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Bundestagswahl und Medien

Liebesbrief ans Patriarchat

Bundestagswahl und Medien: Liebesbrief ans Patriarchat
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Kurz vor der Bundestagswahl läuft der Kampf um den Thron von Germany's next Kanzlerin auf Hochtouren und zeigt auch durch antifeministische Berichterstattungen von weiblichen Schreiberlingen, dass Politik immer noch Männersache ist.

Wahlkampf ist Krieg. Und im Krieg und in der Liebe sollen bekanntlich alle Mittel recht sein – das soll Napoleon Bonaparte mal gesagt haben. Oder halt doch wieder irgendein schlauer römischer Redenschreiber. Vor der Bundestagswahl spitzt sich die Parteienschlacht um die Gunst der Nation zu und auch die medialen Berichterstattungen über Germany's next Kanzlerin überschlagen sich mit Meinungen, Prognosen und Analysen. Konservative und Rechte propagieren einen erbitterten Kampf gegen den vermeintlichen #Linksruck im Land und schüren paranoid-konfuse Ängste vor einer rot-rot-grünen Regierung, die das Deutsche Volk unter Mao Tse Olaf und Annalena Stalin im Kommunismus unterjochen will. Der absurde Abwehrkampf gegen "den Kommunismus" – also gegen alles, was nicht konservativ ist –, der schon in der Adenauer-Ära der frühen Bundesrepublik das gesellschaftliche Klima vergiftete, läuft jetzt in einer historischen und vielschichtigen Polykrise aus Corona, Gendertrouble, Feminismus, Identitätspolitik, Klimaveränderung, Migration und vielen anderen Triggerthemen wieder auf Hochtouren.

Denn am Ende kann man sich am Stammtisch zwar drüber streiten, ob man lieber konservativen Kapitalismus oder Kapitalismus auf dem Fahrrad hätte, aber [bei der Aussprache des folgenden Wortes bitte die Augen leicht zukneifen und die Stimme heiser werden lassen] "LINKS"? Nää. DAS geht natürlich gar nicht. Das weiß auch Markus Söder, der die historische Angst vor dem Untergang des Abendlandes durch einen "Linksruck" schon einmal propagandistisch nutzte, als der CSU-Vorsitzende nach den Stürmungen von Reichstag und US-Kapitol auf allen Kanälen seine Angst vor einer "Corona-RAF" kundtat, die die Demokratie in Deutschland destabilisieren könnte. Dass es hauptsächlich Konservative und Rechtsradikale waren, die in Washington wie auch in Berlin gewalttätig wurden: Egal. Hauptsache rechtsversiffte Gewalt mit der traditionellen Panikmache vor Links gedeckelt. Ein alter Konserventrick, der immer noch zieht. Und Konservatismus war schon immer auch Antifeminismus.

Toll für die Jungs: "Pick-Me-Girls"

Deshalb stand zu Beginn des Wahlkampfes natürlich sofort die grüne Spitzenkandidatin Annalena Baerbock im Fadenkreuz der Gulaschkanonen: Zu jung, zu unerfahren, zu frauenhaft fraulich im Gegensatz zur eher androgynen Mutti Merkel. Und obwohl sie nicht mehr Dreck am Stecken hatte als andere Politiker und ihr christlich-konservativer Konkurrent Armin Laschet, der beim Buchschreiben etwa auch geschummelt und plagiiert haben soll, stand die junge Mutter von Anfang an als nationales Excitement wie ein unbekannter Käfer unter der Mikroskoplinse eines männlich geprägten Tribunals. Selbst Feministinnen mischten mit beim kollektiven Baerbock-Bashing in den Medien, ohne zu realisieren, dass sie die Spielregeln des patriarchalen Politzirkus vollkommen internalisiert haben und systemtragend stabilisierten. Mir ist original keine Baerbock-Kritik einer Frau untergekommen, die nicht bewusst oder unbewusst antifeministische Argumentations- und Denkmuster reproduzierte – und sich damit zum sogenannten "Pick-Me-Girl" androzentristischer Denkweisen machten.

Also zu einem Girl, das sich bewusst "nicht wie die anderen Mädchen" verhält, um in der Abgrenzung und Abwertung von anderen, "normalen Mädchen" als "eine von den Coolen" von den Jungs bewundert oder als ebenbürtig erachtet zu werden. Der dahinter verborgene, auch vom Girl selbst internalisierte, gesellschaftliche Habitus: Mädchen – oder das, was gemeinhin als "weiblich" codiert ist – sind zickig, zu offenherzig, zu verschlossen, zu naiv, zu viel dies, zu wenig das. Der Lerneffekt für das Girl: Respekt von Jungs ist irgendwie mehr wert als Respekt von Mädchen. Also adaptiere ich einfach männliches Verhalten und spiele nach den Regeln der Jungs, statt frauenfeindliche Denke auch als Affront gegen mich selbst zu erkennen und an den Jungs zu kritisieren. Man will ja schließlich keine Zicke, keine von "den anderen" sein. Der perfekte Mechanismus, um Frauenbünde zu verhindern und eine männliche Dominanzkultur durch weibliche Unterstützung zu erhalten.

Wenn das Girl dann mal zur Frau wird und die transgenerative, gesellschaftliche Abwertung alles "Weiblichen" habituell verinnerlicht hat oder gar bewusst als Machtinstrument einsetzt, kommt sowas wie Angela Merkel dabei raus: Eine Frau, die realisiert hat, dass alles, was außerhalb von Politik und Wirtschaft als wünschenswert an einer Frau erachtet wird, innerhalb dieses Systems nicht zu machtvollen Spitzenpositionen führt und abgelegt werden muss. Eine Pick-Me-Woman erlangt unter gewissen Umständen zwar auch politische Macht. Feministisch ist sie nicht. Dass Annalena Baerbock von Anfang an gerade auch von Frauen so heftig beharkt wurde, kann auch auf die Tatsache zurückgeführt werden, dass Pick-Me-Girls traditionell ihre Weiblichkeit für Macht eintauschen müssen, während Baerbock sich anmaßte, beides haben zu wollen: Macht bei gleichzeitiger Beibehaltung von weiblich codiertem Verhalten und Aussehen.

Krause-Burger und die alten Männer

Und obwohl die Gulaschkanonen nach Wochen irgendwann auch mal auf Armin Laschet (#Zaubertroll, hihi) und Olaf Scholz gerichtet wurden (#Linksrutsch, kreisch!) und die Fixierung auf Baerbock lockerer wurde, kann man das Pick-Me-Prinzip weiterhin beobachten, selbst wenn sich die Frauen nicht mehr auf Baerbock allein eingeschossen, sondern den ganzen politischen Affenzirkus im Fokus haben: In der Kolumne "Warum die Kandidaten so farblos sind" der "Stuttgarter Zeitung" holt Sibylle Krause-Burger etwa zum Rundumschlag gegen alle drei potenziellen Germany's next Kanzerlinnen aus, die im Gegensatz zu den altehrwürdigen Altpolitikern (Maskulinum!) der vergangenen Jahrzehnte ja gar kein "politisches Schicksal erlitten" und darüber hinaus eh "wenig erlebt" hätten.

Was waren das noch für starke Kerle in Krause-Burgers Altherrenwelt! "Früher traten große Persönlichkeiten auf; früher, ja, da hatte die Politik noch Farbe, da hatte sie starke Worte, da gab es spannende Wahlkämpfe, da musste man sich entscheiden zwischen 'Freiheit oder Sozialismus'". Alle wurden sie entweder durch Nazis verfolgt, waren selbst mal Nazis oder wurden in der Diktatur der DDR geknechtet. Ja, DIE hatten noch was zu erzählen, die Stalingrad-Opas. Und auch Altnazi Kurt Georg Kiesinger, "unser hauseigenes Schwabengewächs, glänzte mit große Reden". Ganz wie der tolle Joschka Fischer, das "grüne Schwergewicht"– da kann eine Baerbock ja nur abstinken. Heute gibt es für Krause-Burger nur noch Lappen, wohin man im Bundestag auch schaut.

Die Anbiederung an die männliche Herrschaft der vergangenen Jahrzehnte ist ein Paradebeispiel affirmativer Pick-Me-Women, die mächtigen Männern die Stange halten und damit hegemoniale Männlichkeit strukturell stabilisieren. Keine einzige Frau wird in Krause-Burgers Liebesbrief ans Patriarchat positiv erwähnt.

So, als wäre Vergewaltigung in der Ehe von selbst irgendwann strafbar gewesen. So, als hätte sich das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch von selbst irgendwann mal von Zauberhand in Gesetzestexte geschrieben. So als hätte es die Politikerinnen der Bonner Republik in den Siebziger- und Achtzigerjahren niemals gegeben: Die Elisabeth Schwarzhaupts (CDU), die Herta Däubler-Gmelins (SPD), die Ingrid Matthäus-Maiers (FDP) und Ursula Männles (CSU) dank deren Vorarbeit sich folgende Generationen von Frauen parteiübergreifend ihren Platz in der Politik erkämpften. Als hätte es nie ein "Feminat" gegeben, mit dem die Grünen 1983 mit 5,6 Prozent und Frauen an der Spitze in den Bundestag einzogen. Als hätten sie sich nicht von männlichen Bundestagsabgeordneten auslachen und als Hexen beleidigen lassen müssen. Als wären sie nicht sogar von Feministinnen beharkt worden, die den Parlaments-Pionierinnen vorwarfen, nicht feministisch genug zu sein.

Doch all das ist für Frauen wie Krause-Burger nicht so spektakulär wie alte Männer, die anderen alten Männer alte Männersachen erzählt haben, um Deutschland als Männerland für die nächsten Männer zu konservieren. Klar, dass die Kolumnistin, als Stangenhalterin männlicher Herrschaft, natürlich auch ein Problem mit den ganzen Wohlstands-Emanzen hat, von denen sich die Gesellschaft "das sprachzerstörende Gendern überstülpen lässt". Überall herrsche nur noch Gleichmacherei. Alles sei trist und farblos. Nehme man die Zukunft ins Visier, "sieht es nicht besonders erfreulich aus", konstatiert Krause-Burger.

Ja, das stimmt schon. Wenn man eine Frau ist, die alten Typen in einer Welt hinterher trauert, die schon in den Achtzigern von Gestern waren. Früher war tatsächlich mehr Lametta. Aber nur, weil die Frauen da noch nicht damit beschäftigt waren, Kanzlerinnen zu werden.


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2 Kommentare verfügbar

  • annonym
    vor 5 Tagen
    Antworten
    Ich tue mich schwer mit dem Artikel, weil ich finde das er relevantes anspricht, aber gleichzeitig auch relevantes auslässt. Vielleicht gibt es feminine Frauen, die sich manchmal oder dauerhaft verstellen um andogyner zu sein. Sicherlich gibt es aber auch androgyne Frauen die sich verstellen um…
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