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Propaganda und Popcorn

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Wir standen in der Abenddämmerung auf dem Marienplatz im Stuttgarter Süden herum, ich plauderte in gebührendem Abstand mit einem Polizisten. Die ersten Kerzen für die Aktion "Wir trauern um die Corona-Toten" brannten schon, und der Polizist sagte: "Gut, dass es die Katholiken noch gibt. Sonst hätten wir Lutherischen nicht mal Grablichter."

Bei dem Wort "Lutherischen" zuckte ich zusammen. Seit meiner Kindheit hatte ich es nicht mehr gehört. Damals war ich in einem erzkatholischen Nest am Fuße der Ostalb zu Hause, und die Protestanten in unserer Gemeinde konnte selbst noch an einer Hand abzählen, wer im Krieg oder an der Kreissäge ein paar Finger verloren hatte. Das war Anfang der Sechziger, als noch nicht alle zu den deutschen Gewinnern zählten. Heute weiß ich nicht nur angesichts brennender Grablichter, dass ohne die Entertainment-Schule der katholischen Liturgie weder Madonna noch der Satan oder Winfried Kretschmann ihre heutige Popularität erreicht hätten.

Der Polizist stammte aus einem ähnlichen Katholenkaff wie unsereiner. Wir sprachen davon, wie sich die, die als "Lutherische" geächtet wurden, gelegentlich ähnlich fühlen mussten wie heute bei uns die Geflüchteten. Unsere Leuchtsignale gefielen dem Polizisten. Sie sind immer sonntags in der ersten Dunkelheit zu sehen als Zeichen gegen die Abgestumpftheit, zigtausend am Corona-Virus verstorbene Menschen bei uns nur noch als Zahlen und Statistiken abzuhaken.

Diese Aktion läuft seit Wochen in vielen Städten auch mit der Absicht, Corona-Leugnern und Verschwörungsschwurblern eine stille Geste ohne Demo-Rituale entgegensetzen. Auf den Weg gebracht hat sie der Berliner Satiriker und Schriftsteller Christian Y. Schmidt ("Der kleine Herr Tod"), der damit ein weiteres Beispiel liefert, was die Satire-Abteilung inzwischen alles tun muss gegen die gegenwärtige Gedankenlosigkeit.

Von den christlichen Impfungen in der Kindheit ist bei mir kaum mehr als die Resistenz gegen kirchliche Heuchelei geblieben. Etwas gegen das Vergessen von Menschen zu tun, entspricht meiner simplen Geschichtsauffassung, die Vergangenheit immer im Zusammenhang mit der Gegenwart zu sehen. Und da ist das Nachdenken über Menschen, die uns ihre Geschichte hinterlassen haben, sehr hilfreich.

Da ich als Herumspazierer zum Abschweifen neige, unterhielt ich mich mit dem Polizisten über die Verlierer der Krise im Allgemeinen. Zu den großen Leidtragenden der Pandemie-Krise, erzählte er, gehören die Einbrecher. Seit so viele Leute im sogenannten Homeoffice sitzen, haben die Diebe keinen ungestörten Zugang mehr zu fremden, viel zu teuren Wohnungen. Ihren Arbeitsplätzen. Sie müssen deshalb umschulen. Einige arbeitslos gewordene Panzerknacker arbeiten inzwischen erfolgreich als Daten-Hacker. Seit weniger Schubladen und Tresore nach guter alter Handwerkskunst aufgebrochen werden können, ist die Zahl der Delikte im Online-Bereich gestiegen.

Dieses Metier allerdings erfordert eine Bildung, die unsere Gesellschaft zurzeit überfordert. Die Stuttgarter Kultusministerin ist nicht mal in der Lage, Lehrkräfte und Schulkinder mit Notebooks auszurüsten.

Um von ihrem Digitalversagen abzulenken, hat sich die Kultusministerin in ihrem Hauptberuf als CDU-Spitzenkandidatin im Landtagswahlkampf auf die Kriminalität versteift. Tönte ihr Kollege Innenminister neulich noch nach der Randale einiger Halbstarker, der "Rechtsstaat" zeige haifischmäßig "die Zähne", will jetzt die Kultus-Amazone dem Knäbchen von Heilbronn namens Strobl beweisen, dass sie sogar Haare auf den Zähnen hat. Entsprechend ließ ihre Propaganda-Agentur ein lustiges Fahndungsplakat für ambitionierte Kopfgeldjäger drucken: "CDU wählen, weil wir Verbrecher von heute mit Ausrüstung von morgen jagen".

Da dieses "Wir Verbrecher"-Bekenntnis zur Selbstjustiz im Fascho-Ton nicht gar so überzeugend rüberkommt, nachdem die "Aufrüstung von morgen" schon gestern am Schulrechner gescheitert ist, setzte Eisenmann noch einen drauf. Diesmal mit einem Poster, das stramm rechts auf die diffusen Ängste geschundener Kreaturen zielt: "Wollen wir nicht alle beschützt werden?"

Als alter Stadtneurotiker kann ich beim Blick auf das Plakat-Konterfei der Spitzenkandidatin nur mit der Gegenfrage antworten: "Wer hat Angst vor dem schwarzen Eisenmann?" Und komme mir keiner, ich hätte gerade mit einer falschen Geschlechtszuordnung gesündigt. Nach wie vor gilt für mich der Imperativ des neuen Stuttgarter OB, auch wenn der Spruch dümmer ist, als mein Polizist vom Marienplatz erlaubt: "Schaffen statt gendern". Passt übrigens kruppstahlhart zur "Eisenmannschaft" (Wahlwerbung).

Vollends komisch wurde das Ganze, als ein FDP-ler seinen Plakatkonter direkt neben Eisenmanns Schutzwall aufbauen ließ: "WOLLEN WIR NICHT ALLE FREIER WERDEN?" Prompt antwortete ihm eine große Männergemeinde im Netz, ihr größter Berufswunsch sei derzeit nicht unbedingt, Freier zu werden – nicht nur, weil im Lockdown die Prostitution zum Erliegen gekommen sei.

Da die bisherige Wahlpropaganda insgesamt auf gewisse Speichermängel im analogen Hirn schließen lässt, fühlte sich die SPD berufen, die Problematik mit einem sprachlich präzisen Slogan zurechtzurücken: "DAS WICHTIGE JETZT ECHT BILDUNG #BWGEN". Aber echt. Es muss ein BW-Gen geben.

Einiges im Landtagswahlkampf deutet auf ein Bildungsproblem hin, was aber nicht heißt, dass nicht auch noch der größte Schund aus dem Verbrecherjagd-Genre auf unterbelichteten und braun ausgeleuchteten Schirmen gut ankommt irgendwo da draußen. Darauf spekulieren die Spindoktoren der Politik mit ihren Schmierenstücken.

Der erzwungene digitale Wahlkampf im Lockdown macht uns deutlich, wie sehr wir die Foren und Bühnen der leibhaftigen Begegnung im wirklichen Leben brauchen. Vor diesem Hintergrund leuchtet selbst eine kleine, in menschlichem Kreis entzündete Gedenkkerze in das schwarzes Loch des stillgelegten Kulturbetriebs. Der Konflikt um das historische Metropol-Gebäude mit seinem geschlossenen, bereits ausgebeinten Filmtheater in der Stuttgarter Innenstadt wäre ein guter Anlass, endlich neue Möglichkeiten künstlerischer Präsentationen zu diskutieren. Die KulturmacherInnen sollten sobald wie möglich erstarrte Rituale zugunsten neuer Mischformen in Frage stellen, um nach Corona einen geistigen Lockdown zu vermeiden.

Das gilt für die klassische Musik und das Theater wie für den Film. Publikum und KünstlerInnen brauchen neue Orte der Begegnung, des Austauschs, des Miteinanders. Ein Haus wie das Metropol-Gebäude mit seiner einzigartigen Aura, das dank der beschämenden Stuttgarter Immobilienpolitik als Kletterhalle zu enden droht, wäre die große Chance, eine Keimzelle spartenübergreifender, zukunftsorientierter Veranstaltungen und Dialoge zu werden. Ohne Grenzöffnungen sind wir im Popcorneimer.

Niemand weiß besser als ich, dass wir nicht am Hudson leben, sondern am verbuddelten Nesenbach. Dennoch empfehle ich einen Blick auf die Homepage des New Yorker Metrograph in der Lower East Side von Manhattan. Metrograph mit M wie Metropol. Vielleicht geht dem Einen oder der Anderen unter uns Provinzlern ein Licht auf, bevor unverzichtbare Kultur ersatzlos zu Grabe getragen wird.


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