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Brigitte Lösch und Rainer Stickelberger

Die glücklichen Aussteiger

Brigitte Lösch und Rainer Stickelberger: Die glücklichen Aussteiger
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Sie sagen nach 20 Jahren im Stuttgarter Landtag tschüss: Brigitte Lösch und Rainer Stickelberger. Die Grüne und der Rote haben einiges gemeinsam. Nicht zuletzt, dass sie die Ablehnung von Stuttgart 21 zu Außenseitern in ihrer Partei gemacht hat.

Politik kann wie eine Droge wirken, der Entzug schmerzhaft sein: Kein freigeräumter Platz mehr in der ersten Reihe, kaum mehr Anfragen und keine Kamera, die rot leuchtet, wenn man auftaucht. "Wenn ich nicht mehr in der ersten Reihe sitze, kann ich auch gehen, wann ich will", bricht es aus Brigitte Lösch heraus. Ihr Lachen wirkt befreit, mit nur einem kleinen Schuss Wehmut. Eigensinnig hat die 58-Jährige über die Jahre ihre Themen verfolgt, FreundInnen hat sie sich damit nicht immer gemacht, ein Profil erarbeitet allerdings schon. Brigitte Lösch, das ist die Grüne, die bei den Gegendemos zu den homophoben "Demos für alle" als Rednerin aufgetreten ist. Das ist die Stuttgart-21-Gegnerin, die auch nach dem Volksentscheid auf die Montagsbühne der KritikerInnen gestiegen ist und sich den Mund nicht hat verbieten lassen. Losgelöst im Raumschiff Landtag war nie ihr Ding.

Rainer Stickelberger bezeichnete sich selber als "waffenlosen Kleinwagenfahrer", als er 2011 in der grün-roten Koalition das Amt des Justizministers übernahm. In Abgrenzung zu seinem FDP-Vorgänger Ulrich Goll, der bekennender Revolver- und Ferrarifan war. Der studierte Jurist Stickelberger trat 1971 der SPD bei. Von 1984 bis 1992 war er Bürgermeister seiner Heimatstadt Weil am Rhein. Bei seiner Kandidatur für den Landtag 2001 errang er aus dem Stand das Direktmandat in seinem Wahlkreis Lörrach, die SPD-Fraktion machte daraufhin den Neuling aus dem südwestlichsten Wahlkreis zu ihrem rechtspolitischen Sprecher. Stickelberger engagiert sich ehrenamtlich in seiner Heimatstadt. Er ist Mitglied in der Arbeiterwohlfahrt und im Sportverein.  (sus)

Auch Rainer Stickelberger schätzt Bodenhaftung. Er vertritt seinen Wahlkreis im äußersten Südwesten Baden-Württembergs seit vier Legislaturperioden, war Justizminister im grün-roten Kabinett. Und bis auf diese fünf Jahre war er immer mit dem Zug unterwegs von Weil am Rhein nach Stuttgart. Das erdet. Und es hilft gegen Aufgeregtheiten im immer schneller werdenden politischen Geschäft. "Es gibt wenig, was mich heute noch in Wallung versetzt", sagt der 70-Jährige und lehnt sich entspannt zurück im Foyer des Landtags, "das schaffen vielleicht noch Mick Jagger, ACDC oder Deep Purple". Humor hilft beim Abschied.

Wer sich dieser Tage mit den zwei alten Polithasen im Landtag trifft, um eine Bilanz über 20 Jahre Politik zu ziehen, spürt eine gewisse Erleichterung und die Lust auf das Leben nach der Politik. Beide wirken aufgeräumt, ihre Büros weniger. Das Abgeordnetenzimmer von Lösch ist ein Statement. Der schwule Bullenbär, überreicht von schwulen und lesbischen PolizistInnen. Die drei Frauenköpfe von einer Künstlerin, die sie bei der Frauensuchtberatung Lagaya ersteigert hat. Die Zimmerpflanze, die unbeschnitten wachsen durfte und dabei vom Fensterbrett gekippt ist. "Ich bin schon am Ausräumen", sagt Lösch.

Die Umzugskartons stehen auch in Rainer Stickelbergers Büro. Noch dürfen sich die Akten auf seinem Schreibtisch ausbreiten, schließlich ist der ehemalige Verwaltungsrichter und Anwalt bekennender Aktenfresser und hatte als Vorsitzender des Finanzausschusses bis zuletzt zu tun. Auf frühere Wahlplakate mit lächelnden Porträts, wie sie an vielen Abgeordnetenzimmern hängen, verzichten beide gerne. "Das brauch' ich nicht", sagt Lösch. "Die Zeit des höfischen Ständestaats ist vorbei", sagt Stickelberger mit diesem südbadischen Singsang, der so leichtfüßig daherkommt. Personenkult passt nicht zu seinem Verständnis von Demokratie, in der der Souverän das Volk sein soll und die Gewählten deren Interessen vertreten sollen.

Wer abweicht, wird sanktioniert

Wer so viele politische Jahre im Rucksack hat, hat viele Schlachten geschlagen. Hat sich mit den politischen Gegnern gefetzt und oftmals mit der eigenen Partei rumgeärgert, hat nach Kompromissen mit dem Koalitionspartner gesucht und sich manches Mal gegen das enge Korsett der Parteidisziplin aufgelehnt. Besonders deutlich hat Brigitte Lösch das bei Stuttgart 21 zu spüren bekommen. Die kritische Haltung zum Tiefbahnhof hat 2011 zum Erfolg der Grünen geführt – und in der Folge die Partei gespalten. S 21 wurde zur größten Enttäuschung ihres politischen Lebens. "Der Knackpunkt war für mich, wie meine Grünen mit dem Volksentscheid umgegangen sind", betont sie.

In die Politik kam die diplomierte Sozialarbeiterin über die Jugend- und Kulturarbeit. 1989 wurde Brigitte Lösch über die Grün-Alternative Liste in den Gemeinderat Geislingen gewählt. Diese Sitzungen waren wie eine mündliche Abiprüfung, danach war sie gestählt für den Landtag. Zunächst von 1997 an als Referentin der Grünenfraktion, seit 2001 bis heute als Landtagsabgeordnete. Im März 2010 kandidierte Lösch für das Amt der Oberbürgermeisterin von Ravensburg, angefragt hatten die Grünen vor Ort und Manfred Lucha, der selbst nicht antreten wollte. Da grätschte ihr der frühere Grüne Oswald Metzger in die Seite. Von 2011 bis 2016 war Brigitte Lösch Vizepräsidentin des Landtags. Seit 2016 ist sie Vorsitzende im Ausschuss für Kultus, Jugend und Sport. Brigitte Lösch sitzt im Beirat der Kunststiftung Baden-Württemberg und ist seit 2018 Vorsitzende des Stiftungsrats der Samariterstiftung Nürtingen. (sus)

Der Käs‘ ist gessa, die Katz‘ den Baum nuff, musst du jetzt immer noch bei den Montagsdemos auf die Bühne klettern? Das hat sie nicht nur einmal gehört. Dass sie sich mit ihrer Hartnäckigkeit keine Freunde im Staatsministerium gemacht hat, kann sie verschmerzen. Aber die mangelnde Wertschätzung der Partei für die vielen, die die Grünen genau deshalb gewählt hatten, und auch ihr gegenüber, war oft schwer auszuhalten. "Das hat mich verletzt", gesteht sie. In einem großen schwarzen Heft, das vor ihr liegt wie ein Klassenbuch, hat sie ihre persönliche Bilanz festgehalten: 255 Reden, 137 Anträge, unzählige Grußworte und als Highlight der grün-rote Koalitionsvertrag, in dem ihr Konzept für frühkindliche Bildung festgehalten wurde. Doch Stuttgart 21 bleibt ein Stachel.

Rainer Stickelberger ist nie bei einer Montagsdemo als Redner aufgetreten. Doch der frisch gebackene Justizminister stellte sich im November 2011 der Volksversammlung auf den Stuttgarter Marktplatz, als die Politik noch zu den Menschen kam. Und immer wieder musste sich der Bahnreisende bei der Mahnwache anhören, dass seine SPD ein Projekt unterstütze, das teuer ist und keine Verbesserung der Kapazität bringt. Dabei war er einer der wenigen Genossen, die gegen das Milliardenprojekt waren. "Ich war 2011 der einzige SPD-Minister im Kabinett, der gegen die Bahn gestimmt hat", sagt Stickelberger, "das ging doch alles zu Lasten der Rheintalstrecke". Das macht einsam.

Die langjährige Fraktionschefin Ute Vogt war stinksauer auf den Abtrünnigen, Wolfgang Drexler, als Sprecher des S-21-Projekts gerne auch als Mister S21 tituliert, hat ihn kaum mehr angeguckt. "Der hat mir nie verziehen", sagt Stickelberger. In der Politik kann aus Freundschaft schnell Ausgrenzung werden, wenn die Parteidisziplin Geschlossenheit fordert. "Aber ich bin nicht so gestrickt, dass ich Enttäuschungen ein Leben lang mit mir herumtrage", sagt der Südbadener. Verändert haben sie ihn schon.

Flucht vor den FreundInnen

In seine Zeit in der grün-roten Regierung fielen die staatsanwaltlichen Ermittlungen zum brutalen Polizeieinsatz am Schwarzen Donnerstag und zum SS-Massaker in Sant’Anna di Stazzema. "Mister Samthandschuh" wurde der Justizminister genannt, weil er sich zur skandalösen Ermittlungsarbeit von Oberstaatsanwalt Bernhard Häußler nicht äußern wollte. Darauf angesprochen, wird er heute noch schmallippig. "Ich misch' mich in Ermittlungen nicht ein, das war und ist eine Grundsatzentscheidung", betont er im Rückblick, "aber das kann man auch anders sehen."

Prügel hat er dafür bezogen, härter hat es ihn gemacht, schroffer, glaubt er. Seinen schlendernden Gang allerdings hat der Badener nicht verloren. "Du siehst immer aus, als wärst du im Urlaub", hat Drexler einmal zu ihm gesagt, was bei einem Schwaben wie ihm kein Kompliment ist. Stickelberger führt das eher auf das wöchentliche Joggen im Weinberg in Weil zurück, wo er das eine oder andere Foto weglaufen konnte. Von Parteifreund Claus Schmiedel ("Gottes Segen liegt auf S 21") etwa, der sich nach dem Volksentscheid nicht schnell genug mit harten S-21-Befürwortern von der CDU ablichten lassen konnte. 

FreundInnen in der Politik? Als ihre Ambitionen auf das Amt der Landtagspräsidentin aus den eigenen Reihen torpediert wurden, hat auch Lösch die Grenzen gespürt. "Sie hat einen guten Job gemacht als Landtagsvize", lobt Stickelberger die grüne Kollegin, aber deren Partei wollte Muhterem Aras. Migratonshintergrund, das passte in eine neue Legilaturperiode, in der die AfD in den Landtag eingezogen war. Und stach die Verdienste von Lösch, die immer wieder das Direktmandat für ihre Partei geholt hatte. Offen gesagt hat das kaum jemand. "Ich bin auf jeden Fall misstrauischer geworden", sagt Lösch. Wenn Zusagen unter vier Augen nicht gehalten werden, gehe Vertrauen verloren. Da hilft auch die Plattitüde vom Koch und der heißen Küche wenig.

Brigitte Lösch musste sich im Gemeinderat in Geislingen durchsetzen gegen eine Übermacht von Männern, die die junge Frau "wie ein Blumentöpfle" behandelten, das man halt dazustellt, als schicke Deko eben, erinnert sich Lösch. Sie hat gelernt, beharrlich zu bleiben, sich gegen Mansplaining zu wehren und für ihre Meinung zu kämpfen. Diskutieren hat sie in der Familie gelernt, der Vater Karl war ein Sozialdemokrat und Gewerkschafter, soziale Gerechtigkeit war früh ein Thema im Hause Lösch. Bei Familienfeiern haben sich Vater und Tochter gemeinsam gefetzt mit der CSU-Verwandtschaft aus Bayern. Aber alter Sozialdemokrat und junge Grüne – da gab es auch einiges zu klären.

Endlich Zeit für Taekwondo

Wer weiß, was ihr Vater zum Dienstwagen gesagt hätte, der ihr als Vize-Präsidentin des Landtags zustand? Anfangs war ihr das peinlich, später hat sie die Annehmlichkeiten genossen. "Aber süchtig danach ...?", sagt sie. "Nö, vielleicht ist das ja ein Männerding?"

Jedenfalls nicht das von Rainer Stickelberger. Den Übergang vom Minister zurück in den Landtag als Abgeordneter hat er ohne Entzugserscheinungen überstanden, dem Abschied von der Politik sieht er gelassen entgegen. Die Wahlplakate hängen inzwischen überall im Land, ob die von der SPD langweilig sind oder die der Grünen mit den falschen Masken durchfallen – Schulterzucken. Das sind die Schlachten der Nachfolger. Jetzt will der passionierte Taekwondo-Kämpfer mehr Zeit für seinen Sport haben, und mindestens dreimal die Woche zu seinen anderthalbstündigen Joggingrunden in den Weinbergen aufbrechen.

Brigitte Lösch genießt derweil die kleinen Freiheiten, die ein Abschied mit sich bringt. Ihre Nachfolgerin Petra Olschowski hat sie noch zu ihrer Abschiedstour bei den BezirksvorsteherInnen im Wahlkreis mitgenommen und vorgestellt. Den Wahlkampf müssen jetzt andere führen. Die Verabschiedung des Stuttgarter OB Fritz Kuhn wie die Amtseinsetzung des Grünen Alexander Maier als Göppinger OB hat sie ganz entspannt in der Wanne verfolgt, "im Therapiebad mit Meersalz", sagt sie lachend. Derzeit macht sie eine Ausbildung als Mediatorin, will sozialpägdagogisch arbeiten, ehrenamtlich und wieder spontan sein dürfen. In der Moserstraße hat sie ein Büro gemietet, sie nennt es BüroFrauLösch. "Ich habe viele Ideen, ich habe ein großes Netzwerk, und ich bin gespannt, was passiert", sagt sie.


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1 Kommentar verfügbar

  • Wolfgang Jaworek
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Danke für dieses respektvolle Porträt von Brigitte Lösch, das zeigt, dass Politik auch nur von Menschen gemacht wird — und am besten von solchen wie Brigitte. Der Name Lösch hat mein politisches Leben viele Jahre begleitet: von der Unterstützung meiner Betriebsratsarbeit durch ihren Vater Karl von…
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