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Der Bruder der Kryptoqueen

Ignatov in den Epstein-Akten

Der Bruder der Kryptoqueen: Ignatov in den Epstein-Akten
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Was haben Prinz Andrew, Kronprinzessin Mette Marit, Bill Gates, Bill Clinton, Donald Trump und Konstantin Ignatov gemeinsam? Ihre Namen tauchen in den Epstein-Dokumenten auf. Wobei der Bruder der weltweit gesuchten Kryptoqueen Ruja Ignatova nur das Pech hatte, zur selben Zeit wie Epstein in einem New Yorker Gefängnis zu sitzen.

Seine Schwester wird vom FBI als eine der zehn meistgesuchten Verbrecher:innen geführt: Ruja Ignatova, in Schramberg im Schwarzwald aufgewachsen, gründete 2013 die angebliche Kryptowährung OneCoin. Ein milliardenschwerer Schwindel im Schneeballsystem, auf den weltweit mindestens 3,5 Millionen Menschen hereinfielen. Konstantin Ignatov war nach dem Untertauchen seiner Schwester im Oktober 2017 das Gesicht von OneCoin. Er reiste um die Welt, nach Uganda, Brasilien, Südostasien, und bewarb die angebliche Kryptowährung. 

Doch 2017 hatten auch schon in mehreren Staaten Ermittlungen wegen des gigantischen Schwindels begonnen. Nach einem Treffen mit OneCoin-Vermarktern in Las Vegas wurde Ignatov im Februar 2019 am Flughafen von Los Angeles von Beamten der US-Polizeibehörde FBI verhaftet. Kurz darauf saß er im berüchtigten Gefängnis MCC in New York, dem Metropolitan Correctional Center.

In ebendiesen Knast steckten die New Yorker Justizbehörden am 6. Juli 2019 den Immobilien-Millionär und mutmaßlichen Mädchenhändler Jeffrey Epstein. Deshalb taucht Konstantin Ignatov in den drei Millionen bisher veröffentlichten Akten mehrfach auf. In einer Mail an Kontext schreibt er aber, er habe "nie was mit Epstein zu tun" gehabt. Das scheint auch zu stimmen. Und dennoch ist es interessant, in den Epstein-Files nach ihm zu forschen. Man erfährt etwas über den Knastalltag in jenem Sommer 2019 und über das amerikanische Justizsystem. Kontext hat sich mit Ignatov über seine "Verbindung" zu Epstein und den Dokumenten ausgetauscht.

Ignatovs Akten sollen Epsteins Anwälten helfen

In einer Mail vom 11. Juli 2019 schreibt ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin des Bezirksstaatsanwalts des südlichen Distrikts von New York: "P.S. wie von (Name geschwärzt) gewünscht, hat man das Protokoll der Kautionsanhörung von Konstantin Ignatova (sic!) erhalten und dem Epstein-Team zur Verfügung gestellt."

Weshalb interessieren sich Epsteins Anwälte für ein solches Protokoll? Ignatov schreibt dazu, Epstein sei ja kurz zuvor festgenommen worden. Die Epstein-Anwälte hätten sich "einen Haufen Dokumente zukommen lassen, in denen es um Anhörungen für Entlassung auf Kaution ging, bei denen die Staatsanwaltschaft 'Fluchtgefahr' angebracht hat". 

Warum war Ignatovs Fall interessant? Ignatov saß zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Monate in Haft. Er hatte zunächst seine Unschuld beteuert, hatte 20 Millionen Dollar als Kaution angeboten, wollte auf PC und Internet verzichten, war bereit, eine elektronische Fußfessel zu tragen, nur um frei zu kommen. Doch ein Richter hatte die Kaution abgelehnt, unter anderem mit der Begründung, die 20 Millionen stammten ja von den OneCoin-Opfern: Am Ende würden sie damit seine Kaution bezahlen.

Ignatov betont in seiner Mail an Kontext, Epsteins Team, nicht Epstein selbst habe angefragt, wie die Kautions-Anhörung lief. Die Anwälte wollten auch keine Beweismittel oder Informationen in seinem Fall sammeln, sondern brauchten die Akten, "um ihren eigenen Fall vorzubereiten". Im US-Justizsystem kommt es sehr auf frühere Entscheidungen von Gerichten an. Deshalb suchen die Anwälte nach Präzedenzfällen, die sie bei Anhörungen nutzen können. "Mein Anwalt hat dem ganzen zugestimmt, weil das Anwälte in den Staaten immer machen, damit sie später selbst unbegrenzt Zugriff haben", schreibt Ignatov. Es sei bei der ganzen Geschichte nie um ihn gegangen.

Weitere Fragen zum damaligen Knastalltag, und wie die Häftlinge und die Gefängnisleitung auf den Tod Epsteins reagiert haben, wollte Ignatov nicht beantworten. Darauf habe er "natürlich Antworten, wer weiß, vielleicht mal in Buchform".

Andere Akten mit Ignatovs Namen

Ignatovs Name taucht noch an einigen weiteren Stellen auf. In einem Dokument wird Ignatov an einen US-Marshal übergeben. An diesem 29. Juli 2019 hatte er wahrscheinlich einen Gerichtstermin. Unmittelbar danach taucht in diesem Dokument EFTA00120652 ein Papier zu Epstein auf: Unter der Überschrift "Inmate History" listet das MCC genau auf, wann Epstein in diesem Gefängnis in welchem Trakt, in welcher Zelle und in welchem Bett untergebracht war. Das reicht vom Tag seiner Festnahme am 6. Juli bis zu seinem Tod am 10. August 2019. Am 8. August, also zwei Tage vor seinem Tod, werden sowohl Ignatov als auch Epstein in einer "Out-Count"-Liste aufgeführt.

In einer weiteren Akte, die die Geldzuflüsse und Epsteins Einkäufe im Knast dokumentiert, taucht Ignatov im "Daily Lieutenant’s Log", dem Diensttagebuch des Gefängnisses auf: Dass er morgens um 9.20 Uhr zum Gericht gebracht und abends um 5.33 Uhr wieder zurückkam. Neben Konstantin Ignatov findet sich auch ein anderer prominenter Name aus dem innersten Zirkel von OneCoin in den Epstein-Files: Karl Sebastian Greenwood. Der Miterfinder von OneCoin und zeitweilige Geliebte von Ruja Ignatova saß ebenfalls im MCC ein. Deshalb findet sich sein Name in den Akten. Zum Beispiel auf der Häftlingsliste vom 3. August 2019. Das ist wenig spektakulär. 

Interessant allerdings ist, dass die Zustände im MCC in den Greenwood-Gerichtsakten ausführlich dokumentiert sind. Als es um das Strafmaß für den gebürtigen Schweden Greenwood ging, haben seine Anwälte auf eine mildere Strafe plädiert, weil die Zustände im MCC unerträglich gewesen sein müssen. "As this Court is aware, MCC was filthy, consistently lacked hot water, plagued with infestations of roaches and rodents, and consumed by violence and rampant drug use." ("Wie dem Gericht bekannt, war das MCC schmutzig, hat regelmäßig kein heißes Wasser, war voller Kakerlaken und Ratten, voller Gewalt und Drogenmissbrauch.") Weiter haben die Anwälte ausgeführt, dass der ständige Personalmangel auch beim medizinischen Personal dazu geführt habe, dass die Gefangenen lange Zeit leiden mussten, bevor sie eine Behandlung bekamen. Noch vor der Covid-Pandemie habe es immer wieder "Lockdowns" im MCC gegeben, also Zeiten, in denen die Häftlinge 23 Stunden am Tag in der Zelle verbringen mussten. Die Häftlinge hätten damals auch unter Epsteins Tod zu leiden gehabt, schreiben Greenwoods Anwälte: "Jeffrey Epstein’s death in August 2019 resulted in several lockdowns." 

Ex-Agent Frank Schneider mit Wohnsitz in Luxemburg

Verständlich, dass ein weiterer wichtiger OneCoin-Mann nicht in diesen Knast einfahren wollte: der Sicherheitsmann von Ruja Ignatova und frühere Operationschef des Luxemburger Geheimdienstes Frank Schneider. Gegen Schneider besteht ein US-Haftbefehl, er saß in Frankreich in Auslieferungshaft und später in seinem Haus in Nordfrankreich mit einer elektronischen Fußfessel im Hausarrest. Ihm drohten bis zu 40 Jahre Haft in den USA.

Doch der Ex-Geheimdienstmann verstand es, sich im Mai 2024 von der Fußfessel zu lösen und unterzutauchen. Schneiders Spur führte nach Dubai, nach Bali und Neuseeland. Dort überall besaß er Immobilien. Aber niemand hat ihn je gesehen. Und vor wenigen Wochen melden luxemburgische Medien, er sei wieder in Luxemburg gemeldet. Dort findet derzeit ein Berufungsprozess um eine alte Geheimdienstaffäre statt. Darin war auch Schneider verwickelt. In diesem Zusammenhang hat das Gericht mitgeteilt, der Angeklagte Frank Schneider sei "in einem Dorf in der Gemeinde Junglinster" gemeldet, und zwar schon seit Mai 2025. 

Das Online-Magazin "Reporter.lu" zitiert Schneiders Anwalt Laurent Ries: "Do wunnt en och", da wohnt er auch. Getroffen habe er seinen Mandanten allerdings dort nicht. Er habe nur telefonischen oder digitalen Kontakt zu ihm. Maximilian Richard von "Reporter.lu" hat auch beim FBI angefragt, ob sie Schneider noch suchten. Die Antwort: "The FBI has no comment." ("Das FBI sagt nichts.")

Während Schneider also weiter gehörig auf der Hut sein muss, feiert Konstantin Ignatov am 15. Februar fröhlich seinen 40. Geburtstag in der bulgarischen Hauptstadt Sofia. Dort lebt er, seit er im März 2022 aus der Haft im MCC entlassen wurde: Der New Yorker Richter Edgardo urteilte "time served" (Strafe abgesessen), nachdem er dreieinhalb Jahre in US-Gewahrsam verbracht hatte.

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