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Unsichere Atomkraft

Uralt und an der Grenze

Unsichere Atomkraft: Uralt und an der Grenze
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Kurz vor dem Jahrestag des Fukushima-GAUs am 11. März 2011, kündigt die EU eine neue Atomkraft-Strategie mit Mini-Reaktoren an. "Eine absurde Vorstellung", meint Wolfgang Renneberg, Experte für Reaktorsicherheit, zu Kleinkraftwerken. Ein Gespräch über Notfallplanungen und Uralt-AKWs an der Schweizer Grenze zu Baden-Württemberg.

Herr Renneberg, der deutsche Nachbar Schweiz lebt unverändert im Atomzeitalter. Die insgesamt vier AKWs liegen an der Grenze zu Deutschland und sind sehr alt — das vor 56 Jahren gebaute AKW Beznau 1 ist das älteste der Welt. Gilt die Regel: Je älter umso gefährlicher?

Atomkraftwerke altern in mehrfacher Hinsicht. Das Material, insbesondere die hochbelasteten Rohrleitungen im Primärkreis und die Ventile dort, die Dampferzeuger und der Reaktordruckbehälter verlieren ihre Zähigkeit. Die Wanddicken von Rohrleitungen verringern sich an kritischen Stellen. Das Risiko von gefährlichen Lecks vergrößert sich. Die Alterung betrifft auch elektrische Steuerungs- und Versorgungssysteme. In der Vergangenheit gab es deshalb beispielsweise bereits Kabelbrände. Ebenso altern elektronische verlötete Schaltkarten. Damit wächst das Risiko von Schaltungsfehlern, die im Zusammenwirken mit anderen Fehlern unabsehbare Folgen für den Betrieb der Anlage haben können.

Kann denn das alles überhaupt ständig überprüft werden?

Da sprechen Sie einen wunden Punkt an. In konzeptionell alten Kernkraftwerken wurden Rohrleitungen, die unter hohen Belastungen stehen, teilweise so konstruiert, dass sie gar nicht ausreichend geprüft werden können. Damit fällt zusätzlich eine Sicherheitsbarriere aus. Betreiber und Aufsichtsbehörden können auf konkrete Schädigungen möglicherweise nicht rechtzeitig reagieren.

Das Argument der Atomenergie-Anhänger lautet dagegen: Auch alte Anlagen werden immer sicherer, da sie mit Nachrüstungen, die technisch auf der jeweiligen Höhe der Zeit sind, immer besser werden. Stimmt das?

Wolfgang Renneberg ist Hochschullehrer, Physiker und Jurist und gilt als einer der renommiertesten Experten für Reaktorsicherheit. Von 1998 bis 2009 leitete er die Atomaufsicht im Bundesumweltministerium (BMU). Anschließend war er als Gutachter und Sachverständiger tätig. Zwischen 2012 und 2015 wirkte er als Professor am österreichischen Institut für Risiko- und Sicherheitswissenschaften in Wien. Heute gehört er dem Vorstand des deutschen Öko-Instituts an. (red)

Nein. Die Alterung der Hauptkomponenten eines Reaktors schreitet unaufhaltsam voran. Sie können nicht ausgewechselt werden. Zum anderen werden Nachrüstungen notwendig, weil gravierende Defizite erst nach der Genehmigung entdeckt werden. Ich beschreibe das gerne mit diesem Bild: Wenn ein zunächst unbemerktes Loch im Pullover gestopft wird, wird der Pullover damit nicht qualitativ besser als es der Käufer beim Kauf vorausgesetzt hat. Nicht selten kommt es auch vor, dass mit Nachrüstungen neue Fehler eingebaut wurden. Beispielsweise wurden bei einer notwendigen Stabilisierung von Rohrleitungen flächendeckend Dübel falsch montiert. Rohrleitungen und andere Sicherheitskomponenten waren dadurch nicht ausreichend fest in den Wänden verankert. Bei einem anderen Kraftwerk wurden nah am Reaktordruckbehälter Leitungsführungen so geändert, dass sich in einer Leitung freier Wasserstoff ansammeln konnte. Die Explosion war so heftig, dass die Erschütterungen im Kraftwerksgebäude bis in den Kontrollraum spürbar waren. Eine Rohrleitung aus festem Stahl in unmittelbarer Nähe des Reaktordruckbehälters war vollständig zerstört worden.

Erreichen AKWs ein Alter, in dem sie einfach abgeschaltet werden müssen, weil sie grundsätzlich zu unsicher geworden sind?

Sie müssen davon ausgehen: Kernkraftwerke, die heute seit 40 Jahren produzieren, basieren auf technischen Konzepten, die 50 bis 60 Jahre alt sind. In diesen sechs Jahrzehnten hat sich die Welt der Atomtechnik grundlegend geändert. Das betrifft die Bauweise der Anlagen, die Anzahl der implementierten Sicherheitssysteme, ihre Güte, ihre Diversität und ihre Unabhängigkeit voneinander. Es geht auch um die Qualität des Brandschutzes — zwischen damals und heute liegen Welten. 

Nun gibt es in der Schweiz neben Beznau 1 auch noch den Schwesterreaktor Beznau 2. Er ist 53 Jahre alt. Dennoch will die Betreiberin Axpo ihn noch fünf bis acht Jahre weiterlaufen lassen. Welche Gefahren gehen von diesen Werken für Baden-Württemberg und für Deutschland aus?

Beznau 2 unterscheidet sich von Beznau 1 nicht wesentlich. Die Sicherheitskonzepte dieser Anlagen sind fast 70 Jahre alt. Die Alterung ihrer Bauteile ist weit fortgeschritten. Ich führe hier nur einige Beispiele auf: Die bauliche und räumliche Trennung elektrischer Kabel ist nicht ausreichend. Dadurch können Sicherheitssysteme bei einem Störfall ausfallen. Die Anforderungen der Basissicherheit der druckführenden Rohre und Ventile im Primärkreis sind nicht erfüllt. Wichtige Rohrleitungsbereiche im Primärkreis sind nur ungenügend prüfbar. Die Folge: Mögliche Alterungsschäden oder sonstige Fehler bleiben verborgen. Und weiter: Sicherheitssysteme sind voneinander nicht ausreichend unabhängig. Insoweit kann der Ausfall eines Sicherheitssystems möglicherweise nicht durch ein anderes aufgefangen werden. Und: Die Erdbebenauslegung entspricht nicht den Anforderungen, die man nach dem Stand von Wissenschaft und Technik stellen und einhalten müsste. Mein letzter Punkt: Der Schutz gegen Hochwasser ist nicht ausreichend nachgewiesen.

Welche Schlüsse ziehen Sie aus dieser Diagnose?

Beznau 1 und Beznau 2 würden heute von keiner europäischen Behörde mehr genehmigt werden. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an eine jüngere Studie, die noch einmal gezeigt hat, dass bei einem Kernkraftwerksunfall in der Schweiz die deutschen Nachbarregionen von der Ausbreitung der Radioaktivität zum Teil stärker betroffen sein können als die Schweiz selbst. 

Es gibt in der Schweiz noch einen Reaktor, in Gösgen. Der ist "nur" 47 Jahre alt, er steht seit Mai 2025 still, rissanfällige Dampferzeuger-Heizrohre sind sein Markenzeichen. Bei ihm gibt es Sicherheitsrisiken im Kühlkreislauf. Risiken, die bereits seit seiner Inbetriebnahme im Jahr 1976 den Schweizer Behörden bekannt sind. Wenn es seit Jahrzehnten diese Risiken gibt, ohne dass je etwas passiert ist, dann sagt das auch: Vielleicht ist dieses ewige "Gewarne" übertrieben?

Ein Auto mit einem Einkreis-Bremssystem kann das ganze Autoleben lang möglicherweise ohne Probleme fahren. Trotzdem ist das Risiko, dass die Bremse im kritischen Fall vollständig versagt, deutlich höher als bei einem Auto mit zwei unabhängigen Bremskreisläufen. Real ist also: Das Risiko, dass es zu Schäden kommen kann, ist deutlich erhöht. Und wenn es bei Atomkraftwerken zu Schäden kommt, dann sind sie dramatisch. 

Wie beurteilen Sie den Reaktor in Gösgen?

Mit 47 Jahren gehört auch Gösgen zu den alten Kernkraftwerken. Der technische Prüfungshorizont in atomrechtlichen Genehmigungsverfahren reicht maximal 30 bis 40 Jahre weit. Es wäre eine Weiterbetriebsgenehmigung notwendig. Aber eine solche Überprüfung würden die Betreiber mit ihrem AKW in Gösgen nicht überstehen.

Hat sich die grüne und damit im Prinzip atomkritische Landesregierung unter Winfried Kretschmann je um diese Gefahren gekümmert?

Ob die Landesregierung Baden-Württemberg genug gemacht hat, kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall hat sie in der Vergangenheit mehrfach die Stilllegung der KKW Beznau gefordert. Zu einzelnen technischen Fragen der Schweizer KKW hat sie Fachgutachten zu Sicherheitsdefiziten in Auftrag gegeben und der Schweizer Atomaufsicht ENSI zur Verfügung gestellt. Das baden-württembergische Landesumweltministerium nahm regelmäßig teil an der Deutsch-Schweizerischen Kommission (DSK), in der Fragen der Sicherheit besprochen wurden. Dort hat die Baden-Württembergische Atomaufsicht auch ihre Kritik an den Sicherheitsmängeln der Schweizerischen Kernkraftwerke formuliert.

Gibt es denn für die deutschen Gebiete Notfallplanungen?

Katastrophenschutz ist eine Aufgabe der Bundesländer. Jedes Land hat einen Notfallplan für den Fall eines kerntechnischen Unfalls. Ob und wie wirksam diese Pläne in Ernstfall sind, kann man nur schwer voraussagen. Den Anspruch eines auch nur ansatzweise vollständigen Schutzes der Bevölkerung haben sie nicht. In den Plänen ist teilweise vorgesehen, besonders betroffene Gebiete unmittelbar nach dem Auftreten des Unfalls innerhalb von Stunden zu evakuieren.

Hält das jemand für machbar?

Ich halte das für illusorisch. Stellen Sie sich vor: Sobald die Nachricht von einem Atomkraftwerksunfall die Menschen erreicht, können schnell chaotische Zustände entstehen, weil sich viele Menschen sofort ins Auto setzen. Die Straßen verstopfen. Wenn die radioaktive Wolke sie im Stau erwischt, sind sie schutzloser als in ihrer Wohnung oder ihrem Haus. Eine kurzfristige Evakuierung käme nur dann in Betracht, wenn die Wetterlage es ausschlösse, dass die radioaktive Wolke die Region über eine längere Zeit nicht erreicht. 

Wie wird denn in der Schweiz über Atomkraft diskutiert?

Das Schweizer Kernenergiegesetz schließt den Neubau von Kernkraftwerken aus. Dieser Ausschluss erfolgte nach einer Volksabstimmung. Jetzt werden jedoch parlamentarische Vorbereitungen getroffen, um das im Kernenergiegesetz verankerte Verbot für neue Rahmenbewilligungen zu streichen und Kernkraftwerke wieder zuzulassen. 

Was sind denn die Argumente für neue Atomkraftwerke in der Schweiz?

Als Grund wird angegeben, man wolle damit die "Technologieoffenheit" herstellen, um die langfristige Versorgungssicherheit und die Klimaziele (Netto-Null 2050) zu gewährleisten. Und: Die Weltlage (Ukraine-Krieg, Strommangellage) seit 2017 habe sich drastisch verändert. Und aus all diesen Gründen könne es sich die Schweiz nicht leisten, auf eine CO2-arme Technologie zu verzichten.

Wird dabei auch über die enormen Kosten der Atomenergie debattiert? Erneuerbare Energien sind ja in Errichtung und Betrieb ungleich billiger und es gibt zudem keine Entsorgungsprobleme.

Die Schweizer Energieunternehmen haben bereits klargestellt, dass sie nicht auf eigenes finanzielles Risiko neue Groß-AKWs bauen werden. Die Investitionskosten — geschätzt 15 bis 25 Milliarden Franken pro Werk — und die langen Planungszeiten seien am freien Markt nicht tragbar. Die deutschen Energieunternehmen haben sich ähnlich geäußert. Sie haben klargestellt, dass die Erneuerbaren ökonomisch gesehen faktisch gewonnen haben. Die Sozialdemokraten und die Grünen in der Schweiz haben bereits angekündigt, ein Referendum zu starten, sobald das Parlament die Änderung des Kernenergiegesetzes verabschiedet. Ein Referendum ist die Möglichkeit, eine Volksabstimmung gegen ein bereits verabschiedetes Gesetz zu beantragen. Es ist also insgesamt sehr fraglich, ob in der Schweiz zukünftig wieder Kernkraftwerke gebaut werden.

Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IAE) kommt es weltweit zu einem Comeback der Atomenergie. Mehr als 40 Länder verfolgten konkrete Pläne zum Ausbau der Atomkraft und wollen die weltweite Kernkraftkapazität bis 2050 verdreifachen. Wie kann es zu einer solchen Renaissance kommen?

Die nackten Zahlen sprechen eine andere Sprache als die IAE. Der Kernenergie-Boom, soweit davon überhaupt gesprochen werden kann, ist vorbei. Es gehen im Trend mehr Anlagen vom Netz als neue Anlagen in Betrieb. Trotz der immer wieder beschworenen Renaissance der Kernenergie sinkt der Anteil der Kernenergie am globalen Strommix kontinuierlich: von etwa 17,5 Prozent im Jahr 1996 auf heute nur noch etwa neun Prozent. Wenn überhaupt, dann wächst die Kernenergie lediglich in China, Russland und Indien. 

Dann haben faktisch die Erneuerbaren Energien, wie Sie eben sagten, gewonnen. 

Im Jahr 2024 wurde mit dem Zuwachs der Erneuerbaren so viel elektrische Leistung geschaffen, wie sie etwa 500 Kernkraftwerken mit 1000 MW entspricht. Solch ein Leistungszuwachs wäre mit Kernkraftwerken undenkbar. Die Prognosen der IAE spiegeln nur Wunschvorstellungen der Atomlobby wider. Das war schon in der Vergangenheit so. 

Es heißt, es gebe bald neue Kraftwerksgenerationen, Kleinreaktoren und Fusionsmaschinen. Die seien viel billiger und auch sicherer. Präsident Macron hatte 2021 die Fertigstellung eines ersten französischen Kleinreaktors (SMR) bis zum Ende des Jahrzehnts versprochen. Er nannte es "Réinventer le nucléaire". Was ist an diesen Versprechen dran?

Es ist völlig spekulativ, vorherzusagen, wann es mal den Prototyp eines französischen Kleinreaktors gibt. Schauen wir mal auf die Lage in Frankreich: Die staatliche Elektrizitätsgesellschaft EDF ist mit über 60 Milliarden Euro hoch verschuldet. Der Grund für diese Überschuldung: Massive Kostenüberschreitungen bei Neubauprojekten wie dem EPR, ungeplante Langzeit-Stillstände der alternden Kraftwerksflotte wegen Korrosionsschäden und die politisch erzwungene Abgabe von billigem Atomstrom haben das Unternehmen an den Rand des finanziellen Kollapses gebracht.

Und was bringt die neue Generation der Small Nuclear Reactors? Wird es diese SMRs denn überhaupt irgendwann einmal geben?

Die geplanten Small Nuclear Reactors sind zum großen Teil weder small noch smart. Entgegen allen anderen Aussagen machen sie ein Endlager nicht überflüssig. Darüber hinaus benötigten sie eine Infrastruktur zur Wiederaufarbeitung der radioaktiven Stoffe. Zurzeit gibt es jedenfalls kein einziges Atomkraftwerk-Konzept, das diese Eigenschaften demonstriert hat, technisch sowie finanziell machbar ist und beantragt werden könnte. Das wird sich in den nächsten Jahren nicht ändern. Und: Selbst wenn man davon ausginge, diese Reaktoren würden demnächst baureif werden, müssten weltweit viel mehr als 10.000 solcher Reaktoren gebaut werden, damit die Kernenergie einen nennenswerten Anteil an der CO2-Vermeidung hätte. Das ist eine absurde Vorstellung.


Das Gespräch ist in ungekürzter Version zuerst auf "Bruchstücke – Blog für konstruktive Radikalität" erschienen. 

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