Dabei bin ich immer wieder erstaunt, wie krass manche Menschen eigentlich sind, was sie leisten und überleben können. Alleine schon, wie sich manche jahrelang durch die Wohnungslosigkeit schlagen. Ich würde jedem einmal raten, in die zentrale Notübernachtung reinzugucken: Diese Mehrbettzimmer sind wirklich unerträglich.
Viele unserer Klient:innen ohne sichere Wohnverhältnisse halten sich tagsüber in Einrichtungen wie unserer auf, bei uns im Café zum Beispiel. Wegen der Kürzungen machen wir das Café jetzt einen Tag pro Woche weniger auf. Dienstag ist zu. Klingt auch nicht so viel, für die Menschen ist das aber schlimm, für sie fällt jetzt ein Angebot weg, das sie normalerweise sieben Tage die Woche gewohnt sind: ein Tee umsonst, ein Kaffee für 70 Cent, ein Frühstück für zwei Euro, ein vergleichsweise sicherer Aufenthaltsort. Der Dienstag ist auch der neue Schließtag der Tagesstätten der Wohnungsnotfallhilfe. Das ist natürlich kein Zufall, sondern schon überlegt gewesen. Die Idee dahinter ist, wieder Sichtbarkeit hinzukriegen und mit den Klient:innen vielleicht vors Rathaus zu gehen und zu sagen: So, unsere Einrichtung ist heute zu, was machen wir jetzt?
Natürlich möchten die Träger niemanden entlassen, dann wird angeboten, freiwillig zu reduzieren. Wir sind 13 Sozialarbeitende plus ein FSJ-ler, das merkst du dann schon. Viele arbeiten in Teilzeit hier, und wir stehen tatsächlich vor der Situation, im Herbst eine ganze Stelle nicht neu zu besetzen. Ich arbeite momentan noch 80 Prozent. Ich habe 40 Klient:innen in der Beratung und bin auch fürs Café und Streetwork zuständig. Die Menschen kommen in allen möglichen Situationen zu mir: akute Psychosen, gerade frisch aus der Wohneinrichtung geflogen, Intoxikationen, Suizid, Entzug.
Wer kein Geld hat, bleibt krank
Wenn man ein bisschen rauszoomt, nimmt man in ganz Deutschland den sozialen Abbau wahr. Ich glaube, es ist auch deshalb so frustrierend, weil wir die sind, die es an die Menschen ranbringen müssen, obwohl wir nicht die Entscheidungsträger sind und auch anders entscheiden würden. Die Bedarfe wachsen ja. Wenn man real drauf guckt, bräuchten wir einen Ausbau des sozialen Bereichs. Aber das Gegenteil passiert. Dabei werden Lebensmittel teurer, Mieten steigen, Menschen haben weniger Geld, Lebensrealitäten werden prekärer – und dann die Rechtsentwicklung, die zunehmend konservativen Forderungen wie zum Beispiel die Verschärfungen beim Bürgergeld. Auch wir nehmen einen Anstieg an psychischen Krisen wahr. Unser Gesundheitssystem wird mehr abgebaut als ausgebaut. Menschen kommen akut suizidal, akut psychotisch oder akut sonst was in die Klinik, und zwei Tage später werden sie entlassen und stehen dann hier bei uns.
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