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Neckarschlacht am Stutengarten

Neckarschlacht am Stutengarten
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Kurz bevor ich diese Zeilen getippt habe, ging ich in Cannstatt zum Neckar, stieg eine Treppe mit geradezu lärmendem Verbotsschild zum Ufer hinab und setzte mich auf einen Poller. Vielleicht, dachte ich, kann ich beobachten, wie im Lauf der Zeit die Farbe des Wassers wechselt. Solche Lichtspiele habe ich früher schon beobachtet, oft im Stuttgarter Neckarhafen, der in der Stadt nicht sehr bekannt ist, obwohl er 3.000 Menschen Arbeit gibt.

Wenige Tage vor meinem Neckarausflug hatte es geregnet, in einigen Gegenden der Republik so stark, dass viele Menschen ertranken, weshalb nicht wenige Politiker mitten im Wahlkampf ihre feuchten Phrasen vom Stapel ließen. In Stuttgart wurden wir nach heftigen Stürmen, die Bäume ausgerissen und das Dach der Oper abgedeckt hatten, von der Flutkatastrophe verschont. Der träge Fluss aber hatte trotz des sonnigen Sommertags eine Farbe, die mich an Rimbaud erinnerte. Der fand Stuttgart einst "zum braun ärgern" und meinte damit das Elend und die Langeweile in der Stadt. 1875 verbrachte er im Kessel den Februar und März, um Deutsch zu lernen: in Schduagard, ein lustiger Gedanke.

Der revolutionäre französische Dichter, Idol des vor 50 Jahren verstorbenen Rockstars Jim Morrison, wäre mir nicht in den Sinn gekommen, hätte ich nicht Tage zuvor auf der Hängebrücke am Max-Eyth-See den Neckar überquert. Ein schönes Bauwerk, das seine Reize selbst dann behält, wenn es für schwäbische Diminutiv-Dummies als "Golden Gatele" veralbert wird.

Ausgerechnet auf einem Neckar-Floss hat Mark Twain das "Ausmaß der sanften und friedvollen Schönheit" Deutschlands erkannt. Der Schöpfer des Mississippi-Tramps Huckleberry Finn fand allerdings rasch wieder zur wahren Größe unserer Umgebung zurück: Der Neckar, notierte er, sei so schmal, "dass man einen Hund hinüberwerfen kann, wenn man einen hat".

Ich habe keinen Hund, muss aber noch einen stattlichen Haufen in Sachen Rimbaud absetzen. Keine Ahnung, ob es interessiert, dass der Neckar rund 370 Kilometer von seinem Schwenninger Ursprung bis zu seiner Mannheimer Mündung in den Rhein zurücklegt und auf 200 schiffbaren Kilometern 161 Meter Höhenunterschied mit 27 Schleusen überwindet. Wichtiger ist mir, wie Stuttgart seinen Fluss seit jeher ignoriert und missachtet. Die Politik benimmt sich traditionell so intelligent wie die Fans der Stuttgarter Kickers, die ihrem Cannstatter Erzfeind VfB die Botschaft singen: "Stuttgart hört am Neckar auf."

Das gestörte Verhältnis der Stuttgarter zu ihrem Fluss und dem Ort am anderen Ufer hat der Schriftsteller Karl Julius Weber (1767 bis 1832) schon früh beleuchtet: "Stuttgart sollte eigentlich da liegen, wo das weit ältere Cannstatt liegt, am schönen Neckar; der verdammte Nesenbach verdirbt alles." Der Nesenbach wurde später verbuddelt, der Neckar zur Wasserstraße degradiert. Die 15 Kilometer des Stuttgart-Neckars von Cannstatt bis Obertürkheim sind heute von Industrie- und Hafenanlagen verbaut. Und all die falschen Schwüre, die "Stadt am Fluss" ernst zu nehmen, bestätigen nur das alte Dichterwort: Der Charakter einer Stadt spiegelt sich im Umgang mit ihrem Wasser,

Dabei hat uns der Neckar – sein keltischer Name bedeutet "der Unbezähmbare" – so viel zu erzählen. Von großen Dichtern, cleveren Tüftlern und viel zu wenig beachteten Helden wie dem jüdischen Stuttgarter Neckar-Pionier Otto Hirsch: Mit aller Macht kämpfte er auf internationaler Bühne für die Rettung von Juden, eher er 1941 im KZ Mauthausen umkam.

Mit Blick auf die Bauwut der Gegenwart sollte man wissen, dass 1921 eine Projektgesellschaft gegründet wurde, die einen Stuttgarter Durchgangshafen für den flotten Flussverkehr von Plochingen zur Donau nach Ulm bauen wollte. Ein Schifffahrtskanal mit 100 Meter hohen Hebewerken und kilometerlangen Tunneln sollte die Schwäbische Alb überwinden. Fernziel vermutlich Bratislava. Erst 1970 hat der damalige Verkehrsminister Georg Leber dieses Hirnmonster nach Bürgerprotesten beerdigt. Heute schleusen die unzähmbaren Hengste des Stutengartens ihre Immobilienhaie durch Finanzkanäle und Eisenbahntunnel, weil der geraubte Landweg noch höhere Profite verspricht.

Als kleiner Fisch am Neckarufer habe ich mich an den Größenwahnsinn heimischer Weltenbauer gewöhnt. Mit mehr Freude erzähle ich von der Hängebrücke beim Max-Eyth-See, die in den späten Achtzigern vom weltweit geachteten Büro des Bauingenieurs Jörg Schlaich geschaffen wurde. 1934 im Remstal und in Stuttgart groß geworden geboren, lebt er schon lange in Berlin wie sein Sohn Frieder Schlaich, der Filmemacher, Produzent und Filmkunstbewahrer. Er wiederum, 1961 in Stuttgart zu Welt gekommen, ist mit der New Yorker Rockpoetin und Rimbaud-Verehrerin Patti Smith befreundet.

In ihrem Buch "M Train", einem literarischen Selbstporträt, taucht er als ihr Begleiter bei einer Reise nach Tanger auf. Sie besuchen den Dichter Paul Bowels, über den Schlaich einen bemerkenswerten Film gemacht hat: "Paul Bowles – Halbmond" lief 1995 auf der Berlinale. Wer was mit Kino am Hut hat, erinnert sich an die legendäre Stuttgarter Filmgalerie 451, eine Videothek, die Frieder Schlaich mit Irene Alberti am Berliner Platz führte. Heute betreuen sie den filmischen Nachlass des 2007 verstorbenen Gesamtkunstgenies Christoph Schlingensief.

Patti Smith überraschte uns im Sommer 2014 bei ihrem Konzert auf der Stuttgarter Freilichtbühne Killesberg mit einem unbekannten Song: Zur Gitarre trug sie eine mysteriöse Geschichte vor, die irgendwo in "the garden of the female horse" spielt: im Stutengarten, Eingeweihten heute auch als Stuttgart bekannt. In dem Lied geht es um Rimbaud, der 1875 in Stuttgart von seinem Dichterfreund Paul Verlaine heimgesucht wird. Der hat gerade 18 Monate Knast abgesessen, nachdem er mit einer Pistole auf Rimbaud geschossen hat, weil der sich von ihm trennen wollte.

Wer fragt, was das alles mit Stuttgarts vergessenem Fluss zu tun hat, den klärt ein Buch von Ute Harbusch auf: 2001 ist es in der Reihe "Spuren" bei der Deutschen Schillergesellschaft Marbach erschienen und beschäftigt sich mit Rimbaud, der in der Zeit seiner Stuttgart-Tristesse an der Hasenbergsteige 10 (und wahrscheinlich auch in der Marienstraße) wohnte. Titel der Schrift: "Die Neckarschlacht". Angeblich weil Verlaine seinen Confrère Rimbaud vom Katholizismus überzeugen wollte, kassierte er eine Tracht Prügel. Ob jedoch tatsächlich eine Schlacht bei Mondschein am Neckarufer stattgefunden hat, wie es die Legende will, weiß nur der Abendwind. Der Schriftsteller Paul Zech verlagerte 1909 den Kampf im "Versuch einer Recherche" auf Degerlochs Höhen: Verlaine sei nach dem Duell "ein geschundener blutüberkrusteter Haufen Fleisch" gewesen.

Wahr ist, dass Rimbaud in Stuttgart einen Brief in lustigem Deutsch an seinen Freund Ernest Delahaye schrieb: "Alles ist ziemlich minderwertig hier – eine Ausnahme Riessling, von dem ich ein Klas davon im Angesicht der 'ügel leere, die ihn zur Welt 'aben komen sehn, auf Deine ungetümliche Gesundheit. Es sonnt und friert zum braun ärgern."

Darauf einen Schluck: alles im Eimer und nichts im Fluss.


Joe Bauers Flaneursalon, die Lieder- und Geschichtenshow, gastiert am Sonntag, 1. August beim Festival Poesie & Oechsle auf dem Weingut Zaißerei. 19 Uhr. Hier gibt es Karten. Und hier den Youtube-Link zu Patti Smiths Song in Stuttgart.


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1 Kommentar verfügbar

  • Walter Steiger
    am 28.07.2021
    Antworten
    Patti Smith: "In Stuttgart"

    [ https://youtu.be/t_ffAWQ-i0k ]

    Maybe it was 1874 ...
    when Arthur Rimbaud arrived on foot in Stuttgart.
    It was the garden of the female horse
    and Arthur, of course, saw horses everywhere in Stuttgart.
    He looked for work, learned perfect German,
    carried the…
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