremden Gäule den Athletinnen und Athleten hingestellt werden. Aber dass die paar Klapse Tierquälerei gewesen sein sollen, das kann doch niemand ernst meinen. Das Pferd hat die nicht mal gespürt, jede Wette. Auch hier eine Aufgeregtheit, dass es nur so eine Art ist, meine Güte. Wer dem Tier gerecht sein will, der schickt es gar nicht in einen solchen Wettbewerb, vor allem nicht ohne feste Bezugsperson. Denn in einer vertrauensvollen Beziehung zwischen Ross und Reiter kommt es gar nicht zu derartigen Situationen.

Vertrauen fehlt ja nicht nur beim olympischen Fünfkampf in Japan. Vertrauen fehlt auch hierzulande – und zwar nicht zu knapp. Wenn wir nämlich unseren Regierenden und den von ihnen zugezogenen Experten ein wenig mehr Vertrauen entgegenbringen könnten, dann hätten wir eine noch höhere Impfquote und müssten uns nicht schon wieder Gezeter anhören darüber, ob wir mancherorts nur noch geimpft oder genesen ins Stadion dürfen oder andererorts auch ungeimpft aber getestet. Dann könnten wir, wie es zum Beispiel die Dänen jetzt zuerst gemacht haben, wieder rumlaufen wie vor der Pandemie und uns dabei sogar ein bisschen entspannen. Die Kollegen der hervorragenden Schweizer Zeitung "Republik" haben dazu schon vergangene Woche einen sehr lesenswerten Artikel veröffentlicht, in dem steht, dass keineswegs alles ein Selbstläufer war bei den Dänen, dass die das aber trotzdem irgendwie hinbekommen haben, während bei uns Zank und Streit herrscht, man sich gegenseitig anpinkelt, weil die Leute aus der anderen Partei eben immer anzupinkeln sind, auch wenn sie mal richtig liegen. Und jetzt tun wir eben so, als müssten alle sterben, wenn außer etlichen Kindern auch ein paar erwachsene Menschen ohne Nachweis einer Corona-Impfung unter Vorlage eines tagesaktuellen, negativen Schnelltests ins Stadion dürfen, also draußen sind. Sie erinnern sich: nix Freddie Mercury, nix Umkleidekabine. Und, liebe Stuttgarters, auch nix Schleyerhalle, wo kurioserweise am 16. Oktober Tausende geimpfte, getestete oder genesene Menschen zu einer sogenannten Schlagerparade gehen, während eine Woche später nur Geimpfte und Genesene zum VfB ins Neckarstadion dürfen, obwohl bereits eine Woche vorher beim Spiel des VfB in Mönchengladbach bis zu 46.000 Menschen wiederum mit der 3G-Regel ins Stadion gehen.

Als geimpfter Mensch habe ich laut Wissenschaft mein eigenes Risiko, schwer zu erkranken, auf ein Minimum reduziert und werde daher eher an einer Grippe oder einer Krebserkrankung oder an einem herabfallenden Ziegelstein sterben als an COVID. Warum also muss ich da andere Leute anherrschen, die sich nicht impfen lassen wollen und daher, laut Wissenschaft, ein deutlich höheres Risiko eingehen, auf den Bauch gedreht zu werden? Warum muss ich denen mit Zwangsmaßnahmen drohen und Verbote fordern? Was macht es für mich für einen Unterschied, wenn diese paar Leute sich tagesaktuell schnelltesten lassen, diese Tests womöglich auch noch selbst bezahlen müssen, um ins Stadion zu dürfen? Sind ohnehin auch etliche Kinder da, zumeist ohne Impfung. Wenn ich unbedingt schwitzende Leiber abschlecken will, dann kann ich mir ja einen 2G-Darkroom suchen, auch so etwas gibt es sicherlich irgendwo. Aber nochmal – ein Stadion ist kein Darkroom. Und als Geimpfter habe ich doch generell nicht das Recht, anderen zu befehlen, was sie zu tun haben. Auch wenn, natürlich, eine möglichst hohe Impfquote erstrebenswert ist, weil ich an die Wissenschaft glaube. Eine Impfquote, die deutlich höher wäre, wenn es den verantwortlichen Leuten weniger um die persönliche Bereicherung mit Maskendeals und das kategorische Schlechtmachen des politischen Gegners ginge, Stichwort Vertrauen. Eine Impfquote, die nach den jüngsten Einlassungen des RKI womöglich ja doch schon fast so hoch ist, wie es uns die Politik immer als erstrebenswertes Ziel für die Beendigung sämtlicher Maßnahmen genannt hat.

Soll also bitteschön jedes für sich entscheiden dürfen, ob es sich impfen lässt oder lieber jeden Tag für dieses und jenes einen Schnelltest macht und auch noch dafür bezahlen muss, und wenn es auch das nicht mag, dann eben daheimbleibt. Dieses den gar nicht mehr so vielen und in Teilen ohnehin unbelehrbaren Ungeimpften Befehle erteilen wollen, dieses Rufen nach Zwangsmaßnahmen, dieses überall und sogar in Freibädern immer noch allgegenwärtige Aufzeichnen vorgegebener Laufwege, dieses Petzen und mit dem Finger auf andere zeigen und seine eingebildete kleine Macht anderen gegenüber ausleben wollen, das ist jedenfalls sehr unangenehm und pickelhaubig. Wir sind doch hier nicht in einem Zombiefilm mit Jan-Josef Liefers.


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5 Kommentare verfügbar

  • Michael Haas
    vor 1 Woche
    Antworten
    Entscheidend für mich, was diesen Beitrag betrifft, ist weniger Christian Prechtls Phantasie zu Erlebnisstätten fragwürdiger Intimität (hier verliert sich der Autor ein wenig in freier Assoziation ;-) als vielmehr der Hinweis darauf, dass es doch etwas beschämend ist, heute, in einer Zeit…
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