Gibt es denn für die deutschen Gebiete Notfallplanungen?
Katastrophenschutz ist eine Aufgabe der Bundesländer. Jedes Land hat einen Notfallplan für den Fall eines kerntechnischen Unfalls. Ob und wie wirksam diese Pläne in Ernstfall sind, kann man nur schwer voraussagen. Den Anspruch eines auch nur ansatzweise vollständigen Schutzes der Bevölkerung haben sie nicht. In den Plänen ist teilweise vorgesehen, besonders betroffene Gebiete unmittelbar nach dem Auftreten des Unfalls innerhalb von Stunden zu evakuieren.
Hält das jemand für machbar?
Ich halte das für illusorisch. Stellen Sie sich vor: Sobald die Nachricht von einem Atomkraftwerksunfall die Menschen erreicht, können schnell chaotische Zustände entstehen, weil sich viele Menschen sofort ins Auto setzen. Die Straßen verstopfen. Wenn die radioaktive Wolke sie im Stau erwischt, sind sie schutzloser als in ihrer Wohnung oder ihrem Haus. Eine kurzfristige Evakuierung käme nur dann in Betracht, wenn die Wetterlage es ausschlösse, dass die radioaktive Wolke die Region über eine längere Zeit nicht erreicht.
Wie wird denn in der Schweiz über Atomkraft diskutiert?
Das Schweizer Kernenergiegesetz schließt den Neubau von Kernkraftwerken aus. Dieser Ausschluss erfolgte nach einer Volksabstimmung. Jetzt werden jedoch parlamentarische Vorbereitungen getroffen, um das im Kernenergiegesetz verankerte Verbot für neue Rahmenbewilligungen zu streichen und Kernkraftwerke wieder zuzulassen.
Was sind denn die Argumente für neue Atomkraftwerke in der Schweiz?
Als Grund wird angegeben, man wolle damit die "Technologieoffenheit" herstellen, um die langfristige Versorgungssicherheit und die Klimaziele (Netto-Null 2050) zu gewährleisten. Und: Die Weltlage (Ukraine-Krieg, Strommangellage) seit 2017 habe sich drastisch verändert. Und aus all diesen Gründen könne es sich die Schweiz nicht leisten, auf eine CO2-arme Technologie zu verzichten.
Wird dabei auch über die enormen Kosten der Atomenergie debattiert? Erneuerbare Energien sind ja in Errichtung und Betrieb ungleich billiger und es gibt zudem keine Entsorgungsprobleme.
Die Schweizer Energieunternehmen haben bereits klargestellt, dass sie nicht auf eigenes finanzielles Risiko neue Groß-AKWs bauen werden. Die Investitionskosten — geschätzt 15 bis 25 Milliarden Franken pro Werk — und die langen Planungszeiten seien am freien Markt nicht tragbar. Die deutschen Energieunternehmen haben sich ähnlich geäußert. Sie haben klargestellt, dass die Erneuerbaren ökonomisch gesehen faktisch gewonnen haben. Die Sozialdemokraten und die Grünen in der Schweiz haben bereits angekündigt, ein Referendum zu starten, sobald das Parlament die Änderung des Kernenergiegesetzes verabschiedet. Ein Referendum ist die Möglichkeit, eine Volksabstimmung gegen ein bereits verabschiedetes Gesetz zu beantragen. Es ist also insgesamt sehr fraglich, ob in der Schweiz zukünftig wieder Kernkraftwerke gebaut werden.
Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IAE) kommt es weltweit zu einem Comeback der Atomenergie. Mehr als 40 Länder verfolgten konkrete Pläne zum Ausbau der Atomkraft und wollen die weltweite Kernkraftkapazität bis 2050 verdreifachen. Wie kann es zu einer solchen Renaissance kommen?
Die nackten Zahlen sprechen eine andere Sprache als die IAE. Der Kernenergie-Boom, soweit davon überhaupt gesprochen werden kann, ist vorbei. Es gehen im Trend mehr Anlagen vom Netz als neue Anlagen in Betrieb. Trotz der immer wieder beschworenen Renaissance der Kernenergie sinkt der Anteil der Kernenergie am globalen Strommix kontinuierlich: von etwa 17,5 Prozent im Jahr 1996 auf heute nur noch etwa neun Prozent. Wenn überhaupt, dann wächst die Kernenergie lediglich in China, Russland und Indien.
Dann haben faktisch die Erneuerbaren Energien, wie Sie eben sagten, gewonnen.
Im Jahr 2024 wurde mit dem Zuwachs der Erneuerbaren so viel elektrische Leistung geschaffen, wie sie etwa 500 Kernkraftwerken mit 1000 MW entspricht. Solch ein Leistungszuwachs wäre mit Kernkraftwerken undenkbar. Die Prognosen der IAE spiegeln nur Wunschvorstellungen der Atomlobby wider. Das war schon in der Vergangenheit so.
Es heißt, es gebe bald neue Kraftwerksgenerationen, Kleinreaktoren und Fusionsmaschinen. Die seien viel billiger und auch sicherer. Präsident Macron hatte 2021 die Fertigstellung eines ersten französischen Kleinreaktors (SMR) bis zum Ende des Jahrzehnts versprochen. Er nannte es "Réinventer le nucléaire". Was ist an diesen Versprechen dran?
Es ist völlig spekulativ, vorherzusagen, wann es mal den Prototyp eines französischen Kleinreaktors gibt. Schauen wir mal auf die Lage in Frankreich: Die staatliche Elektrizitätsgesellschaft EDF ist mit über 60 Milliarden Euro hoch verschuldet. Der Grund für diese Überschuldung: Massive Kostenüberschreitungen bei Neubauprojekten wie dem EPR, ungeplante Langzeit-Stillstände der alternden Kraftwerksflotte wegen Korrosionsschäden und die politisch erzwungene Abgabe von billigem Atomstrom haben das Unternehmen an den Rand des finanziellen Kollapses gebracht.
Und was bringt die neue Generation der Small Nuclear Reactors? Wird es diese SMRs denn überhaupt irgendwann einmal geben?
Die geplanten Small Nuclear Reactors sind zum großen Teil weder small noch smart. Entgegen allen anderen Aussagen machen sie ein Endlager nicht überflüssig. Darüber hinaus benötigten sie eine Infrastruktur zur Wiederaufarbeitung der radioaktiven Stoffe. Zurzeit gibt es jedenfalls kein einziges Atomkraftwerk-Konzept, das diese Eigenschaften demonstriert hat, technisch sowie finanziell machbar ist und beantragt werden könnte. Das wird sich in den nächsten Jahren nicht ändern. Und: Selbst wenn man davon ausginge, diese Reaktoren würden demnächst baureif werden, müssten weltweit viel mehr als 10.000 solcher Reaktoren gebaut werden, damit die Kernenergie einen nennenswerten Anteil an der CO2-Vermeidung hätte. Das ist eine absurde Vorstellung.
Das Gespräch ist in ungekürzter Version zuerst auf "Bruchstücke – Blog für konstruktive Radikalität" erschienen.
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