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Wie im Schock

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Der Schlossplatz ist der einzige Ort, der im städtebaulich verhunzten Stuttgarter Kessel auf so etwas wie ein Zentrum hindeuten könnte. Die schottische Schriftstellerin A. L. Kennedy muss hier einem sommerlichen Gefühlsrausch erlegen sein, bevor sie in ihrem Roman "Gleißendes Glück" diese Sätze schrieb: "Der Kleine Schlossplatz bog sich unter der Sonne, und eine freundliche Leuchtanzeige verkündete die weithin sengenden Temperaturen (...) Die ganze Stadt war in glühenden Beton aus blasser Berghitze eingekesselt. Die britischen Bomben hatten nur kleine Inseln der Vergangenheit übrig gelassen: hier eine Kirche, dort ein öffentliches Gebäude ..."

Das Buch erschien 1997. Schon damals gab es am Schlossplatz die Freitreppe, gebaut zur Leichtathletik-WM 1993, um eine Etage höher den 1968 eröffneten, schon früh verrotteten Kleinen Schlossplatz neu zu beleben. Eine Stuttgarter Eigenheit sind Hunderte steiler Treppenwege die Hügel hinauf und hinunter. Bekannt sind sie als "Staffeln" (im Dienst des schwäbischen Verkleinerungsgeistes auch als "Stäffele").

Im Sommer 2021, der nach heftigen Klimawirren erst spät begann, schien der Beton am Schlossplatz tatsächlich zu glühen. Junge Menschen lieferten sich auf der Freitreppe ihre Version des republikweit üblichen Weekend-Battle mit den geliebten Cops. Bald darauf wurde nicht die ganze Stadt wie in Kennedys Roman von blasser Berghitze, sondern Stuttgarts zentrale Staffel von Bauzäunen eingekesselt. Die hässlichen Absperrwände vor der Freitreppe zur Verhinderung des Partyfiebers unter Dampfkesseldruck im Pandemie-Lockdown waren ein Signal politischer Manneskraft, gesetzt von Stuttgarts neuen Rathaus-Heroen: einem aus Backnang eingeflogenen OB und einem zugewanderten Ordnungsbürgermeister mit Migrationshintergrund Trossingen. Schon jetzt gelten die beiden als die Glimmer Twins der Stadt. Ihr Sommer-Hit heißt "Mein Freund, der Zaun".

Auf den ersten Blick scheint der militärische Stufen-Plan zur Verdrängung des Bösen am Schlossplatz in keinem Zusammenhang mit den vielen Staffeln zu stehen, die einst in die Wälder und Weinberge führten. Unsereiner wundert sich aber, dass eine Gemeinde, die ihre Treppen als Wahrzeichen preist, ausgerechnet ihr bestes Stäffele mit Barrieren zur Ausgrenzung des internationalen Publikums zustellt.

Ein Versäumnis ist zweifelsohne, dass die Natursteinanlage neben dem weithin geachteten Kunstmuseum bis heute nicht mal einen Namen trägt.

Stuttgarts Panische Treppe

Nach Scharmützeln zwischen jungen Menschen und Polizeikräften wäre es aus Marketinggründen zwingend angebracht, die Stufen am Schlossplatz mit leuchtenden Titeln aufzuwerten. Beispielsweise als Krawall-Staffel. Oder als Radau-Stäffele. Auch Roms weltberühmte Spanische Treppe könnte als Vorbild dienen: Nicht ungeil klänge Panische Treppe. Damit würde die Betonattraktion in der demokratischen Mitte Stuttgarts touristisch sicher so steil gehen wie die Potemkinsche Treppe von Odessa. Mit ähnlich erschütternden Staffelszenen wie in Sergei Eisensteins legendärem Revolutionsfilm "Panzerkreuzer Potemkin" ist in Zukunft ohnehin zu rechnen. Denkbar wäre nach dem Zaunbau zur Wahrung des Dorffriedens auch die lustige Bezeichnung Schutzstaffel oder Schutzschtäffele (auch wenn diese schwäbische Alliteration falsche Assoziationen wecken könnte).

Ich als Stadtspaziergänger bin der stillgelegten Schlossplatztreppe durchaus dankbar. Sofort zog ich los, um frisch und frei im Auf- und Ab-Labyrinth des Kessels herumzustiefeln. Stäffele vermindern laut Manfred Rommel ja nicht nur "erheblich" die "sonst überall lauernde Gefahr, von einem Auto überfahren zu werden". Die schmalen Pfade führen auch in die Stadtgeschichte. Und da einige Treppen in der Geschichtsvergessenheit von Politikern für die sogenannte Erinnerungskultur herhalten müssen, erzählen sie uns auch etwas über die Gegenwart.

Geschichte, die auf der Treppe liegt

Nehmen wir die Georg-Elser-Staffel: Obwohl der Widerstandskämpfer zahlreiche Spuren in Stuttgart hinterlassen hat, wurde sie erst 1999 nach dem 1945 im KZ Dachau ermordeten Hitler-Attentäter benannt. Mit feinem Gespür für die Geschichte widmete ihm die Stadt eine Staffel am Bubenbad in der Nähe der Richard-Wagner-Straße. Die wiederum wurde 1933 von den Nazis so benannt, nachdem sie zuvor Heinrich-Heine-Straße geheißen hatte – zu Ehren des Dichters, der Stuttgart einst in seinem "Wintermärchen" gewürdigt hat: "Ich möchte nicht tot und begraben sein / Als Kaiser zu Aachen im Dome / Weit lieber lebt' ich als kleinster Poet / zu Stukkert am Neckarstrome."

Nach meinem Ausflug zur Elserstaffel fand ich zu Hause ein Buch, das ich leider nie ausgewertet hatte. Es heißt "Drei Leben für das Theater" und handelt von dem Schauspieler, Regisseur und Intendanten Fritz Wisten. "Wenn die Unsterblichkeit des Theaters eines endgültigen Beweises bedürfe", heißt es im Vorwort des großen Schauspielers Martin Benrath, "das Lebenswerk Fritz Wistens könnte ihn liefern."

Seit 2007 gibt es im Westen der Stadt die Fritz-Wisten-Staffel, sie verbindet die Reinsburgstraße in Höhe 192 mit dem Ende der Rotebühlstraße. In der Reinsburgstraße 107 wohnte der jüdische Theatermann mit seiner Familie; seine Frau, die Schauspielerin Gertrude Widmann, hatte er in Stuttgart kennengelernt.

Am 25. März 1890 in Wien geboren, beginnt er seine Theaterkarriere in Eisenach. 1919 kommt er nach Stuttgart, arbeitet erst am Deutschen Theater und an der Volksbühne, ehe er am Württembergischen Landestheater zum Publikumsliebling aufsteigt und zu einer gefeierten Bühnengröße wird. Am 27. März 1933 klingelt in der Reinsburgstraße 107 das Telefon, er nimmt den Hörer ab, "und augenblicklich", schreibt später seine Tochter Eva Wisten, "veränderten sich seine Gesichtszüge, sie wurden grau und verfallen. Er stand da versteinert wie unter Schockwirkung". Das Staatstheater hat ihn entlassen. Die Nazis machen Jagd auf die Juden.

Die Familie Wisten zieht nach Berlin. Fritz beginnt sein zweites Leben für das Theater im Jüdischen Kulturbund. Er wird ins KZ verschleppt und mit viel Glück bald entlassen. Durch seine Frau, eine "Arierin", ist er halbwegs geschützt. Eine fast unglaubliche Geschichte mit Happy End. Nach dem Zusammenbruch der Nazi-Diktatur wird Fritz Wisten Direktor des Theaters am Schiffbauerdamm in Berlin, von 1953 bis 1961 leitet er als Intendant und Regisseur die Berliner Volksbühne. Am 12. Dezember 1962 stirbt er in Berlin-Schlachtensee. All die Zeit hat er im Westen der Stadt gewohnt.

Fritz Wisten ist nicht vergessen. Erst im vergangenen Jahr hat der Theaterwissenschaftler Thomas Blubacher das Buch "Das Haus am Waldsängerpfad" veröffentlicht. Untertitel: "Wie Fritz Wistens Familie in Berlin die NS-Zeit überlebte". Geschichten wie diese, schreibt er, zeugen von Überlebenswillen, von Mut und Zivilcourage. "Sie weisen in unsere Gegenwart, in unsere Zukunft und zwingen uns Nachgeborene unweigerlich zur Auseinandersetzung mit unbequemen Fragen nach dem eigenen zivilen Engagement."

Auf der verklebten Tafel der Staffel in der Reinsburgstraße steht unter Fritz Wisten als Zuordnung "Schauspieler". Sonst nichts. Diese Geschichte, die auf der Treppe liegt, ist für mich noch nicht zu Ende. Zum Glück finden sich immer wieder Wege, den untersten Stufen beim politischen Umgang mit dieser Stadt zu entgehen.


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2 Kommentare verfügbar

  • Peter Bähr
    am 17.06.2021
    Antworten
    En passant aus Kennedys Eröffnungsrede zu den "Europäischen Literaturtagen 2015", übersetzt von Ingo Herzke, LITERATUR-Seite der "Süddeutschen Zeitung", 23. Oktober 2015:

    "... Betrachten wir den kreativen Menschen als eine Art ewigen freiwilligen Migranten aus den fernen Gegenden des engagierten…
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