KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Stefan Heidrich vs. AfD

Für mehr Ein-Mann-Demos!

Stefan Heidrich vs. AfD: Für mehr Ein-Mann-Demos!
|

Datum:

Fünf Jahre lang stand Stefan Heidrich zu Kreistagssitzungen des Main-Tauber-Kreises vor dem Sitzungsgebäude und protestierte gegen die AfD. Nun denkt er ans Aufhören.

Manchmal stand er da im Batik-Shirt. Während Corona mit einer regenbogenfarbenen Maske, im Winter mit dicker Jacke und Mütze, im Sommer mit Birkenstocks, oft mit Anti-Nazi-Buttons geschmückt – und immer aufrecht. 31 Mal hat Stefan Heidrich aus Lauda-Königshofen in den vergangenen fünf Jahren vor dem Sitzungsgebäude des Kreistags Main-Tauber in Tauberbischofsheim demonstriert. Immer allein: Heidrich, die Ein-Mann-Demo.

Angefangen hat er, als die AfD mit zwei Mann und der damaligen Landtagsabgeordneten Christina Baum in das Gremium einzog. Das war 2019, damals drehte sich die Welt noch anders. Krieg war etwas, das weit weg war, das Gas kam günstig aus Russland, die Fridays und ihre Massenproteste wurden noch gefeiert. Die AfD allerdings gewann bei den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg erstmals massiv an Wählerstimmen. Christina Baum saß damals seit drei Jahren im Baden-Württembergischen Landtag und hatte sich vor allem durch ihre Freundschaft zu Björn Höcke hervorgetan und ihren Einsatz für Demos in Kandel, die den Mord an einer jungen Frau für rechte Parolen instrumentalisierten und den Ort an den Rand brachten.

Ausgabe 454, 11.12.2019

Die Ein-Mann-Demo

Von Anna Hunger

Stefan Heidrich demonstriert vor jeder Sitzung des Kreistags Main-Tauber gegen die AfD-Politikerin Christina Baum und ihre Gefolgschaft. "Nein zu Hass und Hetze im Kreisparlament", steht auf dem Plakat, das er sich immer um den Hals hängt.

Beitrag lesen

Damals dachte Heidrich, Mitte fünfzig, Linker, Verantwortlicher des "Netzwerk gegen rechts Main-Tauber", dicke Ohrringe und das Herz am richtigen Fleck, er müsse da irgendwas machen. Und sei es alleine. Also bastelte er sich ein Demo-Schild: "Ich stehe hier und schäme mich, weil nach fast 75 Jahren wieder völkischer Nationalismus in den Kreistag eingezogen ist. Nein zu Hass und Hetze im Kreisparlament." Damit stellte er sich bei jeder Kreistagssitzung vor das Sitzungsgebäude. Direkt an die Tür.

Bei der AfD hieß es damals erbost, Heidrich sei ein Taugenichts, auch aus den Reihen der CDU war zu hören, Hass und Hetze verbreiten, das machten nur die Linken, nicht die AfD. Nach der ersten Kreistagssitzung landete ein Foto von Heidrich und seinem Demo-Schild auf Christina Baums Facebook-Timeline. Den Text hatte jemand geändert in "'Deutschland verrecke', weil ich gegen Hass bin. Keine AfD im Kreistag, weil ich demokratische Ergebnisse nur akzeptiere, wenn sie mir gefallen. Bitte findet mich toll." Also stand Heidrich zum nächsten Termin mit zwei Schildern da – dem Original und dem manipulierten. Auch Morddrohungen hat er erhalten: "Wir kriegen dich auch noch, nur eine Frage der Zeit", schrieb ihm wer und legte einen Artikel über seine Mini-Demo bei.

Der Hausmeister schenkte ihm einen Stollen

Abschrecken ließ Heidrich sich nicht. Insgesamt 31 Kreistagssitzungen hat er mit seiner Ein-Mann-Demo begleitet. Christina Baum ließ das Gremium hinter sich und pöbelt nun im Bundestag, ein AfDler wurde krank und es rückte keiner mehr nach, 2022 verlor die AfD im Kreistag Main-Tauber ihren Fraktionsstatus. Und Heidrich? Wurde zum Inventar. "Ich hab immer mehr dazugehört", erzählt er. Aus Small Talk wurden persönliche Gespräche, aus Skepsis Gewohnheit, einmal brachte ihm einer von den Freien Wählern Kekse mit und der Hausmeister schenkte ihm einen kleinen Stollen zur Weihnachtszeit. Heidrich und der Kreistag waren irgendwie eine Einheit geworden.

Kurz vor der Kommunalwahl 2024 schrieb er eine Mail an die Redaktion: Ob er weitermache, wisse er noch nicht. "Ich hoffe immer noch sehr, dass die Leute gescheit wählen und mein Engagement an dieser Stelle nicht mehr nötig sein wird." Das war wohl Wunschdenken. Im Kreistag des Main-Tauber-Kreises werden in Zukunft fünf AfD-Räte sitzen, zwei mehr als nach der Wahl 2019. "Bei uns im Westen geht’s ja noch", sagt Heidrich, "aber schauen Sie sich mal die Wahlergebnisse im Osten an, wie soll man denn damit umgehen?"

Ob der Mann wirklich aufhören will zu demonstrieren? Alfred Bauch sitzt für die SPD im Kreistag. "Chapeau", sagt er auf Nachfrage, wie er denn Heidrichs Engagement der vergangenen Jahre fände. "Sehr mutig." Es wäre schade, meint der Sozialdemokrat, wenn Heidrich aufhören würde. "Gerade weil wir jetzt noch mehr AfDler im Kreistag sitzen haben." Heidrich selbst würde sich wünschen, dass es in Zukunft viel mehr Ein-Mann- oder Ein-Frau-Demos gibt. "Auf jeden Fall überall da, wo die AfD in Gemeinderäte gewählt wurde." Er selbst denke jetzt doch noch mal nach über seine Mini-Demo, verspricht er.

Wir brauchen Sie!

Kontext steht seit 2011 für kritischen und vor allem unabhängigen Journalismus – damit sind wir eines der ältesten werbefreien und gemeinnützigen Non-Profit-Medien in Deutschland. Unsere Redaktion lebt maßgeblich von Spenden und freiwilliger finanzieller Unterstützung unserer Community. Wir wollen keine Paywall oder sonst ein Modell der bezahlten Mitgliedschaft, stattdessen gibt es jeden Mittwoch eine neue Ausgabe unserer Zeitung frei im Netz zu lesen. Weil wir unabhängigen Journalismus für ein wichtiges demokratisches Gut halten, das allen Menschen gleichermaßen zugänglich sein sollte – auch denen, die nur wenig Geld zur Verfügung haben. Eine solidarische Finanzierung unserer Arbeit ermöglichen derzeit 2.500 Spender:innen, die uns regelmäßig unterstützen. Wir laden Sie herzlich ein, dazuzugehören! Schon mit 10 Euro im Monat sind Sie dabei. Gerne können Sie auch einmalig spenden.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!