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Donaueschinger Musiktage

Hoch die Säue!

Donaueschinger Musiktage: Hoch die Säue!
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Die Donaueschinger Musiktage sind 100 Jahre alt und das älteste Festival Neuer Musik. Als schwer zugänglich, kratzbürstig gilt die Neue Musik, jedenfalls ernst. Paul Hindemith, der das Festival in den Anfangszeiten wie kein anderer geprägt hat, war durchaus zu Späßen aufgelegt.

Der zehnjährige Mozart war hier gewesen und hatte Cellostücke für Fürst Joseph Wilhelm Ernst geschrieben. Danach arbeiteten Franz Liszt, Robert und Clara Schumann hier. Der abgelegene Hof der Fürsten zu Fürstenberg in Donaueschingen hat als Zentrum erstklassiger Musik eine lange Tradition.

Die Donaueschinger Musiktage gelten als ältestes und wichtigstes Festival Neuer Musik. Neu: das heißt neue Werke lebender Komponisten. Ausnahme dieses Jahr: das 1921 uraufgeführte Streichquartett Nr. 3 von Paul Hindemith. In der NS-Zeit war die moderne Musik verfemt. Daher galt der Neustart nach dem Krieg unter der Regie des Südwestfunks (heute SWR) als Zeichen der Rückkehr Deutschlands unter die Kulturnationen.

Immer wieder neu

Neu meint aber nicht nur neu entstanden, sondern auch neuartig. Neue Musik klingt oft ungewohnt. Deshalb ist die heutige neue Musik aber auch nicht die von vor zehn, zwanzig oder gar 100 Jahren. 1967 war Jazz neu in Donaueschingen. Heute, 2021, sind es KomponistInnen aus der Andenregion oder aus Bahrain, Thailand, China und der Türkei, wie sie das Ensemble Omnibus aus Taschkent am 16. Oktober aufführt.

Heinrich Burkard hat dort 1913 "Die Gesellschaft der Musikfreunde" gegründet, die 1921 die "Kammermusik-Aufführungen zur Förderung zeitgenössischer Tonkunst" ins Leben riefen, wie das Festival damals hieß. Zu den noch relativ unbekannten, umstrittenen Komponisten, die beim ersten Mal vorgestellt wurden, gehörte der 25-jährige Paul Hindemith. Ein Hochbegabter, der vom dreizehnten Lebensjahr an Musik studiert hat. Sein drittes Streichquartett trug maßgeblich zum Erfolg des Festivals bei. Doch zunächst gab es ein Problem: Das Quartett, das die Komposition vortragen sollte, kam nicht damit zurecht. Aber Burkard wusste sich zu helfen.

"Ich erhielt kurz vor den Ferien ein Telegramm aus Donaueschingen von einem mir völlig unbekannten Musikdirektor Heinrich Burkard", zitiert die Hindemith-Stiftung auf ihrer Homepage den damaligen Violinist Licco Amar. "Dieser schlug mir vor, gemeinsam mit einem anderen Geiger an dem bevorstehenden Musikfest in Donaueschingen, dem ersten dieser Art, teilzunehmen und ein Quartett eines mir gleichfalls völlig unbekannten Komponisten namens Paul Hindemith zu spielen. Ich nahm natürlich die Einladung mit Vergnügen an."

Donnernder Erfolg

Von "zwei schmächtigen, eigentlich kindlich aussehenden jungen Leuten" wurde Amar am Donaueschinger Bahnhof abgeholt, die ihm sofort seinen schweren Koffer abnahmen: Paul Hindemith, der Bratsche spielte, und sein Bruder Rudolf, Cellist. "In acht Tagen", so Amar weiter, "haben wir dann dieses Quartett hübsch einstudiert, wobei sich die beiden Brüder Hindemith als ganz ungewöhnliche Quartettpartner erwiesen. Die Aufführung wurde – kurz gesagt – ein donnernder Erfolg."

"Hier ist Neuland oder es bereitet sich doch vor", diagnostiziert der Musikwissenschaftler Willibald Nagel in der "Neuen Musik-Zeitung". "Wer möchte dem rücksichtslosen Querkopf Hindemith, wie er sich vor allem im ersten Satze zeigt, die ganz wundervolle und eigenartige Kantilene des langsamen Satzes zutrauen …". Trotz kleinerer Einwände gelangt der Kritiker am Ende zu dem Ergebnis: "Über Hindemith in Zukunft hinwegzusehen, geht nicht an."

Über Hindemiths Kurz-Opern "Mörder, Hoffnung der Frauen" und "Das Nusch-Nuschi", uraufgeführt am 4. Juni 1921 im Württembergischen Landestheater in Stuttgart, hatte Nagel kurz zuvor noch ganz anders geurteilt. Er erkennt zwar Hindemiths Begabung an. Doch am Ende bleibt er dabei: Dirigent Fritz Busch leitet "das ausgezeichnete Orchester mit der an ihm gewohnten Energie und Klarheit des Gestaltens. Ich wünschte, dass er seine Kräfte anderen Werken widmete."

Insbesondere "Das Nusch-Nuschi" löste bei der Kritik einen wahren Shitstorm aus. Das "Spiel mit burmanischen Marionetten" beginnt damit, dass ein Diener eine der vier Frauen des Kaisers zu seinem Herrn bringen soll, der ihr vom Fenster aus schöne Augen gemacht hat. Sie kommen gleich alle vier. Der Diener wittert Ungemach und dient sich dem betrunkenen General Kyce Waing an, der auf dem Heimweg vom Nusch-Nuschi, "das ist ein Tier, halb große Ratte, halb Kaiman", angefallen wird. Als der Kaiser von der Untreue seiner Gemahlinnen erfährt, wird der Diener verhört. Er gibt an, in Diensten des Generals zu stehen. Das Urteil der kaiserlichen Majestät: "Das Übliche." Der General soll entmannt werden. Doch der Henker stellt fest: "Es war nicht mehr nötig."

Wagners Entweihung

Ein General, der als "Besiegter in zahllosen Schlachten" vorgestellt wird: Das weckte damals, 1921, durchaus Assoziationen an die jüngste Geschichte, also den deutschen Generalstab im Ersten Weltkrieg, an Hindenburg und Ludendorff. Das war es aber nicht, was die Kritiker monierten. Was sie erzürnte, war, dass Hindemith zur Kastrationsszene aus Richard Wagners "Tristan und Isolde" zitiert.

"Die Aufführung bedeutete eine Entweihung unserer Kunststätte", tobt ein Musikkritiker in der "Münchner Abendzeitung", fast schon die Tiraden der Nazis vorwegnehmend. "Der Inhalt ist von nicht mehr zu beschreibender Gemeinheit. Alles, was uns heilig ist, wird hier von nicht deutschem Geist in den Schlamm gezogen. Wie lange werden wir Deutsche uns Derartiges noch gefallen lassen?"

Genau das war es, was Hindemith beabsichtigt hatte: den Wagner-Kult und den Musikbetrieb zu verspotten. Einmal schrieb er durchaus unpassend eine Choralfuge, die einen derben Tanz unterlegte – "Sie bezweckt weiter nichts als dies: sich stilvoll in den Rahmen dieses Bildes zu fügen und allen 'Sachverständigen' Gelegenheit zu geben, über die ungeheure Geschmacklosigkeit ihres Schöpfers zu bellen. Halleluja!"

Der Stuttgarter Maler und Bildhauer Oskar Schlemmer, der Kostüme und Bühnenbild entwarf und die Tänze einstudierte, tat sich schwer: "Blöder Text – komisch, erotisch, indisch", merkt er an. "Ich sollte über das Ganze in freudiger Stimmung sein, bin es aber keineswegs." Weil er zu Jahresbeginn ans Bauhaus berufen worden war und nicht fertig wurde, musste die Uraufführung verschoben werden. Nach der Premiere notiert er jedoch: "Die Aufführung war ein Erfolg: Ich hörte, hinter der Bühne, meinen Namen rufen, immer stärker, und wurde auf die Bühne gezerrt, vor 1.400 Menschen."

Nach den Konzerten war für Hindemith noch nicht Feierabend. Zu einem anschließenden Ballabend im Stuttgarter Kunstgebäude schreibt der Schriftsteller Eduard Reinacher: "In einem der Säle machten wir drei die Kapelle: Paul am Klavier, Oskar mit den Schüreisen, ich mit zwei Flaschen. Paul gab die Hauptrolle, er spielte den rasenden Primitiven aus Jamaica, der aus dem kräftig gebauten Instrument die Musik mit Fingern, Fäusten und Füßen herausholte, den Rhythmus durch häufiges und kräftiges Zuschlagen des Deckels markierend. (...) Dass es anstrengend gewesen war, merkten wir in der Morgenfrühe, als wir den Heimweg bewältigten."

Donaueschingen bedeutet den Durchbruch

Auch in Donaueschingen ging es nach dem offiziellen Programm noch weiter. "Mit den abendlichen Veranstaltungen der Musikfeste pflegte nie der Tag zu enden", erinnert sich die Musikwissenschaftlerin Else Thalheimer-Lewertoff. "Es gab unentwegt Nachfeiern, geplante und improvisierte, und die Kurzweil dauerte stets eine lange Weil, meistens die ganze Nacht hindurch." Gern setzte sich Hindemith ans Klavier. Er spielte "Opernmelodien, Volkslieder, Märsche, symphonisches Material, kurz: jede Art von Musik, wie sie ihm in den Sinn kam, uneingeschränkt durch Kategorien wie 'Klassisch' oder 'Populär'."

Donaueschingen bedeutete für Hindemith den Durchbruch. Er wurde zu einem der gefragtesten Komponisten der Weimarer Republik. Die Kammermusik-Tage stellten regelmäßig seine Werke vor. 1923 wurde er in den Programmausschuss berufen und setzte sich dafür ein, dass auch Arnold Schönberg und Anton Webern, die späteren Heroen der ernsten, atonalen Neuen Musik der Nachkriegszeit, gespielt wurden.

Doch Hindemith war auch für Späße zu haben. 1923 schrieb er für das Amar-Quartett die Suite "Minimax. Repertorium für Militärorchester für Streichquartett". Namensgeber ist Fürst Max Egon, der auf einem Foto im Donaueschinger Schlosspark das Quartett dirigiert, ein Malerhütchen aus Zeitungspapier auf dem Kopf. Gnadenlos karikiert Hindemith die Marschmusik der Kurkapellen und öffentlichen Plätze. Schmissig steigert sich die Kapelle in den zackigen Rhythmus, dann fehlt irgendwo ein Achtel und am Ende hält keiner mehr den Takt und alle liegen einen Halbton daneben.

Mit Hitlers Machtergreifung 1933 war der Spaß vorbei. An die Stelle der Kammermusik-Tage traten die systemkonformen Donaueschinger Musikfeiern. Die Musikwissenschaftlerin Thalheimer-Lewertoff und Dirigent Fritz Busch emigrierten. Hindemith ging ein paar Jahre in die USA. In der Nachkriegszeit dirigierte er seine Werke in der Stuttgarter Villa Berg, aber bei den nun ganz humorfreien Donaueschinger Musiktagen spielte er keine Rolle mehr.

Von den Opern-Einaktern hat er sich später distanziert, aber in einem scharfzüngigen Artikel auch die Kritiker verspottet: "Ich bekomme keine 'gute' Kritik mehr – o Gott!" In den Klavierauszug der Sängerin Erna Ellmenreich, die bei der Premiere die vierte Gattin des Kaisers gegeben hatte, schrieb er: "Hoch Stuttgart! Hoch die Musik-Kritik! Hoch die Säue!"


Info:

Die Donaueschinger Musiktage 2021 finden vom 14. bis 17. Oktober statt. Programm hier, Karten hier. Einige Konzerte werden auf SWR2 Klassik im Rundfunk übertragen, und das gesamte Programm gibt es dort im Livestream.


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