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Kürzungen bei der Suchthilfe

"Mehr Wut"

Kürzungen bei der Suchthilfe: "Mehr Wut"
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Die Suchthilfeeinrichtung Release in Stuttgart wird künftig mit weniger Geld auskommen müssen. Zehn Prozent der städtischen Förderung fallen weg, weil die Stadt spart. Sophie Holzapfel ist Sozialarbeiterin und erzählt, was das für die bedeutet, die sowieso schon gezeichnet sind.

Als Sozialarbeiterin bei Release mache ich Suchtberatung für Menschen in Substitution – das heißt, für Menschen, die abhängig von einem Opioid wie Heroin sind und dafür Ersatzstoffe wie Methadon bekommen. Wir arbeiten in direkter Kooperation mit der Schwerpunktpraxis für Suchtmedizin hier im Haus. Die Praxis besuchen etwa 400 bis 500 Patient:innen mit ganz unterschiedlichen Lebensrealitäten. Diesen Patient:innen steht auch unser Beratungsangebot zur Verfügung. Und weil viele von ihnen täglich zur Substitutionsvergabe hierherkommen, können sie dann auch bei uns zur Beratung vorbeischauen.

Zu uns kommen opioidabhängige Menschen, in vielen Fällen langjährig. Das reicht von Eltern, die 40 Stunden die Woche arbeiten, bis zu Menschen ohne festen Wohnsitz, die in sehr prekären Lebenssituationen oder auf der Straße leben. Wir helfen bei Anträgen, oft unterstützen wir dabei, irgendwo anzurufen: bei der Krankenkasse, dem Jobcenter und so weiter. Oft vermittle ich auch an andere Fachberatungsstellen. Wir sind für fast jedes Thema erste Ansprechperson, natürlich auch für das Thema Sucht und Konsum.

Und wir gehen auf die Straße, suchen die Szeneplätze auf – in erster Linie Hauptbahnhof, Schwabstraße und Marienstraße. Auf der Straße findet viel Krisenintervention statt. Das, was akut ist, machen wir. Eine kleine Wunde versorgen, eine Person betreuen, die eine psychische Krise hat. Wir gehen zu zweit los, wir haben Rucksäcke mit Safer-Use-Artikeln, Spritzen und Nadeln aller Art, Kondome, Erste-Hilfe-Sets, Binden und so weiter. Normalerweise sind wir zweimal die Woche rausgegangen, durch die Kürzungen der Stadt gehen wir jetzt nur noch einmal los. Das klingt erstmal nicht nach einer großen Veränderung, ist es aber. Wenn jemand krank ist, fällt Streetwork halt gleich mal die ganze Woche aus. Wir gehen zum Beispiel auch nicht mehr an die Paulinenbrücke. Es gibt dort noch zwei andere Streetworker, mit denen wir eng zusammenarbeiten, jetzt sind sie dort eben alleine. An den anderen Szeneplätzen, die wir besuchen, sind wir zum Teil das einzige Angebot des Hilfesystems.

Leben in den dunklen Ecken der Stadt

Scham und Stigmatisierung sind große Themen bei unseren Klient:innen. Die Menschen müssen sich für die Substanzen, die sie brauchen, in die Kriminalität begeben. Das allein hat schon etwas krass Stigmatisierendes. Sie sind noch dazu in den Hintergrund gedrängt und in die dunklen Ecken der Stadt. Defensive Architektur ist eine große Nummer hier in der Stuttgarter Innenstadt: also ausgeleuchtete Bahnhöfe oder Bänke, auf denen keiner mehr schlafen kann. So werden diese Leute aus dem Stadtbild an die Stadtränder verdrängt. In der Innenstadt sollen die Läden in Ruhe ihr Geld verdienen können, da stören solche Menschen nur.

Seit 1971 in Stuttgart

Release ist hervorgegangen aus einer Selbsthilfegruppe für Drogenabhängige, die sich Ende der 1960er-Jahre in London gründete. Das Angebot begann mit klassischer Rechtsberatung, als eine wachsende Zahl Menschen im England der Hippie-Ära wegen Drogenbesitzes oder -konsums vor Gerichten landete. Selbst Rolling-Stones-Sänger Mick Jagger soll damals verhaftet worden sein, er konnte sich aber, anders als viele andere, einen guten Anwalt leisten. Was als Bürgerrechtsbewegung mit der "Bust Card" begann, einer Karte mit juritischer Ersthilfe für den Fall einer Verhaftung, besteht seit 1971 auch in Stuttgart. Heute als Verein zur Beratung und Hilfe bei Sucht- und Drogenthemen, der zudem das Café Sub und den Konsumraum Kombo betreibt. Finanziert wird Release über Mittel von Stadt und Land sowie über Spenden.  (ana) 

Dabei bin ich immer wieder erstaunt, wie krass manche Menschen eigentlich sind, was sie leisten und überleben können. Alleine schon, wie sich manche jahrelang durch die Wohnungslosigkeit schlagen. Ich würde jedem einmal raten, in die zentrale Notübernachtung reinzugucken: Diese Mehrbettzimmer sind wirklich unerträglich.

Viele unserer Klient:innen ohne sichere Wohnverhältnisse halten sich tagsüber in Einrichtungen wie unserer auf, bei uns im Café zum Beispiel. Wegen der Kürzungen machen wir das Café jetzt einen Tag pro Woche weniger auf. Dienstag ist zu. Klingt auch nicht so viel, für die Menschen ist das aber schlimm, für sie fällt jetzt ein Angebot weg, das sie normalerweise sieben Tage die Woche gewohnt sind: ein Tee umsonst, ein Kaffee für 70 Cent, ein Frühstück für zwei Euro, ein vergleichsweise sicherer Aufenthaltsort. Der Dienstag ist auch der neue Schließtag der Tagesstätten der Wohnungsnotfallhilfe. Das ist natürlich kein Zufall, sondern schon überlegt gewesen. Die Idee dahinter ist, wieder Sichtbarkeit hinzukriegen und mit den Klient:innen vielleicht vors Rathaus zu gehen und zu sagen: So, unsere Einrichtung ist heute zu, was machen wir jetzt?

Natürlich möchten die Träger niemanden entlassen, dann wird angeboten, freiwillig zu reduzieren. Wir sind 13 Sozialarbeitende plus ein FSJ-ler, das merkst du dann schon. Viele arbeiten in Teilzeit hier, und wir stehen tatsächlich vor der Situation, im Herbst eine ganze Stelle nicht neu zu besetzen. Ich arbeite momentan noch 80 Prozent. Ich habe 40 Klient:innen in der Beratung und bin auch fürs Café und Streetwork zuständig. Die Menschen kommen in allen möglichen Situationen zu mir: akute Psychosen, gerade frisch aus der Wohneinrichtung geflogen, Intoxikationen, Suizid, Entzug.

Wer kein Geld hat, bleibt krank

Wenn man ein bisschen rauszoomt, nimmt man in ganz Deutschland den sozialen Abbau wahr. Ich glaube, es ist auch deshalb so frustrierend, weil wir die sind, die es an die Menschen ranbringen müssen, obwohl wir nicht die Entscheidungsträger sind und auch anders entscheiden würden. Die Bedarfe wachsen ja. Wenn man real drauf guckt, bräuchten wir einen Ausbau des sozialen Bereichs. Aber das Gegenteil passiert. Dabei werden Lebensmittel teurer, Mieten steigen, Menschen haben weniger Geld, Lebensrealitäten werden prekärer – und dann die Rechtsentwicklung, die zunehmend konservativen Forderungen wie zum Beispiel die Verschärfungen beim Bürgergeld. Auch wir nehmen einen Anstieg an psychischen Krisen wahr. Unser Gesundheitssystem wird mehr abgebaut als ausgebaut. Menschen kommen akut suizidal, akut psychotisch oder akut sonst was in die Klinik, und zwei Tage später werden sie entlassen und stehen dann hier bei uns.

Vor allem finanziell schwächere Menschen werden immer weiter und weiter in den Hintergrund gedrängt. Viele Menschen, die hierherkommen, leben in Armut, und natürlich hängt das zusammen mit psychischer Gesundheit und andersrum. Armut macht krank, das zeigen ja auch Studien. Natürlich auch ein Thema: Therapieplätze. Wenn Psychotherapeut:innen nun tatsächlich weniger verdienen sollten, werden sie mehr Privatzahler:innen behandeln, was bedeutet, man muss Geld haben, um sich Gesundheit leisten zu können, und wer das nicht hat, bleibt halt krank. Das ist leider das Spiel. Man darf nicht nur diese zehn Prozent Kürzungen bei uns betrachten, sondern was alles mit dranhängt und einhergeht.

Die Stadt Stuttgart hat solche Gelben Karten für Kritik, Beschwerden und Ideen, die haben wir ausgedruckt und an unsere Klient:innen verteilt. Wir versuchen, sie zu ermutigen sich zu beschweren, laut zu sein und ihre Stimme zu erheben. Hier sammeln wir die Karten und bringen sie dann zur Stadt. Es ist traurig, was teilweise da draufsteht. Man merkt, dass die Menschen es gewohnt sind, dass sie in dieser profitorientierten Gesellschaft immer an letzter Stelle stehen werden.

Die Mittelkürzungen haben uns nicht nur Geld, Kapazität und Stellenanteile weggenommen, sie haben uns noch eine Aufgabe on top gebracht: Wir müssen sehr viel mehr planen, wie wir im Alltag denn nun praktisch damit umgehen. Das ist alles zusätzliche Arbeit, die obendrauf kommt zu eh schon viel Arbeit für das, was wir an Mitteln haben.

Auch unser Berufsstand wird dadurch krass abgewertet. Vielleicht sind wir auch viel zu bescheiden. Nach dem Motto: lieber vorsichtig mit dem Geld umgehen, dass die Stadt uns noch gibt, uns mit der Stadt gut stellen, die finanzieren uns ja, lieber nochmal danke sagen. Ich würde mir viel mehr Wut von Sozialarbeitenden wünschen. Viel mehr Politisierung und ein bisschen mehr Systemkritik. Die Lebensrealitäten unserer Klient:innen lassen es oft nicht zu sich zu wehren. Deshalb haben wir Sozialarbeitenden den politischen Auftrag, Sprachrohr unserer Adressat:innen zu sein. Aber wir sind noch viel zu leise.

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