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Die Story vom Pferd

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Als ich im März des Pandemiejahres 2021 meine Lebenszelle im südlichen Teil der Stadt verlassen musste, führte mich das Schicksal Richtung Osten. Genaugenommen liegt meine neue Anlegestelle noch in der amtlichen Mitte unserer Gemeinde. Kaum angekommen, wurde ich von einem Blackout geschockt, wie wir ihn in unserer Stadt sonst eher im politischen und intellektuellen Bereich erleben.

Am späten Abend gingen die Lichter aus, ich schaute gerade eine Folge der TV-Serie "Die Toten von Murnau". Die schlagartige Finsternis in meiner noch ungewohnten Umgebung redete ich mir rasch damit schön, es sei ja noch immer der Osten, wo die Sonne aufgehe. Bei näherem Hinsehen, soweit dies bei Kerzenlicht möglich war, stellte sich der Vorfall als Stromausfall in meinem ganzen Viertel heraus. Bis heute weiß ich nicht, wie viele Tote von Murnau mir deshalb entgangen sind.

34 Morde zwischen fünf und sieben

Meine Straße, im Grunde der Pfad in mein dunkles Restleben, ist mit Leichen gepflastert. Die Urbanstraße ist berüchtigt für ihr Gerichtsviertel und seine furchtbaren Juristen. Der bayerische Scharfrichter Johann Reichhart hat in Stuttgart von 1933 bis 1944 im sogenannten Lichthof der Gerichtsgebäude 402 Männer und 21 Frauen mit dem Fallbeil umgebracht. Morgens zwischen fünf und sieben tötete er im Schnitt 20 Menschen. Einmal, am 1. Juni 1943, waren es 34. Viele der Hingerichteten waren im politischen Widerstand oder Deserteure.

Es verging ein halbes Jahrhundert, bis Stuttgarts deutscher Erinnerungskulturgeist widerwillig bereit war, einen kaum sichtbaren Schriftzug in eine Mauer meißeln zu lassen: "Den Opfern der Justiz im Nationalsozialismus zum Gedenken. Den Lebenden zur Mahnung". Während die Lebenden längst neue Nazis in ihre Parlamente wählten, raffte sich mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Nazi-Terrors das Stuttgarter Haus der Geschichte auf, die "Unrechtsurteile der nationalsozialistischen Strafjustiz" im Justizrevier zu dokumentieren. Heute wird der Kampf gegen Faschismus und Rassismus ungleich härter geführt: Die Stadt lässt überall Plakate mit niedlichen Regenbogen-Motiven hängen.

Nahezu täglich gehe ich an der Stätte der Grauens vorbei, übersehe unterwegs aber glücklicherweise auch kaum mal das Schild am Haus Nummer 46: Hier hat von Oktober 1902 bis April 1903 Robert Musil gewohnt, als junger Ingenieur zur Untermiete. "Stuttgart", notierte er einmal, "war mir fremd und unfreundlich, ich wollte meinen Beruf aufgeben und Philosophie studieren (was ich bald auch tat), drückte mich vor meiner Arbeit, trieb philosophische Studien in meiner Arbeitszeit, und am späten Nachmittag, wenn ich mich nicht mehr aufnahmefähig fühlte, langweilte ich mich. So geschah es, dass ich etwas zu schreiben begann, und der Stoff, der gleichsam fertig dalag, war eben der der "Verwirrungen des Zöglings Törleß". Die Stuttgarter Zeit, heißt es in dem Buch "Dichter sehen eine Stadt", habe auch in Musils Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" Spuren hinterlassen. Daran erkennst du, wozu eine fremde, unfreundliche Stadt taugt, wenn du dich langweilst, bis der Strom ausfällt.

Keine Cowboys mehr

Als Mann mit fragwürdigen Eigenschaften stand ich kurz nach meinem Einzug vor meiner neuen Bleibe aus altem Backstein, als mich die kleine Tochter einer zufällig vorbeikommenden Bekannten ansprach: "Sag mal, warum hast du Stöckelschuhe von Frauen an?" Verdammt, dachte ich, womöglich hat die neue Umgebung meine sexuelle Orientierung durcheinandergebracht. Beim Blick nach unten sah ich aber nur meine etatmäßigen Cowboystiefel mit den zu hohen Absätzen. Schlagartig durchfuhr es mich: Aus, mein Freund, deine Zeit ist vorbei. Niemand hält es heute noch für nötig, kleine Mädchen über die Existenz von Cowboys aufzuklären. Wir sind, trotz reichlich Bullen und Pferden in unseren Geisterstädten, nicht mehr systemrelevant.

Ich ging nach Hause, verstört wie bei einem Stromausfall, und erzählte die Geschichte Sitting Bull, der seit Jahren mit verschränkten Armen auf meinem Schreibtisch steht. "Häuptling", sagte ich, "wir sind am Arsch. Wenn du mich morgen aus meinen Stiefeln schießt, denken die Kinder, du erledigst eine Frau." "Yeah", sagte Sitting Bulls, "the times they are a changin'."

Ich wechselte meine Stiefel gegen ein Paar Nikes, zog mir eine Strampelhose an, trabte die Treppen zu den Stuttgart-21-Löchern im Schlossgarten hinab, vorbei an einer Werbefigur mit Johnnie Walker vor einer Bar des Hotels Le Méridien. Johnnie trägt eine Fessel wie ein geparktes Fahrrad. Walker & Jogger bin ich. Ich lief durch den Park Richtung Osten, hinaus zum Schloss Rosenstein, von wo aus du hinter Baustellen ein wenig vom Neckar sehen kannst. Ich bog ab nach Norden, dicht an den Freigehegen des Wilhelma-Zoos entlang. Ich grüßte die Tiere betont herzlich, da ich unter Menschen zuletzt sehr schlechte Erfahrungen gemachte hatte, und konnte sogar einige identifizieren. Da war der Strauß, dieser komische Vogel, der nicht fliegen kann. "Brother", sagte ich, "Straußenleder ist eine feine Sache, aber du musst keine Angst mehr vor mir haben. Früher, yeah früher, hätte ich Stiefel aus dir gemacht, du Lauch. Aber meine Zeit ist vorbei." "Ach so", sagte der Strauß, "du Pfeife bist jetzt Veganer."

Grunzochsen, meine Brüder

Scheiß drauf, dachte ich, und grüßte die benachbarten Exemplare einer Gattung, die ich als Esel erkannte. Da Esel eher selten zu Stiefeln verwurstet werden, weil sie oft als Salami to go herhalten müssen, genießen sie kein so hohes Ansehen. Der Dichter Lord Byron hat einmal gesagt: "Ein Esel wird auch in Paris kein Pferd." Kann ich bestätigen, ich war mal in Paris. Für unsere Stadt, in der sich Robert Musil so sehr langweilte, dass ihm der Mann ohne Eigenschaften einfiel, gilt hingegen: "Auch ein Pferd wird in Stuttgart zum Esel." Fragen Sie Sitting Bull.

Ich joggte weiter an den Weiden entlang und sah einige Viecher, die ich nicht zuordnen konnte. Eine Tierhüterin war gerade am Füttern, und so brüllte ich, schnaufend wie Emil Zátopek, über den Zaun: "Hallo, liebe Frau, was sind das denn für Tiere?" Sie antwortete mir, und es klang wie "Jack". Nicht wie Tschäck, sondern wie Jack' wie Hose. Damit konnte ich nichts anfangen, weshalb ich nach meiner Rückkehr zügig die Ermittlungen aufnahm. Über Jackie Kennedy, den Jugendarbeitskreis des Deutschen Brieftaubenverbands (JAK) und die japanische Gangsterorganisation Yakuza drang ich im Internet schließlich zu Yak vor, eine Rinderart, in der die Männer am Penis eine behaarte Vorhaut tragen. Wow. Da waren sie, meine Brüder. Kreaturen von unschätzbarer Bedeutung. Ihr Wikipedia-Eintrag umfasst kaum weniger Wörter als Robert Musils Jahrhundertroman "Der Mann ohne Eigenschaften". Was mich erst recht für sie begeistert, ist ihr Spitzname: Wegen der Laute, die sie ausstoßen, nennt man sie "Grunzochsen". Das klingt doch gleich ganz anders als Muhkuh.

Inzwischen bin ich mir sicher, selbst solche Laute von mir zu geben, sobald ich in meiner langweiligen Stadt am Gericht vorbeikomme. Stöckelschuhe für Frauen trage ich weiterhin, um meine Mitmenschen von meinem Gesichtsausdruck abzulenken. So können nur Eingeweihte ahnen, dass ich auf meinem Weg durch die Stadt dem Grunzochsen-Gehege mehr Respekt zolle als den Gerichtsgebäuden. Es lebe die Gerechtigkeit, sagt Sitting Bull.


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2 Kommentare verfügbar

  • C. Hdy
    am 05.05.2021
    Antworten
    Schön!
    Willkommen im Viertel...
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